Hey, Du. Ich bin’s, Herz und Niere!

Organe zu spenden ist gut, solange es freiwillig geschieht. Danach folgt schon der erste Schritt zur Ökonomisierung des Körpers.

Mit mir hast Du nicht gerechnet, was? Da taucht der unscheinbare Artikel nach Wochen des Schweigens plötzlich wieder auf und dann noch mit so einem schweren Thema. Das hier ist keine Geschichte für zarte Gemüter, das kann ich Dir versprechen. Es geht nicht um Big-Brother-Ekel oder das Ausschlachten eines bedauerlichen Einzelschicksals, sondern um das Business mit dem Inneren. Ich will etwas über Organspenden und die Ökonomisierung des Körpers zum Besten geben.

Ich weiß, ich weiß, ein harmloser Artikel, der nicht einmal ne Grippe bekommt, hat wenig mitzureden, weder beim Geschacher mit der Gesundheit, und schon gar nicht im „Workflow“ einer Redaktionsbude, wo der Aschenbecher qualmt. Ja, pssst. Leise, bitte. Muss doch nicht jeder wissen. Die haben hier wirklich geraucht und dabei über die Freiheit des Menschen geredet. Freiheit. Diese Kretins. Die halten sich wirklich für frei, wenn sie sich ne Light-Zigarette anzünden und mit halber Kraft auf Lunge ziehen.

Was? Das findest Du nicht gut? Wieso?

Rauchen schadet der Gesundheit, meinst Du? Ja, das stimmt. Im Rauch einer Zigarette sind 4800 Chemikalien. 250 davon sind giftig und 90 verursachen Krebs, steht in einem auffälligen Artikel in der Süddeutschen. Verkauft werden die Glimmstängel trotzdem.

Rauchen total verbieten, sagst Du? Gegenfrage: Muss alles verboten werden? Ich bin für Leben und leben lassen. Schließlich ist es das Leben der anderen, und ob die im Rauch leben wollen oder nicht, geht Dich und mich nichts an, oder?

Wie? Das geht Dich was an, weil die Kosten im Gesundheitswesen explodieren und die Kassenbeiträge steigen?

Die könnten doch schon morgen massiv reduziert werden!

Wie das gehen soll, fragst Du?

Verbiete den Einsatz von Chemikalien bei der Nahrungsmittelproduktion, in der Landwirtschaft und in den Kippen sowieso. Es geht ja um ein gutes und gesundes Leben für alle und überall. Schaff die Beitragsbemessungsgrenze ab, mach die ganzen Krankenkassen dicht und eröffne eine Einheitskasse für alle. Die Kassenärztlichen und Kassenzahnärztlichen Vereinigungen kannst Du gleich mit abschaffen und die Krankenkassenverbände auch. Mach Ärzte, Psychodoktoren, Krankenschwestern und Pfleger zu Staatsangestellten. Schmeiß die Privatwirtschaft aus den Krankenhäusern raus, bau staatliche Pharmaunternehmen auf und dazu ein Netz aus Apotheken, die der Gesellschaft gehören. Mach aus der Gesundheit einfach keine Ware, dann explodiert da auch nichts.

Wie jetzt? Das ist unrealistisch, meinst Du? Vielleicht. Ein Unternehmer würde es Optimierung nennen, um unnötige Kosten einzusparen.

Ein Staat ist kein Unternehmen, sagst Du? Doch, nur ein ziemlich großes. Deshalb hat der Staat auch so viele überflüssige Institutionen, die Unmengen an Geld kosten, aber nichts für die Allgemeinheit bringen. Die können weg.

Wie? Das wäre Sozialismus, sagst Du? Kommunismus? Ne, das wäre vernünftig!

Du wolltest ne klare Antwort haben, oder? Vorsicht, Dein Kopf wird gerade ganz rot! Das ist nicht gesund.

Wieso schaust Du jetzt so skeptisch? Bis Du  eingeschnappt oder ist Dir ein Licht aufgegangen? Tja, so ist das eben. Ich mach nur meinen Job als harmloser Artikel. Mir ist es doch völlig wurscht, ob Du dir einreden lässt, dass es einen Wettbewerb um die Gesundheit geben muss oder ob Du verstehst, dass das gar keinen Sinn ergibt, weil ja nur mit kranken Menschen Geld verdient werden kann.

Stell Dir mal vor, alle Menschen wären glücklich und gesund. Was würden die Vorstände der Krankenkassen, die Pharmavertreter, die vielen Leute in der Verwaltung und die ganzen Ärzte und Apotheker dann machen? Na, fällt der Groschen?

Jetzt tue ich dem Schreiber noch einen Gefallen. Der wollte unbedingt das Wort Menschenfleisch im Text haben. Klingt irgendwie gruselig, oder? Geht ja um Organspenden, nicht um Fleisch. Mhm … Jetzt ist auch genug.

Du hast bestimmt vor ein paar Tagen davon gehört oder gelesen, dass der Lobbyist, … Ups! Ein Fauxpas. Entschuldigung. Das Wort hatte ich bei einem mir bekannten Artikel aufgeschnappt. Der hat sich auf ner anderen Seiten schreiben lassen. Willst Du ihn kennenlernen? Du findest ihn hier.

Also, Du hast gehört, dass der Gesundheitsminister sich ganz doll sorgt, weil es angeblich viel zu wenig Organspender in Deutschland geben würde. Das stimmt zwar nur halb, wenn überhaupt, und untergegangen ist die Nummer im Wirrwarr der Meldungen aus dem Polit-Theater ohnehin, aber das ist im Moment nicht so wichtig.

Naja. Der Minister hatte laut darüber nachgedacht, wie er an Deinen Körper kommen kann. Da wachst Du auf, was? Ich nenne es Enteignung des Inneren.

Wie bitte?

Ja, enteignen will er ihn, Deinen Körper und was da so drin und dran ist. Das nennt der Minister natürlich nicht Enteignung, wäre politisch auch ziemlich unklug, sondern er spricht von einer doppelten Widerspruchslösung.

Was das heißt? Jeder Mensch soll automatisch zum Organspender werden, wenn man nicht selbst oder die Angehörigen ausdrücklich widersprechen. Bisher läuft das nicht so. Da musst Du eindeutig sagen, dass Du spenden willst. Das nennt sich Entscheidungsregel.

Organspenden sind etwas Gutes, meinst Du?

Ja, sind sie ganz bestimmt. Sie retten das eine oder andere Leben oder verlängern es. Das ist gut. Auf den Wartelisten von Eurotransplant standen Ende 2017 über 10.000 Menschen aus Deutschland, die ein Spenderorgan brauchten: Niere, Herz, Lunge, Leber, Pankreas. Hier findest Du eine Statistik dazu.

Warum der Vorschlag vom Minister dann schlecht ist, fragst Du?

Weil freiwillige Organspenden noch viel, viel besser sind als unfreiwillige Spenden. Du als Mensch entscheidest selbst, ob Du etwas von dir abgeben willst, oder, wenn Du nicht mehr entscheiden kannst, Deine Angehörigen, weil die sicher nach Deinem Ableben wissen, was Du wolltest. Aber diese Dingsbums-Lösung von dem Minister wäre ein weiterer staatlicher Eingriff in Deine persönliche Freiheit und wird zur indirekten Enteignung, solltest Du vergessen, klipp und klar und eindeutig zu regeln, wie mit Deinem Körper verfahren werden soll. Wenn da was fehlt, ist schnell was ab oder weg. Nebenbei würde die Ökonomisierung des Körpers eingeleitet.

Ökonomisierung des Körper? Ich soll das genauer erklären?

Gut, dann wird es jetzt etwas länger werden. Als harmloser Artikel kann ich schließlich nicht sorgfältig genug sein, wenn es um Dein Fleisch geht.

Mal nebenbei gefragt: Kennst Du den Film Fleisch? Ein Thriller. Der wurde Ende der 70er gedreht mit Jutta Speidel und Herbert Herrmann. Die Story ist ganz einfach. Da fahren böse Leute durch die Gegend, kidnappen harmlose Leute und klauen deren Organe. Auf Bestellung. Organmafia nennt sich das. Der Streifen war damals ein Aufreger, heute hebt der niemanden mehr aus dem Sessel. Zu wenig Action.

Warum ich das erwähne? Weil es in dem Film ums Geschäft geht, darum.

Darüber sollte man nachdenken, wenn 10.000 Menschen ein Organ benötigen und deswegen 80.000.000 Millionen von Staats wegen zu potenziellen Organspendern erklärt werden sollen. Es würden plötzlich viele Organe verfügbar sein, die für Transplantationen geeignet sind. Und die würde entnommen werden, wenn sie entnommen werden dürfen.

Das wäre gut, denkst Du? Na ja, dann entsteht aber ziemlich sicher das, was Kaufleute ein Überangebot nennen würden. Du hast mehr Organe als benötigt. Was machst Du mit dem Gewebe, das Du nicht brauchst?

Es würde nur entnommen, was gebraucht wird, sagst Du?

Darauf würde ich nicht wetten. Denn gebraucht werden viele Organe in der ganzen Welt. Da winkt ein lukrativer Markt, würde ich sagen.

Das ist ne Verschwörungstheorie, meinst Du?

Ne, ne. Weitsicht und die Erfahrungen mit dem Blut.

Welches Blut, fragst Du?

Die Blutspenden, zu denen ständig aufgerufen wird, weil es angeblich immer zu wenig Blutkonserven geben würde. Das ist völliger Quatsch, aber eben ein gutes Geschäft. Das aus dem Blut gewonnene Plasma, das in den Krankenhäusern nicht gebraucht wird, landet ja nicht im Müll, sondern wird vertickt.

Vertickt? Es wird Verkauft. Das Blut wird gehandelt wie eine Ware. Kannst Du hier bei einem meiner Kollegen nachlesen, wenn Du Geld hast. Artikel sind nämlich auch Ware. Alles ist Ware.

In den USA ist der Bluthandel Gang und Gebe. Der Blutmarkt ist bei den Amis privatisiert. Amis? Vereinigte Staaten. Amerika. Unbegrenzte Möglichkeiten.

In Deutschland funktioniert das etwas anders, weil der Bereich nicht privatisiert ist. Handel findet trotzdem statt. Da geht das rote Zeug oder Bestandteile davon zum Beispiel an die Industrie. Der Liter soll 270 Euro kosten, hat hier ein anderer Kollege von mir behauptet. Und der hier schreibt 110 Euro. Interessant, was? Da wird auf die Tränedrüse gedrückt von den Blutspendediensten und so, und anschließend Kasse gemacht. Der Blutspender bekommt ein Frühstück, einen Gutschein oder vielleicht eine Aufwandsentschädigung von 20 oder 25 Euro, steht zum Beispiel hier. Mehr nicht.

Warum, fragst Du? Weil Blut gegen Cash nicht gerne gesehen ist. Es soll aus Hilfsbereitschaft gespendet werden, aber nicht wegen Geld. Sonst wird das Spenden von Blut noch als Einnahmequelle genutzt.

Irgendwie komisch, oder? Wer die Ader öffnet, soll es am besten freiwillig tun und die Abzapfer drehen am Geldhahn. Da kommst Du ins Grübeln, was?

Schwamm drüber. Es geht ja nicht ums Blut, sondern um die Innereien. Aber Du ahnst, worauf ich hinaus will.

Organhandel, meinst Du? Nein, nein. Organhandel gibt es schon ewig. Frag mal in Asien oder Lateinamerika nach. In Brasilien werden Menschen wegen einer Niere umgebracht, schreibt der Kollege hier zum Beispiel.

Mir geht es grundsätzlich um die Kommerzialisierung menschlicher Organe. Was beim Blut klappt, da geb‘ ich Dir Brief und Siegel, das funktioniert auch bei Herz und Niere. Du musst ja nur an den Stoff rankommen.

Stoff? Ja, Stoff. Es ist wie beim Puscher um die Ecke, der seinen Stoff verkaufen kann, weil er ihn hat und weil es einen Bedarf gibt. Wer Organe hat, handelt sie, wenn ein Markt dafür vorhanden ist. Das ist im Kapitalismus völlig normal. Da wird alles zur Ware. Brauchst Du deine Haut noch? Hahaha … erschreckt.

Okay, okay. Spaß beiseite. Als Artikel will ich Dich zum Nachdenken bringen, darüber, was passiert oder passieren könnte, wenn sich Gesetze ändern und sich der Staat in Dein privatestes Selbst einmischt. Das ist mein Job, mehr nicht. Das siehst Du auch so? Super, wir sind uns einig.

Stell Dir mal vor, jeder wäre ein Organspender. Und stell Dir vor, dass ganz viele Organe da sind, die in Deutschland nicht gebraucht werden, weil jeder genug hat. Was passiert mit dem Rest?

Vielleicht werden in Zukunft immer mehr Menschen neue Organe brauchen, sagst Du?

Ja, vielleicht. Überall sind Kranke. Und die Medizin, die Klinken, die Pharma, die Versicherer, sie alle leben von Krankheit, nicht von Gesundheit. Und Operateure leben vom operieren.

Ich will Dir damit verklickern, was medizinische Leistungen für ein mega gutes Geschäft sind und warum ich, wäre ich Geschäftsmann und kein Artikel, deshalb unbedingt an Deine Organe ran wollte.

Mit fehlt der moralische Bezug, sagst Du?

Stimmt, ein Artikel kann auf Moral verzichten. Mir kannst Du ja noch nicht einmal einen Buchstaben wegnehmen, aber bei Dir gibt es einiges abzuschnippeln.

Vielleicht kommt auch alles ganz anders und der Handel mit Organen wird irgendwann legalisiert und privatisiert, eben wie das Blut in den USA. Dann könntest Du zum Beispiel einem Armen, der in Berlin, Hamburg oder München an einer Tafel für eine warme Suppe ansteht auf Kommission eine Niere abkaufen und Dir einsetzen lassen. Dann brauchst nicht nach Indien fahren.

Wie Indien, fragst Du?

Da verkaufen viele arme Menschen ihre Organe, weil sie Geld zum Leben brauchen. Nikhila M. Vijay hat mal einen gruseligen Artikel über den Organhandel in Indien und den Transplantationstourismus als globales Geschäft geschrieben. Ist zwar schon zehn Jahre alt, aber wenn es Dich nicht stört; Du solltest ihn lesen.

Oder vielleicht gibt es dann so viele Organe, dass sich der zahlende Kunde in einem Katalog das leckerste Stück aussuchen kann, dass die eigenen verbrauchten Gewebeteile ersetzen soll.

Das sind Schauergeschichten, meinst Du?

Lass es uns kapitalistische Science-Fiction nennen. Es ist nur Science-Fiction. Der Minister hat ja auch nur mal laut gedacht.

So, ich habe für heute genug getan. Du auch? Fein. Wir lesen uns bestimmt wieder. Pass auf Dein Herz auf. Du hast schließlich nur eins.


Illustration: Clker-Free-Vector-Images (Pixabay.com, Creative Commons CC0)


  1. Ich entscheide immer noch selbst und trage einen Organspenderausweis mit deutlicher Ablehnung.
    Das ist nicht zuviel verlangt, finde ich.

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    1. Was passiert, wenn der Spenderausweis vergessen wird und es schnell gehen muss? Hat er Gültigkeit oder kommt man in die Wurst?

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  2. Hier ein Artikel über Organspende aus meinem alten Blog, von 2012, bis heute hat sich daran nichts geändert, nur, dass in immer mehr EU-Staaten die Widerspruchslösung eingeführt wurde. In Österreich muss man sich sogar in ein Widerspruchsregister eintragen, um sicher zu gehen. Das gilt auch für Ausländer die dort Urlaub machen.

    Am 25.05.2012 verabschiedete der Deutsche Bundestag ein neues Gesetz zur Organtransplantation (PDF). Alle Bürger über 16 Jahre werden künftig regelmäßig von ihren Krankenkassen zu einer freiwilligen Entscheidung aufgefordert, ob sie nach ihrem Tod Organe spenden wollen oder nicht.

    Was auf den ersten Blick nach humanitärer Hilfe aussieht, bedarf doch einer genaueren Untersuchung, denn völlig unproblematisch ist so eine Transplantation für den Spender nicht. Entscheidend für diesen Eingriff ist nur der Hirntod eines Spenders.

    Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesärztekammer definierte am 9. Mai 1997 den Hirntod wie folgt:

    „Der Hirntod wird definiert als Zustand der irreversibel erloschenen Gesamtfunktion des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms. Dabei wird durch kontrollierte Beatmung die Herz- und Kreislauffunktion noch künstlich aufrechterhalten.“

    Allerdings:

    Die Bundesärztekammer legt explizit fest: “Der Hirntod kann in jeder Intensivstation auch ohne ergänzende apparative Diagnostik festgestellt werden.”

    Die von der Bundesärztekammer vorgeschriebene Diagnostik erfasst nur Teilbereiche des Gehirns: Bei Patienten, für die keine apparative Diagnostik vorgeschrieben ist, müssen nur Hirnstammfunktionen untersucht werden. Die Funktionen des Kortex sowie des Klein- und Mittelhirns werden dabei nicht untersucht!

    Schon lange werden wissenschaftliche Stimmen laut, die die Gleichsetzung mit dem Hirntod mit dem Tod eines Menschen widerlegen.

    Die neurologische Fachgesellschaft der Vereinigten Staaten mahnt an, dass “die Kriterien für die Feststellung des Hirntodes nicht wissenschaftlich untermauert” seien. Beispielsweise seien die (auch in Deutschland) “vorgeschriebenen Wartezeiten zwischen der ersten und zweiten neurologischen Untersuchung” nur “grobe Erfahrungswerte und nicht zuverlässig”. Kritisiert wird auch, dass “apparative Zusatzuntersuchungen”, wie die “Messungen der elektrischen Aktivität und der Durchblutung des Gehirns”, nicht “zum obligatorischen Standard” gehören. Unter Umständen könnten “neurologisch unerfahrene Ärzte deshalb einen Komapatienten für tot erklären”, obwohl “seine Hirnrinde noch bei Bewusstsein” sei.

    Allgemein wird angenommen, dass ein(e) SpenderIn tot ist, bevor die Organe entnommen werden. Doch das Herz schlägt weiter, der Kreislauf funktioniert, alle Organe arbeiten und werden durchblutet. Dieser Mensch ist noch nicht gestorben! Er befindet sich im Hirntodstadium, während seine Angehörigen immer noch hoffen.

    Kaum ein Organ ist so rätselhaft und unvollständig erforscht, wie das Gehirn. Und was macht einen Menschen aus, nur sein Gehirn, das Herz, oder vielleicht doch der gesamte Körper ? Körper, Geist und Seele. Wobei die „moderne“ Wissenschaft bei den beiden letzteren ziemlich hilflos im Dunkeln tappt. Tatsache ist, der vollständige Ausfall aller Gehirnfunktionen – “Hirntod” – ist nicht feststellbar. Hirntote können Reaktionen auf äußere Reize zeigen. Bewegungen der Arme und Beine sind möglich.

    Die Bundesärztekammer gab im Jahr 2001 folgende unbewiesene Erklärung ab:

    „Nach dem Hirntod gibt es keine Schmerzempfindung mehr. Deshalb sind nach dem Hirntod bei Organentnahmen keine Maßnahmen zur Schmerzverhütung (zum Beispiel Narkose) nötig. Die Tätigkeit eines Anästhesisten bei der Organentnahme dient ausschließlich der Erhaltung der Funktionsfähigkeit der zu entnehmenden Organe.“

    Seltsam nur, dass während der Organentnahme Anzeichen für Schmerzempfinden festgestellt wurden. Manchmal wird auch eine Lokalanästhesie verabreicht und muskelentspannende Mittel. Hirntote werden auf dem Operationstisch festgeschnallt. Sie erhalten Medikamente zur Ruhigstellung. Beim Öffnen des Körpers kann es zu Blutdruck-, Herzfrequenz- und Adrenalinanstieg kommen. Bei „herkömmlichen“ Operationen gelten diese Anzeichen als Hinweis auf Stress und Schmerz. Während der Explantation müssen die Organe ständig mit eiskaltem Wasser gekühlt werden und die Organe werden mit einer Perfusionslösung durchspült. Das alles bei offennliegendem, schlagenden Herzen.

    Fakt ist auch: Bei der Hirntoddiagnostik wird der noch lebende Spender diversen belastenden Testverfahren ausgesetzt, denn toten Spendern kann man keine funktionstüchtigen Organe entnehmen!

    Vorgeschrieben ist das Auslösen starker Schmerzreize durch das Stechen in die Nasenscheidewand und heftiges Kneifen, sowie das Auslösen des Würgereflexes und das Spülen des Gehörganges mit eiskaltem Wasser.
    Zur Absicherung der Diagnose wird gelegentlich eine Angiographie mit Kontrastmittelgabe durchgeführt. Dieses Testverfahren kann beim noch lebenden Spender zu einem anaphylaktischen Schock mit Todesfolge führen.
    Empfohlen wird in den Handreichungen zur Hirntoddiagnostik einzelner Kliniken auch die Gabe von 1 – 2mg Atropin, um festzustellen, ob eine baldige Hirntoddiagnostik sinnvoll ist. Atropin führt in diesen Dosierungen zur Pupillenerweiterung und kann unter Umständen (bei besonderer Empfindlichkeit ) auch gefährliche Herzrhythmusstörungen und komatöse Zustände auslösen. Diese Symptome könne u.U. die Hirntoddiagnose verfälschen. 3
    Die entscheidende Untersuchung im Rahmen der Hirntoddiagnostik ist der Apnoe-Test. Selbst die DSO empfiehlt ihn als letzte klinische Untersuchung, um den Patienten nicht zu gefährden. Bei diesem Test kann es zu Blutdruckabfall, Herzrhythmusstörungen und sogar zum Herzstillstand kommen. 4

    Über belastende Untersuchungen, mögliche Gefahren und Fehleinschätzungen bei der Hirntoddiagnostik wird der spendenwillige Bürger derzeit nicht aufgeklärt. Dieses Wissen ist bisher nur dem medizinisch Geschulten zugänglich. Auch das widerspricht dem Rechtsgrundsatz des „informed consent“.

    Und nun haben unsere Politiker darüber abgestimmt, dass 16-Jährige entscheiden (quasi Kinder!), ob sie ihre Organe spenden sollen, wenn ein Gehirntod vermutet wird, denn ganz genau kann man das ja nicht bestimmen. 16-Jährige sind nicht voll geschäftsfähig und auch nur haftbar im Rahmen des Jugendschutzgesetzes. Aber ein einfaches Stück Papier mit Namen und Adresse, noch nicht einmal notariell beglaubigt, (Organspendeausweis) reicht aus, um seinen Körper der Wissenschaft zu opfern. Oder anders ausgedrückt, totkranke Menschen, warten auf den Tod anderer Menschen, der aber nicht eindeutig geklärt ist und zunehmend kritische Stimmen laut werden, die den Hirntod eines Menschen nicht als Beweis akzeptieren, um ihn für tot zu erklären. Kein Mensch weiß sicher, was der Hirntote empfindet. Zumal es durchaus auch Fehldiagnosen gibt und Gehirntote wieder aufwachen. Kein Mensch hat ein Anrecht auf die Organe eines anderen vielleicht sterbenden Menschen!

    Unverantwortlich ist auch folgendes:

    Die Bundesregierung hält die Schaffung allgemein verbindlicher Richtlinien für den Ablauf von Angehörigengesprächen bei postmortalen Organspenden nicht für empfehlenswert. “Die im Zusammenhang mit einer möglichen Organspende stehenden individuellen und komplexen Detailfragen” könnten darin nicht abgebildet werden, heißt es in der jetzt veröffentlichten Antwort der Regierung vom 16. April 2012 auf eine Kleine Anfrage der Grünen.

    Im Grunde genommen möchte man gar nicht wirklich aufklären, denn zum einen weiss niemand wirklich was ein Gehirntoter empfindet, oder möchte es auch gar nicht wissen, und zum anderen ist es auch ein einträgliches Geschäft, wovon der Spender aber ausgenommen ist. So lässt sich die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) ihren Organisationsaufwand pro Organ mit 8000,- Euro vergüten (PDF). Und nicht zu vergessen die 2000-4000 Euro die für die Entnahme anfallen. Dann natürlich die Transplantation selbst und deren Folgekosten durch Nachuntersuchungen und Medikamente.

    Fazit: Nicht nur, dass Angehörige oft allein gelassen werden, überrumpelt werden, unzureichende, oder gar keine Auskünfte erhalten, sondern, dass auch das Martyrium des Spenders völlig ausser Acht gelassen wird, ob aus Unwissenheit und/oder Ignoranz, kann man sich nicht des Verdachtes erwehren, dass die Lebensrettung bedürftiger Menschen nicht unbedingt im Vordergrund steht. Die gleiche Achtung des Lebens die den Organempfängern entgegengebracht wird, sollte auch den Spendern/Spenderinnen und deren Angehörigen entgegengebracht werden. Neueste wissenschaftliche Gehirnforschungen kommen immer wieder zur Überzeugung, dass mit dem Hirntod das menschliche Leben nicht zuende ist. Und solange auch nur ein klitzekleiner Restzweifel besteht, sollte von weiteren Explantationen abgesehen werden.

    Denn rein juristisch gesehen gilt die Explantation lebensnotwendiger Organe aus einem lebenden Menschen als Totschlag oder auch als Mord. Sie ist weder mit dem deutschen Strafrecht noch mit der ärztlichen Standesethik vereinbar. Wenn hirntote Patienten als lebend anerkannt würden und dennoch die zum Tod führende Organentnahme aus ihnen legalisiert werden sollte, bedürfte dies einer höchstrichterlichen Entscheidung – und einer ethischen und gesellschaftlichen Debatte.

    Die Bürger werden einseitig informiert.

    “Wenn wir die Gesellschaft aufklären, bekommen wir keine Organe mehr.” (Prof. Pichlmair, 1985).

    Die Behauptung der DSO, dass der Gehirntote keine Schmerzen mehr erleiden könne, schmerzunempfindlich sei, wird nachdrücklich dadurch widerlegt, dass es in der Schweiz vorgeschrieben ist, dass „Gehirntote“, die explantiert werden sollen, zuvor in Vollnarkose versetzt werden müssen, und selbst die DSO zur „Optimierung des chirurgischen Eingriffs“Fentanyl, ein synthetisches Opioid (Opiat) empfiehlt, eines der stärksten Schmerzmittel, ca. 100 x stärker als Morphin, die Gabe muskelentspannender und schmerzstillender Mittel, ja selbst die Vollnarkose in Deutschland praktiziert wurden oder werden.

    Andreas Brenner, Philosophie-Professor an der Universität Basel und an der Fachhochschule Nordwest-Schweiz:

    Wie können die Bundesärztekammer und die ihr folgenden Organisationen weiterhin behaupten, hinsichtlich des Hirntodes hätten sich keine weiteren Erkenntnisse ergeben, wenn man sich in den USA bereits von der Behauptung „Hirntod = Tod“ trennt, einräumt, dass die Organentnahme von „Hirntoten“ eine vorsätzliche Tötung darstellt.

    Cathrin Marschall, St. Bernward Krankenhaus

    …Ist es da verwunderlich, dass von 20 von mir befragten Mitarbeitern der OP-Pflege nur 2 einen Organspendeausweis besitzen, sich 7 unschlüssig zum Thema äusserten und 11 eine potentielle Organspende kategorisch ablehnten?…

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  3. Danke für den Beitrag. Das Thema muß bis zum Überkochen hochgehalten werden – bis der letzte Bunzel merkt, was für ein übles Spiel mit ihm betrieben wird. Wie aus meinem näheren Kreis ersichtlich, haben sich die wenigsten mit dieser bestialischen Hinrichtung einerseits und anderseits mit den körperlichen und seelischen lebenslangen Qualen der Hinterbliebenen der lebendig Ausgeweideten, sowie denen der Organempfänger befaßt. Auch das Trauma des Klinikpersonals, das Augenzeuge beim letzten Überlebenskampf der „Organspender“ miterlebten, zeugt dafür, daß der Spender noch lebt. Hirntot sind für mich daher nur die Idioten, die so was befürworten oder ausführen. Vielleicht helfen meine Gedanken dazu endlich aufzuwachen

    https://ludwigdertraeumer.wordpress.com/2018/09/08/hinrichtung-nach-bedarf-hirntote-muessen-heute-weniger-tot-sein-als-frueher/

    https://ludwigdertraeumer.wordpress.com/2016/12/07/patientenverfuegung-und-vorsorgevollmacht-gegen-organraub/

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  4. Zu Morgentau: Richtig. Bestätigung aus anderen Gründen ist die Internetseite von Alexander Eben über Nahtoderfahrung „Blick in die Ewigkeit.“ Für das jetzige Thema könnten die wissenschaftlichen Aussagen wichtig sein.

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    1. Auf der spirituellen Ebene ist es ein Desaster, da die meisten Spender nicht wissen, dass sie Lebendspender sind, oder glauben, dass sie bei einem so drastischen Eingriff, bei dem der Körper vom Hals bis zum Schambein auseinandergeklappt wird und bei schlagendem Herz über Stunden alle Organe entfernt werden, – ohne Narkose -, sie davon nichts mitbekommen würden.

      Es handelt sich um ein rituelles (christliche Kirchen erteilten 1990 ihren Segen, 1986 der Islam) Geschäftsmodell, eine neue Definition des Todes aus dem Jahre 1968, um Kontroversen bei der Beschaffung von Organen zur Transplantation zu vermeiden.

      Es ist vergleichbar mit der profitablen Massentierhaltung, bei der fast 1/3 der Tiere, die es noch zum Schlachthof schaffen, bei lebendigem Leib ausgeweidet werden.

      Wir sollten uns darüber im Klaren sein, dass wir ständig mit diesen negativen Angst- und Stresshormonen gefüttert werden, ganz zu schweigen von den Medikamenten. Es ist zwar billig, aber es reicht für die diabolischen Lobbyisten, um in Saus und Braus nicht nur politischen Einfluss auszuüben.
      Tierversuche sind ebenso gewollt, sonst wären sie schon längst abgeschafft. Es geht nicht um Forschung!

      Aber das würde jetzt zu weit führen, möge sich jede(r) selbst seine/ihre Gedanken machen und es vor allem selbst überprüfen!

      Man kann seine Seele nicht verkaufen, aber sein Herz. Komisch nur, das SpenderInnen aus ?ethischen? Gründen dafür kein Geld bekommen.
      Also, folge einfach dem Geld und frage mal einen Arzt deines Vertrauens, ob er einen Spenderausweis hat, oder wie viele Menschen im Deutschen Ethikrat einen besitzen, oder Jens Spahn?

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    2. Nachtrag zur 1. Antwort an fibeamter

      Explantationen sind rein wissenschaftlich ein Armutszeugnis, nicht nur in Bezug zur Hirntoddiagnostik, auch weil die Empfänger ohne zusätzliche Medikamente sterben müssten, da das Fremdorgan vom eigenen Körper immer abgestossen wird. Insofern ist die Transplantationen etwas unnatürlich Aufgezwungenes.

      [HINWEIS ADMIN: Doppelpost, Inhalt gelöscht.)

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  5. Hallo Miteinander,
    Wir sollen nicht mehr lernen, wie früher üblich, den Tod als solchen zu akzeptieren. Es ist im Laufe eines Lebens, so glaube ich, ganz wichtig dem Tod mit all seinen Facetten, den Stachel zu nehmen. Dazu braucht es natürlich echte Lebenszeit. Und keinem kann man die Trauer um einen lieben Menschen, egal ob Kind oder Erwachsenen antrainieren. Schmerz auszuhalten beginnt schon bei der Geburt. All die “ normal“ gebärenden Mütter vollbringen bewusst und für Sie unausweichlich eine übermenschliche Leistung. Doch vor dem Tod wird uns immer wieder Angst gemacht. Wenn die sogenannten gebildeten Menschen sich davon befreien würden und sie erkennen könnten, dass das zu erreichende Lebensalter nicht das Maß aller Dinge ist, sondern wie man tatsächlich gelebt hat, dann wäre die Diskussion um die Organspende nahezu überflüssig. Doch trotzdem vielen Dank für den ausführlichen Beitrag!
    BLEIBT alle wachsam und frohen Mutes – und nochmal vielen Dank an Morgentau.

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