Fühlen wir mit!

Der Schmerz und die Freude anderer Menschen betreffen auch uns.

Mitgefühl ist nichts, das uns ein paar „Gutmenschen“ aufschwatzen wollen, die zu weich sind, um sich den Härten des Lebens zu stellen. Mitgefühl ist in uns allen als Fähigkeit angelegt. Sie wurde uns nur abtrainiert von einer Gesellschaft, in der Konkurrenz und Profit regieren. Wollen wir unsere volle Menschlichkeit zurückerlangen, müssen wir unsere warmen und gütigen Persönlichkeitsanteile unter den Schleiern der Ängste hervorholen. Lassen wir zu, dass uns das Leben der anderen wirklich nahe geht.

Sehen wir einen Obdachlosen auf der Straße, ist Hilfe nicht immer unser erster Impuls; oft wallt da zuerst Ärger auf darüber, was uns dieser „Gescheiterte“ zumutet, wenn er uns an den Schatten einer satten Konsumgesellschaft erinnert.

Dabei sprach Hugo von Hofmannsthal schon so treffend von der Verbundenheit aller unserer Schicksale: „Doch ein Schatten fällt von jenen Leben/ In die anderen Leben hinüber,/ Und die leichten sind an die schweren/ Wie an Luft und Erde gebunden.“

Eine der großen Täuschungen unseres Gesellschaftssystems besteht darin, anzunehmen, man könne sein Leben, seine Zukunft, ja sogar sein ganzes Schicksal kontrollieren. Daraus resultiert eine Starrheit des Denkens, die es uns kaum mehr gestattet, mit Schicksalsschlägen so umzugehen, wie es angemessen wäre: daraus zu lernen, den Schmerz zum Anlass zu nehmen, festgefahrene Vorstellungsmuster ad acta zu legen, sich am Neuen zu gestalten, sich neu zu erfinden.

Der Schmerz ist vielleicht die einzige Möglichkeit Gottes, auf sich aufmerksam zu machen, schreibt C. S. Lewis, der scharfsinnige englische Religionsphilosoph, und ich glaube, es ist nicht nur der Schmerz, den wir selbst empfinden, sondern auch der Schmerz der Anderen, der uns hinweisen sollte auf die Verkehrung der Werte, die uns gerade in der jüngsten Zeit so monströs vor Augen geführt wird.

Wir sind dabei, geisteskrank zu werden und das Bild der Welt auf den Kopf zu stellen. Anstatt uns gemeinsam in Richtung globale Gerechtigkeit zu bewegen, das Überleben der Menschheit, aller Lebewesen und unseres wunderschönen Planeten zu sichern, gilt unsere einzige Aufgabe allein dem Wohlergehen unseres Geldsystems. Eine extrem und unvorstellbar reiche Minderheit von Konzernen und Personen bestimmt den Fluss des Geldes und seiner Vermehrung. Lassen wir uns nicht einreden, wir könnten, wenn wir nur fleißig genug wären, auch Millionäre werden.

Wachstum hat seine Grenzen, kein Baum, kein Mensch, nicht mal ein Stern kann ewig wachsen. Nur die Wirtschaft ist angeblich mit grenzenlosem Wachstum gesegnet. Ein paar Jahre kann sie vielleicht noch weiter wachsen, auf Kosten neu zu erschließender Märkte in der dritten Welt. Aber dann? Wenn wir nicht lernen abzugeben, zu teilen, was dann?

Schon immer wurde, vor allem im Mittelalter, gepredigt, irgendeine Macht würde schon dafür sorgen, dass sich alles zum Guten wende und selbst reguliere. Heute glaubt man das kaum mehr vom lieben Gott, dafür umso fanatischer vom neoliberalen Wirtschaftssystem. Aber „der Absturz der Ökonomie scheint sich zur ersten Weltwirtschaftskrise des globalisierten Kapitalismus auszuwachsen.“ (Leo Mayer/Fred Schmid ISW)

Und wie immer, wenn das Geld knapp wird, versuchen die Geldmächtigen, sich Gewinne durch die unappetitlichste Methode zu verschaffen: durch Aufrüstung. Erst mästen wir irgendwelche Schurken mit unseren Waffen, und wenn sie zu fett geworden sind, schlachten wir sie und verdienen wieder daran.

Als vor ein paar Tagen am Berliner Flughafen ein Obdachloser seine Zeitung verkaufen wollte, fand sich kein Einziger, der auch nur einen freundlichen Blick, geschweige denn einen lächerlichen Euro für den Mann übrig hatte. Der überaus höfliche junge Mann musste sich auch noch als aggressiver Bettler beschimpfen lassen, und niemand schien zu spüren, dass es fast immer die eigene Aggressivität ist, die man auf den projiziert, der einen durch seine Armut beschämt.

Armut ist obszön, wir wollen nichts mit dem zu tun haben, was wir tief in uns bereits alle spüren: Der Wohlstand ist auf tönernen Füßen gebaut. Vor allem weil wir das falsche Wohl im Auge haben.

Glück und Frieden sind nicht in der Vermehrung materieller Güter angesiedelt, und je mehr wir uns darauf versteifen, desto weiter entfernen wir uns von uns selbst. Es gibt ein schönes, stilles Gedicht des Zenmeisters Ryokan:

„Meine Hütte liegt mitten in einem dichten Wald, Jedes Jahr wächst der Efeu höher, Keine Neuigkeiten von den Angelegenheiten der Menschen Nur gelegentlich das Lied eines Holzfällers. Dann hört auf, hinter so vielen Dingen herzujagen.“

Bei allem Bemühen, Verständnis für die Münchener Bürger aufzubringen, die sich lautstark darüber erregen, dass Obdachlose in ihrer nächsten Umgebung untergebracht werden sollen: Dies scheint mir ein deutliches Symptom jener wachsenden Geisteskrankheit unserer Gesellschaft zu sein, von der ich vorher gesprochen habe. Wie verhärtet muss man sein, wie unfähig, mit sich selbst ins Gericht zu gehen, wenn man Obdachlose – wie leider geschehen – als „Kinderschänder und Alkoholiker“ pauschal verdammt.

Wir alle haben, und ich glaube mit vollem Recht, unbewusst immer ein schlechtes Gewissen wegen des Überflusses, in dem wir leben. Nicht zuletzt deshalb versuchen wir sogar diesen Überfluss noch zu vermehren, in der abstrusen Hoffnung, uns damit noch besser betäuben zu können.

Werden wir nun aber deutlich mit der anderen Seite, der dunklen Seite unserer Existenz konfrontiert, so wehren wir uns mit Händen und Füßen dagegen, und oftmals eben auch mit geschmacklosen Phrasen und Parolen.

Schmerz und Leid bewusst zu empfinden und zu durchleben, gehört nicht zu unserer Kultur. Jedoch erst wenn wir beginnen, Leid auch anzunehmen, werden wir dem Sinn des Daseins näher kommen.

Mitfühlen ist ja keine besondere, seltene Gabe, die nur einigen wenigen vorbehalten ist. Mitgefühl ist – daran glaube ich fest – ursprünglich jedem Menschen zu eigen, und es geht nicht darum, es zu lernen, sondern es zu entwickeln, zu entdecken; es wieder hervorzuholen hinter den Schleiern unserer Ängste, mit denen wir es zugedeckt haben. Und dadurch seine Schönheit wiederzufinden.

Indem der Mensch sich entdeckt, seinen Gefühlen bis in die Tiefe ihrer Entstehung folgt und sich selber findet, wird er die Notwendigkeit erspüren, dass Glück mit der Verringerung des Leids anderer Lebewesen zu tun hat, und dadurch mit der Verringerung eigenen Leids.

Albert Schweitzer hatte einmal sein Initiationserlebnis geschildert, wie er in einem Boot einen Fluss entlangfahrend erlebt, wie eine große Herde von Flusspferden an ihm vorbeigleitet. Diese große Menge fühlender Körper an seiner Seite, wird ihm zum Durchbruch der Erkenntnis, dass alles Leben zusammengehört.

Er teilt in diesem Moment das Glück der Tiere und weiß, sie wollen leben und würden niemals leben wollen, wenn sie nicht rein instinktiv so etwas wie Freude empfinden würden. Und so entwickelte er seine Ethik der tätigen Hingabe im engsten Bereich: Lebewesen zu schützen, ihr Leiden zu verringern, das ist der Raum, wo ein Mensch begreifen kann, wozu er lebt. Und er schreibt:

„Ich stehe dem Leben an meiner Seite deswegen zur Seite, weil ich die unmittelbare Nähe zu meinem Leben begriffen habe…“

Dieses Gespür für die unmittelbare Nähe auch uns unbequemer Menschen kommt uns mehr und mehr abhanden. Wer heute voller Lebensfreude und voller Freundlichkeit warmen Herzens auf andere zugeht, wird als Spinner verlacht. Wer in der Fußgängerzone sein Geld nicht in die Kaufpaläste trüge, sondern es frohgemut unter die Menschen verteilte, würde mit großer Wahrscheinlichkeit verhaftet. (Spätestens wenn seine Erben dahinter kommen.)

Solange wir aber Barmherzigkeit, Vertrauen und Freigebigkeit als etwas von der Norm Abweichendes betrachten, können wir den Sinn und die Schönheit des Daseins nicht begreifen.

 


Konstantin Wecker (Foto: Rubikon.news)Konstantin Wecker (Jahrgang 1947) gehört als Liedermacher, Poet, Schauspieler und Komponist zu den vielseitigsten Künstlerpersönlichkeiten im deutschsprachigen Raum. Besonders bekannt wurde er durch seine Lieder, die die Lebenslust feiern und zu politischer Rebellion aufrufen. Er veröffentlichte zahlreiche Lyrikbände, die Romane „Uferlos“ und „Der Klang der ungespielten Töne“ und schreibt Theater-, Bühnen- und Filmmusiken.


Creative Commons Lizenz CC BY-NC-ND 4.0 Namensnennung - Nicht kommerziell - Keine Bearbeitungen 4.0 InternationalDieses Werk erschien erstmals auf Rubikon – Magazin für die kritische Masse. Es ist unter einer Creative Commons-Lizenz (Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International) lizenziert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen dürfen Sie es verbreiten und vervielfältigen.


Illustration: tsukiko-kiyomidzu (Pixabay.com; Creative Commons CC0)


Unterstütze junge Kunst, Kultur und Literatur!

Werde Mäzen für Kultur, Kunst und das geschriebene Wort. Hilf uns einmalig oder mehrfach durch Deine freiwillige finanzielle Unterstützung, junge Literatur im Netz und im Real Life zu verbreiten. Unser Dank ist Dir sicher! Bitte beachte: Wir verkaufen Dir nichts. Wir schließen keinen Handel mit Dir ab. Wir sind keine Vertreter und drehen niemandem etwas an. Du kannst uns freiwillig finanziell unterstützen, weil Du richtig findest, was wir tun. Bitte denke daran, dass wir Dir keine Spendenbescheinigung ausstellen können, wenn Du uns über Paypal unterstützt.

€5,00

  1. gabriele weis 8. August 2018 um 23:48

    Wie vermitteln wir einander, dass und wie sich Unsicherheit in Auskömmlichkeit, ja neue Wege des Lebensgenusses wandeln lässt ?
    Würde uns das gelingen, sähen sich sicher die wenigsten zuerst und zuletzt auf die Sorge um ihr weiteres Wohlergehen unter sich verändernden Umständen verwiesen…

    Machen wir uns doch endlich daran, ernsthaft zu erarbeiten und geeignet ausdifferenziert zu Gehör zu bringen, über welche Institutionen wir zu neuen Auskömmlichkeiten und Gestaltungsmöglichkeiten finden könnten !

    Über dergleichen nachzudenken und es im Internet verfügbar zu machen, w o jeweils konkret bestimmte Neunsätze mir wichtig und austauschbedürftig erscheinen – das ist ein Stück weit mein Ding, mit Straßenaktivitäten tu ich mich dagegen schwer, obwohl erst sie für erste und anhaltende Unübersehbarkit sorgen ! Und beim Netzwerken bin ich leider wohl so etwas wie Analphbetin…

    Für Interessenten deshalb einfach der Link zu einem Aufruf, den ich gerne verbreitet sähe:
    http://buergerbeteiligung-neu-etablieren.de//POLITISCHES/4/Appell-BUEGERVERSAMMLUNG%20.html

    Wär schön, wenn sich jemand angesprochen fühlte und Ähnliches anzuzielen hülfe ! – Merci gar für eventuelles Mailen !

    Gefällt mir

  2. Gerhard Kugler 9. August 2018 um 11:17

    Der Artikel vereinfacht die Problematik. Wir sind inzwischen versprenkelte Wesen, die sich in einer unübersichtlichen Welt auch schützen müssen. In der Großstadt sind Bettler inzwischen auch organisiert und sammeln systematisch. Natürlich nicht alle. Aber wie soll man das unterscheiden?
    Ich habe hier in verschiedenen Artikeln für eine neue Übersichtlichkeit geworben. Sie macht uns fast automatisch wieder einfühlsamer, wenn wir noch nicht ganz kaputt sind. Appelle taugen nicht für wirkliche Veränderungen.
    Inzwischen ist die Welt so voll von Appellen, dass sie die Menschen einfach durchziehen lassen. Schlimm ist dann, dass auch Hinweise auf neue Konzepte wie Appelle aufgefasst und durchgewunken werden.
    G.K.

    Gefällt mir

    1. @Gabriele Weis
      @Gerhard Kugler

      Also die einzige Problematik die ich in diesem Artikel erkennen kann, ist, dass die Armut nicht nur in diesem Land rapide zugenommen hat. Was sich früher noch auf den „Bahnhofsplatz beschränkte“ findet sich nun vor Supermärkten, Einkaufszonen, Diskotheken, Parks u.v.m.. Und die Menschen, die sich für ihre Armut schämen, sind sehr nachtaktiv und durchstöbern die Mülleimer nach Essbarem und/oder Pfandflaschen. Und das sind nicht wenige!

      Problematisch finde ich auch, dass Sie als Psychologischer Psychotherapeut organisierte Banden, vor denen man sich schützen muss, nicht von wirklich Hilfsbedürftigen unterscheiden können.

      Vielleicht sollten Sie den Artikel noch einmal genauer lesen?

      Ein Auszug vereinfacht ausgedrückt:
      „Mitgefühl ist nichts, das uns ein paar „Gutmenschen“ aufschwatzen wollen, die zu weich sind, um sich den Härten des Lebens zu stellen. Mitgefühl ist in uns allen als Fähigkeit angelegt. Sie wurde uns nur abtrainiert von einer Gesellschaft, in der Konkurrenz und Profit regieren. Wollen wir unsere volle Menschlichkeit zurückerlangen, müssen wir unsere warmen und gütigen Persönlichkeitsanteile unter den Schleiern der Ängste hervorholen. Lassen wir zu, dass uns das Leben der anderen wirklich nahe geht.“

      Irgendwelche humanistische Organisationen, die sich grösstenteils selbst bereichern, das sind für mich organisierte Schmarotzer!
      Und ich würde es begrüssen, wenn man bedürftigen Menschen auf offener Strasse IMMER etwas zukommen lassen würde, anstatt erst einmal abzuwägen, ob sie es verdient haben, oder sich würdig erweisen. Das ist doch irre! (einer Ihrer Artikel)

      Man kann es auch durchaus kreativ betrachten. All diejenigen, die so sehr auf dieses System schimpfen und die Welt verbessern wollen, hier habt ihr die Gelegenheit, all die Systemaussteiger zu unterstützen/finanzieren!

      @Gabriele Weis
      Oder man kann sich weiterhin mit einer Frau Weis zusammenschliessen, die sich mit Strassenaktivitäten (Spenden) so schwer tut und lieber mehrfach auf diesem Blog auf ihre Webseite für eine neue (Un-)Übersichtlichkeit wirbt.

      Gefällt mir

      1. gabriele weis 9. August 2018 um 19:12

        @Morgentau
        … Hauptsache, Sie überschauen, worum´s Ihnen geht …

        Gefällt mir

  3. Für alle:Lest doch einmal die Geschichte von Rainer Maria Rilke „Die Rose“. Darum geht es!

    Gefällt mir

  4. Nein, wir fühlen nicht mit. Nur da, wo uns die Medien auf ein besonders Leid hinweisen, sind wir ganz betroffen. Wenn wir wirklich mitfühlen würden, müßten wir sofort unsere Art zu leben völlig verändern und uns täglich gemeinsam überlegen, wie wir nicht nur die Menschen, sondern noch viel wichtiger auch der Natur vor den vielen Unzulänglichkeiten bewahren können. Gerade wir Europäer gemeinsam mit der USA sind die größten Übeltäter.

    Gefällt mir

  5. Genau darum lese ich die „Neue Debatte“ so gerne, die einzige Zeitung die einem einlädt dazu, sein eigenes Handeln zu hinterfragen und zu reflektieren.

    Danke für diesen schönen Artikel!

    Gefällt mir

Kommentare sind geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: