Wie ein Saloon in der fernen Wüste

Michael Lüders trägt mit seinem neuen Buch „Armageddon im Orient. Wie die Saudi-Connection den Iran ins Visier nimmt“ zur Dechiffrierung des vermeintlichen Chaos im Nahen Osten bei.

Michael Lüders [1] scheint nicht nur als Präsident der Deutsch-Arabischen Gesellschaft die Nachfolge Peter Scholl-Latours [2] angetreten zu haben. Sondern auch seine Publikationen bekommen allmählich das Signet, das den Werken des großen Kenners des arabischen Raumes und Südostasiens anhaftete: eine einmalige, aber auch einsame Kenntnis über die Verhältnisse, die in der Welt eine große Rolle spielen, die aber so irrational und undurchschaubar von den Vertretern des Westens behandelt und gestaltet werden.

Auch Scholl-Latour verstand es, dem vermeintlichen Chaos des Nahen Ostens eine innere Logik zu verleihen und dem Westen bestenfalls grenzenlose Ignoranz zu attestieren. Lüders schreibt dazu wiederholt ein neues Kapitel. Mit seinem neuen Buch „Armageddon im Orient. Wie die Saudi-Connection den Iran ins Visier nimmt“ trägt er maßgeblich zur Dechiffrierung des vermeintlichen Chaos bei.

Nachdem Lüders mit seinen Büchern „Wer den Wind sät“ und „Die den Sturm ernten“ historische Hintergründe, aktuelle Interessen und Motive und geopolitische Konstellationen zum Syrien-Krieg aufgezeichnet hatte, legt er nun im besten Sinne eines vom Aussterben bedrohten Enthüllungsjournalismus das vor, was als die Kriegsmobilisierung gegen den Iran genannt werden muss.

Ein zentrales Thema zum Verständnis der aktuellen Entwicklung ist das Verhältnis Saudi-Arabiens zu den USA, das getragen wird von gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen vor allem des saudischen Königshauses und der texanischen Öl-Lobby in den Vereinigten Staaten.

Und ja, vieles liest sich wie eine im Drogenrausch konzipierte Verschwörungstheorie, wären da nicht die unzähligen seriösen Quellen, auf die sich Lüders beruft, und wäre da nicht ein gemäßigter, immer wieder an die Vernunft appellierender Schreibstil des Autors.

Minutiös arbeitet das Buch die vielen Schimären ab, die durch die mediale Welt geistern und die Version belegen sollen, auf die es in den Häusern der Scharfmacher in den USA, Israels und Saudi-Arabiens hinauslaufen soll: Regime-Change im Iran.

Nicht ohne, nein mit zwingender Logik verweist Lüders auf das Alleinstellungsmerkmal des Iran. Es handelt sich bei diesem nicht nur um ein 80-Millionen-Volk, sondern auch um die einzig verbliebene Kulturnation in der vom Kolonialismus und Imperialismus zerstörten und ins Chaos gestürzten Region. Ihr Makel ist der Öl- und Gasreichtum und die Notwendigkeit, diese Ressourcen von A nach B bringen zu müssen. Es geht also um die Ressourcen selbst und die Sicherung ihrer Transportwege.

Die seit dem Irak-Krieg 2003 verfolgte Doktrin des Regime-Change hat zum Ziel, Chaos zu schaffen und das Chaos zu beherrschen. Taktische Fehler von historischem Ausmaß haben dazu geführt, dass sowohl der Iran als auch Russland einen Vorteil im Machtgefüge des Nahen Ostens zurückerobern konnten. Daher bläst vor allem US-Präsident Donald Trump zum Halali gegen den Iran, der mithilfe der genannten Koalition gelyncht werden soll.

Bei der Schilderung der riskanten, einen Dritten Weltkrieg provozierenden Unternehmung, dokumentiert der Autor die speziellen Verbindungen der einzelnen treibenden Kräfte. Auffallend ist, dass die USA nun, nach den Texanern, ihre Interessen durch Trump und dessen Netzwerk von Immobilienlobbyisten vertreten lassen, die sich ihrerseits durch gemeinsame Projekte mit dem saudischen Königshaus und dessen unberechenbarem Herrscher prächtig verstehen.

Es ist ein Showdown, der an einen Saloon in der fernen Wüste erinnert, aber es ist zu ernst und zu beunruhigend, als dass man dem so etwas wie Spannung abgewinnen könnte.

Wieder einmal zeigt sich Lüders als ein Autor, dem es gelingt, komplizierte Verhältnisse verständlich darzustellen und vor allem das zu beschreiben, was man handfeste Interessen nennt. Das entschlüsselt dann vieles, und aus den hochgelobten Werten wird der blanke Eigennutz, koste es, was es wolle.


Gerhard Mersmann bloggt auf Form7Über den Autor: Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure. Sein Beitrag erschien erstmals auf seinem Blog.


[1] Michael Lüders (Jahrgang 1959) ist ein deutscher Politik- und Islamwissenschaftler, Publizist und Politik- und Wirtschaftsberater. Er studierte einige Semester an der Universität Damaskus arabische Literatur und an der Freien Universität Berlin Publizistik, Islam- und Politikwissenschaft. Lüders promovierte mit einer Arbeit über das ägyptische Kino. Er arbeitete als Dokumentarfilmer und Hörspielautor für den SWR und WDR. Von 1993 bis 2002 war er Nahost-Korrespondent der Hamburger Wochenzeitung „DIE ZEIT“ und von 2002 bis 2003 Berater für die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung. Heute berät er unter anderem das Auswärtige Amt und arbeitet als Dozent. Er schriebt zahlreiche Bücher wie zum Beispiel Wir hungern nach dem Tode (2001), Tage des Zorns (2011) oder Iran: Der falsche Krieg (2012). Armageddon im Orient. Wie die Saudi-Connection den Iran ins Visier nimmt (ISBN: 9783406727917) erschien im Verlag C.H.Beck.

[2] Peter Scholl-Latour (1924-2014) war ein deutsch-französischer Journalist und Publizist. Er studierte er an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und der Pariser Sorbonne Philologie und Politikwissenschaft. Von 1956 bis 1958 studierte er Arabistik und Islamkunde am Sprachzentrum Bikfaya der Beiruter Université Saint-Joseph. Während des Studiums arbeitete Peter Scholl-Latour als Reisejournalist für deutsche und französische Zeitungen und Rundfunkanstalten und bereiste Amerika, Afrika, den Vorderen Orient und Südost- und Ostasien. Sein Volontariat absolvierte er 1948 bei der Saarbrücker Zeitung. 1954 und 1955 war er Sprecher der Regierung des Saarlandes.

Ab 1960 arbeitete Scholl-Latour für den Hörfunk und war ständiger Afrikakorrespondent der ARD in Kinshasa (Demokratischen Republik Kongo) und Brazzaville (Republik Kongo). 1963 ging er zum Fernsehen, gründete das ARD-Studio in Paris und leitete es bis 1969. Anschließend war er bis 1971 WDR-Fernsehdirektor für das Westdeutsche Fernsehen (WDF). Er ging er als Chefkorrespondent zum ZDF und leitete von 1975 bis 1983 das Pariser ZDF-Studio. Scholl-Latour war Sonderkorrespondent in Vietnam. Dort wurden er und sein Team 1973 von den Vietcong gefangen genommen. Nach einer Woche kam er frei.

In den 1970er Jahren bereiste er Kanada, Kambodscha, China und Afghanistan. Ab 1978 stand er in Kontakt zu Ayatollah Chomeini, der sich in Frankreich im Exil befand. Scholl-Latour begleitete den Revolutionsführer bei dessen Rückkehr in den Iran (1979) und führte mit ihm mehrfach Interviewes. 2011 interviewte er den syrischen Staatspräsidenten Baschar al-Assad.

Peter Scholl-Latour, der auch immer wieder als Nahost-Experte im Fernsehen auftrat, verfasste zahlreiche Sachbücher. Sein Buch Der Tod im Reisfeld: Dreißig Jahre Krieg in Indochina war zum Zeitpunkt seines Todes das meistverkaufte Sachbuch Deutschlands seit Ende des Zweiten Weltkrieges.


Symbolbild: Max Yakovlev (Pixabay.com, Creative Commons CC0)


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