Sprache, Denken, Logik und Wissenschaft

„Die formale Logik war die große Schule der Vereinheitlichung. Sie bot den Aufklärern das Schema der Berechenbarkeit der Welt.“ (Theodor W. Adorno)

Wem es um Erkenntnis und Wahrheit geht, der zieht – in unserer westlichen Welt – gewohnheitsmäßig Mathematik, Logik sowie die Wissenschaften zu Rate. Dies scheint legitim und allgemein anerkannt, und dennoch bergen Erkenntnisse derartiger Provenienz (Herkunft) einen unerhörten Pferdefuß:

Es ist die fatale Gläubigkeit, mit derartigen Werkzeugen oder Instrumenten wie Mathematik, Logik und Empirie die Welt und die Menschen ein für alle Mal erklären und damit auch beherrschen zu können.

Privatsphäre, oder der Begriff einer „Black Box“, welche einst in soziologischen und psychologischen Theorien seinen festen Platz innehatten, scheint ausgemerzt, veraltet und vergessen.

Schon Albert Camus sprach in seinem Buch „Der Mythos von Sisyphos“ (1942) von einer „blutigen Mathematik, die über uns herrscht“. Doch erscheinen seine diesbezüglichen Reflexionen und Einsichten aus heutiger Sicht ein wenig dünn und gehaltlos. Er hatte wohl andere Sorgen und Gedanken …

Theodor W. Adorno, der die Schriften Camus‘ mit Sicherheit kannte, drückt seine Aversion gegen Naturwissenschaft und Logik folgendermaßen aus:

„Dialektische Vernunft folgte dem Impuls, den Naturzusammenhang und seine Verblendung, die im subjektiven Zwang der logischen Regeln sich fortsetzt, zu transzendieren (überschreiten; Anm. d. Autors), ohne ihre Herrschaft ihm aufzudrängen: ohne Opfer und Rache.“[1]

Selbst wenn Adorno hier einen seiner polemisierenden Lieblings-Kampfbegriffe verwendet, nämlich den einer „Verblendung“, sollte dem aufmerksamen Leser dessen pazifistische Ethik nicht entgehen. Auch dialektische Vernunft, welche Adorno als Alternative zu traditionellen Denkweisen anbietet, will gar nicht herrschen, sondern koexistierend und gleichberechtigt wahrgenommen sein:

„… ohne Opfer und Rache.“

Andererseits und weiter wettert Adorno in seinem ihm eigenen, scharf analysierenden, nahezu zynisch anmutenden Sprach- und Denkstil:

„Die formale Logik war die große Schule der Vereinheitlichung. Sie bot den Aufklärern das Schema der Berechenbarkeit der Welt.“[2]

Da soll man mal ruhig bleiben, insbesondere in unserer westlichen, wissenschaftsgläubigen Welt. Schon Sigmund Freud sprach mit Blick auf das Gewicht von Logik und Wissenschaft im Okzident vom „Gott Logos“, um die religionsanaloge Affinität zu gewissen Denkgewohnheiten herauszustellen. Zu einer Religion gehören unter anderem Rituale, und damit zurück zu Max Horkheimer und Theodor W. Adorno:

„Die mathematische Verfahrensweise wurde gleichsam zum Ritual des Gedankens.“[3]

Zu diesen polemisierend-reflektierenden Gedanken gesellt sich die Erkenntnis des sprachlichen Relativitätsprinzips: Diese als „linguistic turn“ in die Wissenschaftsgeschichte eingegangene Einsicht mahnt normalerweise einen jeden Wissenschaftler und Philosophen zu Bescheidenheit. Denn die Sprache und die Begriffe, mit deren Hilfe er zu seinen Wahrheiten gelangt, hat er ja selber nicht erfunden, und er scheint sich oftmals nicht gewahr, dass er in ebendiesem Käfig fleißig seine Runden dreht.

„Die Kategorien und Typen, die wir aus der phänomenalen Welt herausheben, finden wir nicht einfach in ihr; ganz im Gegenteil präsentiert sich die Welt in einem kaleidoskopartigen Strom von Eindrücken, der durch unseren Geist organisiert werden muß – das aber heißt weitgehend: von dem linguisitischen System in unserem Geist.“[4]

Dies bedeutet – kurz und knapp und mit Kant gesagt: Hier ist die Natur oder die „Welt“, welche die Menschen nur erkennen können mittels Sprache und Begriffen, die die „Welt“ eben zurechtschneidet nach unserem Geist und dessen Sprache.

„Diese Tatsache ist für die moderne Naturwissenschaft von großer Bedeutung. Sie besagt, daß kein Individuum Freiheit hat, die Natur mit völliger Unparteilichkeit zu beschreiben, sondern eben, während es sich am freiesten glaubt, auf bestimmte Interpretationsweisen beschränkt ist.“[5]

Dies führt natürlich und unweigerlich in Abhängigkeiten, von denen die des Geistes von der jeweiligen Sprache „nur“ eine ist, jedoch eine fundamentale, deren Reflexion Freiheiten und neue Perspektiven eröffnen kann und sollte.

„[…] wird die Tatsache, daß Sprachen die Natur in vielen verschiedenen Weisen aufgliedern, unabweisbar. Die Relativität aller begrifflichen Systeme, das unsere eingeschlossen, und ihre Abhängigkeit von der Sprache werden offenbar.“[6]

Wem diese Überlegungen zu theoretisch erscheinen, der möge einmal seinen Blick werfen auf die unterschiedlichen Bezeichnungen von beispielsweise Reis: Wie viele davon existieren in der deutschen Sprache, wie viele bei den Chinesen? Wie viele unterschiedliche Arten von Schnee kennt ein Deutscher, der sich – bestenfalls – einen Skiurlaub in den Alpen leisten kann? Ein Eskimo würde ihn belächeln: „Du kennst also vier oder fünf verschiedene Sorten Schnee? Dann hast Du etwas von unserer wunderbaren Welt nicht verstanden, und bist meines Mitleids würdig und gewiss.“

„Wenn Erkenntnis sprachlich verfaßt ist, so das Argument, läßt sie sich nicht losgelöst von Sprache untersuchen. In diesem Sinne ist es zu verstehen, daß Sprachphilosophie zur grundlegenden Disziplin der Philosophie geworden ist: Der Erkenntnisanspruch der Philosophie wird durch die Analyse der Sprache der Philosophie geprüft und kritisiert. Und insoweit die Philosophie sich mit den Erkenntnisansprüchen von Wissenschaft, Literatur, Kunst, Religion usw. auseinandersetzt, hat sie die Sprachphilosophie als Grundlagendisziplin auch in die zugeordneten theoretischen Disziplinen wie Wissenschaftstheorie, Literaturtheorie, Kunsttheorie, Theologie usw. hineingetragen. Diese Entwicklung wird häufig als sprachphilosophische Wende („linguistic turn“) der Philosophie beschrieben.“[7]

Dem ist nichts hinzuzufügen. Nur, dass jeder dies (bei Interesse) längst hätte wissen können.

Nun werde ich schweigen.


Christian FerchÜber den Autor: Dr. Christian Ferch studierte Linguistik, Philosophie und Religionswissenschaft mit den Schwerpunkten Semantik, Kommunikationstheorie und Religionskritik. Er war Chefredakteur der Studentenzeitung „Die Spitze“ und schrieb seine Dissertation unter dem Titel „Elemente einer allgemeinen Kommunikationstheorie“ an der Freien Universität Berlin.


Quellen und Anmerkungen

[1] Theodor W. Adorno: Negative Dialektik, S. 145.

[2] Max Horkheimer/Th. W. Adorno: Dialektik der Aufklärung, S. 13.

[3] Ebd., S. 31f.

[4] Benjamin Lee Whorf: Sprache, Denken, Wirklichkeit, S. 12.

[5] Ebd., S. 12.

[6] Ebd., S. 13.

[7] Gottfried Gabriel: Grundprobleme der Erkenntnistheorie, S. 13.


Literaturhinweise

Adorno, Theodor W.: Negative Dialektik. Suhrkamp Verlag (Frankfurt am Main, 1966, 1967, 1970, 1973).
Camus, Albert: Der Mythos von Sisyphos. Ein Versuch über das Absurde. Rowohlt Taschenbuch Verlag (Hamburg, 1959).
Gabriel, Gottfried: Grundprobleme der Erkenntnistheorie. Ferdinand Schöningh Verlag ( Paderborn, 1993).
Whorf, Benjamin Lee: Sprache – Denken – Wirklichkeit. Rowohlt Taschenbuch Verlag (Reinbek bei Hamburg, 1963).


Foto: Mikael Kristenson (Unsplash.com)


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  1. „Es liegen sehr gute, fast überzeugende Gründe vor anzunehmen, daß wir Menschen den Bannkreis des Aristotelischen identitätstheoretischen Denkens niemals überschreiten können. Unsere klassischen Denkgesetze sind der direkte Ausdruck der Funktionsweise unseres Gehirns.“ (Gotthard Günther)

  2. Sprache, Semantik, Verstandesbewußtsein stehen in Korrelation. Das kommt schon allein in der Tatsache der sogenannten „infantilen Amnesie“ zum Ausdruck: das vorsprachliche Bewußtsein kann nicht mehr durch das sich in Sprache ausdrückende Bewußtsein (=Verstand) erfaßt oder erinnert werden.

    In dem Moment in dem der Erkenntnisprozess selbst Gegenstand der Erkenntnis wird, muß sich, um nicht in Zirkelschlüssen zu verfallen, das Bewußtsein selbst erheben aus der üblichen Erkenntnisart, so daß es nämlich diese beleuchten kann.
    So kann z.B. der Zustand erreicht werden, in dem man „die Welt als einen kaleidoskopartigen Strom von Eindrücken“ wahrnimmt. Dann ist man schon viel dichter an dem Bewußtseinszustand dran, welchen man selbst als Kind noch hatte.

    Als Kind schlossen sich an diesen kaleidoskopartigen Strom also KEINE Logikformalismen an, wie sie die Sprache bedingt oder umgekehrt ausmacht, sondern die Kinderseele erlebt diesen Strom als Lebendiges noch mit dem Wesen behaftet, welches also die Quelle desselben ist.

    Im Laufe der Sinnes-Nerven-Entwicklung, ebenso angeregt durch die Umgebung des Kindes (Sprachumgebung), verdunkelt sich dieses „Infantile“ Bewußtsein zugunsten eines in der Welt der Verstandeslogik (Sprache) aufwachenden Bewußtseins.

    Der nach Erkenntnis strebende Mensch kann nun im Erkenntnisprozess selbst beobachten, wie sich dieser zusammensetzt aus der Welt der Wahrnehmungen (die durch die menschliche Organisation bestimmt sind – sich aber mit dieser selbst in ein und derselben Sein-Wirklichkeit und von dieser ebenfalls hervorgebracht befindet) einerseits und den Begriffen (nicht gleich Wort !!! – Wörter zeigen auf Begriffe sind es aber nicht selbst), die er nur aktiv durch sein Denken mit den Wahrnehmungen verknüpft und diese damit interpretiert.
    Schließlich kann er im Denken selbst den Moment erleben, in dem nicht nur diese Verknüpfungen hergestellt werden, sondern geistige Inhalte, Zusammenhänge OHNE Sprache OHNE logische Determination OHNE angewandte Ordnung erlebbar werden.
    Diese Momente werden sprachlich als: Geistesblitz, plötzliche Idee, Einfall, Intuition usw. bezeichnet. Hier kann jeder beobachten wie eine ganz anders geartete Bewußtseinsqualität für kurz – ja kaum zeitlich erfassbar – „einschlägt“, sich daran aber dann wieder das übliche Vestandesbewußtsein an die Arbeit macht und daraufhin Ergebnisse in logischer Struktur und Sprache liefert, die die Intuition abbilden können aber nicht müssen.

    98% der Menschen, die sich selbst als Naturwissenschaftler oder Wissenschaftler ausgeben, haben sich selbst, ihre Bewußtseinsart und den Erkenntnisprozess selbst nie untersucht oder sich dessen nur annähernd bewußt gemacht OBWOHL sie ihre Erkenntnisart auf ALLES ANWENDEN, was sie Wissenschaft nennen.

    Und wenn dann ihre Wissenschaft postuliert, daß zur wissenschaftlichen Disziplin und Arbeit notwendiges Kriterium die Klarheit der Methoden, des Versuchsaufbaues (Experiment) und der daran beteiligten und wirkenden Elemente sei (was ja u.a. auch eine Voraussetzung zur Reproduzierbarkeit ist) – sie aber dann ein Element, was alle anderen Elemente selbst ordnet und interpretiert „vergessen“ – dann stellt sich für mich doch wirklich die Frage, in wie weit sich hier tatsächlich Wissenschaft offenbart oder nicht – wenn eben 98% mit diesen Grundlagen, die sie ja in jedem Moment anwenden, NICHTS aber auch rein gar nichts WISSEN WOLLEN.

    Insofern kann ich Ihr Schlusswort auch nur unterstreichen:

    „Dem ist nichts hinzuzufügen. Nur, dass jeder dies (bei Interesse) längst hätte wissen können. Nun werde ich schweigen.“

  3. Ist es nicht sonderbar, dass unser Bewußtsein nun schon Jahrhunderte so getäuscht werden konnte und nicht in den Sinn gekommen ist, dass das Geldsystem fast für alle Probleme und Schwierigkeiten verantwortlich zeichnet. Da verhungern ganze Völker nur weil Geld fehlt. Kommt denn keiner auf die Idee, dass man Arbeiten auch dann ausführen könnte, wenn der Wille zur gegenseitigen Hilfe ausgeprägt wäre.

    1. Jürgen Elsen 9. Oktober 2018 at 17:30

      Das Geldsystem ist ein Gedanke. Solange dieser Gedanke von den Menschen gedacht und als Realität aufgefasst wird, ändert sich nichts. Sie glauben an die Macht dieses Gedankens und verleihen ihm dadurch erst die Macht, die er dann besitzt.

      Es gab schon immer Menschen, die „alternative Gedanken“ in den Raum stellten – auch Goethe zeigt im Faust II ja klar auf, was es mit dem Geldsystem auf sich hat.

      So lange die Menschen aber der Auffassung sind, sie müßten von Obrigkeiten organisiert werden und auch gar nicht den Mut haben, sich selbst zu organisieren – so lange werden diese Obrigkeiten die Macht, die das Volk ihnen gibt, zu ihrem eigenen Nutzen mißbrauchen vorrangig durch das von ihnen geschaffene Instrument des Geldes – also der vorgebene Gedanke, dem zu huldigen ist.

      Alternative Ansätze, die ich kenne:
      http://www.informationsgeld.info (Franz Hörmann)
      https://neue-debatte.com/2017/09/30/baerensuppe-bilbo-calvez-im-gespraech-mit-franz-hoermann-ueber-infomoney/
      https://regionetzwerk.blogspot.com
      https://www.ubuntuplanet.org
      (HINWEIS ADMIN: Zwei Links gelöscht. Bitte lesen Sie die Netiquette und die dortigen Hinweise zu Links.)

      Sonderbar finde ich es, daß die meisten noch viel mehr Leid erfahren müssen, bevor sie damit beginnen, andere Gedanken zu denken und insofern dann auch anders zu handeln.

      Wir stellen also fest, wie sehr die erlernten (Sprach-/ Logik-) Muster das Leben berherrschen eben so lange, bis eines Tages der Knall kommt …

  4. Wörter sind eine Objektivierung des Subjekts und wenn Subjekt dualistisch wahrnimmt, nimmt es ein Objekt wahr und seine Sprache beschreibt es. Dann ist es im Irrtum.

    In der Erkenntnis, dass das Beobachtete keine Existenz hat,
    die vom Beobachter getrennt wäre
    In der Erkenntnis, dass der Beobachter keine Existenz hat,
    die vom Beobachteten getrennt wäre
    Wird der gespaltene Geist wieder vereint.

    Wir können das Bewusstsein nicht mit Hilfe des Bewusstseins transzendieren;
    Deshalb bildet Noumenon (das geistig Erkennbare(Plato), das Absolute) – als Abstraktion des Geistes – die Grenze möglicher Erkenntnis.

    (Wei Wu Wei (Metaphysiker,Taoist 1895-1986)Das offenbare Geheimnis)

    1. @Morgentau
      «Wir können das Bewusstsein nicht mit Hilfe des Bewusstseins transzendieren»

      Erklären Sie mir einmal, wie menschliche Entwicklung möglich ist, OHNE daß sich Bewustsein mit Hilfe des Bewußtseins transzendiert.

      Ebenso dürfte es schwer fallen, Selbstorganisation ohne Transzendenz des Bewußtseins zu beschreiben.

      Weiter würde jede Reflexion des Bewußtseins selbst letztendlich müßig bleiben, wäre nicht die Möglichkeit der Transzendenz vorhanden.

      Transzendenz erscheint mir daher – schon rein aus der Logik heraus (abgesehen von meinen Bewußtseinserfahrungen) – als immanente Eigenschaft von Bewußtsein.

      Sie können das natürlich widerlegen, in dem sie nach jedweder Reflexion und immer wieder zu ein- und demselben Ergebnis kommen.
      Das läßt dann nur den Schluß zu, daß sie selbst der Nabel aller Dinge sind und sich und die Dinge nicht mehr entwickeln (am Endstadium angekommen) – oder aber, daß sie der Transzendenz grundsätzlich eine Absage erteilen …

      1. Die Worte stammen nicht von mir, aber ich will versuchen es genauer zu erklären, soweit das mit meinen Worten unterhalb einer Romanlänge möglich ist. ;-)

        In der fernöstlichen Philosophie (u.a. Advita) ist Bewusstsein nur ein Ausdruck des Absoluten, in dem ES sich erkennen will.
        Der Honig, der sich selber schmecken will.
        Dies ist aber nur begrenzt möglich, da das Erkennende und das Erkannte nicht voneinander verschieden sind und somit nichts erkannt werden muss und kann.

        Ich bin mir durchaus bewusst, dass ich bin, aber diese Erkenntnis allein reicht nicht aus, um „darüber hinaus“ zu gelangen, – das Bewusstsein als Ganzes zu transzendieren. Die existenziellen Fragen: Warum bin ich, warum ist Bewusstsein, was hat das alles zu bedeuten… können in einer materialistischen, dualen Welt nicht mit Gewissheit beantwortet werden. Ich kann nur „innerhalb“ des Bewusstseins darüber spekulieren.

        Zitat:
        „Solange wir nicht wissen, was wir nicht sind
        Nämlich das konstruierte Phänomen
        Für das wir uns halten
        Können wir niemals die Unendlichkeit erkennen
        Die unser noumunales Nicht-Sein ist

        Es genügt nicht, an Das-was-wir-nicht-sind zu denken; es ist notwendig, nicht zu denken an Das-was-wir-nicht-sind.“

        (Wei Wu Wei)

        Verwirrende Worte? Worte sind immer nur ein unzureichendes Hilfsmittel, gerade im Bereich der frnöstlichen Philosophie. Wenn ein Interesse bestehen sollte, so kann ich Ihnen die Lektüre
        Das offenbare Geheimnis des Metaphysikers und Taoisten Wei Wu Wei wärmstens empfehlen.

    2. @Morgentau

      Sehr schön formuliert.

      Etwas ‚technischer‘ ausgedrückt würde ich sagen, dass Beobachter und Beobachtetes einfach nur ein- und dasselbe Resultat desjenigen Prozesses sind, den das Nervensystem mit seiner Aktivität in der Welt vollzieht. Hier entsteht der Dualismus. Der Unterschied von erzeugendem Prozess und Erzeugnis des Prozesses bildet eine logische Grenze.

      1. Der Autor geht sogar noch einen Schritt weiter, indem er sagt, weder Beobachter, noch das Beobachtete existieren in Wirklichkeit.

        Nicht nur deshalb kann ich Ihnen das Buch nur empfehlen.

        1. Wenn weder Beobachter noch das Beobachtete existieren – was ist denn das, welches die Aussage über die Wirklichkeit macht und als wirklich wähnt, daß Nichts von Beobachter und Beobachtetem existiert ???
          Anders ausgedrückt: wie könnte ein Nichts eine Aussage über die Wirklichkeit machen ?

          @Enno: Das Kant’sche „Ding an sich“ ist ein Zirkelschluß, Kurzform:
          ein „Ding an sich“ -> reale Wirkungen auf z.B. ein Auge -> reale Wirkungen Nerv
          jetzt wird die Realebene verlassen und das reale Gehirn macht irgend etwas (Kant nennt es Vorstellung)
          -> nun bezieht der Beobachter / Subjekt diese subjektive Vorstellung auf die „Reizquelle“ (das Ding an sich) und behauptet, so ist eben das Ding!

          Wem noch nicht klar ist, wo hier der Zirkelschluß ist, möge sich folgendes denken:
          Ein Schüler behauptet am Beispiel von Glas, welches er nicht mit seinen Fingern zertrümmern kann, es gäbe eben eine Härte. Jetzt kommt der Lehrer mit einem Hammer, haut damit auf das Glas, welches zertrümmert und sagt: seht ihr – jetzt habe ich euch bewiesen, daß es keine Härte gibt !

          Wenn der Mensch also nicht das „Ding an sich“ wahrnehmen kann – seine Wahrnehmung also subjektiv sein soll – Kant (und alle seine Trittbrettfahrer: Neopositivisten, Konstruktivisten usw.) bringt ja diese Argumentation, um damit die Nichtechtheit der Wahrnehmung zu „beweisen“ – wieso kann er dann von einem „Auge“, einem „Sehnerv“, einem „Gehirn“ auf der „Realebene“ als Argumente!!! sprechen – genau das alles hat er doch auch nur durch Wahrnehmung gewonnen!
          Er benutzt also genau dasselbe in seiner Argumentation, welchem er mittels dieser die Existenz absprechen will !! (hammerhart!)

          Der Menschenverstand – der eingeschlafen ist, weil der Mensch und damit die Intuition und die ECHTE Aufmerksamkeit (gegenüber den eigenen Bewußtseinsvorgängen) eingeschlafen ist – betreibt am laufenden Band solche Zirkelschlüsse.

          Überprüfen Sie daraufhin einmal die Aussagen, die hier in den Kommentaren getroffen werden …

          1. @Jürgen Elsen

            Die Anwendung eines dualistisches Weltbildes auf Aussagen, die nicht einem dualistischen Weltbild entspringen, macht keinen Sinn.

            1. 1. Warum ?
              2. Meine Aussagen waren vom Standpunkt des Dualisten gemacht und zeigten auf das INNERHALB dieses Standpunktes ein Zirkelschluß besteht: in einer Argumentation dasselbe Argument zu benutzen, was man durch dieses negieren möchte für zu einer falschen Aussage: A = Nicht-A

              Bewegen wir uns in einem Tetralemma, kann dieser Fall allerdings eintreten. Das ist jedoch eine vom Dualisten nicht benutzte Form der Logik. Die westliche Logik ist selbst binär: wahr ODER falsch. Beides gleichzeitig ist in dieser Logik nicht vergesehen.
              Insofern kann der Dualist mit der „Kant´schen“ Argumentation die „Nicht-Ojektivität“ von Wahrnehmung nicht nachweisen.

              Damit ist aber nicht gesagt, das Wahrnehmung objektiv ist. Es ist damit eben nur ausgedrückt, dass die Argumentation so nicht funktionieren kann …

              1. Stimme zu. Im dualistischen Weltbild werden Subjekt und Objekt vorausgesetzt. Daraus folgt für die Wahrnehmung eine Sender-Empfänger-Situation. Die logischen Probleme liegen auf der Hand. Ich denke, da brauchen wir hier nicht näher darauf einzugehen.

                Das nicht-dualistische Weltbild hat einen anderen Ansatz. Während im Dualismus versucht wird, die Wahrnehmung mittels Subjekt und Objekt zu verstehen, begreift das nicht-dualistische Weltbild Subjekt und Objekt lediglich als Resultat eines Wahrnehmungsprozesses (sie sind das Wahrgenommene) und zwar als ein- und dasselbe Resultat dieses Prozesses. D.h., der Dualismus (Ich-Welt-Eindruck), der genau hier entsteht, ist nichts Primäres.

                Wie oben beschrieben, scheint das in anderen Kulturkreisen durchaus geläufig zu sein. Dem westlichen Denken widerspricht das vollkommen. Das aus logischer Sicht Interessante daran ist, dass im Prozessresultat seine eigene Entstehung nicht sichtbar ist. D.h., das dualistische Weltbild ist überhaupt nicht in der Lage, sich ein nicht-dualistisches Weltbild überhaupt auch nur vorzustellen. Es liegt außerhalb seiner Reichweite. Eine Grenze, die es nicht sehen kann. Die Folge sind die bekannten Probleme, logische Paradoxien, mit dem Begriff des Lebens tut man sich schwer, genauso mit dem Zeitbegriff, man weiß nicht so recht wie Neues entsteht, benötigt Begriffe wie Emergenz, diskutiert über den freien Willen, kann sich nicht so recht einigen, ob nun Materie oder Geist den Vorrang hat usw., und das seit Jahrhunderten.

                Frage wäre noch, wie der Wahrnehmungsprozess im nicht-dualistischen Weltbild aussieht. Man geht von handelnden Individuum aus (muss nicht der Mensch sein). Das Individuum agiert in der Welt. Erlernt wird der wiederholbare Zusammenhang von Aktion und Reaktion. Beim Menschen kommt noch die Sprache hinzu, die die Möglichkeiten für Handlungskoordinationen zwischen den Individuen ins nahezu Unermessliche treibt.

                1. Es gibt keinen eigentlichen „Wahrnehmungsprozess“ außerhalb des dualistischen Bewußtseins.

                  Beispiel:
                  Dualismus: da ist der Elefant (Gegenüberstellung, Trennung in Subjekt und Objekt – das Objekt wird durch die durch die Sinne angeregten Gedankenprozesse interpretiert und „ausgestattet“).

                  „Monismus“ (gemeint: Bewußtsein jenseits der dualistischen Bewußtseinsart):
                  ich bin der Elefant !!!
                  Das soll meinen: 1. es gibt keine Grenze zwischen „mir“ und dem „Elefanten“. In dem Moment in dem ich an „Elefant“ denke, bin ich der Elefant. Und zwar nicht „theoretisch oder projektiv den Elefanten „erfunden“ zu haben – sondern ich tauche in das Wesen des Elefanten ein, so daß ich es in dem Moment bin.

                  Also 2. die Wesensvereinigung: in dem ich das andere bin, erlebe ich es unmittelbar in seiner Existenz- und Sinnhaftigkeit und sogar in seinem Erleben, Fühlen und „Denken“.

                  Im Wachbewußtsein des regulären gegenwärtigen Menschen ist der Dualismus das Vorherrschende und alles wird ihm unterzogen bzw. nach seiner „Gangart“ interpretiert. So kann es gut sein, daß dieser Mensch gar kein Sensorium, keine Aufmerksamkeit mehr entwickeln kann, für das, was seine eigene dualistische Denkweise nährt: das vor dem Denken stehende Denken – nicht also der Gedanke (der reflektiert werden kann – also wieder „Vergegenständlichung“), sondern die Tätigkeit selbst (meine Wortbeispiele waren: Geistesblitz, Intuition, Einfall, Aha-Erlebnis usw.).
                  In diesem nicht zeitlich zu erfassenden „Moment“ gibt der „Dualist“ seinen Dualismus auf – bemerkt es aber gar nicht, denn sonst müßte er sein dualistischen Weltbild überprüfen und korrigieren.

                  1. In Ihrem Text gibt es so viele „Gänsefüßchen“, dass es mir wirklich schwerfällt, zu erkennen, was überhaupt gemeint sein soll. Ich habe dieses Phänomen auch schon an anderer Stelle beobachten dürfen, und es zeigt für mich die Schwierigkeiten dualistischer Erklärungsversuche. Dabei sollte doch alles logisch formal beschreibbar sein?

                    Es ist wirklich interessant (und auch ein bisschen witzig), wie immer versucht wird, Probleme die erst durch den Dualismus entstehen, auf der Grundlage genau dieses Dualismus zu lösen. Nichts für ungut.

          2. @Jürgen Elsen

            Von welcher Wirklichkeit sprechen Sie, Ihrer, meiner, oder den anderen 7 Milliarden Menschen?

            Woher wissen Sie denn, dass Ihre Wahrnehmung der Wirklichkeit entspricht? Nehmen Sie zum Beispiel verschiedene Zeugen, die ein und das selbe Ereignis beobachtet haben, aber jeder hat etwas anderes wahrgenommen.

            Die Wirklichkeit ist nur ein selbst erschaffenes Konstrukt aus lückenhaften Erinnerungen, unvollständigem Wissen, Wunschdenken und gesellschaftlichen Konditionierungen. Woher wissen Sie, dass Sie wirklich Jürgen Elsen sind? Doch nur, weil man es ihnen seit Kindertagen eingetrichtert hat, oder haben Sie sich den Namen ausgesucht und dann eine Identität drumrum kreiert? Und wie hätten Sie sich entwickelt, wenn Sie unter australischen Aborigines mit einem anderen Namen aufgewachsen wären? Wie würden Sie dann ihre Umwelt wahrnehmen und welche Wirklichkeit würde sich Ihnen offenbaren?
            So gesehen ist Realität nur eine individuelle Projektion. Wir filtern uns täglich eine Welt zurecht.

            Und diese fragile Welt untermauern wir mit religiösen, gesellschaftlichen Dogmen und Pseudowissenschaften, um eine gewisse Stabilität und Sicherheit zu suggerieren.
            Doch diese Welt, dieses Universum kann nicht auf ewig aus sich selbst heraus bestehen. Welch eine trügerische Realität, falls man überhaupt von Realität sprechen kann. Dieses Universum ist quasi aus dem Nichts aufgetaucht(BigBang?). Alles nur eine Fata Morgana. Irgendwann endet der Traum, oder

            – Ihr Traum – Denn wer weiss, ob die Welt vor Ihnen schon existierte und nach ihnen weiter bestehen wird?

            Alles was der Mensch über sich und die Welt glaubt zu wissen, weiss er nur vom Hörensagen. Nur die wenigsten stellen es in Frage und dann wird ein neues Paradigma, eine andere Realität geboren. Wissen ist nie vollständig.

            Übrigens, das was die alten Mystiker schon lange bevor die Weltreligionen sich manifestierten lehrten, wird heute durch die Quantenphysik bestätigt.

            Wenn der Beobachter und das Beobachtete eins sind, dann lösen sich beide wieder im Nichts auf. Soll heißen, wenn Sie mit dem Objekt ihrer Begierde, welches Sie selbst erschaffen haben, verschmelzen und der Verstand nicht mehr zensiert, dann erkennen Sie die Illusion der Dualität.

            Welche Rolle wollen Sie spielen, in einem gigantischen Universum, welches nur einen Wimpernschlag lang aus dem Nichts auftauchte?
            Das Nichts, aus dem auch der Beobachter sich erhob und fasziniert eine selbst projizierte Welt beobachtet, die aus dem gleichen Stoff (aus dem Träume gemacht werden) wie er gemacht ist. Maya, die Göttin der perfekten Illusionen lässt grüssen.

            1. Wenn Sie Ihre eigenen Sätze für wahr halten, bestätigen Sie damit Wahrheit – und somit auch Wirklichkeit – erfassen zu können.

              Halten Sie Ihre Sätze allerdings für beliebig, dann würde ich mir die Zeit sparen überhaupt Sätze zu formulieren – mit Ausnahme solcher, die Arbeitsanweisungen, Bedienungsanleitung oder sonstige Hilfsinformationen für ein Handeln oder Nichthandeln in den alltäglichen Verrichtungen sind.

              Was macht es für einen Sinn – wie Hume es einmal ausdrückte – „Wir können nur erkennen, daß wir nicht erkennen“ ?

              1. Ich stimme Ihnen zu. Doch dieses Paradoxon „existiert“ nur in unserer verstandesmässigen, westlichen Welt.

                Die fernöstliche Philosophie bezieht ihr Wissen aus dem, „ich weiss, dass ich nichts weiss“.
                Oder, der Mensch hat zwar die Freiheit sich selbst zu erkennen, aber letztendlich gewinnt er nur die Erkenntnis, dass es nichts zu erkennen gibt.

                Nur schwer zur vermitteln in „unserer“ Welt, da unsere Welt analytisch, logisch aufgebaut ist, die aber letztendlich keine zufriedenstellenden Antworten, oder gar Lösungen anbietet, sondern immer nur weitere Fragen generiert. Während in der östlichen Kultur sich alle Antworten und Fragen am Ende negieren(aufheben) und der Geist wieder in sich ruht.

  5. Dr. Christian Ferch 11. Oktober 2018 at 3:09

    @ Jürgen Elsen:

    Sehr geehrter Herr Elsen,

    danke für Ihren ausführlichen Kommentar. Er zeigt mir, dass meine »Botschaft« bei Ihnen Anklang gefunden hat, und Sie zu weiteren Reflexionen anregen konnte. Der Ausdruck »Botschaft« ist hierbei bewußt gewählt: Hätte ich »Worte« gesagt, ginge dies an der »Sache« vorbei, und ließe die Erkenntnis außer acht, dass zwischen einem Wort und einem Referenten (einer »Sache«) oder auch Sprache und Welt ein geistiger Begriff (Aristoteles: »seelische Widerfahrnisse«) steht. Über das daraus entstandene Konzept des »semiotischen Dreiecks« wird dann noch zu sprechen sein.

    Grüße,

    Christian Ferch

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