Hey, Du. Ich bin’s, die entfesselte Neugier!

Auf der Suche nach dem Neuen findet sich nicht nur in den Archiven mit Leichtigkeit auch das Vorgestern. Das ist leider unvermeidlich.

Hallo! Wie geht’s? Lange nichts von mir gelesen, was?!

Das hat Gründe. Du ahnst es: Es fand sich niemand, der zwischen Fußballhurra, Europabeschwörung und Flüchtlingshetze noch die Nerven aufbrachte, mich, also diesen harmlosen Text über die Neugier, in Buchstaben, Sätze und Absätze zu bringen. Jetzt hab ich einen von diesen Faulpelzen und Drückebergern erwischt.

Neu und Gier: Die Gier nach dem Neuen, nach dem Unbekannten, nach dem, was es zu entdecken gibt. Darum geht’s. Und das sind bestimmt nicht die verschobenen Halswirbel eines Kickers oder die Untergangsfantasien eines verhinderten Lagerleiters. Ups … Wen ich meine? Diesen Horst natürlich. Den Hohepriester der Reinheitsnation.

Du erinnerst Dich doch … Na, fällt der Notgroschen? Genau! Die 80er Jahre. Die Angst vor Aids schlich durch die weltoffene Vorzeigedemokratie, diesem Bollwerk gegen den Feind im Osten. Die Debatte schwankte zwischen medialer Panik und innenpolitischer Pestilenz.

Die Aufgeklärten zogen sich schließlich Gummis über ihr Gemächt, die Fanboys der unbefleckten Empfängnis, einem religiösen Vorzeigeprojekt in der ewig rückständigen südlichen Provinz der einst von Preußen und der bürgerlichen Einheitsbewegung zusammengeschusterten Nation, siedelten ihr Verhüterli drei Schritte entfernt von der Endlösung an:

Vorladung von allen Ansteckungsverdächtigen zum Aids-Test, zwangsweise Vorführung durch die Polizei, Gesundheitsuntersuchung von „Zugereisten“ aus Nicht-EG-Staaten und so ’ne Art „Wohnprojekte“ für Aids-Positive und Aids-Kranke. Dieser Horst sprach von „speziellen Heimen“, wo sie, man beachte die Parallele zur 1000-jährigen Geschichte, konzentriert werden.

Jaja, so war das damals. Die ewig Gestrigen durften systemtragend hetzen. War natürlich alles nicht so gemeint, musste ja aber sein, weil es doch um den Schutz des Volkskörpers ging.

Das kannst Du alles nachlesen. Das ehemals kritische Nachrichtenmagazin Spiegel hat dazu noch einiges im Archiv. Wird heute aber nicht mehr groß promotet. Es wäre ja auch noch schöner, dem gestrigen Horst – in Partei und Parlament nennen sie den auch Kollegen oder gerne mal Freund – den Spiegel der Vorgestrigkeit vorzuhalten.

Naja, verzeih mir diesen Abstecher ins Braune. Aber es ging ja um entfesselte Neugier, und da darf der Blick in den gesellschaftlichen Abort nicht schrecken, selbst wenn in dessen endlosen Tiefen der Volkssturm der Unkultur auf einen wartet.

Ja, ich gebe es zu: Die Gedanken zum Horst flossen ruckzuck in die Tastatur, wie eine Axt, die in ’ne uralte deutsche Eiche rauscht. 1, 2, 3 … da fällt sie um. Der Stamm aus Parteien, Medien und politischer Administration klingt wie erwartet an vielen Stellen hohl. Da ist überall irgendwo der Horst drin.


Foto: Marten Newhall (Unsplash.com)


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  1. An dem Fazit ist was dran. Der Stamm ist angefault.

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