Advocatus Diaboli

Ein Lehrstück zum Elend des Klassenkampfs in Deutschland: Zur Streikversammlung der Vivantes Service GmbH am 8. Mai 2018 in Berlin. Ein Kommentar von Christian Frings.

Der zehnminütige Video-Mitschnitt aus einer Streikversammlung von Streikenden bei der Vivantes Service GmbH, einer Tochterfirma des Berliner Krankenhausbetreibers Vivantes, bietet einen höchst aufschlussreichen Einblick in das Innenleben von Arbeiterklasse und gewerkschaftlichen Kämpfen, das bei den jetzt überall in der Linken geführten Diskussionen um „neue Klassenpolitik“ und den verlorengegangenen Bezug auf die Arbeiterklasse in der Regel eine „black box“ bleibt.


Es lohnt sich daher, den Verlauf der Diskussion im Detail zu betrachten. Zumal dieses Video selbst einen Ausnahmefall darstellt – in der Regel bemühen sich Gewerkschaften, interne Diskussionen wie auf einer Streikversammlung dem Blick der Öffentlichkeit zu entziehen.

Begründet wird dies mit dem durchaus richtigen Argument, dass sonst der „Feind“, d.h. das Unternehmen, gegen das sich der Streik richtet, zu viel Informationen über die Streiktaktik oder Spaltungslinien unter den Streikenden mitbekommen und gegen den Streik verwenden könnte. Aber was, wenn der „Feind“ schon längst mitten unter den Streikenden sitzt? Und wenn es gar nicht darum geht, den Streik wirksam und machtvoll zu gestalten, sondern nur noch darum, wie er schnellstmöglich beendet werden kann?

Genau das lässt sich in dem Video schön beobachten und es sollte in der Linken eigentlich Fragen aufwerfen, ob ihre ständige Gleichsetzung von Klassenkampf mit Gewerkschaft nicht dringend zu hinterfragen wäre.

Dringend gerade deshalb, weil solche Abläufe im Kleinen auch etwas darüber erzählen, warum rechter Populismus an vielen Orten in dieser Gesellschaft erfolgreich sein kann. Und warum linke Politik dem nichts entgegenstellen kann, solange sie sich ihren Bezug auf Arbeiterklasse nur noch über die sozialpartnerschaftliche Vermittlungsinstanz Gewerkschaft vorstellen kann, statt sich unmittelbar und direkt auf das Proletariat und seine Probleme zu beziehen – indem wir zum Beispiel einfach mal mit den eigentlichen Akteurinnen und Akteuren eines solchen Streiks reden, statt uns immer gleich an die selbsternannten professionellen Repräsentanten solcher Konflikte zu wenden.

Der Ausgangspunkt der Situation bei der Vivantes Service GmbH und des Streiks ihrer Beschäftigten ist exemplarisch für tausende solcher Situationen in Deutschland: Ein großer Konzern, der aus einem finanzmarktgetriebenen Konzentrationsprozess hervorgegangen ist, lagert einzelne Bereiche in Zulieferfirmen aus. Dass es sich bei Vivantes quasi um einen Staatsbetrieb, hier in kommunaler Hand, handelt, zeigt lediglich, wie weit sich auch der Staat in den letzten Jahrzehnten den neoliberalen Strategien der Kapitalverwertung unterworfen hat.

Mit der Auslagerung von Bereichen wie Sterilisation, Krankenbegleitservice, Logistik usw. soll die Belegschaft gespalten und ein gemeinsamer Kampf der angeschwollenen Gesamtbelegschaft verhindert werden. „Zentralisierte Dezentralisierung“ ist die Strategie – auf Kapitalseite wird die Geldmacht gebündelt, auf Arbeiterseite soll aber jede Vereinheitlichung und Nutzung des objektiv größeren Machtpotentials verhindert werden. Die Gewerkschaften haben schon lange ihren Kompromiss mit dieser Strategie gefunden. Bei den ersten Auslagerungen gibt es noch ein bisschen Protest, dann geht es nur noch darum, auch die ausgelagerten Bereiche in eine von den Gewerkschaften verwaltete tarifliche Regulierung zu bekommen, um den Preis, dass dort dann zwar Tarif und Betriebsrat existieren, die Bedingungen aber oft deutlich schlechter als bei den im Konzern verbliebenen Stammbelegschaften sind. So bekommen die Beschäftigten der Vivantes Service GmbH bis zu 40 Prozent weniger Lohn als die sogenannten „Gestellten“, die noch Arbeitsverträge mit dem Mutterkonzern haben.

Eine moralische Kritik daran geht an den Gewerkschaften vorbei, weil sie letztlich auch nur Wirtschaftsbetriebe sind, die auf ihre Ausgaben und Einnahmen achten müssen.

In dieser betriebswirtschaftlichen Logik ist es einfach sinnvoller, sich auf die stabiler beschäftigten und daher besser dauerhaft organisierbaren Stammbelegschaften zu konzentrieren, als zu viel Geld und Personal auf fluktuierende Randbelegschaften zu vergeuden. Das weiß jede hauptamtliche Gewerkschaftssekretärin und es wird ihr oder ihm täglich im Apparat vermittelt, dass von der Befolgung dieser selektiven Tagespolitik letztlich auch ihr oder sein Job abhängt. Wer das von links oder von einer Position des Klassenkampfs aus kritisieren will, müsste sich materialistisch mit den Grundlagen unseres verrechtlichten und institutionalisierten Systems industrieller Beziehungen im sozialstaatlich befriedeten Kapitalismus auseinandersetzen, statt kurzschlüssig Klassenkampf mit Gewerkschaft gleichzusetzen.

Die eigentlich sehr zu begrüßende Debatte über eine „neue Klassenpolitik“ leidet zur Zeit noch darunter, dass die konkreten Vermittlungsformen, die sich der Kapitalismus in den letzten 150 Jahren schaffen konnte, um den Klassenkonflikt in den reichen Metropolen seines Weltsystems zu befrieden und stillzulegen, nicht wirklich analysiert und in die Vorschläge für unsere eigene Politik einbezogen werden. Daher landen gutgemeinte Versuche, proletarische Kämpfe zu unterstützen, nur zu leicht in den Fesseln der staatlich regulierten und gewerkschaftlich moderierten Rituale der ohnmächtigen Konfliktverwaltung – was mit der ständigen Verschärfung der kapitalistischen Angriffe auf unsere Lebensbedingung zu einem zunehmenden Misstrauen in der Arbeiterklasse gegenüber linker Politik führen muss.

Vor diesem Hintergrund lässt sich der auf den ersten Blick skurril oder skandalös wirkende Ablauf auf dieser Streikversammlung besser verstehen.

Während die Beschäftigten lebhaft und mit konkreten Vorschlägen darüber diskutieren, wie sie ihren mittlerweile 28 Tage andauernden Streik trotz der unnachgiebigen Haltung des Arbeitgebers zum Erfolg bringen können, wechselt die anwesende Spitzenfunktionärin von ver.di auf einmal ihre Rolle, setzt sich – mit dem albernen formalen Hinweis auf ihre Mitgliedschaft im Aufsichtsrat von Vivantes, dank deutscher Mitbestimmung – den „Hut“ des Kapitalisten auf, erklärt den anwesenden Streikenden die „Sachzwänge“ des Systems und wirbt um Verständnis für die armen Unternehmer, die ja auch nur ordentlich ihren Job machen und im Verhältnis zu anderen Managern gar nicht sooo viel verdienen würden.

Während die streikenden Gewerkschaftsmitglieder noch glauben, mit dieser Spitzenfunktionärin ernsthaft über eine erfolgreiche Fortführung des Streiks sprechen zu können, läuft in deren Kopf schon ein ganz anderer Film ab: Wie kriegen wir als Organisation diesen schon viel zu lang und zu teuer gewordenen Streik möglichst schnell und mit den geringst möglichen Verlusten (z.B. durch Mitgliederaustritte oder Imageschaden) beendet? Von ihrem Standpunkt aus ist dies eine völlig korrekte betriebswirtschaftliche Überlegung, die dem Erhalt des Wirtschaftsunternehmens ver.di dient. Darin einen Skandal sehen kann nur, wer dem Unternehmen Gewerkschaft auf idealistische Weise einen völlig anderen Zweck als den wirklichen unterstellt.

Wer innerhalb von Gewerkschaften eine Karriere als Hauptamtlicher durchläuft, bekommt schon früh vermittelt, dass die wichtigste Qualifikation eines Gewerkschaftssekretärs im Streikgeschehen nicht darin besteht, einen Streik zu beginnen und erfolgreich zu führen, sondern ihn beenden zu können.

Im Alltagsgeschäft von Gewerkschaften sind Streiks ein unvermeidliches Übel, keineswegs das Ziel. Sie dienen der Selbstdarstellung als kämpferische Repräsentation von Arbeiterinnen und Arbeitern, um zahlende Mitglieder zu gewinnen. Die Ziele eines Streiks, die Verbesserung von Arbeitsbedingungen oder Entlohnung, sind lediglich Mittel zum Zweck.

Diese Verkehrung von Ziel und Mittel, die Verselbständigung des Organisationserhalts als primärem Zweck, dem die nach außen propagierten Ziele faktisch untergeordnet werden, wurde schon vor über hundert Jahren von Soziologen wie Robert Michels als „ehernes Gesetz der Oligarchie“ beschrieben und analysiert. Aber wie wir von Marx wissen, kann wissenschaftliche Kritik alleine nie die Wirksamkeit von Ideologie und ideellen Verkehrungen vertreiben – sie wachsen mit einer gewissen Zwangsläufigkeit aus den materiellen Verhältnissen hervor und verfestigen sich gleichermaßen in den Köpfen der breiten Massen wie in den kritischen Hirnen der linken Intelligenz.

Allerdings könnte die Aufgabe einer kritischen linken Intelligenz darin bestehen, diese Zusammenhänge zu durchleuchten und zu analysieren. In ihrer Praxis könnten sie sich dann auf die bisher noch marginalen Momente in konkreten, auch gewerkschaftlich verwalteten, Konflikten beziehen, in denen so etwas wie proletarisch-selbständige Führung des Kampfs aufblitzt und Kolleginnen und Kollegen tatsächlich versuchen, die Machtfrage zu stellen, indem sie nach den Punkten suchen, an denen dem Kapital ein ernsthafter ökonomischer Schaden zugefügt werden kann. Dafür sind diese kurzen zehn Minuten Diskussion sehr aufschlussreich.

Die Spitzenfunktionärin verhält sich mehr oder weniger wie nach den gewerkschaftsinternen Schulungsunterlagen:

Erst mal die Streikenden loben, wie toll und engagiert sie kämpfen; davon reden, dass Druck aufgebaut werden muss; dann allmählich Bedenken einflechten, den bösen Unternehmer anklagen, weil er durch Leiharbeiter den Streik unterläuft (na was denn sonst, das ist sein Job – der Job einer guten Streikleitung wäre es, das wirkungsvoll zu verhindern); an allen Punkten, an denen ein bisschen „Klassenhass“ aufkommt, vor einer „Neiddebatte“ warnen und sich schützend vor die Sachzwänge des Kapitalismus stellen; und es schließlich den Streikenden überlassen, sich durch Hinweise auf Ermüdungserscheinungen und die Frage, wie viel Verzicht noch als „Erfolg“ zu verkaufen wäre, auf das baldige Ende des Streiks einzustellen. Nur das mit dem Aufsetzen des „Unternehmerhuts“ ist ein bisschen ungeschickt und entblößend, und wäre einem besser geschulten IG-Metall-Funktionär sicherlich nicht passiert; der hätte auf seine nächtelangen und schweißtreibenden Rededuelle im Aufsichtsrat für die gute Sache verwiesen.

In der Diskussion unter den Kolleginnen und Kollegen, in die sie irrtümlicherweise auch ihre ver.di-Funktionärin einzubeziehen versuchen, stehen sich zwei Logiken gegenüber, ohne dass dies allen wirklich klar wird.

Das eine ist die Logik von zwei Klassen, die gegeneinander kämpfen. Das ist eine Machtfrage und es geht darum, wie möglichst effektiv Druck ausgeübt werden kann. Die Frage, woher das Geld kommt, wie die kapitalistischen und staatlichen Strukturen das in ihren diversen Kostenstellen verbuchen oder welche der Pappnasen was entscheidet, ist dabei völlig uninteressant. Wenn wir von den Unternehmern ausgebeutet werden, müssen wir uns nicht auch noch den Kopf darüber zerbrechen, wie sie die Bezahlung unserer Arbeitskraft buchhalterisch sortiert bekommen. Es geht schlicht um unser Überleben.

Das andere ist die Logik der Verteilung von Geld aus einem vorgegebenen Topf fixer Größe; ein Verteilungskampf in gesamtwirtschaftlicher Verantwortung, d.h. die Berücksichtigung des begrenzten Geldtopfs, aus dem alles Mögliche bezahlt werden kann oder muss. In dieser zweiten Logik gibt es keine Klassen mehr, sondern nur noch einzelne diffuse Gruppen von Einkommensbeziehern, zu denen neben Arbeiterinnen, Managern, Beamten usw. dann auch die Geflüchteten aus Syrien gehören können.

Als ein Kollege in dieser Logik auf vier Mrd. Euro hinweist, die für die „Syrer“ zur Verfügung steht, wird er von der Mehrheit der Streikenden politisch korrekt zur Ordnung gerufen. Aber damit verpassen auch die anwesenden Linken den eigentlich interessanten Aspekt seines Beitrags – dass nämlich diese, auch von den Gewerkschaften gepflegte Verteilungslogik die Leute in Zeiten fehlender Klassenkämpfe unweigerlich in die Arme von AfD und anderen rechten Gruppen treibt. Denn wenn die Arbeiterinnen und Arbeiter keine Perspektive mehr sehen, eigene Macht zur Durchsetzung ihres Überlebensinteresses zu entwickeln (und tragischerweise sind die Gewerkschaften stark daran beteiligt, sie dieser Perspektive zu berauben), dann kann das Fehlen eigener Macht nur durch die Anrufung einer anderen, sprich staatlichen Macht kompensiert werden; dann kann das eigene Interesse nur noch als besonderes im Nullsummenspiel begrenzter Geldtöpfe gesehen werden, d.h. ich kann nur etwas bekommen, wenn es anderen weggenommen wird. Und am leichtesten lässt es sich immer denen wegnehmen, die sich leichter gesellschaftlich und politisch diskriminieren lassen, ob es nun Frauen, Alte, Ausländer oder Geflüchtete sind – die staatlicherseits zugeschriebenen „Identitäten“ spielen hier die entscheidende Rolle.

Dass diese Logik der Geldverteilung statt Klassenkampf nicht nur von der ver.di-Funktionärin, sondern auch von vielen der Streikenden in die Diskussion getragen wird, ist sichtbar selbst schon ein Reflex auf die Wirkungslosigkeit des Streiks. Der eine kämpferische Kollege vorne neben der Funktionärin, der sich bei ihr beinah dafür entschuldigt, dass er das böse Wort von der „kapitalistischen Profitgier“ in den Mund nimmt, weist zwar unumwunden darauf hin, dass es nicht um die Umverteilung von Geld geht. Aber weil die eigentliche Frage, nämlich wie der Streik wirksam zu führen wäre, gar keinen Platz findet, setzt sich doch immer wieder diese zweite fatale Logik in der Diskussion durch.

Zu lösen wäre dieses Dilemma letztlich nur durch eine selbstständige Streikleitung und ein Ausbrechen aus dem gewerkschaftlichen Zwangsrahmen – eine Hürde, die angesichts der extrem repressiven juristischen Eindämmung des Streiks in Deutschland sehr hoch und von einer kleinen Belegschaft wie bei dieser Vivantes-Tochter alleine nicht zu überwinden ist. Ausnahmen bestätigen die Regel: Beim Botanischen Garten in Berlin ist es durch die Hartnäckigkeit der Belegschaft gelungen, die ausgelagerten Bereiche zum 1. Januar 2018 wieder in die Stammbelegschaft zurückzuholen und damit die Lohnspaltung aufzuheben.

Aber eben weil dies eine der spärlichen Ausnahmen darstellt, bedürfte es einer breiteren gesellschaftlichen Solidarität für solche Kämpfe und wirklich linker Kräfte, die unter „Klassenpolitik“ etwas anderes als das Nachtraben hinter den etablierten Gewerkschaften verstehen und wieder einen bewussten Begriff der Logik des Klassenkampfs entwickeln.


Informationen zum Video und Kommentar

ADVOCATUS DIABOLI

Streikversammlung der Vivantes Service GmbH am 8. Mai 2018 in Berlin.

Deutschland: 2018
Länge: 10 Minuten
Realisierung:  Team Labournet.tv

Das Video ist Teil des Filmarchivs von Labournet.tv, einem Projekt von Content – Verein zur Förderung alternativer Medien e.V.

Der Kommentar von Christian Frings erschien als Ergänzung zum Videobeitrag. Wir bedanken uns bei Labournet.tv für die Zustimmung der Übernahme auf Neue Debatte.


Titelbild: Zarateman, Own work, CC BY-SA 4.0; https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=38129254; Größe auf 1200×800 px angepasst.

  1. wolfganggosejacob 12. Juni 2018 um 14:32

    ja, das Video plätscherte so dahin, bis die Funktionärin ab Min 7, und „gespielt“ den anderen Hut aufsetzte.

    Der Rufer mit dem Geld, das für die Flüchtlinge zur Verfügung steht, wusste sicherlich ebenfalls nichts von den hier aufgezeigten Hintergründen, sonst hätte er diese Zusammenhänge vielleicht selbst auch aufzeigen können.

    Zu den Gewerkschaften ist zu sagen, dass sie als „Wirtschaftsbetrieb“ ebenso Arbeitsverträge schließen und dass diese ebenso nicht immer ganz lupenrein zu sein scheinen. (Meine letzte Nachricht dazu ist nicht aktuell, aber wenn man den „Wirtschaftsbetrieb“ unterstellt, hat sich trotz Mindestlohn wohl kaum etwas wirklich verbessert.

    Es ist eben schwer ein gutes Vorbild zu sein, was auch der Bundestag zeigt, der mit seinen Schreibkräften ebenso umgeht und der Devise folgt: „Der Billigste bekommt den Zuschlag!“ Dazu hatte Lammert einmal ein Interview gegeben, seinen guten Absichten bekundet aber schon im nächsten Halbsatz seiner Ohnmacht vor den Regeln der Ausschreibungen vorgeschoben. Dabei ist man dort doch genau an der Stelle, wo Gesetze gemacht werden. Oder etwa nicht? Verschwörungstheorie?
    Wie schön, dass man gute Vorsätze selbst als Parlament oder auch als Gewerkschaft so schnell begraben kann.

    Dazu kommt, dass Gewerkschaften nach der Einführung der Schröder-Reform daran interessiert waren Tarifverträge zu schließen, Mitglieder zu bekommen aber dafür großzügig darauf verzichtet haben diejenigen zu schützen oder wenigstens beizustehen, die
    a) in einer Firma arbeiten, die keine Tarifverträge hat
    b) in einer Firma arbeiten, die Tarifflucht begeht
    c) die in mehreren Firmen arbeiten müssen, weil sie mit einem Job nicht über die Runden kommen
    [zu Recht von dem einen Teilnehmer in dem Video moniert!]
    c2) sich die Beiträge der Gewerkschaft nicht leisten können
    c3) nicht leisten wollen, weil sie sich von den Beiträgen keine Ergebnisse versprechen
    d), e), f) …

    Zitat aus dem Text: „Eine moralische Kritik daran geht an den Gewerkschaften vorbei, weil sie letztlich auch nur Wirtschaftsbetriebe sind, die auf ihre Ausgaben und Einnahmen achten müssen.

    In dieser betriebswirtschaftlichen Logik ist es einfach sinnvoller, sich auf die stabiler beschäftigten und daher besser dauerhaft organisierbaren Stammbelegschaften zu konzentrieren, als zu viel Geld und Personal auf fluktuierende Randbelegschaften zu vergeuden.“ Zitat Ende.

    .
    Der Wille sich neuen Firmen, Branchen und Mitgliedern zu öffnen, ist bei der den Gewerkschaften, mit denen ich telefoniert habe, um als Frischling in einer Firma eine betriebliche Struktur aufbauen zu können, sehr dünn ausgeprägt: „Sind sie Gewerkschaftsmitglied? NEIN? Na, dann können wir ihnen nicht helfen!“ – „Wollen“ wohl ebenfalls nicht!

    Sich (für die Un – oder Unterprivilegierten) zu engagieren ist den Hauptamtlichen anscheinend nicht ins Aufgabenblatt oder in die Selbstverpflichtung geschrieben worden. Zwar will man dass „alle“ gut verdienen und ein gutes Leben haben, aber wenn man sich für diese nicht aktiver einsetzt, als die es alleine schaffen, DANN ist die Folge, dass sich keiner für sie einsetzt und JEDES Engagement der Gewerkschaften in einem der Besitzenden gegen den Verlust der eigenen Pfründe endet. Diejenigen, die schlechter gestellt sind, werde nicht angehoben und mitgenommen, sondern werden liegengelassen, wie sie schon vom Parlament und den Arbeitgebern liegengelassen worden sind.

    Man kämpft für die, die noch was haben! – Mit Industrie 4.0 könnte die Zahl massiv kleiner werden. Clickworker und redelnde Fahrradboten sind sowieso jetzt schon außen vor. Clickworker haben nicht nur zwei Jobs, sondern Clicken sind Einzelaufträge zusammen, die von BWL-Studenten so lange optimiert wurden, bis das Einkommen auch dabei nicht reicht. Radelnde „Essensboten“ werden mit dem Spruch angeworben, dass man Sport machen kann und gleichzeitig die Gebühren für das Fitness-Center sparen kann. Na, da kann man ein Kind oder eine Familie besonders gut von ernähren! Vom gesparten Geld des Fitness-Centers!

    .
    Man ist bei Gewerkschaften als „Neukunde“ wohl zunächst erst einmal Zahl- und Stimmvieh. Danach wird man in die Strukturen eingebaut und „befördert“, wenn man sich bewährt hat. Danach ist man ein eingenordeter „Parteisoldat“.
    Es gelten das Dilbert-Prinzip, das Peter-Prinzip und der Dunnig-Kruger Effekt. Gekrönt von einem Prinzip, dass ich gerne das Vega-Prinzip nennen möchte. Nach einem Kriegsschiff „Vega“ aus Skandinavien, das vom auftraggebenden König so lange mit Schnörkeln und Waffen versehen wurde, bis sie – schon vor dem 1. Einsatz – kenterte.

    Was wichtig ist, was dann abgestimmt werden soll, bestimmt die Gewerkschaftsführung (hier die Gewerkschafter, die gleichzeitig im Aufsichtsrat sitzen) und das gleiche Problem haben, wie Karel de Gucht, der einmal in einem Interview berichtete, dass er mit seinen Gesprächspartnern keine inhaltlichen Differenzen hat und die Fragestellung des Reporters zu dem Problem nicht verstand. Es stellt sich also die Frage: WER bitteschön sind diese regelmäßigen Gesprächspartner des ehemaligen EU-Kommissars? Sicherlich nicht die Leute, für die er in der Mehrheit die Politik machen sollte und auch nicht die Interessensgruppen der Bürger (allgemein NGOs)
    Diese werden dann im Parlament dann als Empörungsindustrie disqualifiziert. So geschehen im Bundestag durch Stephan Meyer CDU im Nachgang der Demonstration zu TTIP in Berlin, bei der 250.000 Teilnehmer war.

    .
    Nach der Schröder-Reform waren die Gewerkschaften sehr lange Zeit gegen den Mindestlohn, weil sie sich versprochen haben, dass die Leute zunächst in die Gewerkschaften kommen (als Strafe für diejenigen Nutznießer, die außerhalb der Gewerkschaften von den Tarifverträgen profitieren – mehr Geld trotz Nicht-Mitgliedschaft) und man dann für sie, als Mitglieder, kämpfen kann.
    Nun hat es fast 15 Jahre gedauert, bis sich auch in den Gewerkschaften die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass man für die Leute, die keinen Schutz und keine Unterstützung haben, für diese Schmarotzer am Streikergebnis, einen Mindestlohn braucht, damit man nicht für 3,45 € arbeiten gehen muss.
    PEINLICH, dass so relevante Erkenntnisse sooo fürchterlich lange brauchen. Das ist mindestens eine Generation Parteisoldat, die dort erst einmal in den Ruhestand gehen musste, bis diese Erkenntnis sich dort wenigstens ansatzweise durchsetzte.

    .
    Und Gewerkschafter reden – in der Mehrheit – sicherlich auch mit den übliche Verdächtigen; mit „Nicht-Mitgliedern“ und den billigen Nutznießern, die es nötig hätten, schon gleich gar nicht. Dass sich potentielle Neumitglieder davon nicht angezogen und noch weniger vertreten fühlen, muss mir keiner erklären! DASS dann die Anzahl der Gewerkschafter sinkt finde ich genauso einleuchtend, wie die Tatsache, dass sich die SPD-Spitze immer noch gegen die Erkenntnis sperrt, dass die Reform des Altvorderen uns seiner gleichdenkenden Parteiheimer (für die eigentliche Zielgruppe – oder wenigstens die, die staatlichen Schutz nötig haben!) wenig hilfreich war. Stattdessen großangelegtes Hose-Runterlassen und Sanktionen für Hängemattenbewohner. Fördern und Fordern! Zitat:“ Mehr Eigenverantwortung abfordern!“ Ach ja: „… und Leistungen einschränken…“

    Das Ergebnis ist, dass die Sozis das FDP-Projekt „Projekt 18“ von der anderen Seite erfolgreich angegangen sind und sich über die schlechte Zustimmung bei den Wählern wundern. „Wir haben mit dem Alt-Kanzler und in den Großen Koalitionen doch sooo gute Politik gemacht! … Koooomisch!“
    Immerhin: Die Sozis haben etwas geschafft, was der FDP versagt war. Die 18 ist geknackt! :O
    Einer anderen Partei fehlt nur noch ein Prozent, bis sie die Opposition im Bundestag anführen und die erste Rede nach der Regierungspartei halten darf.

    .
    Ich würde mir wünschen, dass ich für dieses Theater einen Eintrittspreis bezahlt hätte. Dann könnte ich aufstehen und – noch während der Vorstellung – das Theater verlassen. So bekomme ich täglich eine kostenlose Zugabe, die ich nicht haben will. Noch eine…. und noch eine .. und…

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  2. Helga und Hermann Pulz 12. Juni 2018 um 19:22

    Wir denken, dass es in den Gewerkschaften an der inneren Demokratie mangelt. Es ist unverstandlich wie sonst der jetztige DGB-Vorsitzende oder der jetzige Vorsitzende der IG Metall in diese Funktionen kommen konnten.
    Ebenso wie die nationale und internationale Bewegung der linken Kräfte, die Friedensbewegung und andere progressive -sprich antimonompolistische – Bewegungen wurden und werden die Gewerkschaften unterwandert und ausgehöhlt.
    Die sogenannten „Eliten“ sorgen mit ihren Marionetten in der Regierung konsequent dafür, das dem Streben nach maximalen Profit nichts in die Quere kommt. Die wahren Produzenten des Profits dürfen nicht erkennen, das was in der Wirtschaft und anderen produktiven Bereichen geschaffen wird nur durch sie, durch ihre Arbeit erst möglich ist.
    Sie müssen um den ihne zustehenden Anteil kämpfen und werden mit Almosen abgespeist.
    Das alles ist durch die konsequente Umsetzung des uralten Ausbeutungs – Prinzips „divide et impera “ ind allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens durch die jeweiligen Vertreter der „Eliten“ erreicht worden.
    Es ist höchste Zeit, alles was dem Gemeinwohl dient, aus den den Händen der Profitjäger in eine gemeinschaftliche Verwaltung zu Förderungs des Gemeinwohl überführt wird.
    Dazu gehört auch die Enteignung von Reichtum, wenn seine Verwendung nicht de Gemeinwohl dient, wie es auch im GG steht.

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