Reportage: Wie Monsanto seine Risiken auf Bayer abwälzte

War der Kauf wirklich ein gutes Geschäft? Wenn ja, für wen?

Als im Juni 2018 die Bayer AG für 63 Milliarden Dollar den US-Saatgutriesen Monsanto kaufte, war von einem historischen Deal die Rede. Anleger rieben sich die Hände und deutsche Manager fühlten sich offenbar stolz wie Oskar. Doch die Saat der grenzenlosen Gier scheint nicht aufzugehen.

In ihrer neusten Videoreportage „Wie Monsanto seine Risiken auf Bayer abwälzte“ begibt sich die Journalistin Gaby Weber auf Spurensuche. War der Kauf wirklich ein gutes Geschäft? Wenn ja, für wen? [1]


Neben dem ramponierten Image des Saatgut-Giganten, der vor allem durch sein Produkt Roundup und den darin enthaltenen Unkrautvernichter Glyphosat bekannt ist, hat Bayer mit seinen Milliarden auch eine zu erwartende Klagewelle eingekauft. In den Vereinigten Staaten sollen über 2000 Klagen gegen Monsanto anhänglich sein. [2]

Erst vor wenigen Tagen wurde Monsanto von einem Geschworenengericht in San Francisco dazu verurteilt, an Dewayne Johnson ein Schmerzensgeld in Höhe von 285 Millionen Dollar zu zahlen.

Johnson, der in seinem Job als Hausmeister und Platzwart immer wieder mit Produkten von Monsanto hantierte und so mit Glyphosat in Berührung kam, ist unheilbar an Lymphdrüsenkrebs erkrankt. Als Ursache für seine Krebserkrankung machte er Herbizide von Monsanto aus. Das Gericht folgte seiner Argumentation und bestätigte somit die krebsverursachende Wirkung eines Pflanzenschutzmittels, in dem Glyphosat enthalten ist. Der Konzern will in Berufung gehen. [3]

Die Klage von Dewayne Johnson dürfte erst der Anfang sein. Glyphosat wird weltweit verantwortlich gemacht für das Bienensterben, die Verseuchung ganzer Landstriche und Krebserkrankungen.

Hat der weltweit größte Vermögensverwalter Blackrock, der als Großaktionär sowohl an Bayer als auch Monsanto beteiligt war [4] und als heimliche Weltmacht gilt [5], die Risiken Monsantos auf die Deutschen abgewälzt? Als Rechtsnachfolger haftet allein die Bayer AG für alle Schadensersatzforderungen.

Den Fusionsvertrag wollte das Leverkusener Unternehmen nicht herausgeben – er sei „vertraulich“. In der Videoreportage von Gaby Weber wird das Dokument dennoch gezeigt. Mehr noch: Die Autorin hat den Vertragstext auf ihrer Homepage veröffentlicht. [6]

Was wird passieren, falls Bayer als Rechtsnachfolgerin Monsantos mit Schadensersatzforderungen überhäuft wird, für die die Rückstellungen und die Versicherungen nicht mehr reichen? Wird am Ende der Steuerzahler zur Kasse gebeten werden?

In ihrem Dokumentarfilm „Tödliche Agri Kultur – Wie Monsanto die Welt vergiftet„, zeigte Gaby Weber bereits am Beispiel Argentiniens die dramatischen Folgen für die Umwelt und die Menschen. [7] In der argentinischen Pampa werden Nutzpflanzen fast ausschließlich in Monokulturen angebaut. In riesigen Mengen kommen Kunstdünger, Herbizide, Insektizide und Fungizide zum Einsatz. Argentinien dürfte weltweit einsamer Spitzenreiter beim  Verbrauch von Glyphosat sein. [8]

Im März 2015 stufte die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC), eine Unterorganisation der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend“ ein. Im Sommer 2016 verlängerte die EU-Kommission die Zulassung von Glyphosat um 18 Monate. [9] Die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) stufte im März 2017 den in den meisten Roundup-Produkten enthaltenen Stoff Glyphosat als nicht als krebserregend ein.


Gaby Weber (Aufnahme von Frank C. Müller; CC BY SA 3.0)

Gaby Weber (Foto: Frank C. Müller; CC BY SA 3.0).

Über Gabriele „Gaby“ Weber: Die Publizistin mit dem Schwerpunkt deutsch-lateinamerikanische Beziehungen wurde 1954 in Stuttgart geboren und studierte an der Freien Universität Berlin Romanistik und Publizistik. Sie gehörte 1978 in West-Berlin zu den Gründungsmitgliedern der taz. 1982 wurde Gaby Weber am Lateinamerika-Institut promoviert.

Sie ging nach Südamerika und berichtete etwa ab Mitte der 1980er-Jahre als freie Korrespondentin aus Montevideo (Uruguay) und von 2002 an aus Buenos Aires. Weber arbeitet hauptsächlich für den Rundfunk und veröffentlichte mehrere Reportagen und Recherchen zur Geschichte von Nachrichtendiensten. Außerdem verfasste sie zahlreiche Bücher.

Auf der Webseite www.gabyweber.com finden sich weitere Informationen zu Gaby Weber und ihren Dokumentarfilmen und Reportagen.


[1] Gaby Weber: Wie Monsanto seine Risiken auf Bayer abwälzte. Auf www.youtube.com/watch?v=k9FStdsAeJY&feature=youtu.be (abgerufen am 12.08.2018).

[2] Neues Deutschland: Bayer streicht den Namen Monsanto. Auf www.neues-deutschland.de/artikel/1090207.fusion-von-chemiekonzernen-bayer-streicht-den-namen-monsanto.html (abgerufen am 13.08.2018).

[3] Süddeutsche Zeitung: Monsanto muss 285 Millionen Dollar Schmerzensgeld zahlen. Auf www.sueddeutsche.de/wirtschaft/glyphosat-monsanto-in-den-usa-zu-millionen-dollar-strafe-verurteilt-1.4089739 (abgerufen 13.08.2018).

[4] Der Standard: Monsanto-Übernahme: Das schleichende Ende der Freiheit. Auf www.derstandard.de/story/2000077192631/das-schleichende-ende-der-freiheit (abgerufen am 13.08.2018).

[5] Deutsche Welle: Blackrock – Die heimliche Weltmacht. Auf www.dw.com/de/blackrock-die-heimliche-weltmacht/a-18649183 (abgerufen am 12.08.2018).

[6] Homepage von Gaby Weber: Fusionsvertrag von Bayer und Monsanto. Auf: www.gabyweber.com/index.php/de/werke/137-wie-monsanto-seine-risiken-auf-bayer-abwaelzte (abgerufen am 13.08.2018).

[7] Gaby Weber: Tödliche Agri Kultur – Wie Monsanto die Welt vergiftet. Auf https://youtu.be/naK94oQO7T4 (abgerufen am 12.08.2018).

[8] Zeit Online: Kein Schutz vor dem Pflanzengift. Auf www.zeit.de/wirtschaft/2015-12/glyphosat-argentinien-landwirtschaft-krebs (abgerufen 13.08.2018).

[9] Spiegel Online: EU-Kommission verlängert Glyphosat-Zulassung. Auf www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/glyphosat-eu-kommission-verlaengert-zulassung-um-18-monate-a-1100467.html (abgerufen 13.08.2018).


Fotos und Video: Kimon Maritz (Unsplash.com), Frank C. Müller und Gaby Weber.


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