Donald Trump vor einer US-Flagge. (Illustration: Crazygoat, Pixabay.com; Creative Commons CC0)
The business of America is business. Über die Psyche einer Nation.

Ja, wir lieben ihn.

Zumindest einige von uns lieben ihn – meine Heimat ist gespalten. An den beiden Küsten herrscht Weltuntergangsstimmung. Gerade empört man sich über Kinder in Käfigen, langfristig befürchtet man den Zerfall der Demokratie. Dazwischen, von Ohio bis Idaho, ist die Welt in Ordnung. Fast die Hälfte aller Amerikaner unterstützt Trump.

Die offensichtlichen Gründe für Trumps Wahlsieg sind längst erläutert: Verlust sicherer Arbeitsplätze, sinkender Lebensstandard, sinkende Lebenserwartung, Verzweiflung. Zudem Rassismus und religiöse Intoleranz. „Aber wieso“, fragen mich Deutsche, „Warum denn ausgerechnet Trump?“ Was verleitet Menschen, die gerade noch über die Runden kommen, einem Multimillionär ihr Vertrauen zu schenken? Wie können strenggläubige Christen einen Mann wählen, dessen Handeln sich so weit außerhalb der 10 Gebote abspielt?

Zum einen hat Trump beiden Gruppen genau das versprochen, was ihnen am Wichtigsten war: Jobs. Und zum anderen den Religiösen einen Richter am Obersten Gerichtshof, der gegen Abtreibung und Homoehe ist. Aber trotzdem – wie kann man die Auswüchse seiner Persönlichkeit übersehen?

Die Macht der Symbole

Werbefachleute wissen von der Macht der Symbole. Es wird nicht das Auto verkauft, sondern das Gefühl von Freiheit; nicht Margarine, sondern das Versprechen eines unbekümmerten Lebens. Und auch wenn wir uns alle dagegen immun glauben – Werbung wirkt. Auch in der Politik. In der amerikanischen Politik sind es oft Leitbilder und Metaphern, die Wähler bewegen.

Welche uramerikanischen Ideale verkörpert Trump, die seine Anhänger ansprechen? Trump gibt sich als „Vertreter des kleinen Mannes“. Er behauptet, er sei ein hypererfolgreicher Geschäftsmann. Er könne von Lobbyisten und Spenden nicht beeinflusst werden, weil er schon selbst genug Geld habe. Daher könne er sich für die Abgehängten einsetzen, die sonst keinen Fürsprecher haben.

Ein Durchschnittseuropäer würde sofort stutzig werden. Laut allen Berichten ist Trump ein skrupelloser Geschäftemacher, hat wiederholt Pleite gemacht und ist vor allem raffgierig. Und er lässt es raushängen; seine vergoldete Wohnung in den Trump Towers erinnert an die Behausung eines ukrainischen Oligarchen. Natürlich würde er sich von der Aussicht auf noch mehr Geld beeinflussen lassen.

Der Geschäftemacher als Held

Aber Amerikaner haben ein anderes Verhältnis zu Geschäft und Geld als Deutsche. Wir sind nicht das Volk der Dichter und Denker. Wie Präsident Coolidge beteuerte, „The business of America is business.“ Unsere Ikonen sind erfolgreiche Geschäftsleute. Andrew Carnegie, J. P. Morgan, John D. Rockefeller, Henry Ford, Bill Gates und Mark Zuckerberg sind nur einige der Sterne am funkelnden amerikanischen Firmament. Nicht alle haben feinfühlig und anständig gehandelt, aber Schwamm darüber, sie waren erfolgreich. Cleveres Handeln wird bewundert. In Deutschland nicht.

Vor ein paar Jahren verkündete der Amerikaner Eric Schmidt, ehemaliger CEO von Google, dass sein Unternehmen eine Struktur habe, mit der es in Europa kaum Steuern zahlen muss. In Deutschland löste diese Aussage einen Shitstorm aus, unter anderem im Bundesfinanzministerium. Der arme Herr Schmidt wusste nicht wie ihm geschah; in Amerika kann man mit so etwas prahlen.

Wir Amerikaner haben auch eine andere Einstellung zu den Reichen. Wir gönnen ihnen ihren Reichtum, wir wollen selbst reich werden. Als ich, frisch aus Amerika, Deutsch gelernt habe, war mir das Wort ‚Sozialneid‘ nicht sofort verständlich. Dann hat mir ein Porschefahrer erzählt, dass er sein Auto zwei Straßen weiter in einer gemieteten Garage parkt. Er wohnte auf dem Land und meinte, seine Nachbarn würden es ihm übel nehmen, dass er sich den Wagen leisten konnte. Amerikanische Nachbarn reagieren anders, eher, „Wenn so ein Idiot sich einen Porsche zulegen kann, dann gibt’s auch Hoffnung für mich!“

Money Talks

In den USA bedeutet reich gleich erfolgreich. Von Anfang an war der Traum vom Reichtum das Leitprinzip Amerikas. Die Mayflower wurde von einer Gruppe privater englischer Risikokapitalgeber finanziert, die vom schnellen Geld geträumt hatten. Die Pilgerväter, die auf der Mayflower in die neue Welt gesegelt sind, waren Calvinisten.

Calvinismus ist der Gipfel einer theologischen Wandlung in der Einstellung zum Geld. Grob gesagt: Die katholische Theologie hat Pietät und Askese als Tugenden bezeichnet; ein frommer Mensch sollte sich von der Welt zurückziehen und beten. Geld scheffeln war verpönt, „denn eine Wurzel alles Bösen ist die Geldliebe.“ Luther hat das aktivere Leben gebilligt, „denn der Mensch ist zum Arbeiten geboren wie der Vogel zum Fliegen.“

Calvin, ein griesgrämiger Reformator, hat noch eins draufgesetzt: Der Mensch muss arbeiten, aber die meisten sind sowieso als Sünder verdammt. Es gibt aber einige Auserwählte, die erlöst werden. Gott gibt ihnen schon zu Lebzeiten ein Zeichen, und zwar, dass ihre Arbeit reichliche Gewinne bringt. Ergo: Reich sein heißt ein Ausgewählter Gottes zu sein.

In Europa konnte calvinistischer Extremismus nie wirklich gedeihen; Calvins Anhänger waren von moderateren Christen umgeben. Sie mussten sozusagen die Kirche im Dorf lassen. Nicht so in den USA. Die Pilger landeten dort, wo kaum noch jemand war – fast alle lokalen Indianer waren schon längst an Pocken gestorben. Es gab keine Einflüsse, die mäßigend oder abmildernd auf die Puritaner hätten einwirken können.

Wohlstandstheologie

Die Wohlstandstheologie der Pilger wurde von Generationen von (hauptsächlich protestantischen) Immigranten verinnerlicht, die in den kommenden Jahrhunderten die beschwerliche Überfahrt riskiert haben. Oft genug waren es arme Schlucker, die es dann in Amerika zu Wohlstand brachten. Wie verlockend war der Glaube, gerade deswegen gottgefällig zu sein!

Der amerikanische Traum wurde von Horatio Alger beschrieben, einem Pfarrer, der im 19. Jahrhundert zum Bestsellerautor wurde. Seine Romane hatten alle die gleiche Handlung: Ein armer und benachteiligter junger Mann hebt sich durch harte Arbeit über seine Verhältnisse hinaus, die sogenannte „vom Tellerwäscher zum Millionär“-Karriere. Zu gleicher Zeit hielt der Pfarrer Russell H. Conwell mehr als 6000-mal seine bekannte „Acres of Diamonds“-Predigt, in der er das Streben nach Reichtum rühmt: „Ich sage, dass du reich werden solltest, und es ist deine Pflicht, reich zu werden … Die Männer, die reich werden, mögen die ehrlichsten Männer sein, die du in der Gemeinschaft findest.“

Hundert Jahre später persiflierte Janis Joplin den calvinistischen Geist, der nach wie vor in Amerika herrschte:

Oh Lord, won’t you buy me a Mercedes Benz?
My friends all drive Porsches, I must make amends.
Worked hard all my lifetime, no help from my friends,
So Lord, won’t you buy me a Mercedes Benz?

Das Lied wurde vor fast 50 Jahren aufgenommen und Janis Joplin ist längst an einer Überdosis gestorben. Seitdem hat sich aber nichts geändert. In unzähligen Kabelkanälen des amerikanischen Fernsehangebots kann man Pfarrer sehen, die Reichtum durch den Glauben an Jesus versprechen.

Zusammenfassung

Die Eigenschaften, die Trump hier in Europa als dubiosen Geschäftsmann und äußerst unchristlich erscheinen lassen, sind in den USA eher positiv belegt. Geschäftsmann zu sein ist per se ehrenhaft. Das sind die Leute, denen wir vertrauen. Wir glauben, dass sie die Welt verstehen und dass sie etwas bewegen können.

Wenn Trump Pleite gemacht hat und wie der Phönix aus der Asche auferstanden ist, Gott segne ihn, dann hat er aus seinen Fehlern gelernt und ist jetzt um so fähiger. Wenn er einige schräge Deals mit Geschäftspartnern gemacht hat, dann hat er gezeigt, dass er geschäftstüchtig ist. Und seine vergoldeten Badezimmerarmaturen zeigen uns, dass er ein Auserwählter ist. Er mag ab und zu daneben treten, aber er hat offensichtlich die Gnade von oben.

God bless Trump, God bless America.


Illustration: Crazygoat (Pixabay.com; Creative Commons CC0) und Emily Slate (privat).

Emily Slate ist interkulturelle Trainerin. Sie ist aufgewachsen in Boston und studierte Psychologie in den USA und Kanada. In dieser Zeit verbrachte sie ein Austauschjahr in München. Nach der Ausbildung kehrte sie nach Deutschland zurück. Nach einigen Jahren freiberuflicher Tätigkeit war sie 18 Jahre lang als interkulturelle Fachexpertin bei Siemens tätig. Sie arbeitet heute als freiberufliche Trainerin und Coach.