Buchvorstellung: „Im Kampf gegen die Tyrannei“

Dokumentiert werden die syrische gewaltfreie Massenbewegung während der Jahre 2011 bis 2013 und die Hintergründe des gewaltfreien Aufstands in den 1980er Jahren gegen die islamistische Militärdiktatur im Sudan.

Die Kriege im Mittleren Osten und in der afrikanischen Sahelzone treffen vor allem ZivilistInnen und zwingen Millionen zur Flucht. Viele Medien stellen als Handelnde nur die bewaffneten Militärs und Milizen dar, denen eine angeblich passive, ihnen ausgelieferte Bevölkerung gegenübersteht. Dieses Bild lässt zunehmend in Vergessenheit geraten, dass in den arabischen Aufständen 2011 Militärdiktaturen auf gewaltfreie Weise gestürzt oder ins Wanken gebracht worden sind.

Der erste Teil des Buches dokumentiert die syrische gewaltfreie Massenbewegung während der Jahre 2011 bis 2013. Die Texte der syrischen gewaltfreien RevolutionärInnen und Graswurzel-JournalistInnen schildern u.a. die Aktionen von Frauen, die zu Beginn der Massenproteste eine besondere Rolle gespielt haben.

Beschrieben werden die Freien Frauen Darayyas, das Mazaya-Frauenzentrum oder die in der arabischen Welt bekannte Schauspielerin Fadwa Suleiman, die mit den Mitteln der Kunst gegen die Tyrannei des al-Assad-Regimes kämpfte. Erinnert wird außerdem an den Einfluss des Anarchisten Omar Aziz auf die entstehende Rätebewegung in Stadtteilen und Regionen Syriens sowie an Jawdat Said, den wichtigsten Theoretiker der Syrischen Bewegung für Gewaltfreiheit. Die Gründung der Freien Syrischen Armee (FSA), neue islamistische Tyranneien sowie Interventionskriege machten aus dem Traum der sozialen Revolution jedoch einen Albtraum.

Der zweite Teil des Buches informiert über die gewaltfreie Massenbewegung im Sudan von 1983 bis 1985. Sie wurde wesentlich durch den Sufi, Antikolonialisten und libertären Interpreten des Koran, Mahmud Taha, und seine Organisation Republikanische Brüder geprägt. Ihr gelang es, die Militärdiktatur an-Numairis, der seine Tyrannei als säkular-„sozialistischer“ Putschist in der Tradition der jungen Offiziere von Nasser bis Gaddafi begründete, aber später als Verbündeter der Muslimbrüder die Scharia einführte, entscheidend zu schwächen. Taha wurde als „Ketzer“ verurteilt und 1985 hingerichtet. Er hatte ein Konzept für ein föderalistisches System entwickelt, das den Krieg zwischen Nord- und Südsudan entschärft und den späteren Massenmord in Darfur möglicherweise verhindert hätte.

Inhaltsverzeichnis

Teil I

Guillaume Gamblin, Pierre Sommermeyer (Hg.)
Gewaltfreiheit in der syrischen Revolution (2011-2013)

Einleitung: Eine pazifistische Revolution, die durch Bewaffnung unterbrochen wurde
(Guillaume Gamblin, Pierre Sommermeyer)

Kapitel I: Gewaltfreie Aktionen

Die entscheidende Rolle der freien Frauen von Darayya für den Aufstand in Syrien
(Anonym)

Das Mazaya-Frauenzentrum: Eine Geschichte über Mut und Beharrlichkeit
(Anonym)

Von al-Assad zum Islamischen Staat (IS).
Eine Geschichte des syrischen Widerstands
(Julia Taleb)

Der belagerte Blumenverkäufer
(Anonym)

Die Tischtennisbälle
(Elleke Bal)

„Die Straße gehört uns!“
Eine Bewegung gegen eine unerträgliche Besatzung
(Anonym)

Kapitel II: Selbstorganisation

Omar Aziz starb als Sieger
(Budour Hassan)

Leben und Werk des Anarchisten Omar Aziz.
Sein Einfluss auf die Selbstorganisation in der syrischen Revolution
(Leila al-Shami)

Kapitel III: Analysen

Die gewaltfreie Bewegung in Syrien. Perspektiven an der Basis
(Gruppe Dawlaty)

Der Kampf geht weiter. Die zivile Opposition auf Graswurzelebene
(Leila al-Shami)

Die Tugend des zivilen Ungehorsams
(Donatella Della Ratta)

Ein anderes Syrien war und ist möglich.
Islam und Gewaltfreiheit: Jawdat Said, der syrische Gandhi
(Lou Marin)

Fadwa Suleiman: „Unser Traum von der Revolution ist zum Albtraum geworden.“
(Carole Vann)

Teil II

Lou Marin
Der gewaltfreie Aufstand gegen die islamistische Militärdiktatur im Sudan (1983-1985)
Der islamische und gewaltfreie Anarchismus des Antikolonialisten und Sufi Mahmud Muhammad Taha (1909-1985) und der „Republikanische Brüder“ inspirierten die Revolte gegen das Regime an-Numairi.

(1) Der Sudan in der britischen Kolonialzeit

(2) Die Herkunft Tahas und der Rufa’a-Vorfall 1946 als Anlass zu Einkehr und Studium

(3) Tahas libertäre Kritik des Rechts

(4) Abdullahi An-Na’im, ein Taha-Schüler in Deutschland: Trennung von Religion und Staat als islamische Tradition

(5) Tahas radikale Kritik des „kleinen Jihad“

(6) Die Oktoberrevolution 1964 retrospektiv als gewaltfreie Revolution nach Taha: Unterscheidung zwischen Macht und Gewalt; Ziel-Mittel-Relation

(7) Anarchie als Straflosigkeit

(8) 1983 bis 1985: Hadd-Strafen an-Numairis, Gegenkampagnen Tahas, Hinrichtung Tahas und Absetzung an-Numairis

(9) Charismatische Führungsstruktur einerseits, Basisdemokratie und Frauenemanzipation andererseits


Zu den Herausgebern

 

Im Kampf gegen die Tyrannei (Cover: Verlag Graswurzelrevolution)Guillaume Gamblin, Pierre Sommermeyer, Lou Marin (Hg.)

Im Kampf gegen die Tyrannei
Gewaltfrei-revolutionäre Massenbewegungen in arabischen und islamischen Gesellschaften: der zivile Widerstand in Syrien 2011-2013 und die „Republikanischen Brüder“ im Sudan 1983-1985

144 S., 13,90 Euro
ISBN: 978-3-939045-34-2

 


Redaktioneller Hinweis: Die Buchvorstellung erschien erstmals in der anarchopazifistischen Monatszeitschrift Graswurzelrevolution. Wir danken der Redaktion der Graswurzelrevolution für die Zustimmung zur Veröffentlichung auf Neue Debatte.


Foto/Cover: pixel2013 (Pixabay.com, Creative Commons CC0) und Verlag Graswurzelrevolution

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