Über die Arbeit

Nicht Arbeit bildet das Maß aller Dinge ab, sondern Mittellosigkeit.

Der Begriff Arbeit wird sehr unterschiedlich interpretiert. Regierungsseitig ist „Erwerbsarbeit“ der Vorgang, der mittels Erhebung der Lohnsteuer Geld in die Kasse des Finanzministers spült. Und weil bei der Regierung die Gier nach Geld noch nie nachgelassen hat, tönt es täglich vonseiten der Medien, dass die Regierung weiterhin bestrebt wäre, neue Arbeitsplätze zu schaffen. So muss also für die Regierung Arbeit das erstrebenswerte Ziel eines erfüllten Lebens sein.

Auf der anderen Seite scheint es, als ob die Regierenden in Deutschland der ganzen Welt zeigen möchten, wie eine moderne Wirtschaft geführt wird durch Arbeit. Gerade den EU-Mitgliedern, so sieht es zumindest aus, will die BRD außerdem demonstrieren, dass niemand in Schulden versinken muss. „Gutes Wirtschaften“ ist die Lösung und, so sagte es die Kanzlerin Angela Merkel in Richtung Italien, wie mehr junge Menschen Arbeit finden können, darüber könne man auch reden.

Dagegen gilt eine Hausfrau und Mutter, die den eigenen Haushalt versorgt und Kinder großzieht, regierungsseitig als arbeitslos. Jedoch durch Schaffung von mehr Kindergartenplätzen sollen diese Mütter wieder zu „richtiger Arbeit“ herangezogen werden. Was könnten die Mütter alles schaffen, wenn sie von der Kindererziehung befreit würden?! So lernen auch die Kinder von Anfang an, dass nicht Muße und familiäres Miteinander, sondern Arbeit der wichtigste Teil ihres Lebens sein wird.

Daneben gibt es noch eine Anzahl Arbeitsloser, zunächst die Rentner, denen man die Arbeitslosigkeit zugesteht. Dann sind da noch die sehr Vermögenden, die von den Zinsen leben können, aber nicht zu den Arbeitslosen gerechnet werden. Für diejenigen, die darüber hinaus noch ohne Arbeit sind, für die sucht man Arbeitsplätze als Geringverdiener oder in Teilzeit – und dann noch befristet.

Unter dieser Betrachtung ist es nicht Arbeit, die hier das Maß der Dinge abbildet, sondern Mittellosigkeit.

Leider wird diese Definition nie gewählt. Sind die Arbeitslosen nicht die heutigen Sklaven dieser Welt, die auch noch dafür herhalten müssen, der arbeitenden Bevölkerung zu zeigen, wie eng der Spielraum zwischen Arbeit und Arbeitslosigkeit, also der Mittellosigkeit ist?

Zugegeben: Nicht jeder Arbeitslose ist mittellos. Wer aber die „Arbeit los ist“, der ist auch schnell seine Mittel los.

Ist es möglich, dass sich Menschen in ein Schema haben pressen lassen, in dem nicht mehr der Mensch im Vordergrund steht, sondern das Streben nach mehr Umsatz und Profit als Lebensaufgabe gesehen wird? Oder soll die Sucht nach immer mehr Technik und neuerdings nach Digitalisierung der neue Sinn des Lebens sein?

Hinzu kommt noch das extreme Konkurrenzdenken: Jeder – und ganz besonders in der Bundesrepublik Deutschland – will im Umsatz der Beste sein.

Der Mensch als lebendes Wesen findet wenig Interesse bei allen Vorhaben der Regierung. Warum ist es den Verantwortlichen so wichtig, für die Märkte der USA und China Millionen von Autos zu bauen? Da werden Verträge geschlossen, um noch mehr Arbeit heranzuholen und andere Länder mit Waren zu beliefern, die objektiv gar nicht benötigt werden. In den USA kommen zum Beispiel auf 1000 Einwohner weit über 600 Pkws. In Deutschland sind es rund 550. Braucht es noch mehr Mobilität? [1]

Die zur Produktion eingesetzen Arbeitskräfte wären wohl besser eingesetzt, um soziale Aufgaben für die Bevölkerung zu erfüllen.

Zudem wird in der Produktion der Großteil der Bandarbeiter geistig nicht mehr wirklich gefordert. Die Automation reduziert die Arbeit auf wenige Handgriffe und schafft Monotonie. Es wäre nicht erstaunlich, sollten die Kinder dieser Arbeiter keine großen Anstrengungen beim Lernen unternehmen, zeigt doch die Arbeit der Erwachsenen, dass das Nachdenken nicht zwingend zu einer „denkenden Arbeit“ führt.

Die Förderung notwendiger Berufe wäre eine Option, um das Potenzial der jungen Menschen zu aktivieren. In Deutschland gibt es angeblich einen Mangel an Pflegern, medizinischem Personal und Lehrern: alles Berufe, die Berufung bedingen, aber keinen unmittelbaren Umsatz versprechen.

Hier zeigt sich, wie gedankenlos die Politik die Arbeitswelt lenkt und lenkte. Sie bekennt sich zur Einseitigkeit: Sie handelt zum Wohle des Profits. Später wird sich gewundert, wenn zum Beispiel in der medizinischen Pflege und Betreuung ein großer Mangel an Fachpersonal herrscht, weil eben dieses Fachpersonal durch die Unternehmen in der Vergangenheit abgebaut wurde, um besagte Profite zu erzielen. Das freigesetzte Fachpersonal hat sich auch nicht in Luft aufgelöst, sondern wanderte in andere Bereiche ab – immer auf der Suche nach „guter Arbeit“.

Welch einer Zukunft werden die Menschen entgegen sehen, wenn immer nur Geld bei den Verantwortlichen eine Rolle spielt?

Ein anderes Beispiel dieser Gedankenlosigkeit zeigt sich beim Straßen- und Schienenverkehr. Immer mehr Güter werden statt auf den Schienen per Lastwagen transportiert. Zeit ist Geld, heißt es, Aber Profitdenken ersetzt den Verstand. Die Straßen und Autobahnen verstopfen. Wie viel Arbeitskraft wird allein dadurch vergeudet, wenn wieder einmal ein großer Stau angesagt ist? Und wie viel Arbeitskraft ließe sich einsparen, würde das Transportwesen aus anderer Sicht unter die Lupe genommen.

Fachleute könnten sicher ermitteln, was sich langfristig an Arbeitskraft und Ressourcen einsparen ließe, zum Beispiel durch eine Trennung von Güter- und Personenverkehr oder die Anbindung produzierender Betriebe an das Schienennetz. Vielleicht wirkt diese Sicht naiv, weil sie das Profitdenken ausblendet und die Nützlichkeit in den Mittelpunkt stellt.

In Politik und Wirtschaft wird anders gedacht. Deshalb tritt (wahrscheinlich) so oder so das Gegenteil des Vernünftigen ein, und es werden noch mehr und noch größere Straßen gebaut – es geht schließlich um Umsatz, Profit und Geld.

Im Grunde zeigt sich, dass die Beziehung von Geldes und Arbeit für Fehlentwicklungen und -entscheidungen verantwortlich zu machen ist und daher dringend überdacht werden muss. Es fehlt ganz allgemein ein Überdenken des Umgangs miteinander und dem, was gut und notwendig ist. Hier würde sich jedes Mehr an Denkarbeit lohnen.


[1] Statistisches Bundeamt: Pkw-Dichte auf neuem Höchststand. www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressemitteilungen/zdw/2017/PD17_27_p002.html [abgerufen: 07.06.2018]


Claus Meyer ist ein Autor aus Deutschland. Er schrieb das Buch Über den Autor: Claus Meyer (Jahrgang 1930) befasst sich vor allem mit den Themen Gemeinwohl, Geldsystem, bedingungsloses Grundeinkommen und direkte Demokratie. 2017 verfasste er das Buch „Mensch bleiben: Warum machen Menschen sich ihr Leben so schwer“.


Fotos: Derek Thomson (Unsplash.com) und Claus Meyer (Privat)


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  1. Sehr geehrter Herr Meyer,

    ein schöner Artikel, der einmal mehr die Frage nach dem Arbeitsbegriff stellt. Ich selbst hatte einst – ein wenig jugendlich wütend und kämpferisch – den Artikel »Gute Arbeit? – Das stinkt zum Himmel!« verfasst. (Neue Debatte, 8. April 2017) Nun gilt es, Nun gilt es, in ruhigeren Gewässern nach den mannigfaltigen Arbeitbegriffen zu fischen. Bei Angelika Krebs (»Arbeit und Liebe«) finden sich acht (!) unterschiedliche Begriffe von Arbeit. Das lässt für Hoffnungen Raum, sachlich und differenziert den Arbeitsbegriff zu reflektieren.

    Gruß,

    Christian Ferch

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  2. klutim561812026 22. Juni 2018 um 15:29

    Sehr erfreulich zu lesen, dass ich mit meiner Gedankenwelt nicht alleine bin.
    Freundliche Grüße

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