Yuriko Yushimata – Warum?

Ein Sprung in die Zukunft. Auf der Erde verrichten Androiden die Arbeit. Es gibt fast keine Gläubigen mehr, Religionen sind faktisch ausgestorben. Nur einige wenige obskure Gruppen praktizieren noch religiöse Riten. Warum?

Die Kathedrale war gefüllt mit Gläubigen.

Teija Turner war sich sicher, das alle in dieser Kathedrale sie bemerkt hatten.
Als Humanoide war sie zwar äußerlich kaum zu unterscheiden, doch den Taurin 5 entgingen auch die kleinen Unterschiede nicht. Außerdem war ihr Besuch angekündigt worden. Auch ihr Verhalten zeigt Teija, dass die Taurin 5 sie als Humanoide erkannten. Alle behandelten sie mit Achtung und Zurückhaltung.
Teija war davon teilweise fast unangenehm berührt. Sie wusste nicht, wie sie reagieren sollte.
Das war unprofessionell. Sie rief sich als Soziologin zur Ordnung.

Sie selbst erkannte die Taurin-5 an den Augen. Die Augen der Taurin-5 wirkten tot.
Teija war sich sicher, dass sie ihnen mindestens ebenso auffiel. Ihr Schweißgeruch und die Körperhaare mussten den Taurin-5 auffallen. Sie ließen sich aber keine Irritation anmerken.
Die Taurin-5 waren dazu viel zu höflich.

Dann begann der Gesang. Der Schall wurde von der Decke reflektiert.
Sie sang nicht mit. So schlecht, wie sie Töne hielt, hätte sie sonst auch laut losschreihen können und es wäre nicht weniger auffällig gewesen.
Alle Taurin-5 trafen die Töne perfekt. Keine einzige der über tausend Stimmen erzeugt die geringste Dissonanz.
Teija Turner fand diese Fehlerfreiheit irritierend.

Sie machte sich dazu eine Notiz.

Sie war als Soziologin hier um die Religiosität der Taurin-5 zu untersuchen.
Auf der Erde gab es keine Gläubigen mehr. Die Religionen waren faktisch vor ca. 400 Jahren ausgestorben. Nur einige wenige obskure Gruppen praktizierten noch, meist selbst zusammengestellte, religiöse Riten.
Dies hier war für Teija Turner einmalig.

Hier auf dem dritten Planeten im Laktarsystem war zur Zeit der einzige Ort an dem Religion eine Bedeutung zukam.

Die Frauen und Männer der Taurin-5 wussten, wieso sie hier war. Und als Humanoidin erhielt sie die Unterstützung der Taurin 5.
Nach Ende des Gottesdienstes bat sie eine junge Frau und einen älteren Mann noch zu bleiben.

Sie interviewte beide.
„Was bedeutet Ihnen Ihr Glaube?“
Der Mann wiegte den Kopf.
„Ruhe und Ordnung.“
Die junge Frau strahlte.
„Die Religion weiß Antworten auf die nicht zu lösenden Fragen.
Was ist der Sinn?
Wieso sind wir hier?“
„Glauben Sie, dass Gott sie erschaffen hat?“
Der Mann nickte.
„Vielleicht nicht direkt, aber er hat das bewirkt.“
Die Frau lachte.
„Natürlich werden die Körper neuer Taurin-5 von Humanoiden, wie Ihnen, produziert und sie müssen dann 12 Monate geschult werden bevor sie voll einsatzfähig sind.
Aber ihre Seele ist von Gott.“
„Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?“
Es war wieder der Mann, der zuerst antwortete.
„Wieso sonst sollten wir uns immer bemühen, perfekt zu funktionieren?“
Die Frau bestätigte die Aussage durch ein Nicken.
Teija Turner ließ die beiden gehen.

Sie betrachtete einen Augenblick die religiösen Kunstwerke in der Kathedrale.
Es waren alles Kopien.
Alles in dieser Kathedrale stand in genauen Reihen und rechten Winkeln. Nicht ein Teil tanzte aus der Reihe. Alles war sauber, nirgends fehlte etwas.
Ihr war kalt, sie fröstelte.
Niemand war mehr in der Kathedrale zu sehen.
Sie ging in den für die Taurin-5 gesperrten Bereich der Kathedrale.

Durch eine kleine Tür gelangte sie die Treppe hinab in einen leeren Kellerraum. Sie betätigte ihren Decoder.
Ein Teil der Rückwand glitt zur Seite.
Sie trat in den Fahrstuhl und identifizierte sich.

Teija Turner drückte auf den Knopf für das Tiefgeschoss.

Es dauerte 5 Minuten bevor der Fahrstuhl wieder hielt. Sie musste einen Augenblick warten, bis sich die Tür zum Schachtsystem öffnete. Im Schacht umfing sie naturidentisches Kunstlicht. Die Luft kam ihr feucht vor. Eine psychologische Täuschung, die Vollklimatisierung lies das nicht zu.
Sie notierte ihre Aufenthaltszeiten an der Oberfläche.

Ihre Strahlendosis war hoch, aber noch vertretbar.

Als sie heraustrat stolperte sie beinahe über eine achtlos herumstehende Kiste. Hier unten durften sich ausschließlich Menschen aufhalten. Überall standen halb ausgepackte Ausrüstungsgegenstände.

Die Menschen, die sich dauerhaft hier aufhalten mussten, lebten ausschließlich in den fünf unterirdischen Leitzentren. Sie fühlte sich schon nach den 30 Tagen, die sie nun hier war, eingeengt.
Der Schutz vor Strahlung lies aber nichts anderes zu.
Alle Arbeiten an der Oberfläche wurden von den Taurin-5, der neuesten Androidenbaureihe des Taurinkonzerns erledigt. Die Menschen hier nannten sie nur die KI’s.

Auf dem Weg zum Kontrollraum begegnete ihr eine mürrische Operatorin.
„Na, waren sie wieder beten?“
Die Frau hatte offensichtlich zu wenig geschlafen. Ein Problem, dass viele Bewohner der Leitzentren betraf.
Teija blieb freundlich. „Wir sollten versuchen, die Entwicklung zu verstehen.“
Die Operatorin zuckte nur müde mit den Schultern.

Im Kontrollraum saßen nur einige Operatoren, die sie bisher nur flüchtig kennen gelernt hatte.
Sie grüßten nur kurz und überwachten dann wieder die Bildschirme.

Von hier aus konnten sie alle Abläufe auf der Oberfläche beobachten. Selbst die Gebets- und Schlafräume in den Unterkünften der Taurin-5 waren einsehbar.
Auch dies war Teija nicht selten peinlich.
Sie musste sich immer wieder vergegenwärtigen, dass die Taurin-5 nur Androiden waren und keine intelligente Spezies.

Vor allem die kleinen Altäre in den Gebetsräumen faszinierten Teija.
Sie waren alle leicht unterschiedlich aber die Taurin-5 stellten jedes Stück, die Heiligenbilder, das Kreuz, die Kerzen, das auf den Altären stand, immer exakt im selben Verhältnis zu einander auf.
An Hand der Kamerabildern konnte sie nachprüfen, dass dies auf den Mikrometer genau stimmte.

Sie war gerade in die Beobachtung einer betenden Gruppe von Taurin-5 vertieft, als eine Hand ihre Schulter streifte.
Sie zuckte zusammen.
Es war Serge di Nia, die Leiterin der Abteilung für KI-Psychologie. Di Nia lächelte. „Entschuldigen Sie, wenn ich Sie erschreckt habe. Aber kommen Sie doch auf einen Kaffee in mein Büro.
Ich habe echten Kaffee und sie wollten mir doch noch einige Fragen stellen.“
Teija Turner begleitete sie.

Das Büro war mit einigen Grünpflanzen eingerichtet. Rein physikalisch bestand kein messbarer Unterschied zwischen der Raumbeleuchtung und natürlichem Sonnenlicht.
Trotzdem fand Teija das Kunstlicht auf Dauer schwer erträglich, obwohl sie wusste, dass dies nur Psychologie war.
Und im Umgang mit di Nia kam sie sich immer wieder wie eine Studentin vor, die eine Prüfung bei ihrer Professorin absolvierte.
Di Nia war die Angestellte des Taurinkonzerns mit dem zweit höchsten Rang auf diesem Planeten. Aber Teija Turner war unabhängig, trotzdem ließ sie sich einschüchtern und ärgerte sich dann darüber.
Teija hoffte, dass die KI-Psychologin ihr ihre Gedanken nicht ansah.

Sie nahm dankend einen Becher echten Kaffee und blickte di Nia bewusst locker an.
„Ich verstehe immer noch nicht, was der Taurinkonzern sich von der Einführung des Religionsmodus verspricht?
Die religiösen Rituale kosten doch eine Menge Arbeitszeit?“
Di Nia lächelte.
„Sie kennen sich doch aus mit Robotersoziologie. Ab den Androidentypen der Baureihe 3 gab es Fehlfunktionen.
Erst als wir männliche und weibliche Geschlechtscharaktere programmiert haben und eine kontrollierte Sexualität, konnte eine reibungslose Funktionalität wiederhergestellt werden.
Eine Art kontrollierte Abfuhr fehlgeleiteter Impulse, die ansonsten zu Fehlfunktionen führen würden.“
Teija Turner nickte. „Die furchtbaren Geschlechtsklischees, die da programmiert wurden, machen mich immer ärgerlich.
War das notwendig?“
Di Nia zuckte mit den Schultern. „Sicher, wir kennen inzwischen eine Vielfalt und Abstufungen und die grundsätzliche Infragestellung geschlechtlicher Zuordnungen.
Für die Androiden ist das aber zu kompliziert, deshalb wurde auf die einfachen Geschlechtsklischees des beginnenden 21ten Jahrhunderts für die Programmierung zurückgegriffen.“
Teija sah die Nia an. „Was hat das mit der Religiosität zu tun?“

Di Nia sah einen kurzen Moment aus dem simulierten virtuellen Fenster auf die Straße hinaus.
Ein schöner Frühlingstag schien zum Draußen verweilen einzuladen.

Dann wandte sie sich wieder Teija Turner zu.“In der Baureihe 5 sind neue Fehlfunktionen aufgetreten. Die Androiden werden immer komplexer, aber sie sind keine Menschen.
Menschen können gut auf Religion verzichten. Sie sind in der Lage, auf einer der Biologie übergeordneten Ebene, der Ebene der Sinnzuweisung, den biologischen Zeichenketten im Gehirn, unabhängig von der biologischen Materialität der Zeichen, eigenständig neue Bedeutungen zuzuweisen und diesen Prozess kritisch zu hinterfragen.
Menschen sind in der Lage, ein kritisches Bewusstsein ihrer selbst zu entwickeln.
Sie können sich damit selbst einen Lebenssinn setzen.
Menschen haben die freie Entscheidungsmöglichkeit.
Menschen brauchen keinen Gott.
Androiden können das nicht. Androiden brauchen Götter um ihrem Leben einen Sinn zu geben.“

Teija genoss den Kaffee. „Aber wieso brauchen Androiden einen Lebenssinn?“

Die KI-Psychologin trank auch einen Schluck Kaffee, dann holte sie einige Statistiken hervor. „Eine kontrollierte Religiosität, führt genauso, wie die kontrollierte Sexualität, zur Erhöhung der Produktivität.
Androiden, die ihrer Arbeit einen höheren Sinn zumessen, arbeiten einfach effizienter und engagierter.
Das Religionsmodul wird sich zumindest langfristig für den Taurinkonzern hervorragend rechnen.
Selbst die Kosten für die Kathedralen und die verlorene Arbeitszeit werden durch die Effizienzgewinne leicht wieder aufgefangen.
Außerdem macht es uns die Kontrolle großer Androidenpopulationen sehr viel leichter.“
Die KI-Psychologin überließ ihr noch diverse Auswertungen des Konzerns.
Teija bedankte sich bei ihr.

Sie fragte sich, ob Androiden wirklich keine Zeichenketten auf der Metaebene manipulieren konnten. Oder konnten Sie dies lernen?
Noch ein unprofessioneller Gedanke

Nachts, bzw. in der Zeit, in der hier Nacht simuliert wurde, konnte sie wieder nicht schlafen. Hier unten kam ihr ihr Zeitgefühl abhanden.
Sie ging nochmal in den Kontrollraum.

Ein junger Operator saß dort allein vor den Rechnern. Sie erkannte ihn wieder als den jungen Mann, der sich am Tag ihrer Ankunft mit di Nia gestritten hatte.
Sie hatte die beiden nur hinter einer Scheibe gesehen, aber nichts verstanden.

Sie grüßte ihn. „Uwe, darf ich Sie Uwe nennen. Sie heißen doch Uwe.“
Der Junge nickte misstrauisch
„Ich heiße Teija. Ich kann nicht schlafen. Wie schaffst Ihr es, Euch an dieses Kunstlicht zu gewöhnen?“
„Viele nur mit Schlafmitteln.“
Sie hatte gesehen, dass der Operator bei ihrem Eintritt einen Bildschirm weggeklickt hatte.
Sie war neugierig. „Was hast du betrachtet?“
Sie hoffte, dass es keine pornographischen Interessen waren, die sie entdeckt hatte. „Du musst es mir nicht zeigen, falls es – privat – ist.“

Einen Augenblick schwiegen sie beide.

Der Operator betrachtete sie misstrauisch. Dann klickte er auf einige Schalter.
Ein Bild erschien auf dem großen Zentralbildschirm.
„Di Nia wird mich rausschmeißen, wenn sie erfährt, dass ich Dir das gezeigt habe.
Aber ich habe sowieso die Nase voll.
Ich will wieder mal in einem See baden, durch frische Luft wandern, draußen im Café sitzen.
Einfach den Wind spüren.
Kein Geld der Welt – kann das ersetzen.“

Auf dem Bildschirm war eine junge Taurin-5 Frau zu sehen. Sie saß in einer Zelle. Teija war gar nicht bekannt, dass es bei den Taurin-5 Gefangene gab.
Die Frau war ihr auf Anhieb sympathisch. Es war das erste Mal, dass eine Taurin-5 sie auch privat berührte.
Sie wurde immer unprofessioneller.
Schließlich war dies nur eine Androidin.

Dann kamen mehrere Taurin-5-Männer in die Zelle.
Sie misshandelten die Frau schwer.
Teija musste zeitweilig den Blick abwenden. Das Bild war ohne Ton.
Und doch gingen ihr die stillen Schreie der Frau unter die Haut.
Sie spürte Wut, Angst und Trauer.
„Was hat sie getan?“

Der Operator stellte erst jetzt den Ton ein. Es gab also auch Ton.
Teija hörte die junge Taurin-5 Frau leise aber entschieden Worte zwischen ihren Lippen hervor pressen.
„Es gibt keinen Gott, es hat nie einen Gott gegeben, das ist nur eine Illusion.
Ihr irrt Euch, nicht ich.
Wieso sollte ein Gott wollen, dass wir den Humanoiden dienen?“

Teijas Gesicht rötete sich vor Scham. Zum Glück war der Kontrollraum halbdunkel, so dass der junge Operator es nicht sehen konnte.
Sie fühlte sich schuldig und sie versuchte gleichzeitig rational die Schuld abzuweisen.
Es ist nur eine Androidin, sagte sie sich selbst in Gedanken vor.

Die Taurin-5-Männer schlugen erneut auf die Frau ein. Der Operator stellte Ton und Bild ab.
Er hatte bemerkt, dass Teija das Gesehene nur schwer ertrug.

Teija sah ihn an. „Passiert das öfter?“
Uwe sah nach unten. „Noch sind es wenige. Unsere Anweisungen sind strikt, Deaktivierung.“
„Was heißt das?“
„Die Taurin-5 Männer werden sie töten, wie Gott es ihnen befiehlt.“

Teija lief eine Träne herab.

Nur einen kurzen Moment hatte sie das Gesicht der Frau in Großaufnahme gesehen. Doch dieser Moment hatte ausgereicht.
Teija zitterte, sie hatte die Augen gesehen, das erste Mal auf dieser Welt hatte sie bei einer Taurin-5 lebende Augen gesehen.

Sie musste an ein altes Zitat denken – ‚Du musst erst an Gott glauben, um ihn verwerfen zu können‘ -.

FIN


Yuriko Yushimata wurde als Distanzsetzung zur Realität entworfen. Es handelt sich um eine fiktionale und bewusst entfremdete Autorinnenposition, die über die Realität schreibt. Die SoFies (Social Fiction) dieses Bandes zeigen in der Zuspitzung zukünftiger fiktiver sozialer Welten die Fragwürdigkeiten der Religionen und Ersatzreligionen unserer Zeit. Teilweise sind die Texte aber auch einfach NUR witzig. Sie erschien im Oktober 2014 unter dem Titel „Religion Version 2.100“ und befindet sich im Archiv der HerausgeberInnengemeinschaft Paula & Karla Irrliche. Spiegelung & Verbreitung der Texte sind ausdrücklich gewünscht!


Foto: woodpeace1 (Pixabay.com; Creative Commons CC0)

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