Freedom Rider: Gefängnisstreik 2018

In den USA streiken die Häftlinge. Ihr Gefängnisstreik ist ein Mittel, um auf ein System aufmerksam zu machen, das verfault ist und abgeschafft werden muss.

In den Bundesstaaten der ganzen Nation streiken Häftlinge gegen das größte und rassistischste Gefängnissystem der Welt. Hoffentlich werden sie nicht wie im Jahr 2010 durch die Verleumdung von Bürgerrechtlern verraten.

Der Gefängnisstreik ist ein Mittel, um auf ein System aufmerksam zu machen, das verfault ist und abgeschafft werden muss.

Inhaftierte Menschen und ihre Fürsprecher sind die eigentliche Definition einer Widerstandsbewegung. Die Vereinigten Staaten führen die Welt bei vielen schändlichen Maßnahmen an, und die Massenverhaftung steht ganz oben auf der berüchtigten Liste. Keine andere Nation hat so viele Menschen hinter Gittern und wendet einen solchen offenen Rassismus bei der Aufrechterhaltung ihres Strafvollzugssystems an. Einer von acht inhaftierten Menschen auf der Welt ist ein schwarzer Amerikaner. Deshalb ist der von den Inhaftierten und ihren Anhängern erklärte Gefängnisstreik so wichtig. Ihre Aktion beweist, dass dieses Land lügt, wenn es behauptet, Verfechter der Menschenrechte zu sein.

Der Gefängnisstreik 2018 [1] erinnert an zwei Jahrestage: Den Mord an George Jackson [2] im Gefängnis von San Quentin am 21. August 1971 und den Aufstand von Attica, der am 9. September 1971 begann und in einem Massaker endete. Seitdem ist die Zahl der Gefangenen enorm gestiegen. In den frühen 1970er Jahren wurden nur 300.000 Menschen in Gefängnissen eingesperrt, aber 50 Jahre später ist diese Zahl auf 2,2 Millionen [3] angewachsen. [4]

Keine andere Nation hat so viele Menschen hinter Gittern, noch wendet sie einen so offenen Rassismus an, um ihr Strafvollzugssystem aufrechtzuerhalten.

Nicht nur ihre Zahl ist gestiegen, sondern auch der Grad der Ausbeutung. Gefangene sind gezwungen, in ihren Haftanstalten zu arbeiten oder als Arbeitskräfte für Unternehmen wie AT&T, McDonald’s, Pepsico und Walmart, um nur einige zu nennen. [5] Sie können weniger als einen Dollar pro Stunde verdienen und in Staaten wie Texas werden sie überhaupt nicht bezahlt.

Häftlinge in Kalifornien arbeiteten kürzlich zusammen mit anderen bei der Bekämpfung von Waldbränden. Sie wurden dafür mit nur 1 Dollar pro Stunde bezahlt. Und nach ihrer Entlassung aus der Haft werden sie daran gehindert, irgendwo in diesem Staat als Feuerwehrleute zu arbeiten, trotz der wertvollen Fähigkeiten, die sie erworben haben.

Der Gefängnisstreik 2018 findet nicht in einem Vakuum statt. Er folgt auf ähnliche Anstrengungen in den zurückliegenden Jahren. 2010 führten Häftlinge in Georgia eine tagelange Streikaktion durch, die in Justizvollzugsanstalten im ganzen Bundesstaat stattfand. Sie wurde durch Brutalität gegen die Organisatoren und durch eine verräterische Bürgerrechtsführung zunichte gemacht. [6] Die großen Medien haben dies weitgehend ignoriert, aber die Inhaftierten erheben sich weiter und auch ihre Stimme, so gut sie können.

Gefangene sind gezwungen, für weniger als einen Dollar pro Stunde für Unternehmen zu arbeiten.

Alle Ansprüche der amerikanischen Demokratie oder Zivilisation sind hohl, selbst bei einer flüchtigen Überprüfung des Ungerechtigkeitssystems in diesem Land. Die meisten Insassen haben keine Gewaltverbrechen begangen. Sie verkauften Drogen oder benutzten Drogen oder zahlten kein Kindergeld oder begingen Bagatelldelikte oder zahlten nicht für Verkehrsverstöße oder andere staatliche Geldbußen. Ein räuberisches System, „krumme“ Staatsanwälte und Rassisten an jedem Punkt des Systems, können eine kleine Straftat in eine Gefängnisstrafe verwandeln.

Der Spätkapitalismus hat Millionen von Menschen wirtschaftlich überflüssig gemacht. Es gibt immer weniger Bedarf für ihre Arbeitskraft. Aber wenn sie beschäftigt sind, arbeiten sie für niedrige und unsichere Löhne und ohne die Vorteile, die einst das System untermauert haben. Aber ihre Arbeit ist sehr nützlich für Staaten, Städte und Unternehmen, die wie die früheren Sklavenhalter von ihren Körpern profitieren.

2010 führten Häftlinge in Georgia eine Streikaktion durch, aber sie wurde durch Brutalität und eine verräterische Bürgerrechtsführung zunichte gemacht.

Dass die massive Zunahme der Inhaftierungsrate mit dem Ende der Befreiungsbewegung korrespondierte, ist kein Zufall. Das Ende der legalen Apartheid bedeutete, dass andere Mittel der Unterdrückung gefunden werden mussten, und das Gefängnis wurde ein bequemer Ersatz für die Trennung von Jim Crow. [7] Körperliche Kontrolle und Profit sind die modernen Mittel der Unterdrückung.

Es hat wenig politischen Nutzen, sich für die Rechte der Gefangenen einzusetzen. Tatsächlich unterstützen die Politiker den Masseneinsperrungsstaat als Mittel zur Sicherung der Wählerstimmen. Schwarze Politiker sind dabei nicht anders. Man kann sich darauf verlassen, dass sie nichts tun [8], wie Barack Obama und Eric Holder [9] immer wieder bewiesen haben.

Staaten, Städte und Konzerne profitieren von den Körpern der Gefangenen wie die alten Sklavenhalter.

Der Gefängnisstreik ist ein Versuch, die Lebensbedingungen und die Rechte der inhaftierten Arbeiter zu verbessern. Aber es sollte weit mehr als das sein. Der Gefängnisstreik ist ein Mittel, um auf ein System aufmerksam zu machen, das verfault ist und abgeschafft werden muss.

Das bedeutet für die schwarze Community, zu kämpfen für die Kontrolle der Polizei, für ein Ende des Profitstrebens der Unternehmen auf dem Rücken der Inhaftierten und für die Organisation gegen die korrupte politische Struktur, die so viel Böses möglich macht.

Wenn Menschen hinter Gittern es wagen können, sich zu erheben, ist es das Mindeste, was wir tun können, auf ihrer Seite zu stehen und ihnen eine Stimme nach außen zu geben. Massenhaft ist der Beweis für eine undemokratische und unzivilisierte Gesellschaft erbracht. Die Wahrheit in diesem Land zu sagen, ist ein rebellischer Akt an sich. Wenn wir den Gefängnisstreik und die Rechte der Inhaftierten unterstützen, sind wir wirklich im Widerstand gegen ein schreckliches System.


Über die Autorin: Margaret Kimberley ist Redakteurin und Senior Kolumnistin bei Black Agenda Report. Sie betreibt auch ihren eigenen Blog, Freedom Rider, auf freedomrider.blogspot.com. Sie ist regelmäßiger Gast in Radio- und Internet-Talkshows und ist bei Al Jazeera English, RT, WBAI, KPFK, Presstv Iran und Govorit Moskva (Moscow Voice Radio) aufgetreten. Sie schreibt ein Buch über Rassismus und die amerikanische Präsidentschaft. Sie ist Absolventin des Williams College und lebt in New York City.


Redaktioneller Hinweis: Der Beitrag von Margaret Kimberley erschien erstmals auf www.blackagendareport.com in englischer Sprache unter dem Titel „Freedom Rider: Prison Strike 2018“. Er wurde vom ehrenamtlichen Team von Neue Debatte übersetzt. Wir danken Margaret Kimberley für die Zustimmung zur Übernahme und Veröffentlichung auf Neue Debatte.


Informationen und Anmerkungen

[1] Incarcerated workers. Auf https://incarceratedworkers.org/openaid-home (abgerufen am 31.08.2018).

[2] George Jackson (1941-1971) war ein US-amerikanischer militanter Aktivist der Black Panther Party. Während einer Haftstrafe politisierte er sich. Er studierte und wurde weltweit durch seine sozialrevolutionären Schriften bekannt, in denen er für einen gewaltsamen Umsturz plädierte. Nach offiziellen Angaben wurde Jackson am 21. August 1971 während eines Fluchtversuchs im Gefolge eines Gefangenenaufstands, bei dem mehrer Wächter getötet wurden, auf dem Hof des San-Quentin-Gefängnisses niedergeschossen. Er starb an seinen Verletzungen. Teile der schwarzen Bevölkerung zweifeln die offizielle Version an. Sie gehen davon aus, dass Jackson, eine Symbolfigur des schwarzen Widerstands, ermordet wurde.

Wenige Tage nach dem Tod von Jackson, am 9. September 1971, begann ein Gefangenenaufstand im Attica Correctional Facility. Am 13. September eröffenten Angehörige der New York State Police und Aufseher das Feuer. Beim Sturm auf das Gefängnis kam es zu Übergriffen. Zahlreiche Häftlinge wurden gefoltert. 30 Jahre nach dem Massaker, bei dem 32 Inhaftierte und 10 Gefängnisangestellte getötet wurden, wurde den Angehörigen der Toten und Verletzten eine finanzielle Entschädigung zugesprochen. Der Staat New York erklärte sich zur Zahlung von acht Millionen Dollar bereit, ohne aber ein Schuldanerkenntnis abzugeben.

Weitere Informationen zum Tod von George Jackson; DER SPIEGEL vom 30. August 1971: Unter den Teppich. Auf http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-43175415.html (abgerufen am 31.08.2018). Und zum Massaker von Attica; New York Times: A Brutal Beating Wakes Attica’s Ghosts. Auf https://www.nytimes.com/2015/03/01/nyregion/attica-prison-infamous-for-bloodshed-faces-a-reckoning-as-guards-go-on-trial.html?_r=0 (abgerufen am 31.08.2018).

[3] Justice Policy Institute: The Punishing Decade: Prison and Jail Estimates at the Millennium. Auf http://www.justicepolicy.org/images/upload/00-05_rep_punishingdecade_ac.pdf (abgerufen am 31.08.2018).

[4] Neue Debatte vom 18. August 2018: Prisonstrike – Widerstand gegen die Sklaverei in den US-Gefängnissen.

[5] Buycott: Boycott Companies That Use Prison Labor. Auf https://www.buycott.com/campaign/companies/504/boycott-companies-that-use-prison-labor (abgerufen am 31.08.2018).

[6] Black Agenda Report: Georgia Prison Strike, One Year Later: Activists Outside the Walls Have Failed Those Inside the Walls. Auf https://www.blackagendareport.com/content/georgia-prison-strike-one-year-later-activists-outside-walls-have-failed-those-inside-walls (abgerufen am 31.08.2018).

[7] Jim Crow („Jim, [die] Krähe“) war in den USA im 19. Jahrhundert die Bezeichnung für das Stereotyp eines tanzenden, singenden und unterdurchschnittlich intelligenten Schwarzen. Der Begriff wurde im Rahmen der Rassendiskriminierung von Afroamerikanern und anderen Schwarzen kritisch genutzt. Er dient heute zur Bezeichnung für das umfassende System zur Aufrechterhaltung einer Rassenhierarchie in allen Bereichen der amerikanischen Gesellschaft. Mehr Informationen auf https://de.wikipedia.org/wiki/Jim_Crow (abgerufen am 31.08.2018).

[8] Black Agenda Report: Who Will Lead A Movement Against the Prison State, If Not the Formerly Incarcerated? Auf https://blackagendareport.com/content/who-will-lead-movement-against-prison-state-if-not-formerly-incarcerated (abgerufen am 31.08.2018).

[9] Eric Himpton Holder ist ein US-amerikanischer Jurist und Politiker der Demokratischen Partei. Von 2009 bis 2015 war er unter US-Präsident Barack Obama Generalbundesanwalt der Vereinigten Staaten (United States Attorney General) und Justizminister. Holder war der erste Afroamerikaner, der diese Position erlangte. Von 1997 bis 2001 war er in der Regierung von Präsident Bill Clinton stellvertretender Justizminister.


Symbolfoto: Tracy Lundgren (Pixabay.com, Creative Commons CC0)


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