„Dann wird die ganze Republik verhökert!“

Der Rücktritt der Kanzlerin ist kalkuliert. Kommt nun der Vollstrecker von der Wall Street?

Die Geschichte, als Regisseurin des Weltgeschehens, ist nicht nur geübt in der Inszenierung großer Tragödien. Sie spielt auf verschiedenen dramaturgischen Klaviaturen, und das zuweilen so brillant, dass die betroffenen Zeitgenossen vor Faszination die Sprache verlieren.

Staunend stehen sie da, die Menschen, sie bilden das Publikum, dem es erlaubt ist, sich selbst in dem Stück zu sehen, das dort aufgeführt wird. Und in dem Moment, in dem die Akteure die Bühne betreten, ist es so gebannt, dass es keinen Einfluss auf das Geschehen hat, obwohl es sich selbst agieren sieht.

Mit dieser Absurdität spielt die Regisseurin namens Geschichte ihr zuweilen frivoles Spiel. Gestern war so ein Tag. Er wäre geeignet gewesen für das große Drama, aber es wurde eine Groteske.

Gemeint ist der noch kalkulierte Rücktritt der Kanzlerin, die als geschickte Brettspielerin der Macht doch noch in der Lage war, das Heft des Handelns selbst in der Hand zu halten. Sehr spät, aber noch früh genug, um nicht erlegt zu werden von dem Heer der Epigonen [1], die sich das Wolfspelzchen bereits übergestülpt hatten und anfingen, das Rudel zu mobilisieren. Merkel war schneller.

Was sie hinterlässt, ist eine einigermaßen realistisch als Wüste zu beschreibende Personalsituation innerhalb der Partei. Oder eben auch nicht. Auch sie war nicht das geborene Charisma. Der Michel hat sich auf das glanzlose Geschäft verständigt, zumindest im Augenblick. Vielleicht schillert schon bald wieder der Hunger nach dem eloquenten Despoten durch. Wer weiß?

Aber eine Figur, um zu dem zurückzukommen, was aus dem großen Drama eine Groteske machte, eine Figur löste unter denen, die schon andere Zeiten erlebt hatten, ein doch erstauntes Raunen aus.

Da wurde der Name eines Mannes genannt, der es aus dem sauerländischen Brilon, wo er vom fahrenden Moped aus schon mal Steine in das Geschäft des Apothekers geworfen hatte, weil der für die Aussöhnung mit dem Osten war. Und dann hatte er es mit der Aura des jungen Kalten Kriegers bis in die Führungsspitze seiner Partei gebracht. Bis eine Angela Merkel aus dem deutschen Osten daherkam, um ihn zu entmachten.

Dann ging er nach New York, genauer gesagt an die Wall Street, um dort als Jurist für ein Konsortium mit dem mystischen Namen Schwarzer Stein alles zu verhökern, was sich verhökern ließ.

Die einstige Rotznase aus dem Sauerland verdiente Unsummen, und das schien ihn zu versöhnen mit seinem politischen Aus.

Ganz lassen konnte er es jedoch nie. Er wurde Chef der Atlantikbrücke, jener Organisation, die seit Jahren zu einer heißen Konfrontation mit Russland bläst und die so viel Neoliberalismus in sich trägt, dass es selbst Wirtschaftsliberale schüttelt, wenn sie davon hören.

Es kann natürlich sein, wie bei jedem guten Pokerspiel, dass eine Karte gezeigt wird, um die Mitspieler zu irritieren. Es kann aber auch sein, dass die gezogene Karte ernst gemeint ist. Sie ins Spiel zu bringen ist die offene Kriegserklärung gegen diese Republik, wie sie sich in den letzten vierzig Jahren entwickelt hat. Dann käme ein Vollstrecker, wie wir ihn noch nicht erlebt haben.

Wie sehr schätze ich doch meinen Zeitungshändler hier im Viertel, der mich angesichts der möglichen Kandidatur der genannten Figur regelrecht an seiner Tür überfiel und in dem ihm eigenen Alltagsscharfsinn tönte:

„Wenn der kommt, dann wird die ganze Republik hier an der Wall Street verhökert!“


Gerhard Mersmann bloggt auf Form7Über den Autor: Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure. Sein Beitrag erschien erstmals auf seinem Blog.


Quellen und Anmerkungen

[1] Der Ausdruck Epigonen bedeutet Nachgeborene. Der Begriff beschreibt in der griechischen Mythologie die siegreichen Nachkommen der Sieben gegen Theben. Durchschnittliche Nachfolger großer Vorbilder werden im modernen Sprachgebrauch hin und wieder ebenfalls als Epigonen bezeichnet.


Foto: Chris Li (Unsplash.com)


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  1. Vielleicht ist sein Kommen auch die Frage nach der Daseinsberechtigung dieses unterwürfigen Staates. Ernst Thälmann war seinerzeit in den Wirren der Weimarer Republik tatsächlich stolz ein Deutscher zu sein. Heute bin ich eher dazu geneigt, mich für Deutschland mit seinen Auswüchsen zu schämen. Brauchen wir einen harten Aufschlag, um die eingefleischte Lethargi der Schlachtbanken abzuschütteln? Brauchen wir ein Ende mit Schrecken, dass eine kritische Masse in eine ernstzunehmende Bewegung verwandeln kann? Heute hörte ich, dass die Regionalen Sender endlich ihrer Pflicht zur Bildung statts zur blödsinnigen Unterhaltung gerecht werden wollen. Oh was für ein Wunder… . Vielleicht braucht alles doch für uns Ungeduldige viel zu lang. Ist Geduld der Schlüssel zur Freude? Nun, egal wer hier die Rolle des Parteivorsitzes spielen wird – Parteien sind kaum noch zeitgemäße Gestalter zum Gemeinwohl. Der träge ferngesteuerte Lobbyistenkahn ist überladen mit Dekadenz der besonderen Art. Ist der Drops nun gelutscht oder geht da noch was?

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  2. Die ganze Republik ist doch schon längst verhökert. Nach Einführung des Euro dauerte es nicht lange und schon waren einige Länder völlig abhängig von den Entscheidungen des Großkapitals. So darf man wahrscheinlich nicht einmal Frau Merkel einen Vorwurf machen. Auch sie ist eine Getriebene. Einzig und allein bestimmt heute das Großkapital, wohin die Reise zu gehen hat. Wenn nicht bald eine Entscheidung beim Geldsystem gefällt wird, so überlassen wir das auch noch unseren Nachkommen, dann wird sich das Alles nur noch schlimmer auswirken. Wir alle tragen dafür die Verantwortung, hoffentlich wird das Vielen bewußt.

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