Ein Schloss – Teil 1

Eine Kurzgeschichte in Stücken: Liebe findet man nicht. Liebe kann man zwar suchen, aber man findet sie nicht. Sie begegnet uns. Verborgen vor unseren Blicken, die nur materielle Masken sehen, bis wir es schaffen, uns das Licht zu nehmen und materielle Blindheit finden.

Müsste ich meine jetzige Stimmung auf Teufel komm raus beschreiben, würde ich sie als melancholisch beschreiben. Vielleicht auch nachdenklich und die Seele etwas verloren. Warum weiß ich nicht. Mir geht es doch ganz gut: Ich habe einen Job, ein Dach über dem Kopf, kaum familiäre und freundschaftliche Pflichten, um die ich mich kümmern müsste. Also ich kann eigentlich vieles tun, wonach mir der Sinn steht und doch hänge ich meine Gedanken an diesem Schloss auf.

Es ist schlicht, silbern, quadratisch. Ich drehe und wende es mit meinen Fingern. Sehe den Lichtreflexen beim Tanzen zu. Ich habe kaum Verpflichtungen, es wollen ziemlich wenige Menschen etwas von mir und das ist mir ganz recht. Ich trainiere mich, mir selbst zu zuhören. Etwas sehr nützliches in den schlechten Momenten und eine sehr rare Natur unter den Menschen generell. Zuhören ist kein Hauptfach im Stundenplan der derzeitigen Lebensschule.

Wenn ich es mir selbst geben kann, bin ich schwerer zu enttäuschen, wenn die wichtigen Personen nicht fragen. Obwohl ich mich frage, immer wieder und das mit kritischem Recht, ob es an mir liegt. Dass kaum jemand an meine Weltentür klopft und fragt. Aber die vertraute Stimme in mir sagt immer Nein: „Die Menschen sind noch nicht so weit zu fragen und du noch nicht die Geschichten zu erzählen.“

Das Knirschen von Schritten schreckt mich aus meinem Elfenbeinturm. Ich drehe mich um und sehe eine junge Frau auf dem Fußweg vorbei gehen. „Na, die ist auch in Gedanken. Registrieren tut die uns nicht.“ – Wie immer. – Irgendetwas fasziniert mich an ihr. Ich sehe ihr zu, wie sie langsam an dem Rund aus kleiner Mauer, Parkbänken und Grünfläche weiter dem Flussverlauf folgt. „Das ist der Vorteil. Unwahrnehmbar … nein das stimmt so auch nicht. Manche nehmen uns wahr und haben Blicke …“ Ihr Gesicht ist auf den Boden gerichtet, die Arme vor der Brust verschränkt und sie geht langsam. Setzt einen Schritt nach dem anderen auf die Erde und die Luft trägt das Knirschen an meine Ohren.

Irgendetwas fasziniert mich an ihr. Erst auf dem Weg nach Hause wird mir klar, was es gewesen ist: Ihr Gesichtsausdruck. Ihre Augen, so glasig und weit weg.


Foto: Randy Assell (Unsplash.com)


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  1. Dr. Christian Ferch 11. Juli 2018 um 9:02

    Hallo, Alex,

    Mascha Kaléko (1907 – 1975)

    Resignation für Anfänger

    Suche nichts. Es gibt nichts zu finden,
    Nichts zu ergründen. Finde dich ab.
    Kommt ihre Zeit, dann blühen die Linden
    Über dem frischgeschaufelten Grab.

    Kommt seine Zeit, dann schwindet das Dunkel,
    Funkelt das wiedergeborene Licht.
    Nichts ist zu Ende. Alles geht weiter.
    Und du wirst heiter. Oder auch nicht.

    Zwischen Vergehen und Wiederbeginnen
    Liegt das Unmögliche. Und es geschieht.
    Wie und Warum waren nie zu ersinnen.
    Neu klingt dem Neuen das uralte Lied.

    Geh nicht zu Grunde, den Sinn zu ergründen.
    Such du nicht. Dann magst du ihn finden.

    (1974)

    Gruß,

    Christian

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