Das Ei des Kolumbus

Denken Sie an das Ei des Kolumbus, wenn sich die Gelegenheit bietet, etwas zu tun, das vernünftig ist und Courage erfordert. Es geht um Vertrauen in unruhigen Zeiten.

Ja, wir leben in unruhigen Zeiten. Und ja, viele Menschen fühlen sich verunsichert. In unzähligen Gesprächen, egal, wo sie geführt werden, ob im Büro oder morgens beim Becker, ob in der Straßenbahn oder abends mit Freunden, immer mehr wird der Wille deutlich, dass etwas geschehen muss, um das destruktive Treiben derer, die die Macht haben, durch Wille und Vernunft zu beenden. Warten, das ist der Tenor, Warten ist keine Alternative. Wenn gewartet wird, dann kommen andere, die vorgeben, Lösungen parat zu haben. Was daraus wird, hat die Geschichte gezeigt.

Insofern ist die positive Botschaft dieser Tage, dass sich immer mehr Menschen darüber im Klaren sind, dass sie etwas machen müssen, um die Verhältnisse zu ändern.

Die negative Nachricht kann jedoch nicht unterschlagen werden. Immer mehr von denen, die bereit wären, etwas zu tun, beklagen die Wirre im Kopf, wenn es darum geht, herauszufinden, was richtig und falsch ist. Sie beklagen, die Orientierung verloren zu haben. Es ist ein Massenphänomen, das zurückzuführen ist auf die heiße Schlacht um die Wahrheit, die nicht selten endet in einem Duell beiderseitiger Fake News. Da ist guter Rat teuer.

Deshalb ist ein Anliegen, auf Narrative zu verweisen, die jeder kennt und die deutlich machen, dass es gut ist, dem eigenen Verstand und der eigenen Erfahrung zu trauen und daraus die entsprechenden Schlüsse und Entscheidungen abzuleiten.

Als erstes Beispiel soll das berühmte Ei des Kolumbus gelten. Was war da noch geschehen?

Als Kolumbus mit seiner ramponierten Flotte zurückkam von der Entdeckung der Neuen Welt, löste das selbstverständlich großes Aufsehen aus. Auf einem der vielen Bankette, auf denen sich Kolumbus zeigen musste, stellte ihn der berühmte und berüchtigte Kardinal Mendoza[1] zur Rede.

Man bedenke, diese Begebenheit spielte im Jahr 1493 und es war bei weitem nicht die Geburtsstunde der Aufklärung im Land. „Wenn ich dich so reden und erzählen höre“, so richtete Kardinal Mendoza sein Wort direkt an Kolumbus, „so komme ich zu der Auffassung, dass deine Reise, die du so herausstreichst, von einem jeden hier im Saale hätte gemacht werden können!“

Christoph Kolumbus forderte in seiner Replik die gesamte Tischrunde auf, doch bitte ein Ei mit der Spitze nach unten zum Stehen zu bringen. Zwar etwas verwirrt, aber dennoch begann gleich der Versuch eines jeden, der Aufforderung nachzukommen. Logischer wie bekannter Weise scheiterten die Versammelten allesamt. Dann nahm Kolumbus ein Ei und schlug es mit der Spitze nach unten leicht auf die Tafel, sodass es zum Stehen kam.

Und noch während die Runde, allen voran Kardinal Mendoza, begann, gegen die Methode des Kolumbus zu protestieren, sendete er ihnen die Botschaft, um die es ihm ging:

Ihr sagt, so hättet ihr es machen können, ich aber habe es getan!

Das Narrativ, das sich seit einem halben Jahrtausend hält, stellt heraus, dass es darum geht, den eigenen Verstand zu benutzen und bereit zu sein, pragmatisch das zu tun, von dem man überzeugt ist und dass es zum Ziel führt. Ein sehr einfacher Sachverhalt, der besonders in Zeiten der ideologischen Verkomplizierung des Lebens von besonderem Wert ist.

Bitte denken Sie an das Ei des Kolumbus, wenn sich die nächste Gelegenheit bietet, etwas zu tun, das vernünftig ist und etwas Courage erfordert. Sie könnten neue Kontinente entdecken!


Gerhard Mersmann bloggt auf Form7Über den Autor: Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure. Sein Beitrag erschien erstmals auf seinem Blog.


[1] Pedro González de Mendoza (1428-1495) war ein spanischer Kardinal und Staatsmann. Er förderte in Spanien die Entwicklung einer humanistischen Kultur und war Fürsprecher der von Christoph Kolumbus geplanten Expedition zur Entdeckung des westlichen Seewegs nach Indien.

 


Illustration: Iván Tamás (Pixabay.com, Creative Commons CC0)


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  1. Sind wir nicht alle zu guten Untertanen erzogen worden, die auch nur dann zu echten Demokraten erklärt werden, wenn diese keine Widerworte gegen die Ansichten der Regierung erheben. Sicher haben alle diese Ausbildung schon in der Schule erfahren. Was bei der Ausbildung fehlt ist jede Demut vor der Natur, dagegen wird der Egoismus und das Konkurrenzdenken als Voraussetzung für ein erfolgreiches Wirken gepredigt. Das wieder in sinnvolle Bahnen zu lenken, scheint nur möglich, wenn die Natur hier einen Zwang ausüben wird.

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  2. Hat dies auf fibeamter rebloggt und kommentierte:
    Eigenes Beispiel. jahrzehntelang hatte ich die Sperre zwischen libische mSystem (Gefühlswelt) und Neocortex (Denkhirn) geschlossen und Gefühle nicht zugelassen. Durch eine mittelschwere Depression mit Kopfschmerz, der organisch nicht feststellbar,
    war ich 6 Wochen in einer Spezialklinik. In der 5. Woche hatte ich eine psychischen Zusammenbruch und konnte erstmals Gefühle zulassen, leider Trauer. Die Balance Gefühl-Verstand war dabei jedoch noch nicht entscheidend hergestellt.Das „innere Kind“ blieb gestört. Eine nahezu vollständige Heilung geschah Ende letzten Jahres bei einem Theta-Healing-Seminar. Zwar liegen Verstand und Gefühl derzeit etwas im Clinch, aber ich bin fähig, das „Bauchgefühl“ zu beachten. Ob das Schließen der Sperre nicht die Krankheit unserer Tage ist?? Das System mag esoterisch klingen, aber es läßt viel Raum für die eigenen Eistellungen.

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