Yuriko Yushimata – Ein klassischer Fall von Schizophrenie

Sie hören Stimmen? „Ja, mein Vater spricht zu mir.“ Ihr Vater? Sie sprachen von Gott. „Ja, mein Vater.“ Und Sie sind … ?

Der Psychoanalytiker bat den jungen Mann ohne Überraschung herein. Der Raum, in dem er Patientinnen und Patienten empfing, war freundlich aber auch professionell eingerichtet. Einige Blumen und einige wenige persönliche Details gaben dem Raum eine warme Note. Die schwarze Ledercouch und der Schreibtisch, hinter dem der Analytiker in der Regel seine Fragen stellte, sorgten gleichzeitig für die nötige Distanz.

Der junge Mann trug ein schlichtes weites weißes Gewand und hatte lange wallende Haare. Seine Augen schienen von innen zu leuchten. Er umfasste die dargebotene Hand des Analytikers mit seinen beiden Händen, als würde er beten, und blickte ihm freundlich strahlend in die Augen. Der Analytiker blieb distanziert, nickte höflich, und wies auf die Couch. „Nehmen Sie bitte Platz.“

Der junge Mann legte sich auf die Couch, er sah über sich nur die Decke. Der Analytiker setzte sich hinter den Schreibtisch und betrachtete den jungen Mann. Auf einem Zettel notierte er ‚übertriebene Freundlichkeit‘. „Was kann ich für Sie tun?“

Er ließ seinen Patienten erst einmal erzählen, fragte nur bei Stockungen nach, um den Fluss der Erzählung wieder in Gang zu bringen. Auf dem Zettel standen nun viele kurze Notizen. Der Psychoanalytiker sah kurzzeitig etwas gelangweilt aus dem Fenster.
Es war ein typischer Fall.

Nachdem der Patient seine Erzählung beendet hatte, ließ der Analytiker einen kurzen Zeitraum mit Schweigen verstreichen. Dann sprach er den Patienten direkt an. „Für die weitere Therapie ist es wichtig, dass ich weiß, dass ich Sie richtig verstanden habe. Deshalb möchte ich noch einmal einige Punkte wiederholen.
Sie hören Stimmen?“
„Ja, mein Vater spricht zu mir.“
„Ihr Vater? Sie sprachen von Gott.“
„Ja, mein Vater.“

Der Psychoanalytiker notierte ‚Probleme bei der Internalisierung des Über-Ich bzw. externe Position von Groß A (bei Lacan nachschlagen)‘.
„Und Sie sind Teil von Dreien, die Eins sind? Und ein Teil dieser Drei, die Eins sind, ist Ihr Vater?“
Der junge Mann nickte. Ein Murmeln scholl durch den Raum. „Gott Vater Sohn und Heiliger Geist.“

Der Psychoanalytiker ließ sich nicht irritieren. „Sind sie der Sohn oder der Vater?“
„Ich bin der Sohn und wir sind eins mit dem Heiligen Geist.“ Klar und deutlich hallte die Stimme des jungen Mannes im Raum wieder. Der Analytiker unterstrich ‚ausgeprägte Persönlichkeitsspaltung‘.

„Und, ich drücke das mal so aus, als Heiliger Geist haben Sie sich selbst gezeugt?“
„Wir sind eins. Aber ich bin nicht er, ich bin der Sohn.“

Der Analytiker unterstrich ein zweites mal ‚ausgeprägte Persönlichkeitsspaltung‘. „Und dieser Heilige Geist hat mit ihrer Mutter geschlafen und sie gezeugt?“
„Meine Mutter Maria ist rein und eine Jungfrau.“ Nun klang die Stimme des jungen Mannes ärgerlich.

Der Psychoanalytiker nickte. „So, er hat sie also nicht penetriert.“ Auf dem Zettel notierte er ‚Kastrationsangst, fürchtet auf Grund des verbotenen Wunsches, der Penetration der Mutter, kastriert zu werden und leugnet deshalb den Penetrationswunsch. Nicht verarbeiteter Ödipuskomplex führt zur Persönlichkeitsspaltung und zur Flucht in Scheinwelten.‘

„Und ihre Mutter Maria wurde auch nicht gezeugt?“
Der junge Mann sah zu ihm hinüber. „Wie kommen Sie darauf?“
„Sie sprachen von unbefleckter Empfängnis.“
„Maria wurde ohne Sünde geboren, das hatte aber nichts mit ihren Eltern zu tun. Mein Vater hat ihr die Gnade zu teil werden lassen.“ Der Patient war jetzt erregt.

„Ihr Vater hat Ihrer Mutter bei der Geburt Ihrer Mutter, seine Gnade zu teil werden lassen.“ Der Psychoanalytiker nickte, auf dem Zettel notierte er ‚Angst vor unkontrollierter weiblicher Sexualität und der weiblichen phallischen Potenz, Patient rettet sich durch Flucht in väterliche Allmachtsphantasien‘.

Einen kurzen Moment ging der Psychoanalytiker seine Notizen durch.

Dann betrachtete er seinen Patienten, der nun wieder glückstrahlend auf der Couch lag. „Wieso sind Sie eigentlich hier?“
„Die Arbeitsagentur hat mir ein Ultimatum gesetzt.“
„Wieso?“
„Es gab Probleme.“ Der junge Mann reichte dem Psychoanalytiker ein Schreiben des Amtes.

Der Analytiker überflog es kurz. „Sie hatten eine ABM-Stelle in der Vikarius-Gemeinde der evangelischen Kirche und haben dort beim Weihnachtsbasar in der Kirche die Marktstände verwüstet.
Warum?“
„Sie haben das Haus meines Vaters entweiht.“
„Ach so.“ Der Psychoanalytiker notierte, ‚unkontrollierte Aggressivität nicht auszuschließen‘. Er ging zur Couch und reichte dem jungen Mann die Hand. „Ich denke, das klären wir beim nächsten Termin.“

Er begleitete den jungen Mann zur Tür und sah ihn im Treppenhaus verschwinden. Aus den Augenwinkeln sah der Psychoanalytiker einen Dackel ins Zimmer laufen.
Immer dasselbe, dachte er.

Als er sich umdrehte stand ein schwarzhaariger kleiner Mann mit einem verwachsenen Bein vor ihm.
Der Analytiker seufzte.

Leicht gelangweilt wendete er sich dem Mann zu. „Und Sie heißen?“
„Mephisto“, antwortete der Dunkelhaarige.
„Das habe ich mir gedacht.“ Der Psychoanalytiker wies ihn zur Couch. „Und, was kann ich für Sie tun?“

Der kleine Mann lächelte. „Die Frage ist wohl eher, was kann ich für sie tun?“

Der Psychoanalytiker musste ein Gähnen unterdrücken, leicht resigniert zuckte er die Schultern. „Ich weiß schon. Sie wollen mir eine junge attraktive unschuldige Frau zur Ausübung des Sexualverkehrs zuführen. Und ansonsten erregen Sie Feuerzangen, Peitschen und andere Hilfsmittel am meisten.
Sie sammeln so etwas, richtig?“

Der schwarzhaarige Mann nickte etwas verwirrt. Der Analytiker notierte, ‚SM-Fetischist mit Fehlentwicklung im analen Entwicklungsstadium‘. Dann ließ er den Mann erzählen und sah aus dem Fenster.

Manchmal langweilte ihn sein Beruf. Immer wiederholte sich alles.

Aber wenigstens war es heute ein Dackel gewesen und kein Pudel.

FIN


Yuriko Yushimata wurde als Distanzsetzung zur Realität entworfen. Es handelt sich um eine fiktionale und bewusst entfremdete Autorinnenposition, die über die Realität schreibt. Die SoFies (Social Fiction) dieses Bandes zeigen in der Zuspitzung zukünftiger fiktiver sozialer Welten die Fragwürdigkeiten der Religionen und Ersatzreligionen unserer Zeit. Teilweise sind die Texte aber auch einfach NUR witzig. Sie erschien im Oktober 2014 unter dem Titel „Religion Version 2.100“ und befindet sich im Archiv der HerausgeberInnengemeinschaft Paula & Karla Irrliche. Spiegelung & Verbreitung der Texte sind ausdrücklich gewünscht!


Foto: Ben Konfrst (Unsplash.com)

  1. Wenn man es recht bedenkt, eigetlich eher traurig als lustig. Eine kleine Tragikkomödie.

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  2. Gerhard Kugler 30. Mai 2018 um 7:16

    Von der religiösen Seite der Geschichte will ich mal absehen. Ich betrachte mal nur ihre „Psychotherapie“-Seite. Sicher eine Karikatur. Abfertigung schleicht sich wohl mit der Zeit in jeden Beruf. Das Gebäude der Psychoanalyse verführt m. E. noch mehr dazu als andere Ansätze dieser Disziplin.
    Psychotherapie – und auch schon Diagnostik – sollte Kooperation sein. (Übrigens auch Medizin.) In der Kurzgeschichte fehlt jede Spur davon. In der Kooperation steht niemand grundsätzlich über dem anderen. Trotz des Wissensvorsprungs des Fachmanns. Der Patient hat den Vorsprung der Kenntnisse seines Lebensablaufs. So können sie sich bestenfalls ergänzen.
    Kooperation ist viel spannender als Abfertigung. Das Gelangweiltsein des Analytikers zeigt es auch hier, was passiert, wenn Kooperation fehlt.
    G.K.

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  3. Hat dies auf fibeamter rebloggt und kommentierte:
    Hier zeigt sich ein häufiger Fehler. Bibeltexte sind unter einem anderen Weltbild als das heutige entstanden. Deshalb ist hierbei Sach-und Bildhälfte zu trennen. Die Aussageabsicht wäre in die heutige Zeit zu übersetzen.

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