Yuriko Yushimata – Keine Religion

„Versuch nicht Dinge zu begreifen, für die Dein Gehirn nicht gemacht ist …“

Annette hatte sich mit dem Rücken zur Wand an die Seite des Raumes zurückgezogen. Ihre Stimme war auch nach ihrem eigenem Empfinden etwas zu laut, als sie vorlas.
„Eine Religion auf dem Höhepunkt ihrer Macht wird nicht als Religion wahrgenommen. Sie ist einfach die Wahrheit. Sie bestimmt, was als Wirklichkeit akzeptiert wird und wie es gelesen wird.“ Sie funkelte Michael wütend an. „Das seid Ihr.“

Michael, der ihr gegenüber stand, lächelte. Sie wusste, dass er sie süß fand, wenn sie sich so aufregte. Sie war doch seine kleine Süße.
Er versuchte sie aufzumuntern. „Lach doch mal Kleine.“
„Ich will nicht lachen!“ Sie erschrak vor sich selbst, sie hatte ihn angeschrien, ohne es zu wollen. Sie schlang sich die Arme um den Körper. „Ich muss hier raus. Ich möchte studieren.“
Michael schüttelte den Kopf. „Du weißt doch genau, dass das nichts für Dich ist, außerdem bekommst Du mit Deinem neurogenetischen Profil sowieso an keiner Universität einen Studienplatz.
Ich liebe Dich, Süße. Bitte nimm Vernunft an.“
Sie sah ihn bittend an. „Hast Du Dir mal überlegt, dass das vielleicht falsch ist?“

In diesem Moment bemerkte sie wieder einmal, dass er sie wie eine Kranke behandelte, das war unerträglich. Er schüttelte erneut den Kopf und sprach ganz sanft. „Nur weil Du Dinge nicht verstehst, oder sie Dir nicht gefallen, müssen sie nicht falsch sein. Niemand erwartet von Dir, dass Du solche Dinge verstehst.
Vertrau mir. Es ist besser für Dich.“
Nach einer kurzen Pause ergänzte er. „Vielleicht sollten wir mit dem Kind nicht länger warten.“
Sie stand da und konnte ihr Gesicht nicht länger kontrollieren. Sie spürte an seiner Reaktion, dass Michael das Entsetzen in ihrem Gesicht sah. Und sie wusste, dass er gedacht hatte, sie würde sich freuen.
Er verstand sie nicht mehr.
Annette war sich selbst nicht mehr sicher, vielleicht war sie wirklich krank. Sie wusste, dass er sich Vorwürfe machte, zu wenig auf sie Acht gegeben zu haben.

Die letzten Monate hatte sich die Situation immer weiter zugespitzt. Ihr erschien häufig alles sinnlos, dann wieder hatte sie kurze Momente in denen sie versuchte, alles zu ändern.
Aber Michael hing wie ein Bleigewicht an ihr. Und vor zwei Wochen hatte sie ihn mit einem befreundeten Neuropsychiater telefonieren hören.
Für ihn war sie jetzt ein Fall.

Sie musste irgendetwas tun. Heute, sie hatte sich das Datum im Kalender markiert. Sie hatte sich selbst ein Frist gesetzt, heute. Sie fing wie wild an in ihren uralten antiquarischen Büchern zu wühlen.
Das war aus Michaels Sicht eine weitere Macke von ihr. Statt aktuelle wissenschaftliche Texte zu lesen, las sie diesen aus seiner Sicht veralteten Psychounsinn. Und natürlich wusste auch sie, das die Kulturwissenschaften längst zu einem Teil der neurologischen Fachbereiche geworden waren. Nur ihr schienen diese Texte viel klarer und wissenschaftlicher zu sein und sie hätte dies gerne mit ihm geteilt.
Aber Michael lächelte nur abfällig, wenn sie ihm etwas vorlas. Er versuchte sie dann meist ins Bett zu kriegen. „Versuch nicht Dinge zu begreifen, für die Dein Gehirn nicht gemacht ist, Kleine.“ Meist zog er sie dann sanft zu sich heran und strich ihr über die Hüfte, bis sie nachgab.
Einmal hatte er auch schon einige Bücher weggeworfen.

Dann fand sie das Buch, das sie gesucht hatte. Ihr war eine Stelle in dem Buch eingefallen, die Sie ihm vorlesen musste. Eine Chance noch für sie beide, aber er schaute nur missbilligend auf das Buch. Sie sah ihn eindringlich an. „Versuch wenigstens mich zu verstehen.“
Sie sah, dass sie ihm Angst machte.
Für ihn war ihr Verhalten das einer Wahnsinnigen. Doch sie konnte nicht aufhören.
Sie sah sein Entsetzen, als die für ihn sinnlosen Worte aus ihrem Mund hervorquollen. Sie las sehr laut. „Wenn die Azande in Afrika mit bedeutenden Entscheidungen oder Problemen konfrontiert werden – zum Beispiel mit Fragen wie: wo sie ihre Häuser bauen sollen, wen sie heiraten sollen oder ob ein Kranker am Leben bleiben wird -, so ziehen sie ein Orakel zu Rate.“ Sie blätterte hektisch um.
Er sah sie nicht mehr an, ließ seinen Blick streifen.

„Das ist Wahnsinn.“ Michaels Stimme unterbrach sie, sie sah in seinem Gesicht, was er dachte. Für ihn war sie ein Fall für die Neuropsychiatrie. Seine arme Süße. Er versuchte ihr das Buch aus der Hand zu nehmen, sie entwand es ihm.
Er hielt sie an der Hand fest. „Komm zu Dir. Das ist nichts für Dich. Die neurogenetische Analyse zeigt, dass Du zum Kindergroßziehen geschaffen bist, aber nicht für Theoriearbeit.
Und Du weißt,“ seine Stimme wurde etwas drohend, nur als Unterton, aber für sie hörbar, sie kannte ihn doch so gut, „Du weißt, dass Menschen, die gegen ihr neurogenetisches Profil leben, krank werden. Im schlimmsten Fall endest Du damit in der Psychiatrie.
Das willst Du doch nicht?“
Sie riss sich los. Sie wusste, dass er sie liebte. Er musste verstehen, er musste. Unter Tränen las sie weiter. „Scheinbare Widersprüche werden durch Hinweis darauf, dass beispielsweise ein Tabu gebrochen worden sein muss oder das Zauberer, Hexen, Geister oder Götter interveniert haben müssen, wegerklärt. Diese >mystischen< Vorstellungen bestätigen immer wieder die Realität einer Welt in der das Orakel ein Grundelement bildet. Ein Versagen des Orakels führt nicht zum Zweifeln an ihm; es wird so dargestellt, dass es einen Beweis für das Orakel liefert.
Man betrachte …“
Michael nahm ihr das Buch weg, er war viel kräftiger als Annette, und küsste sie, obwohl sie sich sträubte. „Was soll das? Komm zur Vernunft. Du solltest nicht versuchen, Dinge zu verstehen, die zu kompliziert für Dich sind.“
Sie stieß ihn weg und schlug hilflos nach ihm. Michael wich zurück.

Sie sah, dass er nun wirklich besorgt war. „Vielleicht brauchst Du Hilfe, das Gehirn ist kompliziert und manchmal kommt es zu Problemen.
Bitte lass Dich morgen von Deiner Ärztin untersuchen, ja?“

Sie sah die Verzweiflung und, was noch schlimmer war, Mitleid in seinen Augen und begriff, dass sie einen Fehler gemacht hatte.
Sie begriff, dass er sie niemals verstehen würde, dass er ihr niemals ein anderes Leben zugestehen würde. Ihre Augen füllten sich mit Tränen.
Er würde sie der Psychiatrie ausliefern.
Sie zog die Waffe aus ihrer Tasche und richtete sie auf ihn. Es war seine Waffe. Sie lag immer in seinem Nachtschrank, ungesichert. Sie hatte sie vorhin ganz unbewusst eingesteckt. Sie hatte kurz überlegt, wie es wäre, sich selbst zu töten, wie es sich anfühlen würde, wenn der Kopf platzte. Dann hatte sie sie in ihrer Tasche vergessen.
Und nun hatte sie die Waffe auf ihn gerichtet, warum?
Doch er lachte nur.
Sie wusste, er glaubte, dass Ihr neuronales Muster keine ernsthafte Gewaltausübung zuließ. Und er würde ihr niemals zugestehen, anders zu sein. Er kam einfach auf sie zu, um ihr die Waffe aus der Hand zu nehmen.
Tränen überströmt sah sie ihn an.
„Du irrst Dich.“
Die Schüsse lösten sich fast automatisch. Sie sah noch sein ungläubiges Staunen als die Kugeln ihn umrissen.
Das Buch flog durch den Raum.

Danach erschoss sie sich selbst.
Alles war sinnlos geworden.

Der Ermittler sah sich den Tatort an. Zwei Tote, eine Frau Mitte Zwanzig und ein Mann Anfang Dreißig. Die Frau hatte offensichtlich geschossen. Die forensischen Spuren ließen keinen anderen Schluss zu. Die neuen tragbaren Untersuchungsgeräte ermöglichten diese Feststellung ohne Veränderung des Tatortes.
Auf dem Boden lag, mit Blut beschmiert, ein Buch – Ethnomethodologie, Suhrkamp, Frankfurt, 1976 -. Einige Textstellen waren unterstrichen.
Er las die blutverschmierte Stelle des Textes laut.
„… Ein Versagen des Orakels führt nicht zum Zweifeln an ihm; es wird so dargestellt, dass es einen Beweis für das Orakel liefert.
Man betrachte den analogen Fall eines westlichen Wissenschaftlers, der eine Substanz verwendet, um Tiere zu vergiften. Nehmen wir an, er benutzt Chloroform, um Schmetterlinge zu ersticken. Er operiert mit einem unkorrigierbaren Idiom, das Chemie genannt wird und ihm, neben einigen anderen sagt, dass Substanzen bestimmte konstante Eigenschaften besitzen. Chloroform einer bestimmten Menge und Mischung kann Schmetterlinge töten. Eines Abends benutzt er Chloroform, so wie er es schon hundertmal vorher getan hat und stellt bestürzt fest, dass das Tier weiter flattert. Hier existiert dann ein Widerspruch zu seiner Realität, genauso wie der Gebrauch von Orakeln manchmal auch Widersprüche produziert. Und ebenso wie der Azande besitzt der Wissenschaftler viele Hilfskonstruktionen, die er anführt, um den westlich geprägten Glauben an Kausalität nicht ablegen zu müssen. Anstatt die Prämisse von der Kausalität zurück zuweisen kann er das Ausbleiben der Giftwirkung mit – mangelhafter Herstellung -, – falscher Etikettierung -, – Sabotage -, oder einem – üblen Streich -, u.ä. erklären. Was auch immer seine Schlussfolgerung sein mag, sie bestätigt, dass seine Wissenschaft auf der Prämisse der Kausalität beruht. Diese Bestätigung unterstützt reflexiv die Realität, die zunächst das unerwartete Versagen des Giftes produziert hat.“
Daneben stand in kleiner aber leserlicher Handschrift – ‚oder der Wissenschaftler weist Widersprüche zur Theorie dadurch ab, dass er erklärt, dass die Theorie zwar richtig sei, aber noch nicht jedes Detail erfasst wurde‘ -.
Der Ermittler zuckte mit den Schultern, er ließ das Buch auf den Boden fallen. Veraltete Psycholiteratur, nur für Sammler interessant. Dies würde wohl kaum weiterhelfen bei der Lösung des Falles.
Das Buch war vermutlich nur zufällig heruntergefallen. Die Frau schien Bücher gesammelt zu haben.

Am nächsten Morgen hatte der Ermittler die detaillierten neurogenetischen Persönlichkeitsprofile auf dem Schreibtisch.
Die Frau war laut neurogenetischem Gutachten unfähig zu Gewalthandlungen, ihr Profil wies sie als ideale Hausfrau und Mutter aus. Ihr Mann war ein herausragender Wissenschaftler und Neurologe gewesen. Ein Verlust für die Gesellschaft. Aber er hatte seine Spermien einfrieren lassen.

Irgendetwas mussten die Gutachter bei der Frau übersehen haben.
Er ließ ihr Gehirn in die Neurologie überstellen. Die Neurologen würden schon herausfinden, wo die Ursache gelegen hatte. Vielleicht eine seltene bisher nicht entdeckte neurogenetische Kopplung oder eine unauffällige Hirnschädigung oder eine neuronale Fehlentwicklung. Es gab viele Möglichkeiten, weshalb die Frau gewalttätig geworden sein konnte, die Neurologen würden den Grund finden, vielleicht nicht sofort, aber irgendwann.

Das Gehirn war kompliziert und sie wussten immer noch nicht alles.

FIN


Yuriko Yushimata wurde als Distanzsetzung zur Realität entworfen. Es handelt sich um eine fiktionale und bewusst entfremdete Autorinnenposition, die über die Realität schreibt. Die SoFies (Social Fiction) dieses Bandes zeigen in der Zuspitzung zukünftiger fiktiver sozialer Welten die Fragwürdigkeiten der Religionen und Ersatzreligionen unserer Zeit. Teilweise sind die Texte aber auch einfach NUR witzig. Sie erschien im Oktober 2014 unter dem Titel „Religion Version 2.100“ und befindet sich im Archiv der HerausgeberInnengemeinschaft Paula & Karla Irrliche. Spiegelung & Verbreitung der Texte sind ausdrücklich gewünscht!


Foto: Artem Bali (Unsplash.com)


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