Der Verdummungsauftrag: Mission accomplished!

Über die digitale Stammkneipe des 21. Jahrhunderts und den alltäglichen Facebook Facepalm.

Immer wieder erstaunt es mich aufs Neue, wie viele Menschen sich freiwillig auf den (heute digitalen) Dorfplatz stellen und aus Leibeskräften in die Menge brüllen: „Ich bin der Dorfdepp, könnt ihr es eh alle hören?! Iiiich bin es!“ Und sich dabei sogar bestärkt fühlen, weil sie von anderen Dorfdeppen auch noch Likes dafür bekommen.

Auf Social Media, der Stammkneipe des 21. Jahrhunderts, lässt sich kaum mehr ein Thema ohne wüste Verschwörungstheorien und zum Teil schier unglaublich bildungsfernen Querschüssen und Desinformationen behandeln. Und dabei gibt es nichts, was es nicht gibt. Die „Artenvielfalt“ auf Gottes weiter Spielwiese offenbart sich nicht mehr in der Natur (dort wird sie gerade durch die Menschen ausgerottet), sondern auf Facebook … (Facepalm-Emoji einsetzen).

Systembedingte Bildungslücken

Aber eigentlich darf es nicht wundern, dass immer mehr Menschen quasi verblödet und verblendet werden statt informiert und gebildet. Aus einem stressigen Schulalltag, der wenig im Leben Brauchbares zu bringen scheint, steigen viele so bald wie möglich aus. Nachfolgende Weiterbildung erfolgt zumeist nur fachspezifisch aus beruflichen Gründen. Und aus den täglichen Nachrichten wird man – wortwörtlich – auch nicht schlau.

Social Media als Spielwiese des postfaktischen Zeitalters ist bei der Weiterbildung ebenfalls nicht hilfreich, aber auch Mainstream und selbst frühere Qualitätsmedien schüren lieber Vorurteile und/oder bedienen die Interessen ihrer Financiers, als einem Bildungsauftrag zu folgen. Zu dieser systembedingten Bildungslücke kommt dann noch die gezielte Desinformation bis hin zu Fake News hinzu, die zu Zeiten realer Dorfplatztreffen noch schlicht Propaganda genannt wurde.

In wessen Plan auch immer es stand, Europa zu destabilisieren, es ist gelungen. Und zwar nicht etwa durch Wirtschaftskriege oder Flüchtlingsströme, sondern auf viel subtilere Weise: solange und so massiv Desinformationen und Zweifel an Bewährtem streuen, bis kaum mehr jemand wirklich weiß, was richtig oder falsch ist, was manipulierte Propaganda oder was reale Ereignisse sind.

Der Verdummungsauftrag: Mission accomplished!

Lügen brauche man nur oft genug wiederholen, dann werden sie schon zur gefühlten Wahrheit, so das Rezept vieler – ebenfalls nicht gerade heller – Demagogen.

Der massenmediale Angriff auf die Intelligenz, die Bildung, die Erkenntnisse der Wissenschaft und das empirische Wissen, gehört zu den größten Bedrohungen unserer Zivilisation. Denn wer nicht mehr „durchblickt“ verliert das Interesse an Mitsprache und Mitgestaltung der (Um-)Welt und versinkt letztlich in politischer Apathie.

Warum sich den Kopf zermartern über Dinge, die man nicht durchblickt und selbst eh kaum beeinflussen kann, denkt sich jetzt der einen oder andere und steigt mehr und mehr aus der Nachrichten-Überflutung aus, die uns alle Dank Internet und Social Media heute noch mehr „over newsed but under informed“ hinterlässt, als es im letzten Jahrtausend der Fall, wo dieser Begriff entstand.

Dies führt zu einer immer größeren Abstumpfung gegenüber Politik und Weltgeschehen, zu Menschen, denen es zunehmend egal ist, ob anderswo jemand hungert oder stirbt. Und sogar zu Mehrheiten, die sich wieder einen „starken Mann“ an der Spitze wünschen, der all die schwierigen Probleme für sie lösen wird.

Und dann schlägt sie, die Stunde der Rechtspopulisten, Raubtierkapitalisten und Antichristen – und sie drängen an die Macht, um wieder finsterstes Mittelalter über alle wissenschaftlichen, künstlerischen und sozialen Werte und Errungenschaften von Generationen zu breiten. Um wie Sektenführer wieder die einzige „Wahrheit“ und Lebensart zu verkünden – und um ungestört die Menschheit und ihre natürlichen Ressourcen auszurauben.

So lange, bis es kracht. Weil es krachen muss. Bis wieder Tod und Zerstörung wüten, Zivilisation, Natur und Biodiversität unrettbar verloren sind und sich die dominante Spezies dieses Planeten in Kriegen extrem dezimiert oder gar auslöscht. „Wenn du denkst, Bildung ist teuer, dann warte mal ab, wie viel Ignoranz erst kosten wird“, stellte selbst der Drohnenkrieger Barack Obama fest.

Der letzte Tanz auf dem Vulkan

Bildung, und dazu gehört auch Geschichtswissen, ist das beste Gegenmittel wider rechts-autoritärer Entwicklungen in Staat und Gesellschaft.

Dies meint auch der Historiker Oliver Rathkolb, der angesichts zunehmendem Einflusses von Rechtspopulisten das Heraufdämmern eines neuen autoritären Jahrhunderts in Europa befürchtet und deshalb im Rahmen des Gedenk- und Erinnerungsjahres 2018 mit der Universität Wien und der Bonner Zentrale für politische Bildung (BpB) zu einer Fachkonferenz (Anm. d. Red.: 5. bis 7. September in Schloss Eckartsau, Niederösterreich) [1] einlädt, der die demokratische Entwicklung im 20. Jahrhundert mit den geschichtlich großen Diktaturen und Totalitarismen vergleicht.

„Die Grundkenntnis zentraler demokratiehistorischer Entwicklungen in der Vergangenheit nimmt massiv ab“, sagt Rathkolb über Studien aus mehreren Ländern, inklusive Österreich, die der Durchschnittsbevölkerung mangelndes Geschichtswissen attestieren. Nichtwissen sei jedoch genauso gefährlich wie eine unkritische historische Betrachtung und schlussendlich eine Form politischer Apathie. Diese führe dazu, dass Gesellschaften viel leichter in Richtung autoritärer Botschaften mobilisiert werden können.

„Mit dem Wissen um die europäische Zwischenkriegszeit und der damaligen Verächtlichmachung der parlamentarischen Demokratie“, die sich heute, jetzt und hier zu wiederholen scheinen, „wollen wir mit dieser Tagung den Blick für derartige Entwicklungen schärfen“, so BpB-Präsident Thomas Krüger in einer Aussendung der Uni Wien. [2]

Wo uns diese Entwicklung wirklich hinführen wird, die mit dem „Verdummungsauftrag“ begann und unsere Zivilisation mit ungebremsten „Wirtschaftsfaschismus“ immer näher an den Abgrund führt, ob wir sie einfach in aller Fauldummheit geschehen lassen oder, ob wir das „Heft des Handelns“ wieder in die eigene Hand nehmen – wir, die verbliebenen intelligenten und beherzten Menschen, die sich nicht dem letzten Tanz auf dem Vulkan hingeben wollen –, das werden die kommenden ein bis maximal zwei Jahrzehnte entscheiden. Und, ob wir dieser Abwärtsspirale mit forcierter Bildung, Information und Aufklärung begegnen – von der ersten Schulstufe bis ins hohe Alter. Möge die Übung gelingen.


Robert Manoutschehri ist Fotograf, Journalist, Texter und Grafikdesigner aus Wien.Über den Autor: Robert Manoutschehri ist Fotograf, Journalist, Texter und Grafikdesigner aus Österreich. Er engagiert sich ehrenamtlich für zahlreiche Bürgerinitiativen und NGO’s. Robert Manoutschehri lebt in Wien.


[1] 1918-1938-2018: Dawn of an Authoritarian Century? International Conference (5-7 September 2018). Auf https://eckartsau2018.univie.ac.at (abgerufen am 30.08.2018).

[2] Universität Wien: Naht ein autoritäres Jahrhundert? Pressemeldung vom 29. August 2018. Auf https://medienportal.univie.ac.at/presse/aktuelle-pressemeldungen/detailansicht/artikel/naht-ein-autoritaeres-jahrhundert (abgerufen am 30.08.2018).


Foto: Dyversions (Pixabay.com, Creative Commons CC0)


Frau zeigt das Peace Zeichen in einem VW Käfer. (Foto: Jeremy Bishop, Unsplash.com)

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  1. Die Masse war doch schon immer dumm.
    Und die, die glaubten, sich von der Masse abzuheben, waren meistens die, die die Herde zur nächsten Schlachtbank führten.
    Wir glauben zwar an eine politische Vernunft, aber woher soll die kommen, wenn wir selbst es sind, die dazu nicht fähig sind.

    Bohm:„Die Intelligenz liest „zwischen den Zeilen“ des Denkens, erkennt den gedanklichen Sinn. Ehe wir mit dieser Frage beginnen, müssen wir noch einen anderen Punkt berücksichtigen: Wenn Sie sagen, dass das Denken physischer Natur ist, dann scheint der Geist oder die Intelligenz, oder wie immer Sie das bezeichnen wollen, von anderer Beschaffenheit zu sein, einem anderen Zustand anzugehören. Würden Sie sagen, dass zwischen dem Physischen und der Intelligenz wirklich ein Unterschied besteht?“

    Diskussion zwischen David Bohm, Professor für Theoretische Physik und Jiddu Krishnamurti, indischer Philosoph. Oktober 1972
    Die gesamte Diskussion kann man hier nachlesen:
    http://www.isw-nlp.at/index.php?id=204

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  2. Harald Gabler, evang. luth. Pfr. 1. September 2018 um 14:32

    Wenn eine Lüge oft genug, lange genug und von vielen wiederholt wird und die Mehrheit der Menschen sie glauben, wird sie zur Wahrheit. Wie sagte Brecht so schön: „Wer die Wahrheit nicht kennt ist nur ein Dummkopf, wer sie Wahrheit aber kennt und sie eine Lüge nennt, ist ein Verbrecher“ Und davon haben wir heutzutage sehr viele

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  3. Es geht uns doch gut, das wird uns tagtäglich von der Regierung und den angeschlossenen Medien eingeprägt. Da müssen wir uns doch keine Gedanken machen. Wir selbst haben ja auch eine Anzahl Probleme, die an Wichtigkeit nicht zu übertreffen sind.

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  4. Schon mal davon gehört: https://de.wikipedia.org/wiki/Tittytainment ? Wir haben – Ende der Neunziger – im Gemeinschaftskundeunterricht darüber gehört. Der Begriff ist aber untergegangen, niemand redet mehr darüber. Aber er beschreibt perfekt die heutige Realität – vielleicht redet deshalb niemand mehr darüber…

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    1. Vielen Dank für den Hinweis. Wir werden über den Begriff und das Thema berichten.

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      1. Nichts zu danken, bin gespannt!

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