Politische Relativitätstheorie

Wir sind die Guten! Das ist der Slogan einer Elite, die sich komplett vom Rest der Bevölkerung abgeschottet hat. Entfremdung nennt man so etwas. Es bleibt nur eine Folgerung: Game over!

Über den Jemen wissen wir nahezu nichts aus den hiesig dominanten Medien. Da wurde eher von der drohenden, größten menschlichen Katastrophe aller Zeiten im syrischen Idlib schwadroniert, die dann allerdings doch nicht eintrat, weil es auch Einigungsprozesse gibt, bei denen „der Westen“ nicht beteiligt ist.

Als Zyniker könnte man fragen, ob das positive Ergebnis nicht deshalb zustande kam. Einmal abgesehen von der Tatsache, dass es den Lamenteuren hierzulande um das Schicksal von IS-Kämpfern ging. Aber im Jemen, da lassen Tausende ihr Leben und die Nachrichtenticker bleiben im Cool-Modus.

Und nun der Fall Khashoggi! [1] Das Schicksal des dem saudischen Regime gegenüber kritischen Journalisten ist bedauernswert. Einen Menschen wegen seiner Meinung zu ermorden, das geht nicht, und doch wurde uns gezeigt, wie leicht es ist. Dass andere, auch westliche Geheimdienste ähnlich wie der saudische unterwegs sind, lässt sich nur vermuten. Meistens bekommen wir Nachrichten darüber, wie derb und brutal die Russen zulangen – und die Spekulation über CIA und MI5 leitet sich aus Hollywood-Produktionen ab, die, fragte man die Agenten, allesamt ihre Storys aus der Luft greifen.

Politik ist auch die Art und Weise wie etwas kommuniziert wird. Der Kommunikationsmodus verrät vieles über die tatsächlichen Motive, die Werte und die Interessen. Und der Fall Khashoggi zeigt, wie tief der nahezu komplette Überbau dieser Gesellschaft gefallen ist.

Während der massenhafte, von saudischer Seite und mit deutschen Waffen mitbetriebene Völkermord im Jemen nahezu keine Erwähnung findet, während die ehedem bekannte Unterstützung von al-Qaida und dem IS aus Saudi Arabien tabuisiert wird, muss nun ein einziger Leichnam herhalten, um eine Welle der Empörung auszulösen, die in heißen Telefonaten der Weltprotagonisten ausartet und den saudischen Prinzen Salman [2], den größten Kriegstreiber im Nahen Osten, dazu veranlasst, die von ihm selbst gedungenen Mörder ganz empört vor ein Gericht zu stellen.

Da beweist sich, wie hoch die Werte, auf die sich die Unterhändler der Waffenlieferungen an alle möglichen Dunkelmänner berufen, tatsächlich auf der Börsenwand firmieren.

Der Fall Khashoggi illustriert die im politischen Lager des Westens grassierende Verwahrlosung, und sie hat auch ein System. Es besteht aus einer komplett falsch verstandenen Relativitätstheorie.

Aber in Zeiten des Glaubwürdigkeitsverfalles ist auch dieses sekundär. Während ein Einzelschicksal zum Kulminationspunkt einer bedeutungslosen Symbolpolitik hochstilisiert wird, werden quantitativ wie qualitativ bedeutende Ereignisse aus dem Blickfeld genommen.

Das ist von den Relationen unangemessen und grenzte an eine pathologisch zu kategorisierende Wahrnehmungsstörung, verberge sich nicht dahinter das bewusste System einer gezielten Verschleierung.

Das ist es, was uns der Fall Khashoggi lehrt. Es geht nicht um die Empörung über einen abscheulichen Mord. Es geht um die Ablenkung von Kriegen und Kriegsvorbereitungen und um die Verschleierung eigener Mitschuld im Sinne sehr materieller Unterstützung eines Mörderregimes.

„Wir sind die Guten“, das ist der Slogan einer Elite, die sich komplett vom Rest der Bevölkerung abgeschottet hat und nicht einmal mehr ahnt, was in den Köpfen derer, die derartig unwürdige Schauspiele beobachten, vor sich geht.

Entfremdung nennt man so etwas, und das, was überall in unseren Wertezonen an Erosion zu beobachten ist, ist auf dieses Phänomen zurückzuführen. Bleibt nur eine Folgerung: Game over!


Gerhard Mersmann bloggt auf Form7Über den Autor: Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure. Sein Beitrag erschien erstmals auf seinem Blog.


Quellen und Anmerkungen

[1] Jamal Ahmad Khashoggi ist ein saudi-arabischer Journalist. Er soll am 2. Oktober 2018 in dem saudi-arabischen Konsulat in Istanbul ermordet worden sein. Khashoggi war Direktor der saudi-arabischen Tageszeitung Al-Watan und Medienberater des saudi-arabischen Prinzen Turki ibn Faisal. Seit Sommer 2017 lebte er in den USA und war unter anderem Kolumnist der The Washington Post. Khashoggi gilt seit dem 2. Oktober 2018 als vermisst, nachdem er das saudi-arabische Konsulat in Istanbul betreten und nicht wieder verlassen hatte. Rund zwei Wochen später wurde von der Regierung Saudi-Arabiens die Tötung Khashoggis eingeräumt. Die Leiche, die zerstückelt worden sein soll, wurde bisher nicht gefunden.

[2] Salman ibn Abd al-Aziz Al Saud (Jahrgang 1935) ist seit dem 23. Januar 2015 absolutistischer König und Premierminister Saudi-Arabiens und Oberbefehlshaber des saudischen Militärs.


Illustration: ElisaRiva (Pixabay.com, Creative Commons CC0)


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  1. An die Nachdenkseiten weitergegeben.
    Heute erschienen: https://www.nachdenkseiten.de/?p=46772#h11 :-)

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    1. Vielen Dank für die Verbreitung des Beitrags und den Hinweis.

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  2. Diese Scheinheiligkeit ist weit verbreitet. Da verhungern in Afrika Kinder, ohne dass eine Reaktion der westlichen Länder stattfindet. Hier wird Gutmenschentum gezeigt, wenn alle Flüchtlinge aufgenommen werden sollen. Dass aber solche Länder zunächst mit Zustimmung der BRD zerbombt wurden, findet keine Erwähnung.

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