Money Gun Woman. (Foto: Marco Xu, Unsplash.com)
Mit welchem Recht dürfen Vorteile, die nicht durch eigene Leistung entstanden sind, beansprucht werden?

Wir alle kommen auf die Welt als kleiner Wurm, der ganz von seiner Umgebung abhängig ist. Der eine oder andere hat natürlich das Glück, dass seine Umgebung es erlaubt, von Anfang an günstige Bedingungen für seine Entwicklung vorzufinden. Dieser Vorzug sollte allen Neugeborenen zugestanden werden, dann gäbe es die ideale Welt.

Wenn das Verhalten fast aller Menschen in der (bevorteilten) westlichen Welt nun nicht so materialistisch geprägt wäre, scheint es nicht ausgeschlossen, dass das Miteinander eine Form annehmen könnte, die ganz stark von der heutigen Vorstellung vom „guten Leben“ abweicht, weil das Vorteilhafte allen Menschen zugestanden wird.

Persönlichkeit und Wohlstand

Nehmen wir einmal an, dass, beginnend bei einer Verehrung der Vorfahren, alles Denken einen anderen Weg nehmen würde. Bei der Erziehung würde eine Demut gegenüber der Natur und der Erde vermittelt. Warum ist diese Denkweise nicht wie eine Religion, der sich alle Menschen ohne Ausnahme unterordnen?

Eine Hochachtung vor den Vorfahren, dies scheint logisch, sollte zur Selbstverständlichkeit gehören. Diese haben schließlich den Lebensstandard für die Nachkommen und somit auch für die heute lebenden Menschen vorbereitet. Außerdem hat die Familie, die Nachbarschaft und auch die weitere Umgebung viel zur Bildung der Persönlichkeit und des eigenen Wohlstandes beigetragen.

Es muss uns allen klar werden, was die Erde uns alles kostenlos zur Verfügung stellt. Somit ist in dieser ganzen Abfolge der eigene Beitrag für jeden von uns immer nur ein kleiner Bruchteil dessen, was ihm zusteht. Alles ist letztlich Ergebnis von gemeinschaftlicher Anstrengung und Leistung. Daraus lässt sich ableiten, dass sich Einkommen zwar durchaus unterscheiden können, auch um Anreize zu setzen, aber sich eben nicht zu stark unterscheiden dürfen, weil ein erzieltes Ergebnis immer die Summe vieler Einzelleistungen abbildet.

Bertolt Brecht schrieb in Fragen eines lesenden Arbeiters:

„[…] Der junge Alexander eroberte Indien. Er allein? Cäsar schlug die Gallier. Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?“

Leistung, objektiv durch eine Gemeinschaft erbracht, wird individualisiert. Ein Grund, warum die Einkünfte in der Gegenwart riesige Unterschiede aufweisen. Das muss sich kurzfristig ändern, kann diese Schere der ökonomischen Ungleichheit doch nur als Ausbeutung oder Unterdrückung definiert werden.

Es besteht gar kein Grund, große Unterschiede im Einkommen zuzulassen, und schon gar nicht, um Supereinkommen zu erzielen. Diese tragen zur Schädigung von Natur und Erde bei. Wer viel und noch mehr haben will, also viel, viel mehr als gebraucht wird, der muss zerstören.

Kriege sind eine Folge dieser Zustände und wären wohl bei einer anderen Art des Denkens über Leistung und Verteilung ausgeschlossen. Allein aus ethischen Gründen und dem Verlangen nach Selbsterhaltung sollte entfesselter Gewalt eine klare Absage erteilt werden.

Obzönitäten und Sinnlosigkeiten

Wieso wird eigentlich den Finanzoligarchen zugestanden, für ihren teils durch Erbschaft erworbenen Besitz, leistungslos Zinsen zu erhalten? Ein anderes Beispiel sind Events, bei denen den Vortragenden Beträge zugestanden werden, die nicht der Einzelleistung entsprechen. Wenn ein ehemaliger US-Präsident 400.000 Dollar für einen Vortrag erhält, dann ist dies nicht marktkonform oder angemessen, sondern schlicht obszön. [1]

Die privaten Reisen zur Zerstreuung oder der Besitz von Megayachten, die dem staunenden „Volk“ zum Beispiel bei der Monaco Yacht Show vorgeführt werden, sind Ausdruck sinnloser Verschwendung von wertvollen Ressourcen. Nebenbei wird den Wenigen, die sich diese Yachten leisten können, erlaubt, die Leistung anderer Menschen auszunutzen, da diese die Sinnlosigkeiten bauen und warten müssen, weil sie abhängig sind von Erwerbsarbeit. [2]

Dass große Erfindungen, die allen Menschen dienlich seien könnten, durch Patente abgesichert und dem freien Zugriff der Gesellschaft entzogen werden, ist ebenso unverständlich. Nur durch die Abfolge der Geschehnisse, also der Sozialisation, der Bereitstellung von Bildung und Ressourcen durch die Gesellschaft und schließlich der optimalen Umgebung, war es möglich, diese Erfindung überhaupt zu machen.

Ähnliches gilt für leitende Posten in Betrieben oder in den Regierungen. Die Verantwortung der Regierungsmitglieder soll darin liegen, eine richtige gesellschaftspolitische Entscheidung zu treffen. Deshalb besteht jedoch kein Grund für ein gesteigertes Einkommen, denn die Entscheidung selbst ändert erst einmal nichts. Erst wenn die Organisationen und am Ende jeder einzelne Mensch diese Entscheidung umsetzt, wird sie Realität. Und diese ist eine Gemeinschaftsleistung.

War eine Entscheidung aber falsch, so wird nicht selten die Verantwortung allein dadurch beendet, dass derjenige, der daneben lag, zurücktritt oder zum Rücktritt gezwungen wird. Das ist alles.

Leistung und Abhängigkeit

Noch einmal eine Grundfrage: Mit welchem Recht dürfen Vorteile, die nicht durch eigene Leistung entstanden sind, beansprucht werden?

Vorteile entstehen durch die Verneinung der Gemeinschaftsleistung und der Überbetonung des Konkurrenzgedenkens. Gerade dieses kann als negative Lebensbetrachtung angesehen werden, bedeutet es doch, sich Vorteile auf Kosten anderer Menschen zu verschaffen, die sich in Abhängigkeit befinden oder in Abhängigkeit gebracht werden müssen. Das ist unsozial.

Deshalb ist das Zugeständnis an das Lebensnotwendige und an gesellschaftliche Teilhabe aber nicht als Vorteilsnahme zu bewerten. Würden Konkurrenz und Abhängigkeit ausgeschaltet, müsste unbestreitbar jedes Ergebnis geteilt werden nach der erbrachten individuellen Leistung und – im Sinne der gesellschaftlichen Verantwortung – nach sozialer Bedürftigkeit.

Mensch, Umwelt und Kollektivismus

Wenn die Menschen die Erde und die Natur für ihre Nachkommen erhalten wollen, so sind sie gezwungen heute damit zu beginnen ein ethisches Denken zu prägen. Die Menschheit hat letztlich nur diese eine Erde und muss so schonend wie möglich mit ihr umgehen. Die Menschheit muss sehr schnell umlernen und wieder menschlich denken. Das einseitige Streben nach Materiellem und nach Geld ist kein Ersatz für eine zerstörte Natur, die uns hilfreich zur Seite stehen kann, wenn sie gelassen wird.

Pessimisten oder Fatalisten, die glauben, Menschen seien von Grund auf egoistisch und lassen sich weder überzeugen noch ändern, wird es immer geben.

Da bleibt zu hoffen, dass die Mehrheit die Notwendigkeit eines sinnvollen Miteinander erkennt und alles versucht, gemeinschaftliche Lösungen zu unterstützen. Sonst ist voraussehbar, dass die Erde die Menschheit nicht verkraften wird und sich dieser Spezies entledigt.

Die Menschheit ist gut beraten, wenn sie erkennt, wie abhängig jeder von jedem ist und damit beginnt, eine Zukunft zu gestalten, in der an die Stelle des rücksichtlosen Individualismus ein verantwortungsbewusster Kollektivismus rückt, der den Bedürfnissen von Mensch und Natur gerecht wird.


Quellen und Anmerkungen

[1] Honorar für eine Rede – Obama kassiert 400.000 Dollar für Besuch bei den „fat cats“. Artikel auf www.spiegel.de/wirtschaft/barack-obama-kassiert-400-000-dollar-fuer-rede-vor-wall-street-bankern-a-1144856.html [abgerufen am 30.06.2018]

[2] Der Begriff Megayacht hat sich für Yachten mit einer Länge von mehr als 60 Metern (ca. 200 Fuß) etabliert. Zwischen diesen und den „normalen“ Yachten (bis zu 24 Meter Länge; 80 Fuß) liegen die Superyachten. Gigayachten sind über 100 Meter lang. Bekannte Messen für Mega- und Superyachten sind die Monaco Yacht Show, die Fort Lauderdale International Boat Show und die Internationale Bootsausstellung Düsseldorf.

Fotos: Marco Xu (Unsplash.com) und Claus Meyer (Privat).

Claus Meyer (Jahrgang 1930) befasst sich vor allem mit den Themen Gemeinwohl, Geldsystem, bedingungsloses Grundeinkommen und direkte Demokratie. 2017 verfasste er das Buch "Mensch bleiben: Warum machen Menschen sich ihr Leben so schwer".