Cooking in Your Car – Der Aufstieg der wohnungslosen Mittelklasse

Realität in den USA: Job, Überstunden, Schichtarbeit und der Verdienst reicht trotzdem nicht für eine Mietwohnung. In San Francisco und Oakland lebt ein Teil der Mittelschicht im Auto.

Der Geruch von Salz, Fett und gebratenem Fleisch erfüllte die Luft, mit einem Hauch von verbranntem Zucker darin. Meine Gedanken wanderten zu Frühstück, das in einem fettigen Diner brutzelt.

Hier und jetzt befand ich mich aber auf meinem Fahrrad und radelte um 06:30 Uhr durch unbebautes Gebiet in East Oakland. Keine Häuser oder Restaurants weit und breit.

Und dann sah ich den Rauch und hörte das Brutzeln. Es kam von einem der Fahrzeuge in einer langen Reihe neuerer Subarus, Hondas, BMWs, Acura Sedans und sogar Mercedes, keines älter als 2015, die entlang dieser abgelegenen Straße geparkt waren. Dieses Frühstück war einem winzigen Grill zu verdanken, der am Zigarettenanzünder eines zweitürigen Hondas, Baujahr 2017, hing.

Diese einfache, stille Gruppe Autos. Ihre Bewohner waren Teil einer wachsenden Gruppe von wohnungslosen[1] Menschen, die sich am Rand einer fragilen Mittelklasse bewegen, die gerade genug verdienen, um ein Auto zu bezahlen, nicht aber die gentrifizierten Mieten der Hauseigentümer.

„Ich arbeite jeden Tag, manchmal 12-Stunden-Schichten, aber ich kann mir die Mieten in Oakland oder San Fransisco trotzdem nicht leisten“, erzählt mir Malcolm, einer der wohnungslosen Parkenden. „Ursprünglich kam ich aufgrund einer Ellis-Act-Räumung[2] meines von mir für 20 Jahre bewohnten Apartments in San Fransisco hierher. Es kostet zu viel, wieder reinzukommen.“

Malcolm erzählte mir weiter, dass er seine Miete immer pünktlich bezahlt und davon geträumt hatte, ein günstiges Zuhause auf dem Land zu kaufen – dann kam es zur Räumung. Jetzt kann er die $5000–$10.000 nicht aufbringen, die es quasi überall in der Bay Area kostet, um wieder in eine Wohnung zu kommen.

Malcolm ist ein 62-jähriger schwarzer Älterer und war sehr besorgt um seine Zukunft. Er ist ein Leiharbeiter – die Umschreibung für keine Krankenversicherung, keine Rente und keine Sicherheit.

Auf meiner heutigen Radtour, mein früheres wohnungsloses, traumatisiertes Selbst nennt sie „meine Radtouren für die Gesundheit“, weil ich ohne sie wirklich nicht funktionieren würde mit all den PTBS-Triggern[3], die durch mein Gehirn rollen, bemerkte ich mehr als zehn neue Autos, die zu den neun Autos hinzukommen sind, die schon hier waren, alle mit Leuten jeglicher Farben, Kulturen und Altersstufen, in verschiedenen Stadien der Vorbereitung für die Arbeit oder die Schule. Meine eigene Vergangenheit mit Obdachlosigkeit und Wohnen im Auto ließ mich für sie, ihre Sicherheit gegenüber der Polizei, Politrickstern und Hassnachbarn fürchten.

„Ich komme aus einer Arbeiterfamilie. Ich konnte mir Miete und Schulsachen nicht leisten“, sagte Yessica, UC-Berkeley-Absolventin und eine von mehr als 15 Wohnungslosen, die in Berkeley in Wohnmobilen leben, die die Stadt Berkeley kürzlich von einem Parkplatz im Berkeley Marina aus keinem anderen Grund hat räumen lassen als der Tatsache, dass trotz der vor Political Correctness triefenden Fassade von Berkeley, diese Stadt voller Anti-Armen-Hass ist.

„Sie haben nichts unternommen, um die Gesetze zu ändern. Es gibt keine Möglichkeit, in Berkeley legal in einem Fahrzeug zu leben“, sagte der revolutionäre Menschenrechtsanwalt Osha Neumann, der mit den Wohnmobilbewohnern Berkeleys zusammenarbeitet, um den Anti-Armen-Hass Berkeleys und seine Politrickster zu bekämpfen. Emeryville hob das Gesetz auf, das insbesondere in Fahrzeugen lebende Menschen betraf, Berkeley aber nutzt ein Gesetz aus, das besagt, dass man zwischen 3:00 Uhr und 5:00 Uhr kein Nutzfahrzeug parken darf, um nichtkommerzielle Wohnmobilbewohner ins Visier zu nehmen.

Seine Worte trafen mich ins Herz. Genau das habe ich den Großteil meiner Kindheit über erlebt. Wir lebten nicht in Wohnmobilen oder Hondas neueren Modells; wir wohnten in Schrottkarren, Schüsseln, was immer ich und meine Mama davon kaufen konnten, was wir auf der Straße verdienten.

Wir parkten, wo immer wir konnten, bemühten uns wirklich sehr, Menschen, besseren Vierteln und der Polizei aus dem Weg zu gehen. Normalerweise war das nicht sehr erfolgreich und wir bekamen praktisch ununterbrochen Strafzettel und wurden abgeschleppt. Entweder waren es Strafzettel wegen des Schlafens in unserem Auto oder wegen abgelaufener Registrierung, Rücklichtern und anderer Arme-Leute-Verbrechen.

Wenn die Autos abgeschleppt wurden, hieß es entweder auf Parkbänken schlafen oder in versteckten Türeingängen oder in Betten unsicherer Unterkünfte, wo wir belästigt wurden. Als ich 18 wurde, saß ich drei Monate im Santa Rita County Jail, für das Armuts-„Verbrechen“, in unserem Auto zu schlafen.

Jeden Dienstag gehen ich und andere Korrespondenten des Poor News Network raus, um für RoofLESS Radio von armen Menschen geleitete Medien und Forschung zu betreiben – oder, wie wir es nennen, „WeSearch“. Wir bereiten auch gesunde warme Mahlzeiten zu, die wir an alle verteilen, die hungrig sind, zusammen mit Hygienesets, wenn wir welche haben.

Jede Woche berichten wohnungslose Poverty Skolaz, die sich in ihren Schrottkarren, in Parks und Zelten verstecken, zahlreiche Geschichten vom „Wegkehren“ unserer wohnungslosen Körper, als ob wir Müll wären, vom Aufgefordert-werden-zu-gehen, davon, dass unsere Zelte und Besitz vom Department of Public Works[4] gestohlen wurden oder dass uns geradeheraus mitgeteilt wird, wie in den jüngsten Berichten aus San Francisco, dass wir uns überhaupt nirgendwo hinsetzen dürfen.

Man könnte behaupten, dass die Mittelklasse-Autobewohner besser dran sind, weil sie nicht diesen gleichen unablässigen Hass abbekommen und eine Unterbringungsmöglichkeit für ihre Habseligkeiten haben. Aber die Schikane trifft sie ebenso; sie ist nur subtiler.

„Die Verkehrspolizei hat mir buchstäblich jeden Tag Strafzettel verpasst. Ich parke hier, weil es kaum Wohnhäuser gibt und somit weniger Leute, die wegen uns die Polizei rufen“, sagt eine ältere Latina, die in einem Krankenhaus arbeitet und mit mir aus einem 2015er Subaru spricht. „Ich habe so viele Strafzettel, dass ich Gefahr laufe, mein Auto zu verlieren und in einem Zelt zu landen.“

Echte Lösungen statt weiterer Unterdrückung von Armen

Von San Francisco bis San Mateo werden Menschen die GANZE Zeit schikaniert und mit den Siedler-Kolonisten-Anti-Armen-Gesetzen zu den gestohlenen Grundbüchern unterstützen, befördern und sichern Gesetzgeber und Politrickster diese Schikane.

Deshalb befürworten Poverty Skola Bobby Bogan und ich eine Armen-Partei (Poor People’s Party). Und deshalb bauen wir armen, wohnungslosen Menschen beim POOR Magazine „Homefulness“ auf, eine selbstbestimmte Lösung von wohnungslosen Menschen gegen die Obdachlosigkeit.

Aber es ist noch wichtiger für die Leute, die das hier lesen, zu verstehen, dass wir in einer anderen Zeit leben. Es ist kein Platz für die gleiche alte, von Habgier erfüllte, Land raubende, Reichtum anhäufende Politik.

Mama Earth wird schwächer. Die Klimazerstörung nimmt zu. Mehr und mehr von uns können sich die irrsinnigen Preise nicht mehr leisten, die fälschlicherweise auf Mama Earth erhoben wurden.

Für unser kollektives Überleben und Gedeihen als menschliche Wesen ist es eine Dringlichkeit für uns, zuzuhören und zu lernen und den Praktiken zu folgen, die indigene Völker seit dem Anbeginn der Menschlichkeit gelehrt, gelebt und offenbart haben.

„In San Diego läuft gerade ein riesiger Gerichtsprozess über das Recht, im Auto schlafen zu dürfen“, sagt Paul Boden, Poverty Skola und langzeitiger Armen-Aktivist und Leiter von WRAP, dem Western Regional Advocacy Project.

Niemand besitzt diese Parkplätze, wie die, auf denen die Wohnmobilbewohner in Berkeley parkten, weil niemand Mama Earth besitzt. Niemand besitzt die öffentlichen Straßen, auf denen die Menschen in San Diego parken, ebenso wie niemand die sogenannten öffentlichen Straßen in San Francisco, San Mateo, Berkeley oder East Oakland besitzt.

Mein Vorschlag an wache Leute wie Jovanka Beckles und Cheryl Davilla und Cat Brooks, die in diesen Hallen der Politrickster wandeln, ist, die Eigentumsgesetze der ersten kolonialen Siedler aufzustöbern und tatsächlich Raum zu schaffen für uns wachsende Mitglieder der Nation der Wohnungslosen. Entkriminalisiert Parken und Schlafen, entkriminalisiert „wohnungsloses“ Sitzen, Stehen, Leben und Sein.

Diese Gebräuche sind in der Realität des 21. Jahrhunderts nicht logisch und sie waren es natürlich auch nie, sondern eher unterstützte diese Kultur, die in Mangelmodellen verwurzelt ist – wie ein Fass als Überlebensmodell für Krebse –, Rassismus, Klassismus und Gier.

Unterstützt indigene, von Frauen geführte Projekte wie Sogorea Te Land Trust und deren Kampf, eine 5.000 Jahre alte heilige indigene Stätte, den West Berkeley Shellmound[5], vor weiterer [Land-]Erschließung und Landraub, Geschäftemacherei und Politrickserei zu retten, zu erhalten, zu befreien und zu ehren.

Verwandelt Baulücken sowohl in privatem als auch in öffentlichem „Besitz“ – wie die tausende von Morgen Land im Besitz von CalTrans – und wegen privater Spekulation leerstehende Häuser in kollektiv genutztes Land, das nicht auf Vermögenswerten, mehr Konsum, Verkauf und Spekulation beruht.

Und wache Menschen, die das hier lesen, müssen nicht auf die Politrickster warten oder diese bitten, aktiv zu werden. Ihr als die in Häusern lebenden Bürger seid diejenigen, für die die Politrickster angeblich all diese Anti-Armen-Gesetze einführen und vollstrecken. Und darum sende ich einen Aufruf an bewusste, in Häusern lebende Menschen, gemeinsam mit uns armen und wohnungslosen Menschen aufzustehen und zu sagen:

„Nein, wir wollen nicht, dass wohnungslose Menschen eingesperrt oder kriminalisiert werden. Wir wollen nicht, dass in Fahrzeugen lebende Menschen von der Polizei schikaniert werden.“

Und wenn ihr Land oder Reichtum geerbt habt, erkennt bitte, dass Projekte wie Homefulness durch die umverteilten Dollar von entkolonialisierten jungen Menschen möglich wurden, die von Poverty Skolaz in der PeopleSkool und der Stolen land – Hoarded Resources Tour (Anm.: Gestohlenes Land – Gehortete Reichtümer Tour) gelernt haben, an arme und wohnungslose Leute für ihre eigenen selbstbestimmten Lösungen weiterzuverteilen.

Dies sind die tiefgehenden und lebensverändernden Erkenntnisse, die in „Poverty Scholarship: Poor People-led Theory, Art, Words and Tears Across Mama Earth“ (mit)geteilt werden. 2019 werden wir ein grundlegendes Buch und einen Studienplan herausgeben.

Und hört auf damit, mehr und mehr Hochhäuser und Immobilien für Reiche zu ermöglichen, finanziell zu unterstützen und zu bauen und befreit gestohlenes indigenes Territorium für von Armen geleitete Projekte wie Homefulness. Wir indigene und Poverty Skolaz bei Homefulness gehen durch ein langes rechtliches und förmliches Verfahren, um unseren kleinen Teil von Mama Earth auf Dauer vom Markt der Immobilienschlangen zu nehmen, damit er immer ein Ort für Menschen zum Leben, Lernen, Wachsen und Heilen bleibt, ohne die Gefahr der Beseitigung, Räumung oder Vertreibung.

Die vier Familien, die aktuell hier leben (meine ist eine von ihnen), sind alle zuvor wohnungslose Menschen gewesen, keine Miete an irgendjemanden zahlen, nicht versuchen, aus Mama Earth Profit zu schlagen und die einen Beitrag für Steuern, Versicherungen und Notwendigkeiten leisten und keinen Teil von Mama Earth besitzen wollen – aber, wie ich immer zu meinem Sohn sage, ich bin sehr sicher, dass wir obdachlos wären, wenn es Homefulness nicht gäbe.

„Der Grill ist nicht der Beste und manchmal werden die Pfannkuchen nicht ganz durch“, erzählt mir Malcolm und schaut aus seinem Fenster, „aber er ist alles, was ich habe, und das ist besser als nichts.“

Wenn ihr mit uns die nächste Stolen Land/Hoarded Resources Tour laufen wollt oder uns für eine Lesung oder einen Workshop zum bald erscheinenden Poor People Lehrbuch „Poverty Scholarship“ buchen wollt, emailt uns an poormag@mail.com.


Über die Autorin: Tiny (aka Lisa Gray-Garcia) ist eine ehemals wohnungslose, ehemals inhaftierte Poverty Scholar, revolutionäre Journalistin, Dozentin, Poetin, Visionärin, Lehrerin, Tochter von Dee und Mama von Tiburcio. Sie ist Mitbegründerin des POOR Magazine sowie zahlreicher Projekte und Autorin von Criminal of Poverty: Growing Up Homeless in America. Sie ist erreichbar unter deeandtiny@poormagazine.org.


Redaktioneller Hinweis: Dieser ursprünglich englischsprachige Text wurde vom ehrenamtlichen Team von Neue Debatte übersetzt. Er erschien im August 2018 unter dem Titel Cooking in your car: The rise of the unhoused middle class im POOR Magazine und unter anderem bei San Francisco Bay View. Wir danken Tiny für die Zustimmung zur Übersetzung und Veröffentlichung auf Neue Debatte.


Quellen und Anmerkungen

[1] Anm. d. Ü.: Laut der von der European Federation of National Associations Working with the Homeless (FEANTSA) erarbeiteten Definition, der sog. ETHOS Typology on Homelessness and Housing Exclusion [https://www.feantsa.org/download/ethos_de_2404538142298165012.pdf], handelt es sich bei Menschen, die in “Behausungen, die für konventionelles Wohnen nicht gedacht sind“, wohnen, nicht um Wohnungs- oder gar Obdachlose, sondern die Wohnsituation wird als „unzureichendes Wohnen“ bezeichnet.

[2] Der sogenannte Ellis-Act ist ein kalifornisches Gesetz (California Government Code Chapter 12.75). Es erlaubt Besitzern von Mietshäusern, ihre Mieter rauszuwerfen, wenn sie erklären, dass sie keine Vermieter mehr sein und das Objekt anderweitig nutzen möchten. Vgl. auch einen Artikel im Handelsblatt von Axel Postinet vom 28.09.2014 https://www.handelsblatt.com/politik/international/san-francisco-armut-im-paradies/10703136.html

[3] Auslöser (Trigger), die bei einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) das (Wieder-)Erleben des Traumas/der Traumata hervorrufen.

[4] Das Department of Public Works ist verantwortlich für die öffentliche Infrastruktur.

[5] Mehr zu dieser bedeutenden Fundstelle gibt es z. B. unter: http://berkeleyheritage.com/berkeley_landmarks/shellmound.html, http://californiaican.org/california-indian/12000-year-history/ und https://shellmound.org/wp-content/uploads/2018/04/WestBerkeleySite-2004-SCA-article.pdf


Foto: Jonas Svidras (Pixabay.com, Creative Commons CC0)


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