Der Mut zum Sein: Der Mensch und seine Identität

Menschen sind denkende Wesen. In der Philosophie geht es um eine denkerische Distanz zur Realität und zur Praxis. Erst denken, dann handeln. Die Beitragsserie setzt sich mit Selbstreflexion, Kulturkritik und Bildung auseinander und mit der von Theodor W. Adorno geforderten Erziehung zur Mündigkeit.

Es ist schon eine Weile her, nämlich 20 Jahre, da besuchte ich als Student ein Seminar der Religionswissenschaft zu Sigmund Freuds kulturkritischer Schrift „Das Unbehagen in der Kultur“. Das Thema ist bis heute aktuell.

Nun herrscht bei den Vorstellungen, was dieses Fach be- und verhandelt, das gängige Missverständnis, es müsse doch um die verschiedenen Erscheinungsformen von Religion gehen, also um eine Art Religionsphänomenologie. Dies war seinerzeit nicht der Fall: Vielmehr wurde Religionsphilosophie, Kulturkritik und Psychoanalyse gelehrt und gelernt, und eben diese Ausrichtung führte zu der Abhaltung des besagten Seminars, zu dem ich die Hausarbeit „Identität, Sucht und Sog, Balance“ verfasste.

Um der Leserschaft näherzubringen, warum „Der Mut zum Sein“ für jeden von Bedeutung ist, lohnt sich ein mittelgroßes Brainstorming über den Menschen und seine Identität.

Da zu dem Begriff zahlreiche Fachliteratur psychologischer sowie soziologischer Provenienz (Herkunft) existiert, möchte ich die mir plausibelsten Theorien kurz erörtern.

Da ist zunächst Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, zu nennen, der mit seiner Dreiteilung in Es, Ich und Über-Ich den Versuch unternahm, den Menschen zu beschreiben. Sicherlich – dieser Einwand ist durchaus berechtigt –  besteht darin noch keine Identitätstheorie; auch hat Freud selbst den Begriff einer „Identität“ selber nie verwendet. Auch hat er mit seinem Drei-Instanzen-Modell gängige Vorstellungen von einer Identität eher ins Wanken gebracht als gestützt, aber das scheint ob eines Erkenntnisgewinns eben unerlässlich …

„Der Mut zum Sein“ lautet der Titel einer Schrift von Paul Tillich, einem evangelischen Theologen und Religionsphilosophen, der 1933 – nach Veröffentlichung seiner antinationalsozialistischen Schrift „Die sozialistische Entscheidung“ – in die USA emigrierte.

Beeindruckend einfach, und daher leichter handhabbar erscheint seine Zweiteilung: Hier ist von dem Mut, man selbst zu sein (Mut und Individuation) und dem Mut, Teil eines Ganzen (Mut und Partizipation) die Rede. Zu beachten ist, dass ein Überwiegen einer der beiden Arten von Mut zum Sein zerstörerisch wirkt: Wer zu eigenbrötlerisch und individuell daher kommt, kann schon einmal die soziale Gruppe sprengen, und wer sich dieser über die Maßen anpasst, läuft Gefahr, sein Selbst und seine Individualität zu zerstören und zu verlieren. Es gilt, die beiden Arten des Mutes zum Sein in einen Ausgleich zu bringen, zu balancieren, sodass weder die soziale Gruppe noch das Individuum das Nachsehen haben oder zerstört werden.

Eine ähnliche Zweiteilung nimmt der Sozialpsychologe G.H. Mead in seinem Werk „Geist, Identität und Gesellschaft“ vor, wenn er vom „I“ und „me“ spricht. Mit dem „I“ ist der individuelle Anteil, mit dem „me“ der soziale Anteil der Identität eines Menschen gemeint. Dabei kulminieren die verschiedenen „me‘s“ im „self“, will sagen, die Summe aller Zugehörigkeiten zu verschiedenen sozialen Gruppen wie etwa Familie, Schulklasse, regionale Gruppen, Glaubensgemeinschaften (religiöse Gruppen), soziale Schichten (Unterschicht/Arbeiterklasse, bildungsspezifische Schichten, Enklaven, Subkulturen) vereinen sich im „self“.

Bemerkenswert erscheint bei Mead der Gedanke eines Ausgleichs, einer Balance beider Anteile der Identität in Teil III Identität; 26. Die Verwirklichung der Identität in der gesellschaftlichen Situation und Teil IV Gesellschaft; 35. Die Verschmelzung von „I“ und „me“ in der gesellschaftlichen Aktivität.

Während Hermann Hesse, der zartbesaitete, zu Hyperindividualismus neigende Schriftsteller, in seiner Erzählung „Demian“ recht düstere Aussichten propagiert („Kein Mensch ist jemals ganz und gar er selbst gewesen; […]“), stellt Mead immerhin die Möglichkeit einer Synthese der scheinbar widerstreitenden Anteile einer Identität vor – dies als Randbemerkung.

Im zweiten Teil der Serie „Der Mut zum Sein“, die auf den vorgestellten Theorien aufbaut, wird es um Sucht, Sog, Selbsttäuschung und -enttäuschung gehen.


Christian FerchÜber den Autor: Dr. Christian Ferch studierte Linguistik, Philosophie und Religionswissenschaft mit den Schwerpunkten Semantik, Kommunikationstheorie und Religionskritik. Er war Chefredakteur der Studentenzeitung „Die Spitze“ und schrieb seine Dissertation unter dem Titel „Elemente einer allgemeinen Kommunikationstheorie“ an der Freien Universität Berlin.


Weiterführende Informationen und Literaturhinweise

Ferch, Christian: Elemente einer allgemeinen Kommunikationstheorie. Darin: Kap. 3. Kommunikation und Identität; S. 160-195. Books on Demand, Norderstedt, 2015.

Freud, Sigmund: Das Ich und das Es. Metapsychologische Schriften. Fischer Taschenbuch Verlag GmbH Frankfurt am Main, 1992.

Krappmann, Lothar: Soziologische Dimensionen der Identität. Klett-Cotta, Stuttgart: 1961.

Mead, George Herbert: Geist, Identität und Gesellschaft. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1968.

Tillich, Paul: Der Mut zum Sein. Berlin; New York: Verlag De Gruyter 1991.

Weilmeier, Christian: Philosophische Gedanken über das Spannungsverhältnis von Individuum und Gesellschaft. Neue Debatte, 21. Juni 2017.


Foto: Étienne Beauregard-Riverin (Unsplash.com)


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  1. Gerhard Kugler 27. Mai 2018 um 7:43

    G.H.Mead hat wie kaum ein anderer Sozialwissenschaftler meine Sicht der Welt geprägt. Weitergeführt durch die Theaorie hinter ACT ist der Mensch für mich ein Punkt im Geschehen, der auch andere Punkte in sich aufnehmen kann, einschließlich vermuteter künftiger. Allerdings verkommt das ohne Prüfung. Ich muss mich immer wieder mit anderen auseinandersetzen, sonst taugen meine Standpunkte bald nichts mehr. Meine Identität bleibt also nur reich, wenn ich laufend die Auseinandersetzung mit anderen suche oder die Gelegenheiten ergreife. Echte Auseinandersetzungen. In denen ich den anderen Standpunkt einnehme. Meinen wirklich in Frage stelle. Mich berühren lasse bis zur Verunsicherung, bis zum inneren Durcheinander. Und mich dann wieder ordne, in Ordnung bringe. Bereichert durchs Erlebte.
    Das wird durch die heute gezüchtete innere Isolierung, Individualisierung höchstens noch scheinbar unterstützt.
    G.K.

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  2. Dr. Christian Ferch 28. Mai 2018 um 20:43

    Hallo, Herr Kugler,

    dank vorab für Ihren Kommentar. –
    Zum Thema Identität habe ich in Kapitel 3 meiner Dissertation, »Kommunikation un Identität«, ausführliche Überlegungen angestellt, Sie kulminieren in Martin Bubers »Das Ich werde am Du« sowie »Das Ich braucht das Gegenüber, auf das es sich stützen, und: gegen das es sich wenden kann« des Religionsphilosophen Klaus Heinrich.
    Insofern scheinen wir da – ein weiteres Mal – der gleichen Auffassung.

    Herzliche Grüße aus Berlin,

    Christian Ferch

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