Yuriko Yushimata – Das 11. Gebot

„Das ist nur zu Ihrem Besten.“

Tamara Miks lächelte. Sie war allein in der Küche. Ihr kam ihr eigenes Lächeln aufgesetzt vor. Aber das war es doch nicht? Sie versuchte sich von ihrem eigenem Lächeln zu überzeugen.
Sie freute sich doch?
Sie dachte an Tom.
Ihr Jugendfreund kam heute, sie hatten sich fast fünfzehn Jahre nicht gesehen. Fünf Jahre vor der Erneuerung hatten sie sich aus den Augen verloren.
Dann war so viel passiert.
Aber wieso sollte sie Angst haben, ihn wiederzutreffen?
Sie hatte inzwischen geheiratet. Und dann kamen die Kinder, ihre Kinder, sie hätte nicht gedacht, dass sie sie so sehr lieben würde.
Und sie liebte ihre Kinder und ihren Mann, sie wiederholte sich, dass sie ihre Kinder liebte und ihren Mann.
Das stimmte doch?
Aber irgendwo blieb ein Rest Zweifel.

Ihre Finger strichen über die kühle Messingtafel an der Wand.
Die Tafel mit den Geboten hing direkt über dem Küchentisch. Damit die Kinder sie bei jedem Essen sahen.
Die Gebote waren doch das Wichtigste.
Alles war doch jetzt gut.

Die Welt hatte sich verändert, wie es wohl Tom ergangen war?

Es klingelte. Sie lief zur Tür und sprach in die Sprechanlage. „Hallo?“
„Hallo, hier ist Tom.“ Die Stimme von unten klang gleichzeitig fremd und vertraut.
Dann hörte sie Schritte die Treppe heraufkommen. Sie wohnten im dritten Stock.
„Tom, es ist unglaublich. Dass wir uns noch mal sehen.“ Sie sah ihn an und spürte in sich Misstrauen hochkommen, dieser Mann dort ließ sich gehen.
War das noch Tom?
Er sah ausgezehrt aus. Er tat ihr fast leid, wirkte auf sie aber gleichzeitig fremd und bedrohlich.
Wie konnte Tom so rumlaufen?
Sie ließ sich nichts anmerken, lächelte ihn an.

Bald saßen sie zusammen in der Küche. Sie hatte zur Feier des Tages eine große Kanne Yogi-Tee gekocht. Dieser Mann, der behauptete Tom zu sein, schob den Teebecher abschätzig bei Seite.
Tamara konnte ihre Irritation nicht verbergen. „Du trinkst doch nicht immer noch Kaffee? Ich finde es widerlich, wie rücksichtslos Kaffeetrinker sich selbst und ihrer Umwelt schaden.“
Der Mann sah aggressiv an ihr vorbei. „Ach ja. Du bist jetzt also auch einer dieser Halbautomaten?“
Tamara spürte, dass ihr dieser Mann immer unangenehmer wurde. „Was meinst Du?“
Tom blickt ihr nun direkt ins Gesicht ohne einen Muskel zu verziehen. „Nennst Du das Leben?“
Tamara merkte, dass sie nervös mit den Händen über den Tisch wischte. „Ich bin glücklich.“
Alles war doch gut.
Tom lachte böse, angewidert schüttete er den Tee in den Ausguss „Nein.“ Er sah nun richtig bitter aus. Die Mundwinkel waren nach unten gezogen, verächtlich schaute er sich in der Küche um. „Ihr seid nicht glücklich, ihr seid tot, Tammi. Diese ganze Sei-vernünftig-Nimm-Rücksicht-Keine-Aggressivität-Wir-sind-doch-alle-aufeinander-angewiesen-alle-müssen-mit-anpacken-Soße macht alle kaputt.“
Sie schüttelte den Kopf. Tom war offensichtlich krank. Alles war doch gut. „Willst Du einen anderen Tee?“ Sie lächelte und hoffte, dass er aufbrechen würde. Sie wollte ihn nicht verletzen.
Krank, er war krank.
Sie stand lächelnd auf.

Doch er beachtete sie gar nicht. Er sah ein Foto, das sie mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern zeigte. „Oh, Du hast jetzt eine glückliche Familie. Das konnte ich ja nicht wissen.“
Er spuckte diesen Satz eher auf den Fußboden, als das er ihn sprach.
Tamara fühlte ein Bedürfnis diesen Satz in diesem Tonfall wegzuwischen mitsamt diesem Mann, der da saß.
Sie liebte doch ihre Kinder und ihren Mann.
Das tat sie doch?

Sie riss sich zusammen. „Tom, wir haben gewonnen. Es ist doch nun unsere Welt.“ Sie zeigte auf die Tafel mit den Geboten der Erneuerung.
Sie sah Tom an. „Dafür haben wir doch gekämpft.“
Tom saß nur da.

Dann sah er auf die Messingtafel und las die eingravierten Zeilen laut vor.
„1. Du bist verantwortlich für Dich selbst
2. Hilf denen, die auch bereit sind zu leisten.
3. Du sollst die Verantwortungslosen zur Rechenschaft ziehen.
4. Du sollst Deinen Mitmenschen nicht aggressiv begegnen.
5. Du sollst keine Ressourcen verschwenden.
6. Du sollst Deine Umwelt wie eine Leihgabe auf Zeit achten und ihren Wert mehren.
7. Du sollst den Tieren mit demselben Respekt begegnen, wie Du ihn Deinen Liebsten entgegen bringst.
8. Du sollst Deine Gesundheit achten und für Dich selbst Sorge tragen, damit Du anderen nicht zur Last wirst.
9. Du sollst diejenigen, die sich vernachlässigen, zurückführen zu einem gesunden und selbstbestimmten Leben.
10. Du sollst keinen Alkohol trinken.
11. Du sollst nicht rauchen.“
Er schnaubte durch die Nase und wiederholte grinsend. „Du sollst nicht rauchen.“

Tamara begriff ihn nicht mehr, er hatte scheinbar alle Ideale verloren. Sie hatten doch zusammen für den Wandel der Welt gekämpft.
Und nun war doch alles gut.
Sie versuchte es noch einmal mit der alten Formel, die sie früher so oft zusammengehalten hatte. „Die Welt liegt in unseren Händen.“

Tom ließ seine Hand so laut und schwer auf den Tisch fallen, dass ihr Becher mit Yogi-Tee überschwappte.
Dann verließ er die Küche und schloss sich im Klo ein.
Sie blieb in der Küche.

Als er zurück kam, hatte er bereits seine Jacke angezogen. „Ich gehe.“
Sie sah ihn nochmal an. „Auf Wiedersehen, Du bist immer willkommen.“ Innerlich hoffte sie, dass er nie wiederkommen würde.
Aber das war aggressiv.
Sie schämte sich dieser Gedanken, das waren keine Gedanken gemäß der Erneuerung der Welt. Sie versuchte das durch einen freundlichen Blick gutzumachen und zwang sich zu lächeln. „Mach es gut.“
In seinen Augen sah sie nur Hohn. Sie fühlte Mitleid für ihn, sie hatte ja auch alles, ihren Mann, ihre Kinder und er?
Dann fiel die Tür in das Schloss. Sie hörte noch, wie er die Treppe hinunter ging.

Sie wusste hinterher nicht mehr, wieso sie in das Klo gegangen war.
Aber der Geruch, der Geruch war eindeutig.
Nach dem sie gesehen hatte, wie er aussah, überraschte es sie nicht mehr, aber es erfüllte sie mit Schmerz. Wie konnte er so etwas tun?
Was war aus ihm geworden?
Tom war wirklich krank.
Dabei war er damals ein Teil der Bewegung gewesen. Sie hatten Rücken an Rücken gekämpft für die Erneuerung.
Tränen liefen ihr herab, als sie in den Ablauf der Kloschüssel fasste. Sie wusste, Zigarettenstummel schwimmen.
Und tatsächlich bekam sie etwas rundes kleines zu fassen. Der Rest einer Filterzigarette.

Sie saß da und war entsetzt.

Natürlich zeigte sie Tom an, was sonst. Schließlich waren alle verantwortlich dafür, dass die Gesellschaft gesund blieb.
Und ein faules Glied steckte alle anderen an.

Sie zitterte, als sie die Bezirksgesundheitssupervision anrief. Sie nannte die Adresse von Tom, die er ihr noch vor ihrem Treffen gegeben hatte.
Später musste sie noch vorbeikommen und ein Aussageprotokoll unterschreiben für den Prozess. Sie nahm den Zigarettenstummel mit.

Tom hatte alle ihre Ideale verraten, alles, er warf die Zukunft weg, verbrannte sie. Er musste irgend etwas Schlimmes erlebt haben. Vielleicht in der Zeit des Umbruchs zur Erneuerung. Er schien völlig verbittert.
Und dabei war doch alles gut.
Sie war doch glücklich, sie versicherte sich in Gedanken ihres Glücks.
Sie tröstete sich damit, dass die Supervision nun nicht weiter zusehen würde, wie er sich und andere in das Elend riss.
Sie würden ihm helfen.
Und Tom war krank, er brauchte Hilfe.

Natürlich wurde Tom noch am gleichen Tag verhaftet. Rauchen konnte nicht geduldet werden. Ein solches Beispiel konnte sonst andere Menschen zur Nachahmung verführen.
Und gerade die Schwächsten und Hilfsbedürftigsten waren gefährdet.
Tamara dachte an ihre Kinder.
Allein um der Kinder Willen hatte sie Tom anzeigen müssen.
Dabei war er früher so verantwortungsbewusst gewesen. Und jetzt, wo es erreicht war, verriet ausgerechnet Tom die Ziele.

Sie verstand ihn nicht mehr.

Eine Woche später traf sie Lilja. Sie hatten sich in letzter Zeit nur selten gesehen.
Dabei war Lilja Marti ihre beste Freundin. Tom, Lilja und sie hatten damals zusammen in einer politischen Aktionsgruppe für die Erneuerung gekämpft.
Damals …
Sie umarmte Lilja. „Hallo, schön Dich zu sehen.“
Lilja erwiderte ihre Umarmung. „Na Liebes, ja, wir haben uns schon viel zu lange nicht gesehen.
Du hast doch Tom getroffen?
Ist er in der Stadt?
Wie geht es ihm?“
Tamara schwieg einen Augenblick betroffen.
Lilja sah sie besorgt an. „Ist was passiert?“
Tamara erzählte ihr stockend, dass sie bemerkt hatte, dass Tom heimlich raucht und dass sie ihn angezeigt hatte.
Lilja, die eben noch ihrem Arm um Tamara gelegt hatte, zog sich von ihr zurück. „Bist Du völlig krank?
Das war Tom.
Wie konntest Du ihn anzeigen?
Nach allem was zwischen uns war.“
Tamara sah ihre Freundin entsetzt an. „Er hat geraucht. Er hat die Ziele verraten, nicht ich.“

Lilja lachte bitter. „1 Million Menschen in Gefängnissen, eine weitere Million im Gewahrsam der Medizin und 3 Millionen Menschen mit elektronischen Überwachungsapparaturen, die jederzeit willkürlich wieder weggesperrt werden können, Schulen mit Totalüberwachung und Biosensoren, die jede Abweichung registrieren, das war nicht das, was ich wollte.
Dieses Land ist nur noch ein großer Knast.“
Tamara zitterte, nicht auch noch Lilja, sie verschränkte ihre Arme. „Niemand ist ohne Grund in Behandlung.
Wie sonst sollte die Gewaltfreiheit dieser Gesellschaft garantiert werden?
Wie sonst hätten die Reformen für eine sozialere und ökologisch verantwortliche Lebensweise durchgesetzt werden können?
Du redest wie Tom. Das ist krank.
Er war krank.“
Lilja schüttelte den Kopf. „Das alles ist keine Rechtfertigung für das, was diese Gesellschaft den Menschen antut.“
Tamara hatte den Eindruck, Lilja das erste Mal in ihrem Leben richtig zu sehen und es machte ihr Angst.
Alles war doch gut, wieso tat Lilja ihr das an?
Sie widersprach Lilja heftig und sie spürte Tränen auf ihrem Gesicht. Lilja war doch ihre Freundin, wie konnte Lilja so reden? „Wieso musst Du alles kaputt machen?
Alles schlecht reden?
Du warst immer nur Opposition aus Prinzip, nicht?
Dir waren die Gebote wahrscheinlich schon immer egal?
Und ich war so dumm, dass ich Euch damals vertraut habe, Dir und Tom.
Für eine soziale und gewaltfreie Gesellschaft müssen alle etwas dazu tun, alle, und wir können nicht zulassen, dass Einzelne es durch ihren Egoismus oder ihre Krankheit kaputt machen. Du weißt, dass das alles nur zur Heilung dieser Menschen, zu ihrem Besten und zum Wohl der Welt und der Gesellschaft geschieht. Damit wir wieder ganz werden und nicht gegeneinander agieren, dafür passiert doch all dies.
Glaubst Du, für die, in den Anstalten Arbeitenden, ist das immer einfach, aber sie tun das Notwendige für unsere Kinder, die Zukunft.
Aber, Du hast ja keine Kinder.“
Tamara wandte sich ab und ging. Auch Lilja also, sie zitterte.
Sie hörte Lilja noch rufen. „Nicht ich bin krank, ihr seid krank, pervers, diese Gesellschaft ist krank und es ist an der Zeit wieder dagegen aufzustehen!“

Zu Hause heulte Tamara. Warum nur, jetzt wo alles gut war?
Und sie war alleine.
Die Kinder waren noch in der Ganztagsschule und Uwe, ihr Mann, hatte zur Zeit eine Arbeit in einer anderen Stadt und kam nur ab und an, wenn es die Arbeit erlaubte.
Schließlich wollten sie nicht der Gesellschaft zur Last fallen.
Sie waren verantwortungsbewusst.
Alles war doch gut.

Lilja war schon länger arbeitslos. Vielleicht hatte das sie so verändert. Tamara setzte sich auf einen Stuhl und dachte nach.
Ihr liefen immer noch Tränen herab.
Lilja tat ihr so leid.
Und sie gab sich Mitschuld, sie hätte es früher bemerken und ihr helfen müssen.
Nun also auch Lilja, sie kannte ihre Pflicht. Schon wieder musste sie gegen eine Freundin vorgehen, erst Tom und nun Lilja.
Sie rang lange mit sich. Lilja war doch ihre beste Freundin.
Aber sie wusste, was sie tun musste. Liljas Rede hatte so krank geklungen.
Das machte ihr Angst.
Dann sprach sie mit ihrer psychosozialen Betreuerin über Lilja und über ihre Sorge um ihre beste Freundin.

Zwei Tage später wurde auch Lilja abgeholt. Da sie versuchte zu fliehen, wurde sie erst mit einer Elektroschockwaffe ruhig gestellt, dann erhielt sie eine Spritze.
Danach konnte sie ihre Muskeln nur noch bedingt beherrschen. Selbst das Gehen mit Hilfe der Betreuer, die sie abholten, machte ihr aufgrund der Wirkung der Spritze Mühe.
Widerstand wurde unmöglich.

Lilja wurde in das Institut für soziale Gesundheitsdienstleistungen in die Abteilung für die Behandlung psychosozialer Erkrankungen gebracht.
Sie verlor das Bewusstsein.

Irgendwann erwachte sie wieder. Sie war an ein Metallbett geschnallt in einem kahlen Raum mit diffusem Kunstlicht. Auch ihr Kopf war fixiert. Sie glaubte, Schritte zu hören.
Dann strahlte ihr auf einmal eine intensive Lichtquelle ins Gesicht.
Eine Männerstimme ertönte. „Keine Angst Frau Marti, ich bin Therapeut. Ich möchte Ihnen nur einige Fragen stellen.“
Lilja versuchte sich trotz Kopfschmerzen zu konzentrieren. „Ich, ich will nicht.“
„Doch Sie wollen.“ Eine zweite Männerstimme, dann spürte sie einen Stich, eine Spritze, Ihr Körper krampfte zusammen, kurz darauf verlor sie die Kontrolle über ihre Gliedmaßen und begann zu zucken.
Sie hörte wieder die zweite Männerstimme. „Das dauert nur einen kurzen Moment und dann werden wir Ihnen Fragen stellen und Sie werden antworten.“

Später erinnerte sie sich nur noch, dass sie angefangen hatte zu heulen und zu schreien und dass die Männer alles mit einer Kamera aufgezeichnet hatten und dann hatte sie immer wieder diese Hände gesehen, die eine Weltkugel ausquetschten, wie eine Zitrone und dabei redeten, redende Hände.
„Das ist nur zu Ihrem Besten. Wenn Sie nicht mitarbeiten, wird es nur um so unangenehmer.
Sie sollten sich das überlegen.“

Irgendwann danach erwachte sie einer der Zellen, die hier Einzelräume genannt wurden.
Sie hatte sich an der Wand den Kopf blutig geschlagen. Nun saß sie auf dem Betonboden und fror. Sie versuchte, zu sich zu kommen.
Langsam, ganz langsam spürte sie wieder alle ihre Gliedmaßen.

Dann kamen sie wieder und holten sie ab. Wieder bekam sie Spritzen, Krämpfe, sie musste sich übergeben, erstickte beinahe an ihrem Erbrochenem.
Dann wieder der Einzelraum.
Und wieder holten sie sie ab.
Die Tage verschwammen vor ihr.

Sie lernte, das zu sagen und zu tun, was von ihr erwartet wurde, um nicht bestraft zu werden, um nicht, wie das ihr Therapeut nannte, noch mehr unterstützende Maßnahmen zu erhalten.

Sie wurde immer wieder zur Behandlung abgeholt. Als erstes bekam sie immer eine Spritze. Sie war dadurch den Wärtern, die sich hier Betreuer und Betreuerinnen nannten, ausgeliefert.
Ein Teil der Betreuer und Betreuerinnen benutzte die Überführungen zum Behandlungsraum um mit ihrem hilflos ausgelieferten Körper etwas zu treiben, was sie ‚Spiele‘ nannten.
Lilja spürte bald nichts mehr, nur noch den Beton der Zelle, ihres Einzelraumes.

Nachdem zwei Wochen vergangen waren, kam Besuch.

Tamara wurde am Eingang des Instituts für soziale Gesundheitsdienstleistungen sehr freundlich empfangen. Die Frau am Eingang lächelte ihr aufmunternd zu, alles war gut, während sie in der Eingangsschleuse auf verdächtige Gegenstände gescannt wurde.
„Es ist wichtig, dass die Patientinnen und Patienten nicht völlig den Kontakt zur Außenwelt verlieren.
Es ist wirklich sehr verantwortungsbewusst, dass Sie ihre Freundin besuchen wollen.“

Tamara fühlte sich unsicher, aber eine freundlich lächelnde Betreuerin mit zupackendem Händedruck holte sie ab und führte sie durch die Sicherheitsschleusen des Instituts.
Sie betraten einen mehrstöckigen Trakt mit langen Gängen von denen nummerierte Einzelräume abgingen.

Tamara konnte durch die Türen, wie durch Glas in das Innere der Einzelräume schauen.
Die Betreuerin erklärte ihr mit ruhiger warmer Stimme, dass dies nur von einer Seite aus möglich wäre und dass die Patientinnen und Patienten sie nicht sehen könnten. Die Türen waren von innen undurchsichtig, damit die Patientinnen und Patienten nicht durch das Betreuungspersonal gestört wurden. „Ruhe ist das Wichtigste, was unsere Patientinnen und Patienten brauchen.
Sie müssen sich keine Sorgen machen. Ihre Freundin ist hier gut aufgehoben.
Durch eine Veränderung der Ausrichtung der Nanomoleküle der Nanoglastür ist es aber möglich auch den Patientinnen und Patienten von innen den Blick nach außen zu ermöglichen.“

Tamara war schockiert über die vielen Schwerkranken, die apathisch auf den Betten lagen oder auf dem Betonfußboden saßen.
Die Betreuerin bemerkte ihren Blick. „Manchmal wird mir die Arbeit auch zu viel. Es ist auf Dauer schwer, so viel Leid mit anzusehen.“

Dann erreichten sie den Einzelraum 1067. Durch die Tür sah Tamara Lilja zusammengekrümmt in der Ecke auf dem Betonboden sitzen. Arme Lilja, Tamara spürte ein Zittern. Doch sicher wurde hier alles für die Patientinnen getan.
Die Betreuerin sah Tamara beruhigend an. „Sie wird sich sicher freuen, Sie zu sehen.“
Dann drückte die Betreuerin einen Knopf neben der Tür. Sie sah Tamara an. „Die Tür ist jetzt auch von innen durchsichtig, außerdem besteht jetzt eine Sprechverbindung. Normalerweise sind die Einzelzimmer auch vom Lärm hier draußen abgeschirmt, schallisoliert.“

Tamara sah durch die Tür Lilja direkt an. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte.
Sie sprach ganz leise. „Hallo Lilja.“

Doch Lilja antwortete nicht, sie reagierte gar nicht. Sie sah apathisch durch die Tür, als wäre die Tür für sie immer noch undurchsichtig und als hätte sie nichts gehört.
Tamara war beunruhigt, sie sah die Betreuerin an. Die Betreuerin klopfte kräftig gegen die Tür. „Hallo, Besuch für Sie!“
Lilja sah einen kurzen Moment auf und Tamara in die Augen und schüttelte den Kopf.
Die Kameras an der Decke im kleinen Raum, die von außen nicht sichtbar waren, surrten und zeichneten jede Reaktion Liljas auf, um die Ergebnisse für die weitere psychopharmakologische Behandlung auszuwerten.

Lilja hatte dies schnell begriffen.

Jetzt ließ das Surren Lilja einen kurzen Moment erstarren, dann zwang sie sich ein fades Lächeln auf die Lippen. Sie hatte inzwischen begriffen, dass jede Kritik gegen sie ausgelegt wurde.
Worte wollten ihr aber nicht über die Lippen kommen, sie hatte Angst, dass die Wahrheit durchbrechen würde. Lilja wollte nicht wieder gefesselt und ruhig gestellt werden, und sie war so traurig, hasserfüllt und kalt, wie nie zuvor.
Lilja begriff nicht, wie hatten sie es geschafft, so etwas aus Tamara zu machen. Sie hätte nie für möglich gehalten, dass Tamara sie anzeigen könnte.
Sie verstand Tamara nicht. Sie starrte Tamara, die draußen vor der Zelle neben einer der Betreuerinnen stand, leer an.
Lilja fragte sich, wie sie so blind hatte sein können. Sie hatte für jedes Verhalten Tamaras immer ein Entschuldigung parat gehabt.
Aber nun war das alles egal, Lilja drehte sich weg.

Doch Tamara schien davon nichts zu bemerken. Tamara hatte nur das kurze Lächeln ihrer besten Freundin wahrgenommen und war ein kleines bisschen beruhigt.
Lilja sah fürchterlich aus.
Doch Tamara wusste, das Liljas Krankheit fürchterlich war. Sie kam sich so hilflos vor. Aber Menschen mit Dissozialer Persönlichkeitsstörung half man nicht mit Nachgiebigkeit.
Lilja tat ihr so leid, Tamara lächelte sie mit all ihrer Liebe an, obwohl Lilja ihr jetzt den Rücken zugewandt hatte.
Zum Glück gab es ja die Betreuerinnen und Betreuer. Tamara wusste, die Betreuerinnen und Betreuer gaben sich hier alle Mühe, den Patientinnen und Patienten zu helfen. Überall hingen die 11 Gebote, in den Gängen, in den Einzelräumen und über dem Eingang des Instituts in goldenen Lettern.
Die Betreuerin, die sie zum Einzelraum Liljas begleitet hatte, sah Tamara freundlich an. „Ich glaube, wir sollten ihr jetzt Ruhe lassen. Was Ihre Freundin jetzt vor allem braucht, ist Ruhe.“
Tamara nickte.

Die Betreuerin drückte auf einen Knopf und die Tür wurde von Liljas Seite aus wieder undurchsichtig. Von der Gangseite aus konnte sie weiter hindurchschauen.
Sie sah Lilja jetzt zittern.
Die Betreuerin zog sie sanft fort. „Die ersten Tage sind für die Patientinnen und Patienten hier am anstrengendsten.
Kommen Sie doch in drei Monaten noch einmal vorbei.“

Nachdem sie Lilja verlassen hatte, bat eine der Betreuerinnen Tamara noch, in das Sprechzimmer der Leiterin des Instituts zu kommen.
Sie führte Tamara dort hin.

Das Zimmer war groß und hell und zwei Reproduktionen von Gemälden von Friedensreich Hundertwasser hingen an der Wand. Einen kurzen Augenblick war sie allein, dann trat eine Frau Ende 40 in einem unauffällig aber modernem Kostüm ein.
Sie hatte ein warmes Lächeln und begrüßte Tamara freundlich. „Guten Tag, ich muss mich nochmal bedanken, dafür, dass Sie sich so für ihre Freundin eingesetzt haben.
Hätten Sie sie nicht gemeldet, dann weiß ich nicht, was noch passiert wäre.“

Die Leiterin bat Tamara, sich zu setzen. Sie selbst setzte sich hinter einen großen modernen Schreibtisch. Jetzt sah Tamara auch die Kinderfotos auf dem Schreibtisch. Die Leiterin, die Tamaras Blick bemerkte, lachte. „Ja, das sind Jamie und Maria, meine Kinder, da weiß ich, für wen ich das hier alles tue.“
Sie sah Tamara fragend an. „Haben Sie Kinder?“
Tamara nickte lächelnd. Dann sah sie die Leiterin etwas unsicher an, die Ihr aufmunternd zulächelte. Tamara schüttelte langsam den Kopf. „Ich hätte nicht gedacht, dass es um Lilja so schlecht steht. Sehen Sie, wir waren die besten Freundinnen.
Und sie hatte immer so viele Ideen.
Und jetzt …“
Die Leiterin sah Tamara beruhigend an. „Wir helfen Ihrer Freundin. Dank Ihnen bekommt Sie jetzt die Hilfe, die sie braucht. Das ist es, was eine wahre Freundin tun sollte. Manchmal muss man die Menschen auch gegen ihren Willen zu ihrem Glück zwingen.
Aber nur wirkliche Freundinnen tun das. Die anderen sehen häufig einfach zu, wie sich ein Mensch selbst vernichtet.“
Tamara nickte. „Ja, trotzdem ist es schwer. Ich hätte es vielleicht auch früher wissen müssen.
Sie hat immer noch sporadisch heimlich Fleisch gegessen. Sicher, das ist nicht verboten, aber es verstößt doch gegen das 7. Gebot.
Unsere Liebsten essen wir doch auch nicht auf.“
Die Leiterin notierte sich – Fleischkonsum, Patientin 1067/45L -. „Ja, Fleischkonsum ist ein starkes Anzeichen für eine Dissoziale Persönlichkeitsstörung.“
Sie war aufgestanden und berührte Tamara beruhigend an der Schulter. „Wir werden ihr das abgewöhnen. Alle Betreuerinnen und Betreuer, die hier arbeiten, leben vegan.
Wir legen viel Wert auf den Vorbildcharakter unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
Und alle Betreuerinnen und Betreuer müssen regelmäßig Antiaggressionstrainings mitmachen.
Gibt es noch weitere Dinge, die Ihnen jetzt im Nachhinein aufgefallen sind?“
Tamara überlegte kurz. „Sie hat immer den Wasserhahn laufen lassen beim Zähneputzen.“
Die Leiterin sog besorgt die Luft zwischen den Zähnen ein und notierte auch dies. „Vielen Dank für Ihre Hilfe. Sie helfen Ihrer Freundin wirklich sehr.“
Auf dem Schreibtisch der Leiterin stand eine kleine Statue der Erneuerung, zwei Hände umfassten einen Globus.

Tamara dachte an die Zeit, als sie alle noch jung gewesen waren, Tom, Lilja, sie selbst.
Sie dachte daran, wie Lilja sie oft angelacht hatte, in Momenten, in denen Tamara hoffnungslos gewesen war. Lilja hatte sie dann in den Arm genommen und ihr ins Ohr gepustet, bis sie wieder lachte. „Die Welt liegt in unseren Händen.“
Jetzt war es an ihr, stark zu sein, sie würde die Leiterin mit allen notwendigen Informationen unterstützen, damit Lilja bald wieder gesund wurde.

Zu Hause las Tamara die Tafel mit den 11 Geboten für sich selbst laut.
„1. Du bist verantwortlich für Dich selbst
2. Hilf denen, die auch bereit sind zu leisten.
3. Du sollst die Verantwortungslosen zur Rechenschaft ziehen.
4. Du sollst Deinen Mitmenschen nicht aggressiv begegnen.
5. Du sollst keine Ressourcen verschwenden.
6. Du sollst Deine Umwelt wie eine Leihgabe auf Zeit achten und ihren Wert mehren.
7. Du sollst den Tieren mit demselben Respekt begegnen, wie Du ihn Deinen Liebsten entgegen bringst.
8. Du sollst Deine Gesundheit achten und für Dich selbst Sorge tragen, damit Du anderen nicht zur Last wirst.
9. Du sollst diejenigen, die sich vernachlässigen, zurückführen zu einem gesunden und selbstbestimmten Leben.
10. Du sollst keinen Alkohol trinken.
11. Du sollst nicht rauchen.“

Dann bereitete sie den Tisch für die Kinder vor, die bald aus der Ganztagsschule kommen würden.

Es war schon spät am Nachmittag.

In drei Monaten würde sie wieder nach Lilja schauen.
Sie nahm sich das fest vor.


Yuriko Yushimata wurde als Distanzsetzung zur Realität entworfen. Es handelt sich um eine fiktionale und bewusst entfremdete Autorinnenposition, die über die Realität schreibt. Die SoFies (Social Fiction) dieses Bandes zeigen in der Zuspitzung zukünftiger fiktiver sozialer Welten die Fragwürdigkeiten der Religionen und Ersatzreligionen unserer Zeit. Teilweise sind die Texte aber auch einfach NUR witzig. Sie erschien im Oktober 2014 unter dem Titel „Religion Version 2.100“ und befindet sich im Archiv der HerausgeberInnengemeinschaft Paula & Karla Irrliche. Spiegelung & Verbreitung der Texte sind ausdrücklich gewünscht!


Foto: Rob Walsh (Unsplash.com)


Weitere lesenswerte Artikel

  1. Was für ein Horrorszenario! Ich las die Zuspitzung von politisch korrektem Verhalten, gruselig!
    Danke für diesen Text, herzlichst, Ulli

    Gefällt mir

    Antwort

  2. Das fällt dann wohl unter die Katagorie „Gutmenschen“. So weit sind wir gar nicht mehr davon entfernt. Aber es ist ja alles gut… ;-)

    Gefällt mir

    Antwort

Wie ist Deine Meinung? Schreibe einen Kommentar!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: