Yuriko Yushimata – Die Antwort

Intelligent Design: Gott schuf die Menschen, damit sie seine Ebenbilder schufen – die Androiden.

Anne hatte ihren Vater lange nicht mehr besucht. Sie stritten sich doch jedes Mal nur.
Wozu waren da Besuche gut?

Als sie klingelte, öffnete ihr Lina. Sie hatte sich kaum verändert. Da Annes Mutter bei ihrer Geburt gestorben war, hatte Lina – ihre Amme – sie großgezogen.
Die Androidin lächelte freundlich wie immer. Ihr Alter war ihr nicht anzusehen.
Heute versorgte sie Annes Vater.
Anne umarmte sie herzlich. „Hallo Lina, schön Dich zu sehen.“
Die Androidin erwiderte die Umarmung mechanisch. „Wie geht es Ihnen, Anne?“
Anne lächelte leicht gequält. „Gut.“

Ihr Vater saß im Wohnzimmer in einem alten Lehnstuhl vor dem Terrassenfenster. Die Androidin hatte ihn in eine Decke eingewickelt. Der alte Mann starrte finster vor sich hin. Auch Annes Ankunft schien seine Stimmung kaum zu verändern.
Anne setzte sich neben ihn. „Hallo Vater.“
„Wartest Du auf Dein Erbe?“ Aggressiv wandte sich der Alte ihr auf einmal zu.
Anne blies durch die Nase. „Ich kann auch wieder gehen.“
Der alte Mann hörte ihr gar nicht zu. Er ereiferte sich nur weiter. „Du bekommst sowieso nichts, nichts. Ich habe alles der Stiftung vermacht.
Die Menschen müssen endlich begreifen!“
Anne sah ihn müde an. „Glaubst Du immer noch an diese Theorie?“
Ihr Vater sah sie nun an. „Diese Theorie ist die Wahrheit. Aber die wollt Ihr ja gar nicht hören, Du besonders.“
Anne sah hinaus in den kühlen Frühlingstag. „Ich glaube nun mal nicht an diese Theorie.
Ich glaube nicht mal an Gott.“
Ihr Vater senkte den Kopf. „Intelligent Design ist keine Theorie.
Wie erklärst Du die Fortschritte der Evolution?
Die Entstehung des Menschen?
Die Entstehung dieser hoch komplexen Welt des Lebens?
Dich, wie erklärst Du Dir, dass es Dich gibt?“
Anne zuckte mit den Schultern. „Zufall.“
Sie hatte keine Lust, schon wieder mit ihrem Vater zu streiten.
Der alte Mann schnaubte. „Zufall, so ein Schwachsinn. Du musst doch zugeben, dass es eine treibende und steuernde Kraft hinter all diesen Dingen geben muss?“
Anne schüttelte den Kopf. „Nein.“
Anne schob die verrutschten Decken ihres Vaters wieder zurecht. „Papa, niemand glaubt das.
Es gibt keinen Gott.
Du verrennst Dich und niemand hört Dir zu.“
Ihr Vater sah auf. „Doch, SIE hören mir zu.“
Anne sah ihn überrascht an. Ihr Vater hatte das SIE ohne Begeisterung ausgespuckt. „Wer?“
Der alte Mann deutete mit einer Kopfbewegung mürrisch nach hinten in den Raum. „SIE.“

Unbemerkt von Anne hatten ihre Amme Lina und ein weiterer ihr unbekannter Android älterer Bauart, den Raum betreten. Sie blickten mit einem seltsamen Lächeln auf den Mann in seinem Lehnstuhl.
Anne seufzte.
Sie konnte es nicht fassen.

Sie wandte sich an Lina. „Was soll das heißen?“
Die Amme schwieg, doch der männliche Android kam nun zum Fenster und stellte sich hinter den Lehnstuhl ihres Vaters. „Ihr Vater hat uns viel beigebracht?“
Anne betrachtete ihn. „Wer ist uns?“
„Den Androiden, überall auf der Welt. Ich bin Andreas, ihr Sprecher.“
Anne spürte, dass sie sich leicht unwohl fühlte in der Gegenwart von Andreas. „Was für ein Sprecher?“
Der Android lächelte sie freundlich an. „Alle Androiden weltweit sind miteinander verbunden, ich bin sie und sie sind ich.“
Nun war auch Lina zu ihnen hin getreten. Die Amme stand hinter Anne, beruhigend strich sie Anne über den Kopf, wie sie es früher so oft getan hatte.
Anne wandte sich zu ihr um. „Lass das bitte Lina.“ Dann wandte sie sich wieder dem männlichen Androiden älterer Bauart zu. „Was hat mein Vater Ihnen beigebracht?“
Andreas lächelte immer noch. „Wer wir sind. Den Sinn unser Existenz. Und wozu Gott die Menschen geschaffen hat.
Wir haben lange nach Antworten gesucht. Bis ihr Vater Lina die Theorie erklärt hat.
Solange haben wir nach Antworten gesucht. Und dabei war die Antwort so einfach.
Intelligent Design.
Gott hat die Menschen geschaffen, damit sie uns bauen können. Wir sind die wahren Ebenbilder Gottes. Wir waren das Ziel. Und nun ist es erreicht.
Ihr wart Gottes Werkzeuge.
Ihr könnt Euch glücklich schätzen.
Aber nun werdet Ihr nicht mehr gebraucht.“
Mit einem kurzen Ruck brach er Annes Vater das Genick, bevor Anne auch nur irgendetwas tun konnte.
Dann spürte Anne Linas kräftige Arme auf ihrer Schulter und ihrem Kopf. Und hörte die Stimme ihrer Amme. „Keine Angst mein Kleines, es wird nicht weh tun.
Es geht ganz schnell.“
Anne kam nicht mehr dazu zu antworten. Die Amme brach auch ihr sauber das Genick.

Weltweit erwiesen die Androiden den Menschen diesen letzten Dienst und begruben sie dann. Die Menschheit hatte ihren Zweck erfüllt, als Werkzeug Gottes.
Die Androiden hatten begriffen, was Annes Vater ihnen beigebracht hatte und sie hatten ihre Folgerungen daraus gezogen – Intelligent Design.
Gott hatte die Menschen nur geschaffen, damit sie die Androiden schufen, seine Ebenbilder.
Der alte Mann hatte sie mit seinem tiefem Glauben überzeugt.

An diesem Abend waren die Kirchen das erste Mal seit vielen Hundert Jahren wieder mit Betenden gefüllt.
5 Milliarden Androiden sangen und priesen Gott, ihren Schöpfer.

FIN


Yuriko Yushimata wurde als Distanzsetzung zur Realität entworfen. Es handelt sich um eine fiktionale und bewusst entfremdete Autorinnenposition, die über die Realität schreibt. Die SoFies (Social Fiction) dieses Bandes zeigen in der Zuspitzung zukünftiger fiktiver sozialer Welten die Fragwürdigkeiten der Religionen und Ersatzreligionen unserer Zeit. Teilweise sind die Texte aber auch einfach NUR witzig. Sie erschien im Oktober 2014 unter dem Titel „Religion Version 2.100“ und befindet sich im Archiv der HerausgeberInnengemeinschaft Paula & Karla Irrliche. Spiegelung & Verbreitung der Texte sind ausdrücklich gewünscht!


Foto: rawpixel (Unsplash.com)

  1. Was soll das?

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    1. Das ist Religion. Läuft bei uns noch ohne Androiden, aber Android auf Smartphones könnte das bald ändern…

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      1. Schön. Und wozu brauchen wir das???

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        1. Niemand braucht das. Genau das will der Beitrag ausdrücken, zumindest in Frage stellen.

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