Die Logik imperialer Kriege

Wie lassen sich die amerikanischen Kriege der letzten Jahrzehnte rational erklären?

Die folgende Analyse zeigt anhand des Modells der Professoren David Sylvan und Stephen Majeski, dass diese Kriege auf einer eigenen, genuin imperialen Handlungslogik basieren. Eine besondere Rolle kommt dabei dem traditionellen Mediensystem zu.

Logik imperialer Kriege. (Grafik: Swiss Propaganda Research, swprs.org)

Logik imperialer Kriege. (Grafik: Swiss Propaganda Research, swprs.org)

Aufgrund ihrer ökonomischen und militärischen Vormachtstellung nehmen die USA seit dem Zweiten Weltkrieg und insbesondere seit 1990 die Rolle eines modernen Imperiums ein. Hieraus ergibt sich für ihre Außenpolitik eine eigene, genuin imperiale Handlungslogik (siehe obige Abbildung).

Die zentrale Unterscheidung (Nr. 1) aus Sicht eines Imperiums ist dabei jene in Klientel- und Nicht-Klientelstaaten. Der Begriff des Klientelstaates stammt aus der Zeit des Römischen Reiches und bezeichnet Staaten, die sich grundsätzlich selbst verwalten, ihre Außen- und Sicherheitspolitik aber am Imperium ausrichten und ihre Regierungsnachfolge mit diesem abstimmen.

Bei bestehenden Klientelstaaten (linke Seite des Diagramms) geht es aus imperialer Sicht entweder um die Routine-Verwaltung (B – bspw. Schweiz und Österreich), eine militärische oder nicht-militärische (z.B. ökonomische) Unterstützung (D bis I – bspw. Kolumbien und Pakistan), oder aber um den Versuch, inakzeptable Klientelregierungen demokratisch oder militärisch zu ersetzen (A – bspw. Griechenland 1967, Chile 1973, ev. auch Deutschland 2005 und Türkei 2016). In gewissen Fällen kann sich eine Klientelregierung trotz imperialer Unterstützung nicht mehr an der Macht halten und muss fallen­gelassen bzw. der Klientelstaat aufgegeben werden (C, F, G – bspw. Südvietnam 1975 oder Iran 1979).

Bei Nicht-Klientelstaaten (rechte Seite des Diagramms) ergibt sich eine andere Ausgangslage. Gerät eine Region neu in den Einflussbereich des Imperiums, so wird es zunächst versuchen, die entsprechenden Staaten auf friedliche Weise als Klientelstaaten zu erwerben (J). Dies war beispielsweise der Fall in Osteuropa und dem Baltikum nach 1990.

Die Ost-Erweiterung der NATO. (Grafik: Julia Ro, cfr.org/swprs.org)

Die Ost-Erweiterung der NATO (CFR/Nato)

Weigert sich ein Staat hingegen, Klientelstaat zu werden, so gerät er früher oder später zum Feindstaat, da er den Hegemonialanspruch des Imperiums allein durch seine Unabhängigkeit und Eigenständigkeit infrage stellt und damit die innere und äußere Stabilität des Imperiums bedroht. Denn ein Imperium, das seinen Hegemonialanspruch nicht mehr durchsetzen kann, zerfällt. Auf diese Weise geraten die meisten Imperien in einen beinahe unvermeidlichen Expansionszwang, dem sich selbst grundsätzlich friedliche Staaten nicht entziehen können.

Bei Feindstaaten muss das Imperium zunächst entscheiden, ob eine militärische Aktionerfolgsversprechend ist oder nicht (Nr. 11). Falls nicht, wird das Imperium möglicherweise Verhandlungen aufnehmen und je nach Erfolgsaussicht entweder den Feindstatus beenden (K) oder aber Sanktionen verhängen bzw. einen (zivilen) Regimewechsel anstreben (L).

Typische Beispiele hierfür sind derzeit etwa der Iran, Nordkorea, Russland und zunehmend China. Nicht zufällig sind dies meist Staaten, die Nuklearwaffen besitzen oder anstreben, denn nur damit lässt sich die entscheidende Weiche Nr. 11 nachhaltig von militärischen auf nicht-militärische Szenarien umlegen. Wichtig ist zudem die Verfügbarkeit von essentiellen Rohstoffen wie Öl und Gas, da sich ansonsten die eigene Unabhängigkeit längerfristig nicht aufrecht erhalten lässt.

Beurteilt das Imperium eine militärische Aktion hingegen als erfolgsversprechend, so stellt sich als nächstes die Frage, ob der Feindstaat bzw. seine Regierung internationale Legitimität besitzt oder nicht (Nr. 13). Im ersten Fall wird das Imperium eine verdeckte feindliche Intervention vorbereiten, im zweiten Fall ist eine offene feindliche Intervention möglich. Dabei kann die autokratische Regierungsform vieler Feindstaaten genutzt werden, um ihnen die internationale Legitimität abzusprechen.

Libyen und Syrien/Libanon waren die letzten Mittelmeerländer, die nicht Mitglied der NATO-Mittelmeer-Partnerschaft (rot) waren und stattdessen eine eigene Regionalpolitik verfolgen wollten. (Grafik: Nato, via swprs.org)

Libyen und Syrien/Libanon waren die letzten Mittelmeerländer, die nicht Mitglied der NATO-Mittelmeer-Partnerschaft (rot) waren und stattdessen eine eigene Regionalpolitik verfolgen wollten. (Grafik: Nato)

Zu den verdeckten feindlichen Interventionen zählen insbesondere der Staatsstreich (M – z.B. Iran 1953, Ägypten 1956) sowie die verdeckte Unterstützung von Rebellen (N – z.B. Afghanistan 1979ff) oder Exilgruppen (O – z.B. Kuba 1961ff). Es sind dies klassische Geheimdienstoperationen.

Bei den offenen feindlichen Interventionen wird zunächst geprüft, ob sich der Feindstaat bereits in einem Konflikt befindet, ob lokale Aufständische vorhanden sind, und ob eigene Bodentruppen erforderlich sind. Je nach Szenario kommt es in der Folge zu asymmetrischen (Luft-)Angriffen (Q – z.B. Serbien 1999), zu einer Unterstützung von Rebellen (R – z.B. Syrien 2011ff), zu einer gezielten Invasion (S – z.B. Irak 2003), oder zu einem umfassenden Krieg (P – z.B. Deutschland 1941-45, Korea 1950-51).

Die imperiale Handlungslogik ist grundsätzlich unabhängig von der jeweils amtierenden US-Regierung. Verschiedene Regierungen können jedoch zu unterschiedlichen Einschätzungen gelangen bezüglich der Erfolgsaussicht militärischer Aktionen (Nr. 11) und diplomatischer Verhandlungen (Nr. 12), der Vorteile offener versus verdeckter Operationen (Nr. 13), der Akzeptanz und Bedeutung bestehender Klientelregierungen (Nr. 2), sowie der politischen Unterstützung für militärische Eingriffe (Szenario E).

Aus der dargestellten Logik ergeben sich zugleich die wichtigsten geopolitischen Funktionen imperial orientierter Medien: Es sind dies insbesondere das Delegitimieren von Feindstaaten bzw. deren Regierungen (Nr. 13), das Unterstützen offener und das Ausblenden verdeckter feindlicher Operationen (Nr. 14 bis 18), das Rechtfertigen von Sanktionen und Regimewechseln (Szenario L), sowie die Mithilfe bei der imperialen Führung bzw. Absetzung von Klientelregierungen (Szenario A).

Durch das umfangreiche Medienangebot im Internet wird die einheitliche mediale Darstellung solcher Interventionen indes zunehmend erschwert. Es ist dies eine neue Entwicklung, deren Auswirkungen auf die imperiale Politik noch nicht absehbar sind.

US-General Wesley Clark: »Sieben Länder in fünf Jahren« (2007). Clark war NATO-Oberbefehlshaber zur Zeit des Kosovo-Krieges.


Literatur

Sylvan, David & Majeski, Stephen (2009): U.S. Foreign Policy in Perspective: Clients, Enemies and Empire. Routledge, London.

Blum, William (2014): US Military and CIA Interventions Since World War II – Updated Edition. ZED Books, London.

Brzezinski, Zbigniew (1998): The Grand Chessboard: American Primacy And Its Geostrategic Imperatives. Basic Books, New York.

Haass, Richard (2017): A World in Disarray: American Foreign Policy and the Crisis of the Old Order. Penguin Press, London.

Kagan, Robert (1998): The Benevolent Empire. Foreign Policy Magazine.

Kissinger, Henry (2015): World Order. Penguin Books, London.


Redaktioneller Hinweis: Der Beitrag „Die Logik imperialer Kriege“ erschien erstmals auf Swiss Propaganda Research (swprs.org) und wurde von unserem Kooperationspartner Pressenza übernommen. Wir danken Swiss Propaganda Research für die Zustimmung der Übernahme des Beitrags auf Neue Debatte. Alle Links wurden am 01. Juni 2018 abgerufen.


Titelbild: Elijah O’Donell (Unsplash.com)

Grafiken: Swiss Propaganda Research (swprs.org), North Atlantic Treaty Organization (Nato), Council on Foreign Relations (cfr.org).

Video: Swiss Propaganda Research.

  1. Rolf Jehring 2. Juni 2018 um 10:16

    Gerade habe ich diese unglaublich präzise und sachliche Darstellung mit „gefällt mir“ markiert und bin darüber erschrocken. Die eisige Kälte, die aus der Analyse zu Tage tritt ist so unglaublich und doch klar.
    Was sind das für „Menschen“, die hinter solchen Strategien stehen?
    Je mehr mir dieser Sachverhalt klar wird, desto schwerer fällt es mir, über Widerstand nachzudenken. Ich selbst, sog. 68er, RAF Unterstützer, und seit vielen Jahren nur noch erschrocken, denke über Suizid nach.

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    1. Gerhard Kugler 3. Juni 2018 um 8:04

      Letzteres könnte nur konsequent sein, wenn man sich isoliert (hat), gehorsam gegenüber einem System, das die Zerstückelung der Gesellschaft fördert. Wenn wir uns an der Basis zusammentun, macht das Mut, weil es viel greifbarer ist als globale Analysen. Wir dürfen das Globale nicht außer Acht lassen, aber die Verbindungen an der Basis sprechen uns Menschen ganzheitlicher an.
      G.K.

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    2. Aber nicht doch, mit einem Suizid spielen Sie „denen“ doch nur den Ball zu und sie müssten sich nicht mehr selbst die Hände schmutzig machen.
      Es könnte Sie jedoch in den Wahnsinn treiben, über die Erkenntnis, dass die RAF gar nicht so revolutionär gewesen ist, weil vom BND gedeckt und instrumentalisiert. In diesem Zusammenhang spielte der wahre Terrorist Franz Josef Strauss (nach Adenauer – der sogar eigene Atomwaffen für die BRD haben wollte (Israelpakt)) eine perfide Rolle, in dem er u.a. mit Zahlungen(Schweigegeld) an die DDR nicht nur die RAF deckte, sondern auch die Fährten von sich und des BND ablenkte.

      Da keine fremden Links in den Kommentaren erlaubt sind, hier ein paar Stichworte, mit denen sie obiges verifizieren können:
      Dirk Pohlmann, Der duale Staat, KENFM, Gladio, Geheimarmeen, youtube, Telepolis, RAF und BND/Geheimdienste. Oder einfach tiefer in eine Suchmaschine Ihrer Wahl gucken…

      Ganz niedlich fand ich auch i.o. Artikel von imperialer Handlungslogik zu sprechen, denn in Wirklichkeit handelt es sich um eiskaltes, krankhaftes Taktieren, was sich nicht nur das Imperium auf die Fahnen geschrieben hat, sondern Mutti/EU sitzen mit im Boot. Gestapo und Stasi regieren immer noch mit!

      Aber nicht verzagen, es gibt noch Hoffnung, „das Imperium“ in den Suizid zu treiben, durch Aufklärung… ;-)

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  2. Wann erkennen die Menschen, dass wir uns alle so sehr einem Geldsystem unterordnen. Dabei sind es doch nur Zahlen und sonst nichts. Das gesamte Geld der Welt ist nicht in der Lage, auch nur ein Staubkorn zu bewegen.

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