Yuriko Yushimata – Unsterblich

Irgendwann in ferner Zukunft muss niemand mehr hungern. Kriege gibt es nicht mehr. Die Menschen leben frei und in Wohlstand. Gewalt ist die Ausnahme. Die Ausnahme ist schreckliche Gewalt.

Alles war perfekt in dieser Welt, ALLES. Kiyoshi Ito spuckte in Gedanken diese Worte auf das Pflaster.

Ihm war elend zu Mute. Und doch lächelte er alle Menschen freundlich an.
Sie durften nichts merken.

Niemand hungerte, alle lebten frei und in Wohlstand. Kriege gab es nicht mehr. Gewalt war die Ausnahme.
Die Menschen waren bis auf Unfälle unsterblich, sie lebten um ein vielfaches länger als ihre Vorfahren und, Kiyoshi Ito lachte heiser, sie liebten ihr Leben.
Kriechen und fressen, für ihn war das ein langer Tod, kein Leben, Tod und Verwesung.

Würmer, sie waren Würmer und Würmer beseitigte man, ohne viel Nachdenken.
Bei diesem Gedanken wurde er ruhiger, er spürte fast so etwas wie Euphorie.

Nachdem er die Wohnungstür hinter sich geschlossen hatte, fing er an zu zittern, sein Gesicht wurde bleich.
Er eilte zum Klo und übergab sich. Es schüttelte ihn fast eine halbe Stunde, dann spürte er nur noch bittere Galle hochkommen.
Seine Kraft lies nach, die Würmer drangen immer weiter vor, in ihn hinein, sie wollten auch aus ihm einen Wurm machen. Er musste Handeln, jetzt, oder er würde sich aufgeben.
Alles war vorbereitet.
Er kniete noch einmal vor dem Kreuz und betete zu Christus um Vergebung.
Jesus verstand ihn, das wusste er.
Der Herr zertrat die Ungläubigen, wie Würmer.

Kiyoshi Ito weinte und küsste die Füße des Herren.

Die Antigravitationsplattform für Lastentransporte war vorbereitet. 17 Jahre Arbeit, aber im Verhältnis zur Ewigkeit war dies irrelevant.
Um Punkt 19.00 Uhr flog er zum zentralen Platz der Megalopolis.
Er trug einen Schutzanzug mit Sauerstoffmaske.

Ein kleines Kind zeigte lachend mit den Finger auf ihn, auf den Mann mit dem komischen Anzug, der da oben auf der Plattform stand.
Er sah das Kind und es widerte ihn an.
Wieso lachte dieses Kind ihn aus?
Ein kleiner Wurm – ein Nachwuchswurm.

Die meisten Menschen schauten überrascht zu ihm auf, doch es blieb ihnen keine Zeit.
Das Nervengas tötete 1.234.511 Menschen sofort, weitere 2.678.451 wurden für den Rest ihres Lebens verkrüppelt und viele von ihnen würden in den nächsten Jahrzehnten sterben.

Als Kiyoshi Ito auf dem Platz niederging, lagen nur noch aufgequollene Tote auf den Platz.
Ein sanftes Lächeln glitt über sein Gesicht.

Auch das kleine Kind, das lachend auf ihn gezeigt hatte, lag mit hervorgequollenen Augen und schmerzverkrampften Gliedern tot im Dreck.
Wurmkur, Kiyoshi musste laut lachen, als ihm dieser Begriff in Gedanken kam. Er fühlte sich das erste Mal in seinem Leben mit sich und der Welt in Übereinklang, leer und friedlich – erleichtert.

Die Zahlen standen in der Anklageschrift, die ihm seine Pflichtverteidigerin vorlas.
Er hörte nicht richtig zu. Gott, er wartete auf Gott, bald würde es soweit sein.
Nur die Zahl interessierte ihn, 1.234.511 Seelen, die er für Gott gerettet hatte. 1.234.511 Seelen, die er von der Unsterblichkeit erlöst hatte.
Und weitere 2.678.451 Seelen würden hinzukommen.

Sicher viele dieser Würmer würden erst einmal in der Hölle schmoren, aber Gottes Gnade war unendlich.

Und Gott würde ihn belohnen. Das Paradies würde süß schmecken.

An sich hatte er auch sich selbst töten wollen, aber er hatte den Anzug zu spät geöffnet. Gott hatte ihn vor dieser Sünde beschützt.
Er lächelte.
Gott liebte ihn.

Nun würden ihn die Richter zu Gott schicken. Auf Mord stand die Todesstrafe.
Er hoffte auf einen kurzen Prozess.

Doch die Richterin verstand nichts, sie führte den Prozess trotz seiner Einwände über alle Details. „Wir werden hier alles erheben, was sie getan haben. Und sie werden dastehen und zuhören.
Wir werden alle Angehörigen zu Wort kommen lassen und jedes Opfer mit Namen und Geschichte benennen.
Sie sollen hören, was sie getan haben.“
Kiyoshi Ito verschloss seine Ohren und dachte ans Paradies, Gott erwartete ihn.
Bald würde er Gott treffen.
Solange schon hatte er gewartet, den Prozess würde er auch noch durchstehen. Gott wollte ihn prüfen, er würde bestehen.
Er betete.

Der Prozess dauerte 15 Jahre 7 Monate und 8 Tage. Als zwei Tage vor dem angekündigten Prozessende ein Anwalt der Nebenklage einen weitere Verlängerung um 2 Jahre beantragte, fing der Angeklagte an zu brüllen.
„Nur Gott allein wird mich richten! Ihr könnt mir nichts tun. Bringt es zu Ende! Tötet mich! Das ist doch das, was ihr wollt?
Das ist egal.
Oder fehlt Euch dafür der Mut?“
Die Richterin ließ ihn hinausführen. Kiyoshi Ito bat Gott um Vergebung für seine Ungeduld.
Was waren 2 Jahre im Angesicht Gottes.

Doch der Antrag auf Verlängerung wurde abgelehnt, der Prozess wurde termingerecht beendet.
Kiyoshi Ito lächelte. Morgen endlich würden sie ihn zum Tode verurteilen.
Er fühlte sich leicht und entspannt. Endlich würde er Gott sehen.

Glück, so musste sich Glück anfühlen.

Dann wurde er ein letztes Mal vor die Richterin geführt. Aufrecht und überheblich stand er da.
Morgen schon würde er seinem Schöpfer gegenübertreten.
Er lachte.

Die Richterin verlas eine lange Urteilsbegründung. Nach zwei Stunden gab es eine Pause.
Am Nachmittag wurde die Verlesung fortgesetzt, dann kam ihr Urteil. „Ich verurteile den Beschuldigten zur lebenslänglichen Einweisung in die psychiatrische betreute Sicherheitsverwahrung.
Die Ärzte haben dafür Sorge zu tragen, dass die festgestellten suizidalen Tendenzen des Angeklagten nicht zu einer Selbsttötung führen.
Dieser Mann ist unzurechnungsfähig und damit auch nicht schuldfähig.“

Die Nebenklagevertreter protestierten lautstark. Doch die Richterin lies sich nicht beirren, sie stand auf, ohne auf die Proteste einzugehen. „Ich erkläre die Verhandlung hiermit für beendet.“

Der Angeklagte fing an zu schreien und zu wimmern. Seine Anwältin versuchte ihn zu beruhigen. „Die Lebenserwartung liegt zur Zeit bei ca. 5.000 Jahren.
Sie sind noch jung.
In 1.000 Jahren können wir einen Antrag auf eine vorzeitige Entlassung stellen.
Dann haben Sie noch mehr als 3.000 Jahre vor sich.
Ihr Leben ist noch lange nicht zu Ende.“

FIN


Yuriko Yushimata wurde als Distanzsetzung zur Realität entworfen. Es handelt sich um eine fiktionale und bewusst entfremdete Autorinnenposition, die über die Realität schreibt. Die SoFies (Social Fiction) dieses Bandes zeigen in der Zuspitzung zukünftiger fiktiver sozialer Welten die Fragwürdigkeiten der Religionen und Ersatzreligionen unserer Zeit. Teilweise sind die Texte aber auch einfach NUR witzig. Sie erschien im Oktober 2014 unter dem Titel „Religion Version 2.100“ und befindet sich im Archiv der HerausgeberInnengemeinschaft Paula & Karla Irrliche. Spiegelung & Verbreitung der Texte sind ausdrücklich gewünscht!


Illustration: Geralt (Pixabay.com; Creative Commons CC0)


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