Der gordische Knoten

Ist nicht mehr nachzuverfolgen, wie und warum etwas zustande kam und wie Funktionen zusammenhängen, kann es sinnvoll sein, den Funktionszusammenhang kurzerhand und entschlossen aufzulösen und die Konstruktion neu zu denken.

Eines der Argumente, das das Vorgehen jener legitimieren soll, deren Handlungen zunehmend bezweifelt werden, ist das der wachsenden Komplexität. In allem! Die Welt, so wird uns erzählt, ist komplexer geworden. Wenn damit der Trend gemeint ist, dass sich Wirtschaft und Politik internationalisiert haben, dann bedeutet das nicht unbedingt eine neue Stufe der Komplexität, es kann auch einfach alles nur etwas komplizierter geworden sein.

Es ist ein guter Rat, genau hinzuschauen und sich die Frage selbst zu beantworten. Denn nicht alles ist wirklich komplex. Manches ist vielleicht kompliziert, anderes auch komplex. Aber heißt das, dass wir es deshalb so akzeptieren müssen, wie es ist?

Kann nicht auch sein, dass viele Enden von verschiedenen Akteuren irgendwann zusammengeführt worden sind, und das für eine Weile gehalten hat, aber uns heute dennoch nichts mehr nützt? Wie wäre es, nicht jede Konstruktion, die uns vorgesetzt wird, als für alle Zeiten gültig zu betrachten?

Auch da besitzen wir eine Erzählung, die weit älter ist und sich mit dem legendären Alexander befasst, der auszog, Asien zu erobern und dabei vieles entdeckte. Die Geschichte, die als die vom „Gordischen Knoten“ bezeichnet wird, passt sehr gut zu dem beschriebenen Problem.

Der Überlieferung nach war eine Konstruktion am Streitwagen des phrygischen Königs Gordios[1] besonders beachtet. Es handelte sich um einen aus dem Bast der Kornelkirsche gebundenen Knoten, der Deichsel und Zugjoch des Streitwagens verband und als stabil wie flexibel gepriesen wurde und als nicht auflösbar galt.

Alexander, der schöne Jüngling, der einen ganzen Kontinent mit seiner Entschlossenheit und Dynamik überraschte, wurde diese Konstruktion gezeigt mit der Frage, ob er in der Lage sei, den Knoten zu lösen. Und wenn etwas mehr als zweitausend Jahre zurückliegt, so ist es erklärlich, dass es unterschiedliche Versionen der Erzählung gibt.

Unbezweifelt ist, dass Alexander sich nicht allzu lange mit dem Konstrukt beschäftigte, sondern nach kurzer Betrachtung sein Schwert zückte und den gepriesenen Knoten mit einem heftigen Schlag durchtrennte.

Zum Knoten selbst und seinem Zustand wird jedoch auch an manchen Stellen erwähnt, dass er schmutzig und regelrecht ekelerregend auf Alexander gewirkt habe und für ihn gar nicht mehr identifizierbar gewesen sei, wie die einzelnen Enden zueinander gefunden hätten, sondern dass eine Masse von stinkendem Unrat nur noch die Funktion erfüllte. Entscheidend ist jedoch die Quintessenz, dass Alexander das Konstrukt mit dem Schwert durchschlug.

Angewendet auf unsere Tage, in denen die Komplexität von sozialen, wirtschaftlichen und politischen Konstrukten immer wieder bemüht wird, um die Dings so, wie sie existieren, zu legitimieren, empfiehlt sich ein gewisses Maß an alexandrinischer Ungeduld.

Es ist sinnvoll, sich die Gebilde anzuschauen. Sollten wir jedoch zu dem Ergebnis kommen, dass gar nicht mehr nachzuverfolgen ist, wie und warum etwas zustande kam und wie welche Funktion mit welcher anderen zusammenhängt, dann kann es sinnvoll sein und weiterführen, kurzerhand und entschlossen den Funktionszusammenhang aufzulösen und die Konstruktion neu zu denken.

Dazu bedarf es dem Vertrauen auf die eigene Urteilskraft, einer gewissen Ungeduld, die verhindert, nicht durch das Detail vom Handeln abgehalten werden zu wollen und dem Mut, eine Entscheidung zu treffen und sich von etwas zu trennen, das einen großen Namen hat. So erwirbt auch die Geschichte vom gordischen Knoten gewaltige Relevanz in unseren unruhigen Tagen.


Gerhard Mersmann bloggt auf Form7Über den Autor: Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure. Sein Beitrag erschien erstmals auf seinem Blog.


[1] Gordios ist in der griechischen Sage Gründer von Gordion und König von Phrygien. Als unter den Phrygern ein Streit ausbrach, wer an der Spitze stehen solle, wurde ein Orakel befragt. Derjenige sollte König sein, dem die Fragesteller als erstes auf einem Wagen begegneten. Es war Gordios, dem eine Wahrsagerin prophezeit hatte, er würde König werde. König Gordios gründete die Stadt Gordion und weihte im Tempel des Zeus seinen Wagen mit einem unauflösbaren Knoten. Wer diesen Gordischen Knoten lösen könne, würde die Herrschaft über Kleinasien erlangen. Im Winter 334/333 v. Chr. erreichte Alexander der Große Gordion, zog sein Schwert und hieb den Knoten in zwei Teile. Kleinasien wurde anschließend von Alexander erobert.


Foto: Nino Carè (Pixabay.com, Creative Commons CC0)


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  1. Die Menschen haben sich in ein Verhalten hinein manövriert, aus dem sie sich scheinbar nicht mehr befreien können. Es ist das Geldsystem, das solche Schwierigkeiten im Umgang miteinander produziert. Da können wichtige Arbeiten nicht geleistet werden, weil Geld fehlt. Dabei ist Geld doch nichts anderes als Zahlen in einem Computer. Da überträgt man Zahlen an die Nachkommen, damit jene dafür Arbeit leisten müssen. Da nehmen diese Zahlen zu, wenn sie sich auf einem Computer befinden, ohne dass dafür eine Leistung erbracht werden muss. Da können ganze Länder verhungern, weil diese Zahlen ihnen vorenthalten werden. Wie viel Unheil muss noch passieren, um diesen Unsinn zu beenden.

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