Yuriko Yushimata – Ein kleines Missgeschick

Eine Social Fiction Story über moderne Implantate und Werbekampagnen, durch die sich jedes kleine Missgeschick ausbügeln lässt.

„Wie konnte das passieren?“ Der Abteilungsleiter schrie in das Telefon. Wie sollte er das der Geschäftsleitung erklären. „Sie werden augenblicklich alle fehlerhaften Häutchen zurückrufen!“
Auf dem Bildschirm sah er, wie der stellvertretende Leiter der Kunstblutproduktion sich wegduckte. „Das ist leider nicht möglich. Sie sind schon ausgeliefert. Und Sie wissen ja, dass viel auch in andere Länder informell weiterverkauft wird, trotz der unklaren Gesetzeslage.
Allein in den Iran wurden vermutlich im letzten Monat 200.000 Häutchen geliefert.
Ein Rückruf ist völlig unmöglich.“
Der Abteilungsleiter sah entgeistert am Telefon vorbei. Dies konnte sich leicht zur größten Katastrophe in der Firmengeschichte ausweiten. Die Häutchen brachten 81 % des Umsatzes und sogar 93 % des Gewinns.
Dies konnte das Ende sein.

Sie würden die Hilfe Allahs brauchen.

Den stellvertretenden Leiter der Kunstblutproduktion am anderen Ende des Telefons hatte er ganz vergessen. Erst ein Räuspern erinnerte ihn wieder an den Mann.
„Ich rufe sie wieder an.“ Damit schaltete er das Telefon aus. Dann sprach er kurz über die Sprechanlage mit seinem Abteilungsbüro. „Machen Sie mir sofort einen Termin mit der Geschäftsleitung.“

Er stand auf, ging zum Waschbecken und machte sich frisch, dann zog er seine Krawatte noch einmal zurecht.
Das Gespräch würde nicht leicht werden.

Er schwitzte.

Die Firmenleitung war entsetzt. Nach dem er sie informiert hatte, sah ihn die Vorstandsvorsitzende an. „Warten Sie bitte draußen.“
Die Ledersessel im Vorraum zum Sitzungszimmer waren bequem, aber er schwitzte immer noch. Durch die schwere Tür drang kein Laut zu ihm hindurch.
Die Sekretärin der Vorstandvorsitzenden lächelte ihm aufmunternd zu. „Möchten Sie ein Glas Tee?“
„Nein, danke.“ Er war schon so nervös genug. Er dachte zurück an die Zeit als der Vorschlag zur Produktion der Häutchen zuerst aufkam.

Das Problem war vorher bekannt. Immer wieder passierte es völlig unschuldigen jungen Frauen, dass ihr Hymen beim Sport riss, oder einfach auf Grund unglücklicher Fügung.
Er erinnerte sich an Gespräche mit Ärztinnen – „Meine Patientin ist völlig verzweifelt. Was soll sie in der Hochzeitsnacht tun?“„Ihre Mutter hatte sie zu mir geschickt. Ihr Hymen war gerissen, sie bat mich, ihr zu helfen. Hat Ihre Firma für diese Behandlung etwas im Angebot?“„Und dann saß dieses Mädchen heulend vor mir und sprach von Selbstmord. Sie war wachsbleich und zitterte.“

Als alteingesessener medizinischer Dienstleistungsbetrieb in einer islamischen Gesellschaft hatten sie sich dieses Problems angenommen. Schließlich war es die Aufgabe der Medizin Patientinnen vor Ausgrenzung zu schützen, moderne Implantate machten hier innovative Lösungen möglich.
Die Entwicklung künstlicher Ersatzjungfernhäutchen hatte mehrere Jahre in Anspruch genommen.
Doch inzwischen waren sie perfekt.

Zuerst hatte es von einigen strenggläubigen Mitarbeitern Bedenken gegeben. Doch nachdem der Beirat der Rechtsgelehrten der islamischen Stiftung, der 60 % der Firma gehörten, nicht nur zugestimmt, sondern die Firma sogar ermutigt hatte, waren diese Stimmen verstummt.
Ein Großteil der Gewinne floss außerdem an die Stiftung und diente unter anderem zur Finanzierung einer international hoch angesehenen Koranschule.

Trotzdem hatten sie Öffentlichkeit vermieden, auch im Interesse ihrer Patientinnen. Eine Stigmatisierung der unschuldig in Not geratenen jungen Frauen sollte ja gerade vermieden werden.
Am Anfang hatten sie nur einige tausend Jungfernhäutchen im Jahr produziert. Obwohl sie keinerlei öffentliche Werbung machten, stieg die Nachfrage aber in kurzer Zeit auf einige Hunderttausend Hymenimplantate im Jahr.

Die Firmenleitung führte dies auf die zunehmende Sportbegeisterung der islamischen Mädchen zurück. „Wir können die Mädchen nicht erst aus medizinischen Gründen auffordern mehr Sport zu treiben und sie dann mit ihren Problemen allein lassen.“
Inzwischen lag die Produktion bei über 2 Millionen Hymen im Jahr. Sie exportierten praktisch in den gesamten islamischen Raum. Ihre größten Abnehmer saßen in Saudi Arabien und im Iran. Laut sagen durften sie das nicht.
In beiden Ländern war die Rechtslage nach wie vor ungeklärt.

Alle in der Firma waren inzwischen stolz auf ihre Leistung. Nur manchmal kamen ihnen noch Zweifel, außerdem wussten sie nicht, ob die Öffentlichkeit, für diese Dienstleistung schon reif war.
Und jetzt dies, ein kleiner Fehler.
Vielleicht das Ende.

Die Geschäftsleitung ließ ihn fast drei Stunden warten. Dann wurde er wieder hineingerufen. Die Vorstandsvorsitzende fragte ihn noch einmal. „Ein Rückruf ist nicht möglich?“
Er schüttelte den Kopf. „Es betrifft vermutlich insgesamt 700.000 Häutchen, 170.000 konnten wir noch vor der Auslieferung zurückhalten. Die restlichen sind zum Teil schon eingesetzt. Jeden Moment kann es passieren.“
„Und bei all diesen Jungfernhäutchen wurde aus Versehen blau gefärbtes Kunstblut verwendet?“
„Ja, eigentlich ein sehr schönes indigoblau.“
Die Vorsitzende sah ihn an. „Das heißt, in der Hochzeitsnacht werden all diese jungen Frauen blau bluten, indigoblau?“
Der Abteilungsleiter nickte. „Ja, an sich nur ein kleines Missgeschick.“
Die Vorsitzende wiegte den Kopf. „Ein kleines Missgeschick? Sind schon Fälle bekannt geworden?“
„Nein, bisher nicht.“
„Dann ist es nicht zu spät.“ Sie sah den Abteilungsleiter eindringlich an. „Wir haben eine Lösung gefunden. Aber die Voraussetzung ist, dass aus der Firma nichts nach Außen dringt.“
Der Abteilungsleiter nickte. „Auf unsere Mitarbeiter können wir uns hundertprozentig verlassen.“

Am nächsten Tag startete die größte und teuerste Werbekampagne, die die Firma je durchgeführt hatte.

Überall im Satellitenfernsehen der arabischen Welt wurden kurze Werbefilme eingeblendet, die Botschaft war immer die selbe: „Nur blau blutende Jungfrauen sind wirklich rein.“
In einer viel gesehenen Ratgebersendung für junge Frauen erklärte ein hoher islamischer Würdenträger mit langen grauweißem Bart, dass das blaue Blut der Jungfrau ein Zeichen für Keuschheit und Ehrlichkeit sei.
Eine der führenden Popsängerinnen landete einen Nummer 1 Hit – „Aischas blaues Blut“ -.
Und die der Stiftung nahe stehenden islamischen Geistlichen verkündeten im Freitagsgebet die besondere religiöse Bedeutung des blauen Blutes von Jungfrauen.

Zuerst befürchtete der Abteilungsleiter, dass dies alles nichts nutzen würde.
Jeden Tag erwartete er, dass es zum Skandal kam.

Doch die Kampagne wurde von Hunderttausenden von jungen Frauen mit Hymenimplantaten überall in der islamischen Welt aufgegriffen. Keine ließ auch nur den geringsten Zweifel an der Reinheit ihres blauen Blutes zu.
Und sie wurden dabei von Millionen Familienangehörigen unterstützt.

Alle, die die Reinheit des blauen Blutes anzweifelten, sahen sich massivem Druck ausgesetzt.

Bald galt rotes Blut als unrein.

Für die Firma ergaben sich damit ganz neue Absatzmärkte. Die Nutzung blau blutender Hymenimplantate wurde innerhalb weniger Jahre für alle jungen islamischen Frauen ebenso selbstverständlich, wie die Körperhaarentfernung.
Junge Frauen, die weiterhin rot bluteten, wurden als unzivilisiert verachtet.

Auch in Europa verbreiteten sich Hymenimplantate.

Die junge Frau sah den Mann an. „Ich habe eine Überraschung für Dich.“ Sie führte seine Hand zwischen ihre Beine.
Er küsste sie. „Du bist ein Schatz.“
Sie erwiderte seine Umarmung. „Ich habe ein grün blutendes Implantat gewählt, als Zeichen unserer Liebe. Als Zeichen für den Neuanfang.“
Sie hatte extra blütenweiße Bettlaken aufgezogen.

Die islamische Stiftung, der 60 % der Firma gehörten, wuchs zur bedeutendsten Stiftung ihrer Art und finanzierte nun Koranschulen überall auf der Welt.
Die Vorstandvorsitzende der Firma erhielt viel Lob.

Sie schrieb an den Stiftungsrat nur eine kurze Zeile zurück: „Allah ist groß und seine Weisheit unermesslich.“

FIN


Yuriko Yushimata wurde als Distanzsetzung zur Realität entworfen. Es handelt sich um eine fiktionale und bewusst entfremdete Autorinnenposition, die über die Realität schreibt. Die SoFies (Social Fiction) dieses Bandes zeigen in der Zuspitzung zukünftiger fiktiver sozialer Welten die Fragwürdigkeiten der Religionen und Ersatzreligionen unserer Zeit. Teilweise sind die Texte aber auch einfach NUR witzig. Sie erschien im Oktober 2014 unter dem Titel „Religion Version 2.100“ und befindet sich im Archiv der HerausgeberInnengemeinschaft Paula & Karla Irrliche. Spiegelung & Verbreitung der Texte sind ausdrücklich gewünscht!


Foto: Raj Eiamworakul (Unsplash.com)


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