BBQ. (Illustration: Clker-Free-Vector-Images, Pixabay.com, Creative Commons CC0)
Organe zu spenden ist gut, solange es freiwillig geschieht. Danach folgt schon der erste Schritt zur Ökonomisierung des Körpers.

Mit mir hast Du nicht gerechnet, was? Da taucht der unscheinbare Artikel nach Wochen des Schweigens plötzlich wieder auf und dann noch mit so einem schweren Thema. Das hier ist keine Geschichte für zarte Gemüter, das kann ich Dir versprechen. Es geht nicht um Big-Brother-Ekel oder das Ausschlachten eines bedauerlichen Einzelschicksals, sondern um das Business mit dem Inneren. Ich will etwas über Organspenden und die Ökonomisierung des Körpers zum Besten geben.

Ich weiß, ich weiß, ein harmloser Artikel, der nicht einmal ne Grippe bekommt, hat wenig mitzureden, weder beim Geschacher mit der Gesundheit, und schon gar nicht im „Workflow“ einer Redaktionsbude, wo der Aschenbecher qualmt. Ja, pssst. Leise, bitte. Muss doch nicht jeder wissen. Die haben hier wirklich geraucht und dabei über die Freiheit des Menschen geredet. Freiheit. Diese Kretins. Die halten sich wirklich für frei, wenn sie sich ne Light-Zigarette anzünden und mit halber Kraft auf Lunge ziehen.

Was? Das findest Du nicht gut? Wieso?

Rauchen schadet der Gesundheit, meinst Du? Ja, das stimmt. Im Rauch einer Zigarette sind 4800 Chemikalien. 250 davon sind giftig und 90 verursachen Krebs, steht in einem auffälligen Artikel in der Süddeutschen. Verkauft werden die Glimmstängel trotzdem.

Rauchen total verbieten, sagst Du? Gegenfrage: Muss alles verboten werden? Ich bin für Leben und leben lassen. Schließlich ist es das Leben der anderen, und ob die im Rauch leben wollen oder nicht, geht Dich und mich nichts an, oder?

Wie? Das geht Dich was an, weil die Kosten im Gesundheitswesen explodieren und die Kassenbeiträge steigen?

Die könnten doch schon morgen massiv reduziert werden!

Wie das gehen soll, fragst Du?

Verbiete den Einsatz von Chemikalien bei der Nahrungsmittelproduktion, in der Landwirtschaft und in den Kippen sowieso. Es geht ja um ein gutes und gesundes Leben für alle und überall. Schaff die Beitragsbemessungsgrenze ab, mach die ganzen Krankenkassen dicht und eröffne eine Einheitskasse für alle. Die Kassenärztlichen und Kassenzahnärztlichen Vereinigungen kannst Du gleich mit abschaffen und die Krankenkassenverbände auch. Mach Ärzte, Psychodoktoren, Krankenschwestern und Pfleger zu Staatsangestellten. Schmeiß die Privatwirtschaft aus den Krankenhäusern raus, bau staatliche Pharmaunternehmen auf und dazu ein Netz aus Apotheken, die der Gesellschaft gehören. Mach aus der Gesundheit einfach keine Ware, dann explodiert da auch nichts.

Wie jetzt? Das ist unrealistisch, meinst Du? Vielleicht. Ein Unternehmer würde es Optimierung nennen, um unnötige Kosten einzusparen.

Ein Staat ist kein Unternehmen, sagst Du? Doch, nur ein ziemlich großes. Deshalb hat der Staat auch so viele überflüssige Institutionen, die Unmengen an Geld kosten, aber nichts für die Allgemeinheit bringen. Die können weg.

Wie? Das wäre Sozialismus, sagst Du? Kommunismus? Ne, das wäre vernünftig!

Du wolltest ne klare Antwort haben, oder? Vorsicht, Dein Kopf wird gerade ganz rot! Das ist nicht gesund.

Wieso schaust Du jetzt so skeptisch? Bis Du  eingeschnappt oder ist Dir ein Licht aufgegangen? Tja, so ist das eben. Ich mach nur meinen Job als harmloser Artikel. Mir ist es doch völlig wurscht, ob Du dir einreden lässt, dass es einen Wettbewerb um die Gesundheit geben muss oder ob Du verstehst, dass das gar keinen Sinn ergibt, weil ja nur mit kranken Menschen Geld verdient werden kann.

Stell Dir mal vor, alle Menschen wären glücklich und gesund. Was würden die Vorstände der Krankenkassen, die Pharmavertreter, die vielen Leute in der Verwaltung und die ganzen Ärzte und Apotheker dann machen? Na, fällt der Groschen?

Jetzt tue ich dem Schreiber noch einen Gefallen. Der wollte unbedingt das Wort Menschenfleisch im Text haben. Klingt irgendwie gruselig, oder? Geht ja um Organspenden, nicht um Fleisch. Mhm … Jetzt ist auch genug.

Du hast bestimmt vor ein paar Tagen davon gehört oder gelesen, dass der Lobbyist, … Ups! Ein Fauxpas. Entschuldigung. Das Wort hatte ich bei einem mir bekannten Artikel aufgeschnappt. Der hat sich auf ner anderen Seiten schreiben lassen. Willst Du ihn kennenlernen? Du findest ihn hier.

Also, Du hast gehört, dass der Gesundheitsminister sich ganz doll sorgt, weil es angeblich viel zu wenig Organspender in Deutschland geben würde. Das stimmt zwar nur halb, wenn überhaupt, und untergegangen ist die Nummer im Wirrwarr der Meldungen aus dem Polit-Theater ohnehin, aber das ist im Moment nicht so wichtig.

Na ja. Der Minister hatte laut darüber nachgedacht, wie er an Deinen Körper kommen kann. Da wachst Du auf, was? Ich nenne es Enteignung des Inneren.

Wie bitte?

Ja, enteignen will er ihn, Deinen Körper und was da so drin und dran ist. Das nennt der Minister natürlich nicht Enteignung, wäre politisch auch ziemlich unklug, sondern er spricht von einer doppelten Widerspruchslösung.

Was das heißt? Jeder Mensch soll automatisch zum Organspender werden, wenn man nicht selbst oder die Angehörigen ausdrücklich widersprechen. Bisher läuft das nicht so. Da musst Du eindeutig sagen, dass Du spenden willst. Das nennt sich Entscheidungsregel.

Organspenden sind etwas Gutes, meinst Du?

Ja, sind sie ganz bestimmt. Sie retten das eine oder andere Leben oder verlängern es. Das ist gut. Auf den Wartelisten von Eurotransplant standen Ende 2017 über 10.000 Menschen aus Deutschland, die ein Spenderorgan brauchten: Niere, Herz, Lunge, Leber, Pankreas. Hier findest Du eine Statistik dazu.

Warum der Vorschlag vom Minister dann schlecht ist, fragst Du?

Weil freiwillige Organspenden noch viel, viel besser sind als unfreiwillige Spenden. Du als Mensch entscheidest selbst, ob Du etwas von dir abgeben willst, oder, wenn Du nicht mehr entscheiden kannst, Deine Angehörigen, weil die sicher nach Deinem Ableben wissen, was Du wolltest. Aber diese Dingsbums-Lösung von dem Minister wäre ein weiterer staatlicher Eingriff in Deine persönliche Freiheit und wird zur indirekten Enteignung, solltest Du vergessen, klipp und klar und eindeutig zu regeln, wie mit Deinem Körper verfahren werden soll. Wenn da was fehlt, ist schnell was ab oder weg. Nebenbei würde die Ökonomisierung des Körpers eingeleitet.

Ökonomisierung des Körper? Ich soll das genauer erklären?

Gut, dann wird es jetzt etwas länger werden. Als harmloser Artikel kann ich schließlich nicht sorgfältig genug sein, wenn es um Dein Fleisch geht.

Mal nebenbei gefragt: Kennst Du den Film Fleisch? Ein Thriller. Der wurde Ende der 70er gedreht mit Jutta Speidel und Herbert Herrmann. Die Story ist ganz einfach. Da fahren böse Leute durch die Gegend, kidnappen harmlose Leute und klauen deren Organe. Auf Bestellung. Organmafia nennt sich das. Der Streifen war damals ein Aufreger, heute hebt der niemanden mehr aus dem Sessel. Zu wenig Action.

Warum ich das erwähne? Weil es in dem Film ums Geschäft geht, darum.

Darüber sollte man nachdenken, wenn 10.000 Menschen ein Organ benötigen und deswegen 80.000.000 Millionen von Staats wegen zu potenziellen Organspendern erklärt werden sollen. Es würden plötzlich viele Organe verfügbar sein, die für Transplantationen geeignet sind. Und die würde entnommen werden, wenn sie entnommen werden dürfen.

Das wäre gut, denkst Du? Na ja, dann entsteht aber ziemlich sicher das, was Kaufleute ein Überangebot nennen würden. Du hast mehr Organe als benötigt. Was machst Du mit dem Gewebe, das Du nicht brauchst?

Es würde nur entnommen, was gebraucht wird, sagst Du?

Darauf würde ich nicht wetten. Denn gebraucht werden viele Organe in der ganzen Welt. Da winkt ein lukrativer Markt, würde ich sagen.

Das ist ne Verschwörungstheorie, meinst Du?

Ne, ne. Weitsicht und die Erfahrungen mit dem Blut.

Welches Blut, fragst Du?

Die Blutspenden, zu denen ständig aufgerufen wird, weil es angeblich immer zu wenig Blutkonserven geben würde. Das ist völliger Quatsch, aber eben ein gutes Geschäft. Das aus dem Blut gewonnene Plasma, das in den Krankenhäusern nicht gebraucht wird, landet ja nicht im Müll, sondern wird vertickt.

Vertickt? Es wird Verkauft. Das Blut wird gehandelt wie eine Ware. Kannst Du hier bei einem meiner Kollegen nachlesen, wenn Du Geld hast. Artikel sind nämlich auch Ware. Alles ist Ware.

In den USA ist der Bluthandel Gang und Gebe. Der Blutmarkt ist bei den Amis privatisiert. Amis? Vereinigte Staaten. Amerika. Unbegrenzte Möglichkeiten.

In Deutschland funktioniert das etwas anders, weil der Bereich nicht privatisiert ist. Handel findet trotzdem statt. Da geht das rote Zeug oder Bestandteile davon zum Beispiel an die Industrie. Der Liter soll 270 Euro kosten, hat hier ein anderer Kollege von mir behauptet. Und der hier schreibt 110 Euro. Interessant, was? Da wird auf die Tränedrüse gedrückt von den Blutspendediensten und so, und anschließend Kasse gemacht. Der Blutspender bekommt ein Frühstück, einen Gutschein oder vielleicht eine Aufwandsentschädigung von 20 oder 25 Euro, steht zum Beispiel hier. Mehr nicht.

Warum, fragst Du? Weil Blut gegen Cash nicht gerne gesehen ist. Es soll aus Hilfsbereitschaft gespendet werden, aber nicht wegen Geld. Sonst wird das Spenden von Blut noch als Einnahmequelle genutzt.

Irgendwie komisch, oder? Wer die Ader öffnet, soll es am besten freiwillig tun und die Abzapfer drehen am Geldhahn. Da kommst Du ins Grübeln, was?

Schwamm drüber. Es geht ja nicht ums Blut, sondern um die Innereien. Aber Du ahnst, worauf ich hinaus will.

Organhandel, meinst Du? Nein, nein. Organhandel gibt es schon ewig. Frag mal in Asien oder Lateinamerika nach. In Brasilien werden Menschen wegen einer Niere umgebracht, schreibt der Kollege hier zum Beispiel.

Mir geht es grundsätzlich um die Kommerzialisierung menschlicher Organe. Was beim Blut klappt, da geb‘ ich Dir Brief und Siegel, das funktioniert auch bei Herz und Niere. Du musst ja nur an den Stoff rankommen.

Stoff? Ja, Stoff. Es ist wie beim Puscher um die Ecke, der seinen Stoff verkaufen kann, weil er ihn hat und weil es einen Bedarf gibt. Wer Organe hat, handelt sie, wenn ein Markt dafür vorhanden ist. Das ist im Kapitalismus völlig normal. Da wird alles zur Ware. Brauchst Du deine Haut noch? Hahaha … erschreckt.

Okay, okay. Spaß beiseite. Als Artikel will ich Dich zum Nachdenken bringen, darüber, was passiert oder passieren könnte, wenn sich Gesetze ändern und sich der Staat in Dein privatestes Selbst einmischt. Das ist mein Job, mehr nicht. Das siehst Du auch so? Super, wir sind uns einig.

Stell Dir mal vor, jeder wäre ein Organspender. Und stell Dir vor, dass ganz viele Organe da sind, die in Deutschland nicht gebraucht werden, weil jeder genug hat. Was passiert mit dem Rest?

Vielleicht werden in Zukunft immer mehr Menschen neue Organe brauchen, sagst Du?

Ja, vielleicht. Überall sind Kranke. Und die Medizin, die Klinken, die Pharma, die Versicherer, sie alle leben von Krankheit, nicht von Gesundheit. Und Operateure leben vom operieren.

Ich will Dir damit verklickern, was medizinische Leistungen für ein mega gutes Geschäft sind und warum ich, wäre ich Geschäftsmann und kein Artikel, deshalb unbedingt an Deine Organe ran wollte.

Mit fehlt der moralische Bezug, sagst Du?

Stimmt, ein Artikel kann auf Moral verzichten. Mir kannst Du ja noch nicht einmal einen Buchstaben wegnehmen, aber bei Dir gibt es einiges abzuschnippeln.

Vielleicht kommt auch alles ganz anders und der Handel mit Organen wird irgendwann legalisiert und privatisiert, eben wie das Blut in den USA. Dann könntest Du zum Beispiel einem Armen, der in Berlin, Hamburg oder München an einer Tafel für eine warme Suppe ansteht auf Kommission eine Niere abkaufen und Dir einsetzen lassen. Dann brauchst nicht nach Indien fahren.

Wie Indien, fragst Du?

Da verkaufen viele arme Menschen ihre Organe, weil sie Geld zum Leben brauchen. Nikhila M. Vijay hat mal einen gruseligen Artikel über den Organhandel in Indien und den Transplantationstourismus als globales Geschäft geschrieben. Ist zwar schon zehn Jahre alt, aber wenn es Dich nicht stört; Du solltest ihn lesen.

Oder vielleicht gibt es dann so viele Organe, dass sich der zahlende Kunde in einem Katalog das leckerste Stück aussuchen kann, dass die eigenen verbrauchten Gewebeteile ersetzen soll.

Das sind Schauergeschichten, meinst Du?

Lass es uns kapitalistische Science-Fiction nennen. Es ist nur Science-Fiction. Der Minister hat ja auch nur mal laut gedacht.

So, ich habe für heute genug getan. Du auch? Fein. Wir lesen uns bestimmt wieder. Pass auf Dein Herz auf. Du hast schließlich nur eins.


Illustration: Clker-Free-Vector-Images (Pixabay.com, Creative Commons CC0)

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