Yuriko Yushimata – MetaGOTT

Es ist nicht wichtig, ob jeder versteht, was Religionsdesign bedeutet. Hauptsache, es wird zustimmend genickt.

„Hallo, ich bin Honola Tanaka, ich bin Religionsdesignerin.“ Mit diesen Worten stellte sich die schmale dunkelhaarige Frau gegenüber Teiko vor.

Teiko war etwas größer als die Frau ihr gegenüber, aber ihre Haare waren kurz geschnitten und sie kam sich im Vergleich zu Honola Tanaka etwas unscheinbar vor.
Die Religionsdesignerin musste etwa 10 Jahre älter als Teiko sein, Teiko schätzte sie auf Ende Dreißig. Diese Frau verdiente mit ihrer Arbeit viel Geld.
Und sie war schön.

Teiko sah sie unsicher an. „Sie arbeiten mit dem Programm MetaGOTT?“
Honola Tanaka nickte ihr freundlich zu. „Ja, die meiste Zeit.“ Dann fühlte Teiko ihren Blick auf sich gerichtet. Sie lächelte Teiko zu.“Sie arbeiten für die Hochschulzeitung?“
Teiko verbeugte sich leicht. „Ich mache ein Praktikum.“
Honola Tanaka sah sie offen an. „Und Sie wollen einen Artikel über MetaGOTT schreiben?“
„Ja.“
Teiko spürte, wie Honola Tanaka ihren Arm berührte und sie mit sich führte.

Dann begann sie Teiko alles zu erklären. „Das Programm MetaGOTT wurde ursprünglich am MIT entwickelt. Unsere Firma hat die Rechte gekauft und das Produkt zur Marktreife gebracht.
MetaGOTT nutzt aus, dass religionsartige Anschauungen alle nach vergleichbaren Mustern strukturiert sind.
Auf Grund sozialwissenschaftlicher Daten kann MetaGOTT deshalb für Teilcluster der Gesellschaft bestimmen, welche religiösen Strukturen auf die größte Zustimmung treffen werden.“

Teiko schrieb sich ein paar Stichworte auf. „Aber wozu?“
Honola Tanaka wies auf eine Sitzecke mit Möbeln aus schwarzem Leder. „Setzen wir uns doch.“
„Ja, natürlich.“
Sie setzten sich. Honola Tanaka bot Teiko eine Tasse Tee an. „Sehen Sie, unsere Hauptkunden kommen aus Marketingagenturen.
Mit Hilfe von MetaGOTT können wir für sie eine Werbekampagne gezielt auf die religionsartigen Gefühle des Zielpublikums zuschneiden.“

Teiko bedankte sich für den Tee. „Aber, was heißt das? Was sind das für Muster mit denen das Programm arbeitet?“

Honola Tanaka trank einen Schluck Tee und sah aus dem Fenster. „Religionsartige Anschauungen sind alle nach einfachen Mustern strukturiert. Das Programm analysiert drei Ebenen.
Erstens die einfachen Grundüberzeugungen, die eine religionsartige Anschauung ausmachen.
Dies sind sehr einfache Grundregeln, mit deren Hilfe Menschen, die einer solchen Anschauung folgen, ihre Wahrnehmung strukturieren.
Z.B. der Glaube, dass es genau zwei Geschlechter gibt und sie bestimmte Funktionen auszufüllen haben, die Sichtweise auf Sexualität, die Sexualität als schmutzige und schuldbeladene Praxis konstituiert, oder der Glaube an die Bedeutung biologischer Verwandtschaft, oder der Glaube an die Notwendigkeit klarer Hierarchien, oder der Glaube daran, dass der Mensch an sich schuldhaft ist und diszipliniert werden muss“
Honola Tanaka sah Teiko an. „Die Liste ließe sich fortsetzen.
Einige dieser Grundüberzeugungen finden sie in unterschiedlichen Varianten in vielen religionsartigen Anschauungen, einige nur in ganz bestimmten.
Diese und andere Grundüberzeugungen bestimmen die Wirklichkeitswahrnehmung der Anhänger einer religionsartigen Anschauung.
Entscheidend ist dabei, dass diese Überzeugungen in sehr einfachen Mustern gefasst werden, die von jeder Hinterfragung ausgeschlossen werden.“

Teiko kam mit dem Schreiben nicht so schnell mit. „Einen Moment bitte.
Aber was macht MetaGOTT?“

Honola Tanaka seufzte. „Ich fange ja erst an zu erklären. MetaGOTT analysiert die sozialwissenschaftlichen Daten, die wir eingeben, auf Cluster gleichartiger religionsartiger Grundüberzeugungen.
Das ist dann die Grundlage für die Ausarbeitung von Werbekampagnen.“

Teiko spielte nervös mit ihrem Stift. „Nun wurde ja behauptet, sie hätten auch religiöse Gruppen und politische Parteien beraten?“

Die dunkelhaarige Frau ihr gegenüber verzog nicht einmal das Gesicht. Sie lachte nur. „Natürlich ist es auch möglich, mit MetaGOTT Religionen oder religionsartige politische Weltanschauungen zu konzipieren, die gezielt auf bestimmte Kundengruppen zugeschnitten sind.
Sehen Sie, die Menschen haben nicht Vorurteile, weil sie glauben, sondern sie haben Vorurteile und suchen sich die religionsartige Weltanschauung, die ihre Vorurteile bestätigt.
Das heißt, auch bei der Vermarktung einer Religion oder religionsartigen Weltanschauung müssen sie auf die Marktkompatibilität achten.
Das Christentum hat z.B. am Anfang der Christianisierung deshalb häufig große Teile bestehender Religionen einfach in den christlichen Kanon integriert.
Das heißt, auch dies sind nur normale Beratungstätigkeiten.“

Teiko spielte immer noch unsicher mit dem Stift. „Finden Sie das nicht moralisch bedenklich?“

Honola Tanaka lachte. „Nein, was soll daran bedenklich sein? Wir helfen nur dabei, Menschen besser und gezielter ansprechen zu können.
Argumente und Realitäten, die ihren Vorurteilen und Grundüberzeugungen widersprechen, werden von den Menschen meist als unglaubwürdig beiseite geschoben.
Um Menschen zu erreichen, müssen Sie das sagen, was die Menschen bereits vorher glauben. Und Sie müssen alles auf einfache Muster bringen.
Die großen Religionen und die religionsartigen Überzeugungen funktionieren alle nach diesem Prinzip.
MetaGOTT hilft nur dabei, dies zu optimieren.“

Eine junge Frau brachte einige Papiere, gab sie Honola Tanaka, grüßte Teiko kurz und ging wieder.

Dann wandte sich die Religionsdesignerin wieder Teiko zu. „Entschuldigen Sie bitte die Störung.“ Sie schenkte Teiko noch etwas Tee nach. „Ich wollte noch etwas zu den anderen Ebenen sagen.
Als zweite Ebene, ist die Ebene der Tabus zu berücksichtigen.
Diese Ebene ist zum Teil mit den Grundüberzeugungen verknüpft und betrifft z.B. Tabus bzgl. weiblicher flüssiger Körperausscheidungen im Islam oder Tabus, die die Körperbehaarung betreffen oder die Ausübung von Sexualität, die in fast allen jüngeren religionsartigen Anschauungen anzutreffen sind und eng verknüpft sind mit den kultur- und subjektspezifischen Ängsten, z.B. der Angst vieler Männer vor der sexuell aktiven Frau. Denken Sie nur an die Inquisition.
Im gewissen Sinn dienen die religiösen Grundüberzeugungen und Tabus als Mittel, die Ängste zu beherrschen. Das heißt, sie schaffen Regeln mit denen die Angst im Zaum gehalten werden kann.
MetaGOTT analysiert nicht nur die Tabus, sondern auch die zu Grunde liegenden Ängste und macht auch diese nutzbar z.B. für Werbekampagnen.“ Honola Tanaka trank einen Schluck Tee. Dann fuhr sie fort. „Wichtig ist dabei, dass MetaGOTT immer anhand der realen sozialwissenschaftlichen Faktenlage die realen Tabus analysiert und nicht nur Tabus, die als solche bewusst sind.
Das gilt auch für die Analyse der dritten Ebene, für die Analyse religionsartiger alltagspraktischer Regeln, der Umsetzungsebene der Tabus und Grundüberzeugungen.
Ein Beispiel sind weibliche Enthaarungsregeln, die wiederum auf Tabus der Körperbehaarung basieren, z.B. in der modernen christlichen Kultur. Und auch diese Tabus basieren, wie Untersuchungen zeigen, auf sexuellen Ängsten.
Und auch für diese zweite und dritte Ebene gilt, es geht um einfach strukturierte Setzungen.
Mit Hilfe von MetaGOTT kann ich als Religionsdesignerin für Teilcluster der Gesellschaft für alle drei Ebenen die relevanten einfachen Grundüberzeugungen, Regeln und Tabus aus den komplexen Daten herauskristallisieren. Und ich kann die dahinter liegenden Ängste analysieren.
Meine Aufgabe ist dabei die sinnvolle Auswahl der Eingabedaten, die Festlegung sinnvoller Cluster und die Festsetzung der Grenzwerte für die Näherungsrechnungen.
Und natürlich die Interpretation der Ergebnisse.“

Honola Tanaka lächelte Teiko an. Teiko bemerkte das nicht sofort, da sie irritiert einige kleine Haare auf ihrem Arm anstarrte und über eigene sexuelle Ängste nachsann. Doch dann bemerkte sie das Lächeln und begriff, dass die Religionsdesignerin sich fragte, ob Teiko alles verstanden hatte. Mit einem leichten Erröten nickte Teiko schnell.
Sie notierte sich auch diese Informationen.

Dann ging sie alle ihre Notizen durch. „Eins ist mir noch nicht klar. Wieso benutzen Sie den Begriff religionsartig an Stelle von religiös?“

Honola Tanaka blickte auf. „Ah, es geht nicht nur um klassische Religionen, auch religionsartige Systeme, wie z.B. die darwinistische Weltanschauung, können von MetaGOTT erfasst werden.
Im Darwinismus finden Sie z.B. die Grundüberzeugung einer Biologik – Survival of the fittest – aber auch den Glauben an die Zweigeschlechtlichkeit. Beides sind einfache Strukturen, die die Realitätswahrnehmung gläubiger Darwinisten umfassend strukturieren.
Auf den Ebenen der Tabus und Regeln läuft die darwinistische Weltanschauung zur Zeit auf eine neue Regulierung der reproduktiven Sexualität und des Selbst entlang sogenannter Risiken zu.
Die primäre Angst, die da kontrolliert wird, ist die Angst vor jeder Art des Kontrollverlustes, das betrifft die Angst vor unkontrollierter Sexualität, aber auch die Angst vor körperlicher Dysfunktionalität.
Darwinisten können Sie deshalb Produkte am besten verkaufen, wenn es Ihnen, vereinfacht gesagt, gelingt, diese Produkte im Marketing mit dem Versprechen eines Kontrollzuwachses zu verbinden.“

Einen Augenblick schwieg Honola Tanaka und Teiko nutzte die Zeit, um ihre Notizen zu ordnen.

Dann wandte sich die dunkelhaarige Frau an ihren Gast. „Haben Sie noch Fragen?“
Doch Teiko fielen keine weiteren Fragen ein. Sie verbeugte sich vor Honola Tanaka. „Nein. Vielen Dank, dass Sie mir Ihre Zeit geopfert haben.“

Die dunkelhaarige Frau schwieg einen Augenblick dann lächelte sie. „Dafür müssen Sie sich nicht bedanken, über MetaGOTT wurde schon so viel Unsinn publiziert, dass ich froh bin, wenn sich eine Journalistin vorher informiert.
Schreiben Sie bitte einfach die Wahrheit.“

FIN


Yuriko Yushimata wurde als Distanzsetzung zur Realität entworfen. Es handelt sich um eine fiktionale und bewusst entfremdete Autorinnenposition, die über die Realität schreibt. Die SoFies (Social Fiction) dieses Bandes zeigen in der Zuspitzung zukünftiger fiktiver sozialer Welten die Fragwürdigkeiten der Religionen und Ersatzreligionen unserer Zeit. Teilweise sind die Texte aber auch einfach NUR witzig. Sie erschien im Oktober 2014 unter dem Titel „Religion Version 2.100“ und befindet sich im Archiv der HerausgeberInnengemeinschaft Paula & Karla Irrliche. Spiegelung & Verbreitung der Texte sind ausdrücklich gewünscht!


Illustration: Tumisu (Pixabay.com; Creative Commons CC0)


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