Totschläger oder Schnapsbude?

Wer die Kommunikation zerstört, hat die Verwerfung bereits eingeleitet.

Émile Zola hat in seinem Zyklus Rougon-Marcquart zu dem beigetragen, was uns heute an Serienproduktionen kredenzt wird. Es geht um die gleichen Akteure, die mit immer neuen Situationen des Lebens konfrontiert werden und die somit zu einer Erzählung beitragen, die über die reine Episode hinausgeht.

Zolas Zyklus umfasst 20 Romane, die miteinander verwoben sind und einen Mikrokosmos entstehen lassen, der bis heute die ganze Sprengkraft der vorwärts strebenden französischen Gesellschaft vermittelt.

Zola, der ein passionierter Verfechter der Daguerreotypie[1] war, der Vorläuferin der Fotografie, hat entsprechend der präzisen Beobachtung seine Romane konzipiert und geschrieben. Ein Band des Zyklus trägt den Namen „L’Assommoir“, zu Deutsch Totschläger, aber auch der Name einer im Roman häufig frequentierten Kneipe, was die deutsche Übersetzung dazu inspirierte, das Werk in „Schnapsbude“ umzubenennen.

Die Lektüre ist zu empfehlen, weil sie das vermittelt, was das richtige Leben ausmacht: das Leben im Dreck, das Streben nach Glück und die Unzulänglichkeit des menschlichen Wesens.

Nach dieser Hommage an den großen Zola, der immer noch erhobenen Hauptes auf dem Friedhof zu Montmartre[2] in die Wolken blickt, sei ein Schwenk erlaubt zu der Sprache, mit der wir heute allerorts konfrontiert sind und der es nicht mehr gelingt, die Lebenswelt, in der sich die meisten Menschen bewegen, abzubilden.

Die Formulierungen sind Legion, man hat sich lange und intensiv mit etwas beschäftigt, da ist etwas ohne Alternative, da ist alles viel komplexer als der dumpfe Massenverstand es ahnt und da sind einfache Antworten keine Lösung.

Nachfragen werden entweder als Begriffsstutzigkeit etikettiert oder bereits als die ersten Symptome eines Befalles von Verschwörungstheorien stigmatisiert.

Andere Standpunkte sind Indiz für die Verbrüderung mit Irren oder Terroristen und der Versuch, politische Entscheidungen mit den eigenen Interessen abzugleichen, wird als pathologischer Individualismus diffamiert.

Das alles wäre zwar nicht erträglich, aber doch verständlich, wenn da nicht die Kehrseite existierte. Denn die technokratischen Kommunikanten der Macht geben nie zu, dass auch sie um Verständnis ringen müssten, sie selbst sind zumeist verwoben in Lobbys, die ihrerseits im Verborgenen operieren und zu ihren natürlichen Bündnispartnern gehören nicht selten die größten Schlächter überhaupt.

Angesichts dieses Widerspruchs ist es keine Überraschung, dass das, was einer jeglichen funktionierenden Kommunikation zugrunde liegen muss, nämlich Vertrauen und der Wille, sich erfolgreich auszutauschen, auf der Strecke bleibt. Und auch dort ist die Kausalität bereits historisch belegt:

Die Mandatsträger haben sich geweigert, ihre Entscheidungen tatsächlich zu benennen, ihre Taten zu belegen und zu begründen.

Sie haben immer nur auf Nachfrage reagiert und jede Form davon diskreditiert. Wer so vorgeht, verliert Vertrauen. Wer so vorgeht, zerstört die Kommunikation. Und wer die Kommunikation zerstört, hat die Verwerfung bereits eingeleitet.

Die größte Unverschämtheit, die nahezu das gesamte Kollektiv der Mandatsträger gegenüber dem Souverän begeht, ist seine Diffamierung als zu zurückgeblieben, um das Handeln der herrschenden Eliten beurteilen zu können. Das ist impertinent, es ist aber auch wirr.

Und so wird deutlich, warum dann solche Assoziationen zustande kommen wie die zu dem Roman von Émile Zola. Da wird die Kommunikation mit dem Totschläger liquidiert und die Akteure vermitteln einen Eindruck, als kämen sie nach langer Nacht aus der Schnapsbude. Es muss nur im Bewusstsein bleiben, dass es sich hier nicht um Literatur handelt.


Gerhard Mersmann bloggt auf Form7Über den Autor: Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure. Sein Beitrag erschien erstmals auf seinem Blog.


Quellen und Anmerkungen

[1] Als Daguerreotypie wird ein Fotografieverfahren des 19. Jahrhunderts bezeichnet. Sammler nennen es Dago. Das Verfahren wurde von dem französischen Maler Louis Jacques Mandé Daguerre zwischen 1835 und 1839 entwickelt und nach ihm benannt. Die Daguerreotypie war bereits bei ihrer Veröffentlichung ein voll praxistaugliches System.

[2] Montmartre (deutsch: Märtyrerhügel) ist der Name eines Hügels im Norden von Paris. Der 18. Pariser Stadtbezirk, 1860 durch die Eingemeindung der Dörfer Montmartre, La Chapelle und Clignancourt entstanden, trägt diesen Namen ebenfalls.


Illustration: Amber Avalona (Pixabay.com, Creative Commons CC0)


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  1. Nur ganz kurz. Auch bei den Medien gilt: Wer zahlt, bestimnmt.

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