Ein Wort zum Eisberg: Kino, Popcorn und Tittytainment

Damit der Raubzug des Kapitals ungestört fortgesetzt werden kann, wird die Bevölkerung mit Belanglosigkeiten und trivialer Unterhaltung berieselt, um sie gedanklich ruhigzustellen und vom politischen Widerstand abzuhalten. Das Konzept des Tittytainment funktioniert.

Gehen Sie ins Kino? Ich schon. Mögen Sie Popcorn? Ich nicht. In den meisten Kinos gibt es die Maiskörner, die sich durch Erhitzten gigantisch aufblähen, in riesigen Tüten und noch riesigeren Mengen. Offenbar gehört das Zeug zwingend dazu, wenn der Kinogänger auf die Leinwand glotzt.

Dem Popcorn ist es einerlei. Ob Agententhriller, Science-Fiction-Movie oder Gruselschocker: Die eine Hälfte des leicht klebrigen Snacks, von Zweckoptimisten Nahrungsmittel genannt, landet zwischen den Zähnen der Konsumenten, die andere Hälfte auf dem Fußboden. Irgendeine Putzfrau, die sich von ihrem Lohn kaum die Kinokarte leisten kann, wird den Dreck schon wegmachen.

Links, rechts und in der Mitte wird gekaut. Dazu genießt der gesundheitsbewusste Kinogänger für wenige Sekunden einen überteuerten Smoothie, diesen frisch gepressten und unheimlich gesunden Schluck Vitalität und Natürlichkeit, während sich die Generation Ü50, sozialisiert mit Currywurst, paniertem Schweinekotelett und in Fett ertränkten Pommes, wie zu wildesten Teenagerzeiten in zwei, drei schnellen Zügen eine viel zu kalte Coke in den Organismus schüttet und die zermahlenen Reste des Popcorns, die sich in den Zahnlücken festsetzen, runterspült.

Tittytainment

Am Ende sind viele glückliche Gesichter zu sehen, selbst wenn der Streifen grottenschlecht war. Das könnte am Kauen liegen. Kauen lockert die Kaumuskulatur, baut Stress ab und beruhigt die Seele. Und wer beruhigt ist, der regt sich eben nicht auf.

Was im Kino funktioniert, funktioniert überall: Etwas leichtes zu knabbern, ein Getränk mit oder ohne Biosiegel und dazu reichlich triviale Unterhaltung – fertig ist das Tittytainment. Das bekommt man im eigenen Wohnzimmer hin, sofern die Glotze noch nicht aus dem Fenster geflogen und das Internet nicht abgedreht ist.

Tittytainment ist eine Zusammensetzung der englischen Wörter titty (weibliche Brust oder Busen) und entertainment (Unterhaltung). Die Wortschöpfung soll aus den 1990er Jahren sein und zurückgehen auf Zbigniew Brzeziński, den früheren nationalen Sicherheitsberater des US-Präsidenten Jimmy Carter. Und wie so oft, so verbirgt sich auch hinter diesem harmlos anmutenden Begriff mit seiner sexistischen Note eine konkrete Idee.

Es geht um die Kontrolle menschlichen Verhaltens durch die Berieselung mit Belanglosigkeiten, also der Ablenkung der Menschen vom Wesentlichen: ihrer Überflüssigkeit.

Die Erwerbsarbeit

In der Gesellschaft der Zukunft, das kann sich jeder vorstellen und auch Brzeziński wird es gewusst haben, steigt die Produktivität an. Automatisierung, Robotik und künstliche Intelligenz tragen ihren Teil dazu bei, dass der Bedarf an menschlicher Arbeitskraft sinkt.

Durch Rationalisierung werden immer weniger Menschen eingesetzt, um Güter, Produkte und Dienstleistungen bereitzustellen. Die Folgen sind Unterbeschäftigung, Langzeit- und letztlich Massenarbeitslosigkeit, die in Deutschland, wo die Wirtschaft boomt, durch statistische Tricksereien verschleiert wird.

Das ist alles bekannt und bedarf keiner großen Ausführungen. Selbst die frisierten Zahlen der Bundesagentur für Arbeit [1] sprechen eine deutliche Sprache: Fast 2,6 Millionen Menschen gelten im weiteren Sinne als arbeitslos, über 3,1 Millionen sind nach offizieller Lesart unterbeschäftigt.

Was wäre zu tun? Eine Verkürzung der Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich zum Beispiel. Das ist ein Vorschlag von Prof. Dr. Heinz-Josef Bontrup, den er 2014 in einer lesenswerten Replik [2] gegenüber Heiner Flassbeck und Friederike Spiecker verteidigte:

„(…) Meine Forderung nach einer Einführung einer 30-Stunden-Woche bei vollen Lohn- und Personalausgleich ist verteilungsneutral, gewinnsteigernd, inflationsneutral und senkt vor allen Dingen die Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung. (…) Und deshalb brauchen wir zum Abbau der Massenarbeitslosigkeit und Unterbeschäftigten eine Umverteilung von oben nach unten, von den Besitz- zu den Arbeitseinkommen. Denn ohne diese Umverteilung können wir das Elend an den Arbeitsmärkten nicht mehr beheben.“

Durchgedrungen ist Bontrup nicht. Politik und Mainstream-Medien verbreiten konsequent das Märchen von der Vollbeschäftigung, was bereits an der Logik von Angebot und Nachfrage scheitert. Gebe es Vollbeschäftigung, müssten Löhne und Gehälter durch die Decke marschieren. Sie tun es aber nicht.

Die Veränderung

Kapital, Produktion und „die Arbeit“ haben sich der Zwangsjacke des Nationalstaats lange entledigt. Jeder steht mit jedem im weltweiten Wettbewerb um Arbeit.

Menschliche Arbeitskraft verkommt zur Billigware. Der Preis menschlicher Arbeit fällt, während die Produktivität steigt. Arbeitskräfte aus der ganzen Welt sind verfügbar und Roboter betreten als unschlagbare Konkurrenten das Schlachtfeld.

Dagegen helfen auch keine geschlossenen Grenzen oder Zölle, sondern die erzwungene Konkurrenz zwischen Unternehmen, Staaten und den Arbeitern wird dazu führen, dass in der Zunft ein überragender Teil der Bevölkerung ihr Leben lang staatliche Unterstützung erhalten wird, aber niemals oder nur kurzfristig oder im geringen Umfang Lohn oder Gehalt aus Arbeit im Sinne der Erwerbsarbeit.

Da die bestehende wirtschaftliche und gesellschaftliche Ordnung und die mit ihr verbundenen Systeme wie zum Beispiel die Verwaltung, die Gewerkschaften, aber auch Vereine, Verbände und sonstige Organisationen, die den Laden zusammenhalten, auf Erwerbsarbeit beruht, wird die technische Revolution nicht nur die Erwerbsarbeit beseitigen, sondern früher oder später die bekannte Ordnung selbst.

Der Übergang

Was kommt nach der Epoche der Erwerbsarbeit? Auf jeden Fall etwas anderes und darauf wird sich vorbereitet. Das Kapital sucht nach Möglichkeiten der Verwertung.  Politik und Recht leisten Hilfestellung. Alles wird zur Ware: Häuser, Straßen, Brücken, Schienen, Universitäten, Schulen, Krankenhäuser, Arztpraxen, Wälder, Wiesen, Wasser, Luft und sogar das Universum.

Dieser Prozess beschleunigt sich und führt in einen neuen Feudalismus, der die Gesellschaft in zwei Lager sprengen wird: Eine kleine Gruppe, der alles gehört, inklusive des Rechts und der Gewalt, und eine gigantische Masse, die keinerlei Besitz hat.

Was werden die Menschen tun, denen klar wird, dass das Kapital nicht nur das Gemeineigentum stiehlt, sondern es für sie in Zukunft keine Verwendung mehr gibt? Sie werden, das wäre logisch, politischen Widerstand aufbauen, was für das Kapital unangenehm wäre.

Deshalb ist es nachvollziehbar, dass die Bewusstwerdung der in der Produktion überflüssigen Menschen verhindert wird durch Ablenkung in Form seichtester Unterhaltung, Internet, Fernsehen, sinnfreier Beschäftigung und absurden Bedeutungszuschreibungen.

Anders ist es nicht erklärbar, wie der Trash-Klassiker „Big Brother“ Gazetten stürmen konnte, die als seriös verortet werden, oder dem Privatleben eines Politikers von der Journaille mehr Aufmerksamkeit zuteil wird, als seinem Wirken. Kurz gesagt: Ein Bombardement aus Unwichtigkeiten prasselt auf die kommende Klasse der Besitzlosen nieder und lähmt ihr Denken. Die schon besitzlosen Menschen sind bereits betäubt, wer dennoch nicht pariert, dessen Existenz wird mittels Hartz-IV-Sanktionen bedroht.

Die letzte Phase

Da sich die ökonomisch bereits benachteiligte arbeitende und erwerbslose Bevölkerung trotz der katastrophalen Entwicklung vorzugsweise an der bürgerlichen Mitte orientiert oder sich hinter dessen rechten Flügelstürmern versammelt – dies auch mangels Option auf der antikapitalistischen Klaviatur –, wird der gesellschaftliche Eisberg nicht mehr genau beobachtet. Er schmilzt und er wird brechen.

Es genügt ein Blick auf die Personalie Friedrich Merz [3] und auf die jüngsten Entscheidungen zum Mindestlohn, um zu erkennen, dass kein Kurswechsel stattfindet, sondern die Plünderung des Gemeineigentums im Sinne des Marktradikalismus und die totale Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft eine neue Dimension erreichen wird – der Mittelstand, die Facharbeiter und selbst die im öffentlichen Sektor Beschäftigten werden auch noch abgegrast.

Dennoch können sich offenbar nur wenige Menschen vorstellen, ein völlig neues System der sozialen und ökologischen Verantwortung zu realisieren. Es verstärkt sich der Drang in die vergiftete Mitte, inklusive der dort lauernden Wahrnehmungsstörungen.

Wenn der Flaschensammler mit Minirente „Seite an Seite“ mit dem gestopften Bonzen aus dem Lager der „Eliten“ bei einer Demo mit dem Namen „Unteilbar“ aufläuft, und damit die soziale Ungleichheit und die neue Plutokratie legitimiert, ist die Saat der Manipulation aufgegangen.

Die Konsequenz

Es ist unausweichlich, dass sich jene Menschen und Gruppierungen zusammentun müssen, die ein soziales und ökologisch verantwortbares System wollen, um sich gemeinsam auf die postkapitalistische Epoche vorzubereiten, egal, ob diese nun politisch, durch Banken-Crash oder Ökokollaps eingeläutet wird.

Die Masse, gewöhnt an Tittytainment und mediale Beruhigungspillen, wird einen Knall brauchen, um zu erkennen, wohin die Reise geht, nur gibt es dann nichts mehr zu erklären, sondern der Ball rollt dahin, wo er eben hinrollt – und wenn es den Abhang runter ist.


Quellen und Anmerkungen

[1] Bundesagentur für Arbeit: Engpassanalyse: Fach­kräf­te­si­tua­ti­on in Deutsch­land (verfügbar als PDF) auf https://statistik.arbeitsagentur.de/Statischer-Content/Arbeitsmarktberichte/Fachkraeftebedarf-Stellen/Fachkraefte/BA-FK-Engpassanalyse-2018-06.pdf (abgerufen am 02.11.2018).

[2] Prof. Dr. Heinz-Josef Bontrup: Replik zur Kritik von Professor Heiner Flassbeck und Friederike Spiecker. Auf http://feynsinn.org/bontrup.pdf (abgerufen am 02.11.2018).

[3] Phoenix YouTube Channel: Pressekonferenz mit Friedrich Merz vom 31.10.2018 zu seiner Kandidatur für den Vorsitz der CDU.


Foto: Christian Wiediger (Unsplash.com)


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  1. the real SystemErrOr - We Love To Tittytain You! 3. November 2018 um 12:13

    Eine kleine und kurze Persiflage auf den Slogan „We Love To Entertain You“ vom TV-Sender Pro7, angelehnt an den Track mit Rita Ora (Original ‚Girls‘). Nicht dass ich andere TV-Sender mehr schätze als Pro7, aber es passt halt „wie die Faust aufs Auge“ und das Programm dieses Senders mit US-Amerikanischer Prägung ist schon ein besonders tückisches Tittytainment[1], ein Begriff den Zbigniew Brzezinski in den 90ern für die, aus damaliger Sicht zukünftige Gesellschaft prägte. Auch Aldous Huxley[2] beschrieb schon früher, auch mit seinem Roman „Brave New World (Schöne neue Welt)“ ähnliches.

    Lyrics:
    My name ist faka, I learnd to fool ya
    How to fool ya, like I do it like I wanna
    I just know, I just know
    I ain’t open minded, let you sleep blinded
    your legal guardian and never gonna tell it
    You should know, uh, you schould know, ay

    We love to tittytain you, you, you, ah yeah
    We love to tittytain you, you, you, ay
    We love to Tittytain you, you, you, ah yeah
    We love to tittytain you, you, you, ay
    You you you you you

    […]

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    1. the real SystemErrOr 3. November 2018 um 12:44

      Hallo und ein Dankeschön, für die Veröffentlichung des Kommentars, aber entschuldigen Sie bitte, warum wurde der Link / die URL zum Track beim Titel des Kommentars entfernt?
      Ich habe ja auch einen Trackback bei mir, zu dem Artikel hier gesetzt – oder sollte ich den auch wieder entfernen?

      Hier also noch mal den Link zum Track, ohne macht der Kommentar ja kaum einen Sinn:
      the real SystemErrOr – We Love To Tittytain You!

      Grübelnde Grüße.

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  2. Es gibt einen Weg, dies zu ändern. Bei der Europawhal Mai 2019 die großen Parteien abwählen und nur kleine Parteien wählen. Dies dürfte bei vielen Politikern zu Ratlosigkeit führen. Dann schlägt die Stunde für die Vorschläge ie von Mehr Demokratie für einen fäderativenund echt demokratischen Bundesstaat Europa

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    1. Ich möchte Ihnen widersprechen. Keine Wahl der letzte Jahrzehnte hat den Kurs geändert, der nun stramm auf Marktfundamentalismus ausgerichtet ist. Die Entstehung der Europäischen Union, angefangen bei der Montan-Union, hatte niemals den Anspruch einer kulturellen Verbindung der Völker. Das war lediglich Beifang und eine willkommene Beruhigungspille für die Öffentlichkeit – also der Charme von einer Art Wir-Gefühl.

      Abgesehen davon, dass genau dieses „Wir“ zwingende Grundlage jeder sozialen Gruppe ist, wenn sie überdauern will, und dies nur durch gemeinsame übergeordnete Ziele erreicht werden kann oder im Sinne einer Zweckgemeinschaft durch gemeinsame „Leichen im Keller“, wie es kriminelle Banden vormachen, ging und geht es bei der EU um den freien Fluss von Waren, Gütern, Dienstleistungen, Arbeitskräften und des Kapitals natürlich, das sich nun in einer massiven Verwertungskrise befindet.

      Europa wird damit im besten Wortsinn zur Beute. Dort ist noch etwas zu holen an Infrastruktur, Schulen, Unis, Wohnraum usw., das Ganze begleitet von einer Verdichtung auf die Metropolen bei gleichzeitiger Verödung der Peripherie, wie es im Osten der Republik zu beobachten ist oder in Nordfrankreich oder den ländlichen Regionen von Spanien zum Beispiel.

      Gerade Parteien ist daher nach meiner Auffassung kein Richtungswechsel zuzutrauen, weil – und dies zeigt die historische Erfahrung – nur jene in den Parlamenten sitzen, die bereit sind, im Zweifelsfall genau diese Linie zu fahren; mehr oder weniger konsequent, aber immer auf Kurs (schauen Sie sich bitte die Beteiligung der Partei Die Linke auf Länderebene an); und auf den unbedeutenden Rückbänken, da hocken ein paar Feigenblätter, die den Duft von „politischer Beteiligung“ verströmen, ohne die Abläufe zu stören.

      Und auch diese werden auf Kurs sein, wenn es gefordert wird. Denn die Macht geht eben nicht von den Parlamenten aus, und schon gar nicht von der Bevölkerung. Noam Chomsky hat mal gesagt, es kann im Kapitalismus keine Demokratie geben, weil die Macht beim Kapital liegt. Wer echte Demokratie will, der muss den Kapitalismus folglich abschaffen, und – Sie stimmen mir eventuell zu -, das will weder das EU Parlament noch irgendeine andere Regierung in Europa.

      Die Geisterfahrt geht daher weiter. Ich halte es selbst für angebracht, sich auf die Zeit nach dem System vorzubereiten, ohne zu wissen oder zu erahnen, ob diese Anomie hervorbringt oder vielleicht regionale Selbstorganisation oder eine andere sozialere Struktur. Sicher scheint mir lediglich, dass sich die Epoche des Kapitalismus sehr schnell seinem Ende nährt.

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  3. Mag sein, dass Produktionsprozesse immer mehr automatisiert werden und die menschliche Arbeitskraft überflüssig. Aber da sägen die Superreichen am eigenen Ast. Denn wer soll denn ihren Dreck noch kaufen, wenn die Sklaven nur noch ums nackte Überleben kämpfen müssen? Da hilft dann auch kein Tutti Frutti mehr.

    Also, was spricht dagegen „die Revolution“ schon jetzt einzuleiten? Konsumboykott hilft nicht nur Geld sparen, sondern beschleunigt auch den Zusammenbruch des Finanzsystems. Aufhalten lässt sich dieser Prozess eh nicht mehr, aber bewusst eingesetzt lässt sich das Ganze vielleicht in die richtige Richtung steuern?

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    1. Gunther Sosna 4. November 2018 um 1:09

      Lieber @Morgentau, ich würde Ihnen beipflichten, wäre nicht schon in den 90er Jahren, als der Begriff Tittytainment geprägt wurde, diesen Superreichen aufgefallen, wie die Entwicklung verlaufen wird. Es ist eine ähnliche, wie sie von Thilo Rösch in seinen lesenswerten Beiträgen zur Automatisierung (https://neue-debatte.com/2018/02/18/die-automatisierung-und-ihre-auswirkungen-auf-die-gesellschaft-teil-1/) am Beispiel der Südstaaten des frühen 19. Jahrhunderts ausgeführt wurde.

      Die Automatisierung führte nicht zu weniger Sklaverei, sondern erhöhte diese deutlich, weil für jede Kleinigkeit ein Sklave verfügbar war und eingesetzt wurde. Nicht wegen Sinnhaftigkeit oder gar weiteren Profits, sondern zum Spaß, zur Unterhaltung, als Statussymbol oder einfach, um die versklavten Menschen zu demütigen. Und – gestatten Sie das offene Wort – genau das passiert jetzt wieder. Das Kapital braucht in der Zukunft keine Verwertung mehr, wenn es alles besitzt, sondern nur noch die Herrschaft über die Menschen, die nichts haben. Es ist eine neue Form des Feudalismus, der ja nun auch nicht im Sinne von Akkumulation oder Verwertungszwängen handelte, sondern aus reiner Tyrannei.

      Konsumboykott halte ich auf den ersten Blick zwar für ein naheliegendes Mittel, sehe diesen dennoch als stumpfe Waffe an, da u.a. durch steuerliche Abschreibungen und Subventionen schon die existierenden aberwitzigen Überproduktionen auf den Abraumhalden landen und dort verschimmeln, ohne dem Profit zu schmälern. Selbst dann nicht, wenn die Berge noch größer werden sollten.

      Der Prozess, da haben wir Übereinstimmung, lässt sich nicht aufhalten; Veränderungen am bestehenden System herbeiführen zu wollen, scheint mir daher verschwendete Lebenszeit. Nein, ich meine, nur ein radikales Umdenken macht Sinn, sich auf den Weg in eine neue Zeit machen und das, was jetzt noch sichtbar ist, als Vergangenheit abhaken. Vielleicht ist es vergleichbar mit der Spätantike und dem Römischen Imperium, kurz vor dem Zerfall. Auch dort fanden sich Antworten.

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  4. @Gunther Sosna

    Zitat:
    „…Nicht wegen Sinnhaftigkeit oder gar weiteren Profits, sondern zum Spaß, zur Unterhaltung, als Statussymbol oder einfach, um die versklavten Menschen zu demütigen…“

    Ich stimme Ihnen vollkommen zu. Doch wenn Sie diese offenen Worte kundtun, dann werden sie bestenfalls nur noch ungläubig angeschaut.
    Und somit ist ziemlich sicher, dass der Prozess sich nicht aufhalten lässt. Und ja, das Alte muss sterben, damit Neues entstehen kann.

    Meine Zweifel bestehen nur darin, entsteht wirklich etwas neues, ein neues Bewusstsein, oder wiederholen wir die Geschichte nur wieder zum Xten-Mal? Und ewig grüsst das Murmeltier…?
    https://de.wikipedia.org/wiki/Und_t%C3%A4glich_gr%C3%BC%C3%9Ft_das_Murmeltier

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    1. @Morgentau Ja, das stimmt. Ich könnte Beispiele nennen, wo die Augen groß wurden, wenn Klartext gesprochen wurde und als Reaktion blieb: Das kann doch nicht sein. An dieser Stelle greift das Pinguin-Prinzip. Jene, die etwas über den Rand des Eisbergs schauen, erkennen die Notwendigkeit des Handelns, aber sehr viele verharren in der Mitte, sehen wenig oder nichts und warten darauf, das etwas „Gutes“ passiert. Es ist wie auf der Titanic: Das Schiff ist leck, die Band spielt weiter und die Leute tanzen Tango. Ihre Anmerkung, dass sich die Geschichte zum x-ten Mal wiederholen könnte, kann ich leider nicht entkräften. Diese Option besteht bedauerlicherweise. Aber Sie und ich und sicher auch noch einige andere, werden nichts zur Wiederholung beitragen, sondern gegensteuern.

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