Auf Arbeit #3: „Schuld“

„Ich produziere Schuld.“

Manche Menschen machen Kaffee, manche reparieren Autos oder verpacken gefrorenes Essen, ich aber produziere Schuld.

Mein Arbeitsplatz gleicht einer ausufernden industriellen Boomtown. Stapel aus unkorrigierten Heften wachsen empor und füllen ihre Skyline. Die jüngsten Begutachtungsobjekte rangeln um die besten Plätze. Probeklausuren der 8. Klasse, Kursarbeiten als Mittel der Moderation, alle kämpfen darum, Premium-Immobilien zu sein. Sie sind über der Tastatur drapiert, verdecken den PC-Bildschirm, füllen prekär eine Lücke zwischen „Black Peoples of the Americas“ und der unbeweglichen Einrichtung. Erfolgreicheres wird heftig mit mehreren bunten Post-It-Notizen geschmückt, die Unmittelbarkeit und Aufmerksamkeit befehlen – DEADLINE NÄCHSTEN FREITAG.

Mein E-Mail-Postfach rotiert und das Fenster scrollt nach unten mit endlosen Anfragen nach mehr Daten, mehr Aufmerksamkeit, mehr Einsatz und mehr Zeit. Es stockt und fließt wie eine wuselige Großstadt-Kreuzung. Manchmal innehaltend, aber nie ganz stillstehend. Bist du schon dazu gekommen, deine Interventionen zu beurteilen? Warum hast du James’ SEN-Passport [1] noch nicht zurückgebracht, die Rückgabefrist ist schon abgelaufen? Rachel ist heute nicht da, könntest du dich darum kümmern, dass es Ersatz gibt und der Supervisor unterstützt wird?

Rote Stifte, blaue Stifte, schwarze Stifte und lila Stifte für die Hinweise an die Schüler. Wie lange ist es her, dass du diesen Stapel Hefte der 6. Klasse als dringend markiert hast? Wenn du zwei Kisten mit nach Hause nimmst, dann kannst du vielleicht den Sonntag durcharbeiten und ein wenig aufholen. Ich gebe sie ihnen nach dem Halbjahr, ich muss nur sicherstellen, dass diese neuen Unterrichtseinheiten fertig sind.

KRISE. E-Mail-Betreff – „Arbeitskontrolle“. (Keine Panik). Kann ich alle deine Hefte der 8. Klasse heute Abend haben? Scheiße. Scheiße. SCHEISSE. Ich habe mich in der letzten Woche durch die 7. Klasse gearbeitet. Ich werde das wohl einfach bei meinem nächsten Kontrollmeeting mit Fassung tragen müssen.

Feierabend. Brauch ’ne Pause. Ich muss den Klassensaal verlassen, und sei es nur für fünf Minuten. Drei weitere Gefallen werden auf dem Flur von mir verlangt. Hast du meine E-Mail bekommen? Ja, klar kann ich dir dabei helfen. Nein, ich bin heute sowieso bis spät hier. Ich such mir einen anderen Arbeitsplatz. Er sieht meinem sehr ähnlich. Wie lief deine letzte Überprüfung? Ich bin genauso sehr hinterher mit meinen Korrekturen. Ich muss übers Wochenende aufholen. Das fühlt sich ein wenig zu vertraut an. Diese freien Tage, die zu Arbeitstagen werden. [2]

Ich muss ein echt mieser Lehrer sein. Jeder andere wäre in der Lage, seine Arbeitsbelastung zu bewältigen. Ich brauche nur einen Aktionsplan, eine neue Liste, ein bisschen mehr Vorbereitung. Ich werde am Montag drei Extrastunden einschieben und den Rest der Woche die Mittagspause durcharbeiten. Damit sollte alles wieder unter Kontrolle sein. Es ist nur eine Frage von Zeit und Einsatz, oder? Das erzählen wir doch den Schülern und man soll immer mit gutem Beispiel vorangehen.

Einige Menschen lehren. Ich produziere Schuld.


Redaktioneller Hinweis: „At Work“ ist eine neue unregelmäßige Serie von New Syndicalist, in der die Erfahrungen des Arbeitsplatzes, Momente der Selbstreflexion und andere Prozesse der Selbstbeobachtung im zeitgenössischen Kapitalismus erfasst werden. Der Beitrag erschien erstmals in englischer Sprache unter dem Titel „Guilt“ auf New Syndicalist. Wir danken New Syndicalist für die Zustimmung zur Übersetzung und Übernahme auf Neue Debatte.


[1] SEN Passport Cards sind eine Art Schulreisepass in Form von Karteikarten, mit denen Schüler ihre Vorlieben und Abneigungen sowie Informationen über ihre Leistungen und Einschätzungen mitteilen können. 

[2] (orig.) Is’s a busman’s holiday; Redewendung (brit.) = Urlaubstage, an denen man wie sonst arbeitet. 


Foto: Nik Shuliahin (Unsplash.com)


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