Yuriko Yushimata – Dr. Lara Jones & Der Seelensauger

Diese Short Story zeigt, dass sich auch eine harmlose religiöse Neurose zu einer ernsthaften Störung auswachsen kann.

  • Dr. Lara Jones, Psychotherapeutin,
    Spezialgebiet: Religiöse Störungen –

Das Schild an der Tür der Praxis ihrer Freundin Lara ließ Yukiko jedes Mal nervös werden.
Immer wieder hatte sie die Phantasie, dass ein religiöser Fundamentalist oder ein von ähnlich gefährlichen religiösen Wahnvorstellungen Befallener aus der Praxis stürmen und die Menschen niedermetzeln würde.

Vielleicht ein Evangelikaler, diesen Begriff hatte sie einmal irgendwo in einer Reportage über historische religiöse Wahnvorstellungen gehört. Aber sie wusste nicht mehr genau, was das war.
Sie erinnerte sich nur noch daran, dass die evangelikalen Zwangsvorstellungen zum Kreis der christlichen Wahnvorstellungen gehörten und dass diese Wahnsinnigen vor allem sexuell aktive Frauen gehasst hatten. In ihrer Phantasie überfiel sie hinterrücks ein lächelnder Fanatiker, um ihr mit seinem Kreuz den Hals aufzuschlitzen und sie dann zu verbrennen.

Sie sah sich nervös um.

Als sie die Praxis von Lara Jones betrat, war die Therapeutin alleine.
Lara lachte, als Yukiko ihr von ihren Ängsten erzählte. „Evangelikale haben nie Menschen mit ihrem Kreuz den Hals aufgeschlitzt.“ Sie lächelte Yukiko mit ihrem typischen allwissendem Lächeln an, das Yukiko gleichzeitig hasste und liebte. „Menschen, die sie verbrannt haben, haben sie bei lebendigen Leibe verbrannt. Und dass auch nur zu den Hochzeiten dieses Massenwahns, als dies noch ein neues Phänomen war.
Später haben sie sich damit begnügt, Ärzte zu erschießen.“
Yukiko stutzte. „Wieso Ärzte?“
Ihre Freundin sortierte einige Unterlagen auf ihrem Schreibtisch. „Ach, sie hielten Schwangerschaftsabbrüche für ein Verbrechen.“

Yukiko betrachtete kurz den alten religiösen Stich an der Wand, auf einer Waldlichtung trieben es Hexen mit dem Teufel, und wandte sich dann wieder ihrer Freundin zu. „Wieso das?“

Dr. Lara Jones zuckte mit den Schultern. „Krankhafte Fixierung, bedingt durch ein unterentwickeltes Selbstgefühl und Sexualängste.
Viele Männer hatten Angst, dass sexuell aktive Frauen sie verschlingen würden, der Mythos der Vagina dentata, vielleicht.
Ich denke, in der Gewalt gegen die Ärzte wurde der Hass auf die sexuell aktive Frau ausgelebt.“
Sie zuckte mit den Schultern. „Vielleicht hatten die psychischen Störungen auch Ursachen in der Kindheit.
Ich weiß nicht.
Heute gibt es diese Erkrankung nicht mehr.
Die meisten religiösen Störungen sind heute eher harmloser Natur, leichte Anfälle von Gottesglauben, sich verfestigende Phantasien einer Seele, und anderes in der Art.
Meist harmlose religiöse Neurosen.
An sich können Menschen mit ihnen ganz normal leben.“

Yukiko trat neugierig zu Lara an den Schreibtisch. „Wozu behandelst Du sie dann?“
„Zu mir kommen die Leute freiwillig. Ich therapiere nur die, die das wollen.
Und auch eine harmlose religiöse Neurose kann sich zu einer ernsthaften Störung auswachsen. Außerdem gibt es Kriminelle, die sich auf die betrügerische Ausnutzung religiös gestörter Kranker spezialisiert haben.
Deshalb bin ich ja auch immer wieder in Ermittlungen verwickelt.“
Yukiko strahlte, sie erinnerte sich an einen Begriff aus ihrem Schulunterricht. „Priester, die organisierten Kriminellen, die die religiös Gestörten ausgenutzt haben und früher Priester genannt wurden. Die schwarzen Kuttenträger mit eigenem Ehrenkodex, internationalen klandestinen Strukturen und patriarchal hierarchischen Führungsprinzip.
Und eingeschworen auf das Schweigen.“
Yukiko hatten damals in der Schule einen wirklich spannenden Film über diese verschworene Gemeinschaft von Verbrechern mit ihren eigenen Treuegelöbnissen und ihrer Parallelwelt in Klöstern und Katakomben gesehen.

Ihre Freundin Lara zog die Augenbrauen hoch. „Priester, Priester gibt es auch schon lange nicht mehr. Aber die Kriminellen heute nutzen ähnliche Methoden.
Aber, lassen wir das bei Seite. Du wolltest mir von Deinem Aufenthalt auf der Ozeanbasis 7 erzählen.
Sind die Sonnenaufgänge unter Wasser wirklich so phantastisch?“ Sie legte die Unterlagen, die sie gerade sortierte, beiseite. „Lass uns einen Kaffee trinken.
Frische Luft tut mir sicher gut.“
Sie gingen in ein Café zwei Straßen weiter.

In der Luft weit über ihnen lief der Gleiterverkehr fast lautlos ab.
Auf der Straße picknickten einige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus umliegenden Geschäftshäusern, einige trieben auch Sport und Kinder spielten mit einer ferngesteuerten Antigravitationsflugscheibe.
Seitdem vor fast 200 Jahren der Autoverkehr vollständig abgeschafft worden war, nutzten die Menschen den Straßenraum für die alltägliche Ruhe und Entspannung.

Es war ein friedlicher Sommertag. Yukiko spürte die Wärme auf der Haut.

Im Café erzählte sie ihrer Freundin von ihrem Urlaub. „Aus den Kuppeln der Basis, kannst Du schon Morgens beim Frühstück große Schwärme von Fischen im Korallenriff beobachten, Nachmittags bin ich häufig selbst getaucht.
Und Abends gab es Seetanggratin mit Algenpaste. Ich habe mir das Rezept geben lassen.
Ich koche es mal für uns. Ich lade Dich ein, ja?“
Lara schaute etwas skeptisch. Yukiko wusste das Lara ihren Kochkünsten etwas misstraute.

Dr. Lara Jones wirkte abgespannt. Yukiko machte sich etwas Sorgen um ihre Freundin.
Sie wusste, dass es Ereignisse in Laras Vergangenheit gab, über die sie nie sprach und die sie belasteten.
Außerdem arbeitete sie einfach zu viel, ein entspanntes Abendessen würde ihr gut tun. Yukiko sah ihre Freundin mit großen Augen an. „Bitte, ich kann auch etwas anderes kochen.“

Lara Jones trank ihren Latte macchiato mit echten Kaffeebohnen, beobachtete die Kinder und hatte wieder ihr allwissendes Lächeln aufgesetzt, um gerade etwas auf Yukikos Bitte zu erwidern, als sie den Mann sahen.

Der Mann trug einen seltsamen dicken alten Mantel aus echter Baumwolle und das an diesem Sommertag, er schien verwirrt und schaute sich immer wieder ängstlich um.
Einige Kinder beobachteten ihn erstaunt.
Plötzlich duckte er sich hinter einen Baum und rannte dann Haken schlagend über die Straße genau in Richtung des Cafés in dem sie saßen.
Immer mehr Menschen wurden aufmerksam.

Dann sah Yukiko die Nanodrohne, sie folgte dem Mann mit hoher Geschwindigkeit. Auch ihre Freundin Lara hatte die Nanodrohne bemerkt. Dr. Jones sprang auf und griff die Wasserkaraffe auf dem Tisch. Yukiko sah, dass der Wurf ihrer Freundin gut gezielt war, aber die Drohne wich der Karaffe aus.
Der Mann begriff nicht, panisch lief er in der Nähe des Tisches an dem Yukiko mit Lara saß die Roboterbedienung des Cafés um und stürzte zu Boden.
Die Drohne flog unmittelbar an ihrem Tisch vorbei, gleich würde sie den Mann erreichen. Yukiko fühlte sich elend, diese Drohnen konnten tödlich sein, ihr war auf einmal kalt.
Doch Lara blieb ganz ruhig, sie griff sich Yukikos Handtasche, stülpte sie blitzschnell über die Drohne und ließ den Verschluss zuschnappen. Dann band sie die Handtasche am Tisch fest.
Yukiko bestaunte ihre Handtasche, die wie ein Luftballon, der davonfliegen wollte, am Tisch hing. Sie sah Lara an. „Und was jetzt?“
Yukiko spürte Laras wachen Blick. „Wir müssen uns um den Mann kümmern.“

Dr. Jones drängte sich durch die Menschen, die aufgesprungen waren. „Ich bin Ärztin! Lassen Sie mich durch!“
Sie beugte sich über den zitternden Mann. Seine Augen traten aus den Höhlen, seine Stimme war ein heiseres Flüstern: „Der Seelensauger, der Seelensauger, er will … .“
Dann sackte der Mann in sich zusammen.
Yukiko sah, dass langsam auch Lara beunruhigt war. Dr. Lara Jones sah sich zu ihr um. „Wir müssen ihn hier wegbringen. Wir wissen nicht, wer noch alles in dieser Sache steckt.“

„Und was machen wir damit?“ Yukiko zeigte auf ihre wild zappelnde Handtasche. Lara sah sie an. „Kümmere Dich um den Mann.“ Dann griff sie die Tasche und verschwand kurz im Café. Sie kam ohne Tasche zurück. Yukiko sah sie fragend an. „Wo ist meine Handtasche?“
„Ich habe sie in der molekularen Müllrecyclinganlage entsorgt.“
„Die war neu.“
Lara zuckte nur mit den Achseln und lächelte wieder ihr typisches Lächeln. „Du hast doch noch fünf andere.
Hilf mir mit dem Patienten.“
Seufzend half Yukiko ihr den Mann auf einen der überall bereitstehenden Gleiter zu zerren. Die Menschen traten bereitwillig zur Seite.
Yukiko staunte immer wieder darüber, dass die Leute Anweisungen von Dr. Lara Jones einfach befolgten.

In der Ferne waren Sirenen zu hören, irgendwer hatte wohl die Sicherheitskräfte alarmiert.

Yukiko wurde von Lara auf den Gleiter gezogen, dann flog sie mit Yukiko und dem Mann im Tiefflug um die nächste Ecke und danach auch noch durch eine Unterführung.
Yukiko war sich nicht sicher, ob ihr diese Form zu fliegen eher Angst oder Spaß machte. Jedenfalls hatten sie gerade mindestens Hundert Verkehrsregeln gebrochen.
Nachdem sie noch einige Fußgänger in winkligen Gassen im Tiefflug erschreckt hatte, reihte Dr. Lara Jones den Gleiter unauffällig im normalen Verkehr ein und flog im Bogen zurück zu ihrer Praxis.

Yukiko schaute skeptisch. „Werden Sie uns nicht folgen?“
Lara schüttelte den Kopf. „Nicht sofort, dafür müssen Sie erst die Gleiterprotokolle auswerten. Und das geht nicht ohne richterliche Zustimmung.
Bis dahin haben wir genug Zeit.“
Yukiko hatte aber trotzdem den Eindruck, dass Lara über irgendetwas besorgt zu sein schien. Sie sah ihre Freundin mitfühlend an. „Aber Du bekommst Ärger?“
Lara schüttelte leicht abwesend den Kopf. „Nein, wieso? Ich bin Ärztin und ich behandle einen Notfall.“
Yukiko verstand Lara nicht. „Aber, wieso bist Du dann so angespannt?“
Yukiko sah wie Lara einen ernsten Blick auf den Mann warf. „Da stimmt etwas nicht, ganz und gar nicht. Nach dem wenigen, was der Mann gesagt hat, haben wir es mit organisierter religiöser Kriminalität zu tun.“

Danach sagte Lara Jones nichts weiter, ihr Blick war schweigend nach innen gerichtet.
Yukiko wusste, dass Lara in solchen Momenten an die weit zurückliegenden Ereignisse dachte, obwohl sie nie über diese Ereignisse sprach und Yukiko nichts darüber wusste.
Yukiko spürte, dass sie trotz der Sonne fröstelte. Der dunkle Blick ihrer Freundin machte ihr Angst.

Nachdem sie die Praxis erreicht hatten, half Yukiko Dr. Lara Jones den Mann auf die Therapiecouch zu legen. Dr. Jones spritzte ihm ein Mittel, das ihn aufwachen ließ und doch gleichzeitig beruhigend wirkte. Sie hielt ihm ein Glas Wasser hin. „Trinken Sie etwas. Ich bin Dr. Lara Jones, Spezialistin für Religiöse Störungen, ich denke, Sie brauchen meine Hilfe.“
Der Mann blickte sich im Zimmer um, sah Laras Diplome an der Wand hängen und nickte. „Ich habe von Ihnen gehört Frau Jones, ich wollte tatsächlich zu Ihnen, aber dann war da diese Drohne.“
Seine Stimme zitterte.
Dr. Lara Jones beruhigte ihn. „Ich habe die Drohne unschädlich gemacht.“
Leise murmelte Yukiko. „Und meine neue Handtasche dazu.“ Der Satz war ihr ganz automatisch entschlüpft. Yukiko hielt sich den Mund zu.
Lara bedeutete ihr mit einem Blick und dem geliebt und gehasstem Lächeln, nicht zu stören. Dann setzte sie sich in den Ledersessel neben der Therapiecouch und wandte sich wieder dem Mann zu. „Erzählen Sie.“

Der Mann sah an die Decke. „Ich leide schon länger an einer leichten religiösen Störung.
Ich war in Behandlung und weiß das daher auch alles, aber ich komme einfach nicht los von der Zwangsvorstellung, dass ich eine Seele besitzen würde.
Sehen Sie, rational habe ich das alles verstanden und weiß, dass ich keine Seele habe, aber dann bin ich in meinem Innersten doch immer wieder überzeugt, eine Seele zu besitzen.
Ich komme einfach nicht dagegen an.“
Dr. Jones notierte sich ein paar Stichworte und beruhigte ihren Patienten. „Sie müssen sich keine Vorwürfe machen, Sie sind nicht der einzige mit diesem Problem.
Erzählen Sie weiter.“

Yukiko bewunderte die Souveränität ihrer Freundin.

Der Mann trank einen Schluck Wasser. „An sich bin ich mit der Situation gut zurecht gekommen und habe meinen Alltag auch gut bewältigt, trotz dieser Zwangsvorstellungen.
Nur ab und an gab es Phasen, in denen ich davon überzeugt war, ich müsse unbedingt mehr für das Wohl meiner Seele tun.“ Er stockte einen Augenblick. „Und dann bin ich im Internet auf diese Anzeige gestoßen – Seelenmassagen, tun Sie Ihrer Seele etwas Gutes! -.
Natürlich wusste ich, dass es sich da um ein betrügerisches Angebot handelt.
Aber ich dachte, vielleicht würde es mir trotzdem helfen und teuer war es auch nicht.“ Der Mann stockte wieder eine Augenblick. „Die angegebene Adresse war sehr verdächtig, aber das ist bei solchen religiösen Angeboten immer so.
Eine alte verlassene Lagerhalle im Norden der Stadt.“

Der Mann trank noch einen Schluck Wasser.

Dann fuhr er fort. „Ich bin dann dort hingefahren. Als ich an der Tür klopfte, öffnete eine junge Frau und bat mich höflich herein.
Im Inneren war dieser Teil der Lagerhalle mit Teppich ausgelegt, die Wände waren verkleidet und weiß und es standen Grünpflanzen als Schmuck in den Ecken.
Alles wirkte sauber und vertrauenerweckend.
Die junge Frau nahm zuerst an einem Tresen meinen Namen auf, dann drückte sie auf einen Knopf und ein hagerer älterer Mann in schwarzem Gewand mit langen silbergrauen Haaren kam aus einer Seitentür und begrüßte mich. Die junge Frau bezeichnete ihn ehrfürchtig als Vater Ara.
Ich wurde dann in einen Nebenraum zu einer Liege geführt. Dort musste ich mich mit dem Bauch auf die Liege legen.“

Yukiko bemerke das der Mann auf der Couch unruhig zuckte. Doch noch war seine Stimme relativ ruhig. „Im Hintergrund lief helle Kirchenmusik, die junge Frau begann mich zu massieren.
Ich dachte schon, dass das ganze wohl nur eine ungewöhnliche Reklame für eine Massagepraxis war. Ich wurde ein wenig schläfrig.
Als plötzlich …“
Die Stimme des Mannes brach.

Yukiko sah nun Schweißperlen auf seiner Stirn und die Augen des Mannes waren geweitet.

Nur mit Mühe konnte er mit leiser Stimme fortfahren. „Plötzlich verdunkelte sich der Raum. Nur irgendwoher kam etwas Kerzenschein.
Ich spürte auf einmal, dass ich an die Liege gefesselt war.
Die junge Frau setzte sich rittlings auf mich, aber sie hatte kein Gesicht mehr. Im Spiegel sah ich, dass dort nur eine leere Fratze war.
Und dann – und dann wurde die Musik immer dunkler und lauter. Ich versuchte mich zu befreien, aber ich konnte nicht.
Die Musik verwandelte sich in bestialische Klänge. Und in einem flackernden Lichtschein erschien das Gesicht Vater Aras. Nur war auch dies kein Gesicht mehr, sondern eine Fratze. Und in der Hand trug er einen bauchigen roten Gegenstand, ein Maschinentier mit schwarzem Rüssel.
Dann zog er einen Schwanz aus diesem Maschinentier und steckte ihn in eine dieser uralten Stromleitungen. Er besprach das Maschinentier, als würde er einen Dämon beschwören, berührte es und plötzlich fing es an loszuheulen. Und …“
Der Mann schrie auf und schwieg, seine Kleidung war nun durchgeschwitzt und seine Augen waren erstarrt.

Dr. Lara Jones gab ihm noch eine Spritze. Der Mann wurde ruhiger, sie sah ihn beruhigend an. „Sie müssen weiter erzählen. Ich muss wissen, was passiert ist, um Ihnen helfen zu können.“
Yukiko spürte, dass auch bei ihr selbst sich schon beim Zuhören alles verkrampft hatte.
Sie hatte Mühe ruhig sitzen zu bleiben.

Endlich erzählte der Mann weiter. Die Stimme war jetzt tonlos. „Diese Höllenmaschine mit Rüssel und Schwanz, ganz rot und schwarz, hat gebrüllt und an mir gesaugt, bis sie meine Seele zu fassen bekommen hat!
Diese Maschine hat meine Seele eingesaugt, sie hat sie einfach eingesaugt!“ Dem Mann schrie diese letzten Worte heraus. „Und dann haben dieser Vater Ara und seine Assistentin sie in ein großes altes durchsichtiges Glas gesperrt und weggeschleppt.
Und dabei haben sie teuflisch gelacht und mir erzählt, was sie mir angetan haben.“

Der Mann wurde ruhig, aber das wirkte auf Yukiko auch nicht beruhigender, sie hatte nun eher den Eindruck einem Toten zuzuhören.

Die Stimme des Mannes klang nun völlig gleichgültig. „Danach haben sie mich vor die Tür gesetzt. Ich war völlig durcheinander.“ Der Mann wirkte vollständig erschöpft. „Bald kamen die Forderungen. Erst war es nur Geld, doch jetzt sollte ich Medikamente liefern. Da habe ich gedroht, zur Polizei zu gehen.
Sie haben gelacht und gesagt, sie würden meine Seele verdampfen. Dabei haben sie das Glas mit meiner Seele in den Händen geschüttelt.
Ich wusste nicht mehr, was ich tun sollte.“ Er sah Dr. Lara Jones an. „Ich habe von Ihnen gehört, es hieß, sie sind Spezialistin für ungewöhnliche Fälle, und ich wollte zu Ihnen und dann war da diese Drohne und ich bin weggelaufen.“

Der Mann schwieg. Yukiko schluckte.

Lara Jones bat Yukiko dem Patienten noch ein Glas Wasser zu bringen. Dr. Lara Jones sah den Mann an. „Jetzt sind Sie in Sicherheit.“
Der Mann zitterte und krallte sich an den Arm der Therapeutin. „Sie haben immer noch meine Seele. Sie werden sie verdampfen.“
Dr. Lara Jones zog eine Spritze auf. „Haben Sie die Adresse der Lagerhalle noch?“
Der Mann kramte einen zerknitterten handschriftlich beschriebenen Zettel aus seiner Tasche.
Yukiko staunte, niemand schrieb mehr mit der Hand.
Als Lara Jones ihren erstaunten Blick sah, reichte sie den Zettel an sie weiter. „Im Milieu organisierter Religionskriminalität läuft aus Sicherheitsgründen alles nur handschriftlich.“

Dann gab Dr. Jones dem Mann eine Beruhigungsspritze. Er würde bis morgen Mittag schlafen.
Danach telefonierte sie mit den Sicherheitskräften wegen des Vorfalls im Café.
Als Ärztin gelang es Ihr, die Beamtin zu beruhigen ohne das gerade Gehörte preiszugeben.

Yukiko sah Lara an. „Was jetzt?“

Lara Jones sah mit entschlossenem Blick aus dem Fenster. „Wir müssen die Seelen zurückholen. Dieser Mann ist sicher nicht das einzige Opfer.“
Wieder sah Yukiko den Blick ihrer Freundin für einen kurzen Moment abschweifen, Yukiko war sich sicher, dass Laras Gedanken wieder bei den ungesagten Ereignissen in der Vergangenheit waren.
Der Blick ihrer Freundin wurde dunkel und kalt.

Yukiko war nicht wohl bei dem Gedanken diesen Verbrechern alleine entgegen zu treten.“Wieso schalten wir nicht die Polizei ein?“
Doch Lara schüttelte den Kopf. „Wir wissen nicht, wer alles involviert ist. Dabei geht es um viel Geld und Macht.“

Es war zwei Uhr nachts als Yukiko zusammen mit Dr. Lara Jones die Lagerhalle erreichte. Hier wirkte die Nacht noch schwärzer als zuvor.
Sie näherte sich zusammen mit ihrer Freundin Dr. Lara Jones langsam der verlassen wirkenden Halle.

Auf einmal ein Bellen, metallisch, und ein metallisches Knurren, ein Roboterwachhund stürzte auf sie zu. Das Tier hat leuchtende tief rote Augen, es war auf Angriff programmiert.
Yukiko erinnerte sich an Zeitungsartikel über durch Roboterhunde zerfleischte kleine Kinder.
Lara Jones ging in die Hocke und fixierte das Tier mit ihrem Blick. „Schau mir in die Augen. Du wirst müde. Du wirst müde. Schau mir in die Augen.“
Yukiko fragte sich, was das werden sollte.
Das Tier war kurzfristig irritiert und sprang dann mit aufgerissenem Maul auf Lara Jones zu.
Darauf hatte Dr. Lara Jones nur gewartet. Der Trick mit der Hypnose klappte immer.
Sie zog mit einer fließenden schnellen Bewegung den Vorschlaghammer aus der Tragetasche und schlug das überraschte Tier auf den Kopf. Das Tier fiel um, der Kopf hing nur noch an einigen Drähten.
Yukiko sah Lara irritiert an. „Wozu dieser Zirkus mit der Hypnose?“
Und wieder einmal antwortete ihr das allwissende Lächeln ihrer besten Freundin. Lara sah zu ihr hinüber. „Wenn Du die Rechenleistung dieser Robotertiere nur ausreichend mit irgendeinem seltsamen Verhalten auslastest, sinkt ihre Reaktionsschnelligkeit rapide.“

Dr. Lara Jones packte den Vorschlaghammer wieder in ihre Tragetasche.
Dann zeigte sie auf eine Feuerleiter.

Yukiko wusste nicht Recht, ob sie es romantisch finden sollte über eine Feuerleiter und durch ein Oberlicht in eine Lagerhalle einzusteigen, oder ob sie lieber Angst haben sollte. Lara schien dies ganz alltäglich zu finden.
Als sie in der Halle standen reichte sie Yukiko eine Taschenlampe. „Wir gehen Raum für Raum vor. Irgendwo hier müssen die eingemachten Seelen lagern.“

Lara Jones wandte sich an Yukiko. „Ich nehme die linke Seite der Halle und Du untersuchst die rechte Seite.“

Yukiko wäre lieber mit Lara zusammen geblieben. Alleine fühlte sie sich unwohl im nur vom Strahl der Taschenlampe erleuchtetem Dunkel. Aber sie wollte nicht als Schisshase dastehen. Nirgends fanden sich die Gläser.
Dann hörte sie ein Klicken hinter sich. Sie drehte sich um, sicher war da nichts.
Sie sah sich um, nichts. Vielleicht gab es hier eine Katze.
Doch urplötzlich stand im Dunkeln ein grauhaariger hagerer Mann vor Ihr und bedrohte sie mit einer Maschine mit langem schwarzem Rüssel. „Bleibt stehen, oder ich sauge Dir die Seele aus dem Leib! Im Namen Satans, seist Du verflucht.“

Der Mann musste nach der Beschreibung Vater Ara sein. Doch im Schlafanzug wirkte er nur begrenzt bedrohlich.
Er hielt sie scheinbar für eins seiner Opfer.
Yukiko fing an zu lachen, ob aus Hysterie oder auf Grund der abstrusen Situation wusste sie selbst nicht. „Das ist ein Staubsauger, was soll das?“
Der Mann fuchtelte mit der Düse des Staubsaugers herum. „Das ist ein Seelensauger.“
Yukiko kicherte. „Meine Urgroßmutter hat immer noch einen besessen, als ich ein kleines Mädchen war.“
Der Mann lachte nicht mit, er zog eine wirkliche Waffe. Yukiko versuchte auszuweichen, aber der Mann versperrte ihr den Weg.
Doch auf einmal sackte der Mann zusammen.

Nun sah Yukiko hinter dem Mann ihre Freundin. Dr. Lara Jones hatte nicht lange gezögert, als sie Stimmen hörte, sie hatte sich von hinten angeschlichen und ihm eine Spritze mit einem Betäubungsmittel verabreicht. Lara stieß Yukiko leicht besorgt an. „Alles OK?“
Yukiko nickte.
Lara wies auf die letzten Räume. „Wir müssen weiter machen, bevor noch jemand kommt. Wir müssen die Gläser finden.“
Yukiko sah, dass ihre Freundin besorgt um sie war, sie spürte, dass ihre Knie noch etwas weich waren, aber es ging.

Nach kurzer weiterer Suche fanden sie die beschrifteten Gläser mit den ausgesaugten Seelen und eine Kartei mit Namen in einem Abstellraum unter einem Treppenaufstieg.
Lara deutete zurück in die Halle. Im Dunkeln sah Yukiko einen kleinen Lastgleiter.
Lara Jones schloss ihn kurz. Yukiko sah ihre Freundin mit offenem Mund an. „Wo hast Du denn das gelernt?“
Lara antworte nur kurz und ihr Blick wurde wieder dunkel. „Früher.“
Yukiko sah sie an. „Was war früher?“
Lara antwortete ihr mit ihrem typischen Lächeln. „Du weißt doch, jede Heldin hat ihre tragisches Geheimnis.
Aber das wird frühestens in Band 10 gelüftet.
Außerdem haben wir keine Zeit. Wir müssen uns beeilen.“

Eilig luden sie alles auf.

Als sie das große Hallentor öffneten, begriff Yukiko, wieso Lara es so eilig gehabt hatte. Sie waren nicht mehr allein.

Zwei schnelle Gleiter mit schwarz gefärbten Kuppeln, die aussahen, wie Fahrzeuge aus einer alten 3D-TV-Serie, versperrten ihnen den Weg.
Da kamen sie unmöglich durch. Doch Lara zog einfach den Beschleunigungs- und Steuerungshebel ganz durch.
Es krachte, Yukiko wurde in den Sitz gepresst.
Hinter sich hörte sie ein Klirren. „Die Gläser“, schrie sie, „die Gläser!“
Aber Lara kümmerte sich nicht darum.

Zwar war der Lastgleiter zwischen den dunklen Gleitern hindurch gekommen, doch nun zog er immer leicht nach links, eine der Steuerdüsen war beschädigt. Und die schnellen schwarzen Gleiter folgten ihnen.
Lara machte ein Vollbremsung.
Wieder klirrte Glas. Yukiko schüttelte nur resigniert den Kopf. Wozu hatten sie die Gläser hier heraus geholt, wenn sie nur noch mit Glasbruch nach Hause kommen würden. Doch sie sah im Dunkel des Fahrzeugs, dass Lara nicht ansprechbar war.

Dr. Lara Jones war ganz auf das Fliegen und ihre Verfolger konzentriert. Durch die Vollbremsung waren ihre Verfolger an ihnen vorbei geflogen.
Lara nutzte die Gelegenheit, um in einem alten Abwasserschacht zu verschwinden. Sie flog mit hoher Geschwindigkeit in das dunkle Loch.
Yukiko hoffte, dass der Schacht auch weiter im Inneren breit genug bleiben würde und überlegte sich, ob nicht etwas religiöser Wahnsinn angebracht wäre. Ein bisschen Beten wäre jetzt nicht schlecht, dachte sie. Sie hörte den Gleiter an der linken Schachtwand entlang scharren.
Dann tauchte auch noch ein Gitter vor ihnen auf.
Yukiko schloss die Augen.
Doch der Lastgleiter riss es mit einem Ruck einfach aus der Verankerung.
Wieder klirrten Gläser oder vielleicht auch nur noch Scherben.

Irgendwann nutzt Lara einen nach oben führenden Schacht um wieder aufzutauchen.

Sie waren jetzt am Fluss.

Die schwarzen Gleiter waren nirgends zu sehen. Lara Jones flog den Gleiter zur Praxis.
Sie sah Yukiko mit zufriedenem Grinsen an. „Na, wie war das?“
Yukiko befühlte ihre Knochen, dann wies sie mit dem Kopf nach hinten.
Erst jetzt sah Lara Jones die Scherben und fluchte den Rest des Fluges laut vor sich hin.

Dr. Lara Jones versteckte den Lastgleiter in der zur Praxis gehörenden Tieffluggarage. Dann besah sie sich zusammen mit Yukiko den Schaden.
Yukiko seufzte. „Da ist nicht viel übrig geblieben.“
Lara sah angestrengt auf die Scherben. „Die Betroffenen bekommen einen psychotischen Schub, wenn sie das sehen.
Die nächsten Jahre werde ich ausschließlich mit der Behandlung dieser Leute beschäftigt sein.“
Aber da erinnerte sich Yukiko an etwas und lächelte. „Sie müssen es ja nicht sehen. Ich mach das schon.
Ich weiß schon, was ich tue.
Ruf Du die Opfer aus der Kartei an und mach die Termine klar. Ich kümmere mich darum, dass für alle ein Glas mit Seele vorhanden ist.“

Lara und Yukiko schliefen beide in der Praxis. Einmal um die Praxis zu bewachen und außerdem wollten sie so schnell wie möglich die Seelen an ihre Besitzer zurück überführen.
Nach wenigen Stunden Schlaf standen sie wieder auf und machten sich frisch.
Lara war wenig begeistert, als sie in den Abstellraum sah, in dem sie die Gläser abgestellt hatten. „Zwei Drittel der Gläser sind zerstört.“
Sie sah Yukiko fragend an. Doch Yukiko lachte nur. „Ich mach das schon.“
Dann verließ sie die Praxis.

Dr. Jones telefonierte die Kartei durch. Zuerst hatte sie Schwierigkeiten, alle zu erreichen. Doch sobald sie die gestohlenen Seelen mit dunkler Stimmer erwähnte, konnte sie die Leute nur mit Mühe abhalten, sofort vorbei zu kommen. Sie bestellte die Opfer ab Mittag, im Viertelstundentakt.
Und Yukiko hatte tatsächlich für jede und jeden ein mit Namensschild gekennzeichnetes Glas.
Nur, dass ein Teil der Gläser verdächtig anders aussah als der Rest.

Lara Jones untersuchte das lieber nicht genauer, ihre Glaubwürdigkeit hätte sonst gelitten.

Ab 12.30 Uhr kamen die Opfer pünktlich im Viertelstundentakt, auffällig unauffällig versuchten sie in die Praxis hinein und hinaus zu gelangen. Dr. Lara Jones begrüßte die Opfer kurz, erklärte sehr kurz die Situation und gab ihnen dann das jeweilige Einmachglas plus einem Inhalationsgerät, dass sich auf dem Glas befestigen ließ. Auf diese Weise konnten die Opfer ihre Seele wieder einsaugen. Sie versicherte Allen gegenüber ihre ärztliche Schweigepflicht.
Yukiko beobachtete im Vorzimmer grinsend die Opfer, die überglücklich aus der Praxis herauskamen.
Einige hüpften regelrecht vor Glück.
Am Abend waren alle Seelen an ihre Besitzerinnen und Besitzer zurück überführt worden.

Am nächsten Mittag traf sich Yukiko mit ihrer Freundin Dr. Lara Jones im Café. Yukiko lachte. „Weißt Du, dass alle Namensschilder auf den Gläsern durcheinander geraten sind. Außerdem musste ich Rund zwei Drittel der Gläser durch alte Gläser aus dem Keller meiner Großmutter ersetzen.“
Lara seufzte. „Das will ich gar nicht wissen. Erzähl es niemanden, sonst bekomme ich viel zu tun.“

Yukiko sah Lara an. „Ist so etwas ein normaler Arbeitstag bei Dir?“
Lara Jones trank ihren Latte macchiato und entspannte sich. „Nein, zum Glück nicht. Aber ab und an ist es notwendig pragmatisch zu agieren. Und einige solcher Fälle gab es schon früher.“ Sie dachte zurück. „Da gab es zum Beispiel diesen Fall mit der Karmawaschmaschine, … .“

FIN


Yuriko Yushimata wurde als Distanzsetzung zur Realität entworfen. Es handelt sich um eine fiktionale und bewusst entfremdete Autorinnenposition, die über die Realität schreibt. Die SoFies (Social Fiction) dieses Bandes zeigen in der Zuspitzung zukünftiger fiktiver sozialer Welten die Fragwürdigkeiten der Religionen und Ersatzreligionen unserer Zeit. Teilweise sind die Texte aber auch einfach NUR witzig. Sie erschien im Oktober 2014 unter dem Titel „Religion Version 2.100“ und befindet sich im Archiv der HerausgeberInnengemeinschaft Paula & Karla Irrliche. Spiegelung & Verbreitung der Texte sind ausdrücklich gewünscht!


Foto: Tommy (Unsplash.com)


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