„Lasst uns massenhaft Medien anstatt Massenmedien schaffen.“

Gunther Aleksander ist politischer Philosoph, Humanist und Aktivist. Er engagiert sich als Redakteur bei Pressenza Brasilien und ist Produzent von QuatroV. Beim Europäischen Humanistischen Forum in Madrid sprach er mit Pressenza über die Bedeutung unabhängiger Medien, um den im Journalismus herrschenden Nihilismus gegen eine umfassendere Perspektive auszutauschen.

Aphorismus

„Wenn sie Massenmedien haben, werden wir massenhaft Medien schaffen.“

„Wenn sie Waffen tragen, werden wir uns mit Kameras bewaffnen.“

„Wenn sie Banken haben, werden wir auf uns gegenseitig zählen.“


Was für eine Rolle spielen unabhängige Medien? Wie können sie Inhalte für eine humanere und gewaltfreiere Kultur schaffen?

Der alternativen Presse kommt eine fundamentale Rolle zu. Sie muss neue Elemente und neue Perspektiven schaffen, und zwar genau deshalb, weil sie eben nicht in Abhängigkeiten verstrickt ist wie die kapitalistisch geprägten Medien. Wichtig dabei ist das Erstellen von neuen kulturellen Vorbildern, anstatt – so wie es die Mächtigen oder die, die die Macht anstreben, tun – lediglich die ‚kulturelle Hegemonie‘ zu diskutieren.

Gunther Aleksander. (Foto: Europäisches Humanistisches Forum)

Gunther Aleksander. (Foto: EHF)

Was die Hegemonie angeht, so handelt es sich dabei um einen Kampf der Versionen und den Versuch, eine ‚offizielle Version‘ zu installieren, die dann von der Mehrheit akzeptiert wird. Vorbilder und Blaupausen hingegen sind eine Art, um von den Mächtigen ‚verlassene‘ Freiräume zu nutzen, wo neue Ideen und Bilder entwickelt werden können, die als Inspiration und Modell für diejenigen dienen, die vom System vernachlässigt, verfolgt und diskriminiert wurden.

Dabei geht es nicht notwendigerweise um die Infragestellung des Informationssystems als solches, obwohl das auch sehr interessant wäre, sondern vielmehr darum, alternative Bilder und neue Modelle zu liefern, die all das, was bisher als ’soziale Wahrheit‘ akzeptiert wurde, auf positive und integrative Weise umwandeln und neu orientieren.

Wir müssen die nihilistische Herangehensweise des Journalismus gegen eine umfassendere Perspektive austauschen, die uns ein Fenster in die Zukunft öffnet, indem sie Konflikte neu definiert und den Blick auf kohärente und nachhaltige Bilder richtet. [1]

Wie können wir mit den unabhängigen Medien mehr Menschen erreichen?

Zuerst einmal müssen wir den Menschen zuhören und ihre Sorgen und Bedürfnisse ernst nehmen, heutzutage gibt es viele Möglichkeiten dazu. Entweder durch direkte Kommunikation von Angesicht zu Angesicht oder durch das Internet oder auch durch Umfragen. Wir können ‚unsere Antennen einschalten‘ und so ‚tief‘ in sie hineinhören, bevor wir dann ‚übertragen‘ und ‚verbreiten‘. Dadurch gewinnt der Inhalt an Resonanz und die Leute werden ihn auch eher teilen.

Heute gibt es viele Arten, die zweiseitige Kommunikation auszuweiten; bevor wir Inhalte produzieren, können wir recherchieren und versuchen, ‚zuzuhören‘, was die Menschen sagen und denken. Man kann zum Beispiel ‚Keywords‘, also Schlüsselwörter, verwenden, um zu sehen, wie Menschen im Internet suchen, die Kommentare herausfiltern, die die meisten Reaktionen hervorrufen, und sie dann als Aufhänger für eine Publikation benutzen.

Es ist wichtig, den Kern dessen zu erfassen, was die Leute sagen. Man kann das wie gesagt zunächst als Aufhänger nutzen, um es dann zu transferieren und die oberflächliche und irrationale Herangehensweise und Perspektive zu ändern, die die Leute oft haben. Das erhöht dann auch das Potenzial der ‚Viralisierung‘ einer Publikation.

Welche Informationen werden in den hegemonialen Medien nicht veröffentlicht?

Es gibt viele Themen und zahlreiche Initiativen, die nie veröffentlicht werden, entweder, weil sie gegen die ökonomischen Interessen derer sind, die die kapitalistischen Medien finanzieren oder weil sie einfach ignoriert werden, da sie nicht in den zentralen Räumen urbaner Ballungsgebiete stattfinden.

Die hegemonialen Medien haben fast immer eine materialistische und ökonomische Erklärung für alles, die aber nicht die kulturellen und existenziellen Aspekte von politischen und sozialen Konflikten berücksichtigt.

Ganz allgemein wird nicht über soziale Bewegungen berichtet, die als ‚Beispiel‘ oder ‚Modell‘ für kollektives Engagement von Menschen dienen könnten, die durch das kapitalistische System marginalisiert werden. Zudem wird auch nicht strukturell oder aus einem größeren Blickwinkel heraus berichtet, alles ist fast immer nur aus der direkten Umgebung heraus beleuchtet und spricht so auch nur temporäre, fragmentierte und unterhaltene Aspekte an, was es für die Menschen schwierig macht, eine kohärente und breitere Sichtweise dessen zu erhalten, was das publiziert wird. Es ist aus dem großen Zusammenhang gerissen.

Dem ist so auch aufgrund der aktuellen Formate neuer, zunehmend kooperierender Netzwerkmedien ohne bestimmten Schwerpunkt, Ausrichtung oder redaktionelle Linie. Die kohärente Antwort zu diesem Phänomen ist die Schaffung einer breiten Masse von Medien mit gemeinsamer Zielrichtung und konvergenten Informationsprozessen.

Zum Thema des Forums „Was uns verbindet“: Welchen gemeinsamen Vorschlag können wir für die Zukunft implementieren?

Wenn eine sinnvolle Zielrichtung fehlt, ist alles fragmentiert, unzusammenhängend. Wir schlagen deshalb eine multimediale Front vor, die ihre Identität und Autonomie bewahrt, und die redaktionelle Linien verfolgt, die mit der Schaffung einer menschlicheren Welt ohne Kriege und Grenzen einhergeht, einer neuen menschlichen Nation, in der die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte greifbare Realität wird, und zwar in allen Regionen des Planeten, auch in den Peripherien und ländlichen Gegenden. [2]

Zu diesem Zweck schlagen wir eine direkte und konvergente Kommunikation vor, gut durchdacht und recherchiert und basierend auf kurzen und prägnanten Präsentationen beispielhafter Projekte und Aktionen. Eine offene und flexible partizipatorische Front für alle Medien, ob klein oder groß, die frei zusammenkommen können, um ein neues kulturelles Bild für die Welt zu schaffen, die da kommt.

Wenn die Mächtigen von heute Massenmedien haben, können wir massenhaft Medien schaffen.

Was war Eure Beteiligung am Europäischen Humanistischen Forum?

Wir haben versucht, Antworten auf die Vorschläge des Humanistischen Forums im Arbeitsbereich Journalismus zu geben, indem wir den Unterschied zwischen dem Kampf um die kulturelle Hegemonie und der Schaffung von kulturellen Vorbildern, die nicht von den Mächtigen kontrolliert oder gestoppt werden können, aufzeigen.

Als Marielle Franco [3] in Brasilien ermordet wurde, wusste sie nicht, dass sie Samen und Frucht des Bodens war, den sie bereitet hatten, und dass sie sich auch weiterhin multiplizieren wird. Auf den Punkt gebracht: Anstatt Versionen von Geschichten aus den zentralen Räumen der üblichen Medien zu diskutieren, sind wir daran interessiert, massenhaft Medien zu schaffen, um solch inspirierende Beispiele zu verbreiten, die als Modell für eine bessere Zukunft dienen können.

In Brasilien tun wir das bereits seit 2015, indem wir mit der Produktionsfirma QuatroV zusammenarbeiten, wir publizieren auf Portugiesisch und haben zwischen 1 und 2 Millionen Aufrufe pro Monat. An die 20 ehrenamtliche Mitarbeiter von über 10 verschiedenen alternativen Medien arbeiten an der Produktion von circa 28 neuen Videos pro Monat mit.

Konkret schlagen wir vor, die audiovisuelle Produktion von Pressenza zusammen mit anderen alternativen Medien und sozialen Bewegungen durch das 4V Programm auszuweiten, indem wir zwei neue Studios eröffnen, eines in Chile in 2018 und ein weiteres in Spanien in 2019. Um dieses Projekt durchzuführen, haben wir ein Crowdfunding auf der QuatroV Webseite eingerichtet. Neben Spenden und Beiträgen von Menschen, die uns unterstützen, suchen wir auch ehrenamtliche Mitarbeiter, die mit uns und in Kooperation mit andern Medien kurze Drehbücher für Videobeiträge schreiben und wöchentliche TV Programme gemeinschaftlich produzieren.

Zudem werden wir 2019 bis 2020 auch den Aufbau von Nachrichtenredaktionen und zwei oder drei Live-Studios während der fünf Monate des Zweiten weltweiten Marsches für Frieden und Gewaltfreiheit unterstützen.


Redaktioneller Hinweis: Das Interview mit Gunther Aleksander wurde erstmals auf der Webseite des Europäischen Humanistischen Forums in Englisch, Spanisch und Französisch veröffentlicht. Bei unserem Kooperationspartner Pressenza erschien das Interview in deutscher Sprache. Es wurde aus dem Englischen von Evelyn Rottengatter übersetzt.


[1] Umgangssprachlich bedeutet Nihilismus die Verneinung aller positiven Ansätze. Allgemein wird mit dem Begriff eine Weltsicht bezeichnet, die die Möglichkeit jeglicher objektiven Seins-, Erkenntnis-, Wert- und Gesellschaftsordnung verneint.

[2] Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 auf www.humanrights.ch/de/internationale-menschenrechte/aemr/text/ [abgerufen am 19.06.2018]

[3] Marielle Franco (1979-2018) war Stadträtin in Rio de Janeiro, Mitglied der brasilianischen Partei Sozialismus und Freiheit (PSOL) und Präsidentin des Frauenausschusses des Stadtparlaments. Am 14. März 2018, wenige Tage nachdem sie Vorsitzende einer Kommission für die Aufklärung militärischer Interventionen in Brasilien geworden war, wurden sie und ihr Fahrer in ihrem Auto erschossen. Marielle Franco hatte sich vor ihrer Ermordung gegen Polizeigewalt und extralegale Hinrichtungen ausgesprochen. Die föderale Intervention des brasilianischen Präsidenten Michel Temer im Staat Rio de Janeiro im Februar 2018, die zum Einsatz der Armee führte, kritisierte sie offen. Die Ermordung Francos löste in Brasilien massive Proteste aus. Bei Kundgebungen wurde Gerechtigkeit und ein Ende der Gewalt im Land gefordert.


Fotos: Arièle Bonte (Unsplash.com) und Europäisches Humanistisches Forum (EHF).


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  1. wolfgang fubel 26. Juni 2018 um 12:47

    So lange die „Mächtigen “ die Medien kontrollieren, ist es Unmöglich an Freien und Unabhängigen Medien zu glauben. Wir müssen das System der Abhängigkeiten
    überwinden und die Diktatorischen Argenturen in die Wüste schicken, damit Sie dort
    lernen Korreckt und Hautnah zu berichten!

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    1. Machen wir Medien gleich selbst. Denn an uns selbst können wir immer glauben. Oder?!

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