Frankreich: „Wir haben keine Wahl, jetzt muss man das Land blockieren.“

Die französischen Bahner sind weiterhin im Streik. Sie wollen die Privatisierungspläne der Regierung kippen.

Die Beschäftigten der französischen Staatsbahn Société nationale des chemins de fer français (SNCF; dt.: deutsch Nationale Gesellschaft der französischen Eisenbahnen) wehren sich gegen die Privatisierungspläne der Regierung von Staatspräsident Emmanuel Macron.

Die Bahngesellschaft ist tief verschuldet. Von 50 Milliarden Euro ist die Rede. Die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft und die schrittweise Öffnung für den Wettbewerb bis 2020 soll der Ausweg sein. Der französisiche Staat will von den Schulden 35 Milliarden übernehmen. [1] Die Infrastruktur will man um 9000 Kilometer verkürzen. Der aktuell geltende Beamtenstatus soll nur noch für die bereits bei der SNCF beschäftigten Bahnerinnen und Bahner gelten.

Das gibt dem Streik eine besondere Note. Kritiker warfen den Streikenden vor, es würde ihnen vor allem um die Sicherung des Besitzstands für die rund 150.000 SNCF-Mitarbeiter gehen. Doch dieser ist im Grundsatz gar nicht gefährdet. Es geht um die Zukunft. Denn die mit der Privatisierung verbundene Streichung von Previlegien für neu eingestellte Mitarbeiter wie zum Beispiel die Gratisbeförderung auch für Familienangehörige oder der praktisch unkündbare Arbeitsplatz ist eine Rückabwicklung der über Jahrzehnte und in unzähligen Arbeitskämpften durchgesetzen Verbesserungen.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Hessen (GEW), die zur Solidarität mit den streikenden SNCF-Bahnern aufruft, schreibt:

„Der Streik ist also der Kampf einer sozial abgesicherten Belegschaft für die Rechte der jungen Generation. Diese Haltung ist bemerkenswert und verdient den höchsten Respekt!“

Bisher haben die Beschäftigen der SNCF nur an zwei aufeinander folgenden Tagen in der Woche gestreikt. An den anderen Tagen wurden normal gearbeitet. Jetzt sollen die Streiks ausgeweitet werden.

Inter Gare

Seit kurzem haben die französischen Bahnerinnen und Bahner damit begonnen, sich auch über die Gewerkschaftstrukturen hinaus zu organisieren. Bei sogenannten „Inter Gare“-Treffen tauschen sie sich aus und beraten, wie sie ihren Arbeitskmapf fortsetzen können. Auch in Paris.

In dem Videobeitrag (mit deutschen Untertiteln auf Labournet.tv verfügbar), der am 14. Mai 2018 entstand, dreht sich alles um die Basisorganisierung beim Eisenbahnerstreik. Gewerkschaftsmitglieder kommen zu Wort, aber auch Streikende, die nicht gewerkschaftlich organisiert sind. Sie berichten über die Mobilisierung der Streikenden und erklären die neuen Strukturen:

„Das Ziel dieser Treffen ist einfach die Aktionen im Großraum Paris zu koordinieren und einen Erfahrungsaustausch zu ermöglichen. Warum wir die ‚Inter Gare‘- Treffen gestartet haben? Weil wir merkten, es gibt in vielen Versammlungen Demokratiedefizite: Viele Leute kamen nicht zu Wort, obwohl sie als Streikende das Recht dazu haben. Das haben wir bei uns diskutiert und dann hat sich gezeigt, dass das wirklich Sinn macht, denn die Versammlungen werden größer. Das zeigt, dass die Streikenden was wollen und Antworten suchen, wie man mit den kollektiven ‚Zwängen‘ der Gewerkschaften umgeht, die eine sozusagen eher unbestimmte Strategie verfolgen. Die Bahner streiken, sie verlieren Geld und sie wollen aus diesen Tagen, an denen sie kein Geld verdienen, etwas machen. Ihr Ziel ist es, die Reform zu kippen. Die bahnhofsübergreifende Selbstorganisation der ‚Inter Gare‘ ist eine echte Antwort für die Basis: ‚Okay, ich streike. Und was nun?‘, ‚Wie wollen wir diese Reform kippen?‘ Das sind Bahner aus Paris, die Perspektiven aufzeigen wollen. Es gab schon drei solche Treffen. Jeden Tag, in jedem Bahnhof sind immer mehr Leute dabei.“

Das letzte „Inter Gare“-Treffen fand am 26. Mai statt: die Bahner und Bahnerinnen haben vorgeschlagen, ab dem 4. Juni eine ganze Woche lang Streiks und Demos durchzuführen. Nach der Aktion „Tag ohne Bahner_innen“ am 14. Mai 2018 soll diese Woche im Juni zu einer „Woche ohne Arbeiter_innen“ werden.


Hinweis: In Frankreich gibt es kein Streikgeld. Die Streikenden sind deshalb auf die Solidarität anderer Menschen angewiesen. In Deutschland haben die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG und die GEW Hessen (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft) zu Spenden aufgerufen. In Frankreich sammelt eine Initiative (Solidarité avec les cheminots grévistes) auf der Plattform Leetchi Geld für den Streik.


Informationen zum Video

„WIR HABEN KEINE WAHL, JETZT MUSS MAN DAS LAND BLOCKIEREN.“

Frankreich: 2018
Länge: 15 Minuten
Realisierung:  Révolution Permanente

Das Video ist Teil des Filmarchivs von Labournet.tv, einem Projekt von Content – Verein zur Förderung alternativer Medien e.V.


[1] Meldung der Nachrichtenagentur Agence France Presse (AFP): Frankreich will 35 Milliarden Euro Bahn-Schulden übernehmen. Auf: https://www.afp.com/de/nachrichten/2521/frankreich-will-35-milliarden-euro-bahn-schulden-uebernehmen-doc-15c0nx3 [abgerufen am 31.05.2018]


Titelbild: Screenshot/Révolution Permanente/Labournet.tv


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