Auf Arbeit #2: „Zentimeter“

Ein Beitrag von einer besorgten Fast-Food-Mitarbeiterin.

Ich hasse diese Kochstation. Ich. hasse. diese. Kochstation.

Sie steht nur aus einem einzigen Grund so weit hinten an der Wand: weil das „ordentlich“ aussieht. Das bedeutet, dass wenn du für sagen wir mal vier Stunden darüber hinweg hantieren musst, du dich konstant nach vorne beugst und deine Arme viel zu lang ausstreckst. Die Ergebnisse sind ein schlechter Rücken und RSI.[1]

Ich habe versucht, sie weiter nach vorne zu ziehen, wenn ich Schicht hatte und mir nichts dabei gedacht, weil es verdammt nochmal einleuchtend ist. Sie ist zu weit weg > Ich komme nicht dran, um meine Arbeit zu verrichten > Ich ziehe sie nach vorne.

Einmal kam meine Chefin vorbei, als sie weiter vorne stand und hat sie direkt wieder zurückgeschoben. „Warte, das geht für mich so nicht, ich bekomme davon Rückenschmerzen.“ Sie antwortete: „Bis jetzt hast du das nie erwähnt, also mach dir keine Gedanken darüber.“ Oh, cool, klar, das Gedankenmachen verursacht meine Schmerzen. Ich bin so ein Trottel. Ich hake nach wegen der Sache und sie sagt: „Ist mir egal. Das ist mein Laden. Ich mache, was ich will.“ So viel zu Gesundheit und Sicherheit.

In den darauffolgenden Wochen habe ich die Kochstation jedes Mal von der Wand weggezogen, wenn ich damit arbeiten musste. Normalerweise arbeite ich mit dem stellvertretenden Manager zusammen, der vor dem Zwischenfall mit der Chefin nie ein Problem mit dem Umstellen der Platte hatte. Jetzt allerdings nimmt er es mit nahezu religiösem Eifer persönlich auf sich, sicherzustellen, dass das Ding an der Wand stehen bleibt. Er gibt einen großartigen Dr. Jackyll and Mr. Hyde ab, wenn er zwischen Banalitäten wie „mmm, schmeckt gut, das Essen“ und „DIE KOCHSTATION WIRD NICHT BEWEGT!“ springt und das Ding wieder an die Wand knallt. Es ist lästig, aber ich verschiebe sie weiterhin.

Manchmal, wenn er um die Ecke geht, mache ich das Zentimeter für Zentimeter, nur um mich mit ihm anzulegen und mich dann taub zu stellen, wenn er anfängt rumzuschreien. Ein anderes Mal ziehe ich sie direkt zurück, wenn er sie verschiebt, es ist beinahe komisch.

Nach ein paar Wochen dieses Tauziehens beginnen sich die Dinge irgendwie zu organisieren. Ein Kollege, der sich mit mir zusammentut, fängt damit an, sie von der Wand wegzuziehen, aus Solidarität, denn er selbst arbeitet kaum damit. Wir gewinnen langsam an Boden. Etwas später finde ich heraus, dass eine weitere Kollegin es tut, weil sie gerne die Chefin schikaniert. Andere Mitarbeiter sagen, dass es besser ist, wenn das Ding weiter vorne steht.

Eines Tages komme ich zur Schicht und die Station ist (leicht) von der Wand weggerückt. Der stellvertretende Manager hat seinen Ton geändert und versucht, versöhnlich zu klingen: „Es macht mir nichts aus, wenn sie ein Stückchen weiter vorne steht, aber nicht zu viel.“ Natürlich weiß er besser über die Bedürfnisse meines Rückens Bescheid als ich selbst. Wir machen trotzdem damit weiter, sie nach vorne zu ziehen.

Einige Wochen später ist es ziemlich normal, dass die Station weiter vorne steht, zumindest wenn ich arbeite.

Es ist kaum dramatisch, aber es ist ein Sieg und für mich, aus mehreren Gründen, ein entscheidender.

Erstens denke ich, dass es gut veranschaulicht, warum Solidaritätsunionismus[2] notwendig ist – Gesundheit und Sicherheit sowie rechtliche Verantwortlichkeiten seitens der Chefin wurden strikt von ihr zurückgewiesen, weshalb das Handeln der ArbeiterInnen vor Ort die einzige praktikable Lösung darstellte.

Zweitens hat es meine KollegInnen an Bord geholt, und zwar interessanterweise aus unterschiedlichen Beweggründen. Einen aus Solidarität (Know The Union), andere deshalb, weil sie gesehen haben, dass Handeln etwas bewirkt (See The Union) und eine, weil sie es wertschätzt, wenn Menschen für sich einstehen (Fuck The Boss).

Drittens war es effektiv. Die Station steht jetzt weiter vorne, mein Rücken schmerzt nicht mehr und wir nehmen andere kleine Punkte aus dem Bereich Gesundheit und Sicherheit ins Auge, die wir auf die gleiche Weise ändern können.

Viertens, und das ist vermutlich der wichtigste Grund, war es ein Mikrokosmos-Fallbeispiel für die Art und Weise, wie wir das Organisieren in der IWW angehen.[3] Das An-der-Wand-stehen der Kochstation diente einfach nur der Machtdemonstration seitens des Managements und dazu, mich davon abzuhalten, die Arbeitsumgebung eigenmächtig zu verändern. Es erforderte direktes/kollektives Handeln, um dieses Problem zu lösen und es war entscheidend, dass dies nicht in geordneten Bahnen oder auf leichtem Wege verlief. Es gab keine offizielle Beendigung oder einen Sieg in dieser Sache. Die Chefs haben es einfach aufgegeben, die Station zurückzuschieben, nach langem Hin und Her. Darüber hinaus ist es unerlässlich, dass wir diesen neuen Standort weiter sicherstellen. Wenn wir das schleifen lassen, dann werden sie die Macht in dieser Sache wieder an sich reißen. Der Erfolg liegt in unserer kollektiven Stärke, nicht in irgendeiner Kraft von außen.


Redaktioneller Hinweis: „At Work“ ist eine neue unregelmäßige Serie von New Syndicalist, in der die Erfahrungen des Arbeitsplatzes, Momente der Selbstreflexion und andere Prozesse der Selbstbeobachtung im zeitgenössischen Kapitalismus erfasst werden. Der Beitrag erschien erstmals in englischer Sprache unter dem Titel „At work #2: Centimetres by Anxious fast food worker“ auf New Syndicalist. Wir danken New Syndicalist für die Zustimmung zur Übersetzung und Übernahme auf Neue Debatte.


[1] RSI oder Repetitive-Strain-Injury-Syndrom [https://de.wikipedia.org/wiki/Repetitive-Strain-Injury-Syndrom] beschreibt eine Verletzung durch wiederholte Beanspruchung/Belastung. [https://de.wikipedia.org/wiki/Repetitive-Strain-Injury-Syndrom].

[2] (orig.) solidarity unionism [https://en.wikipedia.org/wiki/Solidarity_unionism] bezeichnet eine Form der Arbeiterorganisation, wo die Arbeiter selbst Strategien formulieren und gegenüber den Unternehmen handeln, ohne dass ein staatlicher oder bezahlter Vertreter der Vereinigung/Gewerkschaft dazwischengeschaltet ist. Dies ist eine der Säulen des Anarchosyndikalismus. Organisationen, die dieses Modell nutzen, wie z. B. die Industrial Workers of the World [https://de.wikipedia.org/wiki/Industrial_Workers_of_the_World], erklären, dass diese Praxis, die Macht direkt in die Hände der Arbeiter zu legen, verhindert, dass sich eine unvermeidliche „Kruste aus Bürokraten“ innerhalb der Organisationen bildet. Andere Formen von Arbeiterorganisationen werden demnach als bureaucratic unionism („bürokratischer Unionismus“) bezeichnet und abgegrenzt. 

[3] Die Industrial Workers of the World (IWW), deren Mitglieder allgemein als „Wobblies“ bezeichnet werden, ist eine internationale Arbeitergewerkschaft, die 1905 in Chicago, Illinois in den USA gegründet wurde. Die Gewerkschaft verbindet die allgemeine Gewerkschaftsbewegung mit der Industriegewerkschaft, da es sich um eine allgemeine Gewerkschaft handelt, deren Mitglieder in der Branche ihrer Beschäftigung weiter organisiert sind. Die Philosophie und Strategie der IWW wird als „revolutionärer industrieller Unionismus“ beschrieben, mit Verbindungen sowohl zu sozialistischen als auch anarchistischen Arbeiterbewegungen.


Foto: Scott Madore (Unsplash.com); Bearbeitung Neue Debatte.

  1. Solidarität, die alle(s) mit einschliesst und nicht ausschliesst, wäre sinnvoller. Miteinander durch Argumente ergänzen, statt durch verhärtete Fronten und Machtdemonstrationen glänzen. Dieses gilt für beide Seiten.

    Aber so funktioniert unsere Welt nicht, es geht immer um Macht die verteidigt werden muss, nicht um ein menschliches Miteinander, um konstruktive Lösungen. Teile und herrsche.
    Das zieht sich wie ein roter Faden durch die Menschheitsgeschichte. Von ganz unten bis ganz oben und umgekehrt.

    Wenn der Wert eines Menschen durch Stärke, Titel und/oder Kapital definiert werden muss, wird das niemals zu Frieden führen. Wenn ich bin, so wie ich bin nicht ausreicht, um in einer Gesellschaft akzeptiert zu werden, wird es immer Neid, Gier und Klassenkämpfe geben.

    Der erkämpfte Mehrwert (Minderwertigkeitskomplex) eines Menschen lässt Gesellschaft/Miteinander scheitern. Er mag durchaus „erfolgreich“ sein, doch dieser Erfolg ist destruktiv. Ein gebauchpinseltes Ego mag zufrieden grunzen, aber es wird nie ruhig schlafen.

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