Vorurteile: Achtung, Ansteckungsgefahr!

Zunächst nicht so sehr aus medizinischer Sicht, obwohl die Sache in Deutschland in jüngeren und ferneren Jahren mehrfach tödlich endete, wie beispielsweise in der Stadt Essen.

Es geht um bestimmte Vorurteile gegenüber Emigranten und fremden Ländern!

Der Hintergrund

Die Zahl von weltweit 68,5 Millionen Flüchtlingen macht schon Angst in unserer begrenzten Heimatwelt. Sie könnte sich vergrößern, wenn Flüchtlinge von Klimakatastrophen hinzukämen. Die zwei hauptsächlichen Fluchtursachen sind bekannt; von Wissenschaftlern und Politikern vorhersehbar und berechenbar.

Der Krieg als erste Ursache wäre eigentlich vom menschlichen Vermögen her relativ schnell per Verbotsgesetze und Sanktionen reduzierbar. Die Lieferung kriegsfähiger Waffen, Munition und logistischer Leistungen gehört auf eine Verbotsliste. Für chemische und atomare Waffensysteme sind kontrollierbare Verbote schon in Kraft. Scheinheilige westliche Firmen sollten auch die Lieferung von seegängigen Schlauchbooten einstellen.

Die Aussichten, vorhandene Verbote zu erweitern, sind gering. Produktion, Handel, die Wertschöpfung gehören schließlich zu den systemischen Grundelementen des profitgetriebenen Systems. Die zweite, eine wirtschaftliche Fluchtursache, wird ebenfalls von den westlichen Industrieländern hineingetragen. Sie hat gleichfalls systemischen Charakter.

Es ist bedenklich, wie umfänglich die Bereiche der wirtschaftlichen Daseinsvorsorge der Länder Afrikas, Asiens und Lateinamerikas in den Händen ausländischer Entscheider liegen. Dazu gehören die Ernährung, die Arbeitsplätze zur Sicherung eines würdigen Lebens, Bank- und Versicherungswesen, Finanzquellen der Staaten. Teilnahme am internationalen Handel. Die aus der Kolonialzeit stammende Asymmetrie im internationalen Warenaustausch wirkt zu Lasten der unterentwickelten Länder.

Wirkungen

Vorurteile helfen, die Schuldfrage der Fluchtursachen auf die Emigranten zu verlagern. Die Art der Medienberichterstattung und die Lösungsansätze der Politiker haben daran ihren Anteil.

Die Vorurteile der Normalbürger werden aus verschiedenen Quellen gespeist, wobei religiöse Vorbehalte gesonderte Bewegründe haben. Es ist die allgemeine Angst vor Fremden, die mangelnde eigene Aufklärung, die Rolle der Medien. Epidemisch und tödlich können sich Vorurteile entwickeln, wenn sie politisch instrumentalisiert werden.

Schon unsere Urgroßeltern wurden mit Vorurteilen ausgestattet: Der „Franzose“ sei schlecht. Unsere Eltern und wir hören von der Politik und den Medien, dass der „Russe“, der „Chinese“, der „Nordkoreaner“, der „Italiener“, überhaupt die Bewohner der Südländer usw. nicht unsere Werte besitzen. Der unheilvolle Antisemitismus hat in Deutschland tiefe Wurzeln, die bis zum mörderischen Totschlag durch die Nazis führten.

Vorurteile stecken in den Köpfen der Bevölkerung und der Politiker, beispielsweise der CSU. Anders sind der angekündigte Masterplan und die Ankerzentren nicht zu erklären, die vom Geist geprägt sind: „Möglichst keinen reinlassen, möglichst die, die reingekommen sind, schnell abschieben“. Das Wort Solidarität kommt im Wortschatz des Innenministers nicht vor.

Die Tragödien der Flucht setzen sich fort. Es ist ein Moralverfall, dass die sogenannte „Achse der Willigen“, von Bayern, Österreich, Ungarn über, Italien usw. die Aufkündigung der Werte als Erfolg verbucht und den Flüchtlingen die Hafeneinfahrten der Aquarius der Lifeline verweigern.

Bis 2016 verschärfte die EU ihr Überwachungssystem Frontex an den Landesgrenzen und Küsten. Humanistisch gesinnte Politiker Lateinamerikas kritisierten die Maßnahmen mit Hinweis auf die über 110.000 europäische Exilanten, die vor dem Terror der Nazis flohen. [1]

Auswege

Im Vorurteil sind ansteckende Keime enthalten, die unter bestimmten Umständen zum massenhaften Hass führen können. 2003 hat Peter Ustinov ein empfehlenswertes Buch geschrieben. Titel: „Vorsicht Vorurteile“ (Rowohlt Taschenbuchverlag). Darin beschreibt er die Absurditäten vieler Vorurteile und macht auf Gegenmittel aufmerksam; zum Beispiel die Toleranz und Bildung. Menschliche Eigenschaft, die unser Zusammenleben entspannter gestalten könnten.

Zu erinnern sei an das Mailänder Toleranzedikt von 313, dass die Religionsfreiheit im römischen Reich verkündete und das Töten aus Glaubensgründen im Römischen Reich über lange Zeiten ein Ende setzte. Das Potsdamer Edikt Friedrich des Großen von 1685 war gleichfalls segensreich. Er verkündete, dass jeder nach seiner Fasson selig werden sollte und ermöglichte damit den geflüchteten französischen Hugenotten einen für beide Seiten segensreichen Aufenthalt in Preußen. [2]

Der Stand der politischen Debatte zur Flüchtlingsfrage lässt den Schluss zu, dass dauerhafte Lösungen im humanistischen Sinne noch nicht zur Entscheidung stehen.


Über den Autor: Günter Buhlke ist Jahrgang 1934 und Dipl. Volkswirtschaftler. Er studierte an der Humboldt Universität und der Hochschule für Ökonomie Berlin. In den 1960er und 70er-Jahren war Buhlke international als Handelsrat in Mexiko und Venezuela tätig und Koordinator für die Wirtschaftsbeziehungen der DDR zu Lateinamerika. Später Vorstand einer Wohnungsgenossenschaft, Referent im Haushaltsausschuss der Volkskammer und des Bundestages und von 1990 bis 1999 Leiter der Berliner Niederlassung des Schweizerischen Instituts für Betriebsökonomie. Günter Buhlke ist verheiratet, lebt in Berlin und engagiert sich ehrenamtlich. Sein Beitrag erschien erstmals bei unserem Kooperationspartner Pressenza.


[1] Wolfgang Kießling: Exil in Lateinamerika (Reclam, Leipzig, 1980). 

[2] Die Mailänder Vereinbarung ist die Bezeichnung für eine im Jahr 313 zwischen den römischen Kaisern Konstantin I., dem Kaiser des Westens, und Licinius, dem Kaiser des Ostens, getroffene Vereinbarung, die „sowohl den Christen als auch überhaupt allen Menschen freie Vollmacht [gewährte], der Religion anzuhängen, die ein jeder für sich wählt“. Eine geläufige Bezeichnung für diese Vereinbarung ist auch Toleranzedikt von Mailand (bzw. Edikt von Mailand u. ä.).


Foto: Andhika Soreng (Unsplash.com).


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