Wir werden nicht mehr berührt: Die Bedeutung kommt zu kurz!

Wessen Leben arm an Bedeutung verläuft, dessen Leben ist auch arm an Werten.

Das Wort Bedeutung kann mehrere Bedeutungen haben: Wichtigkeit und Zusammenhang, Geltung und Ansehen. Blenden wir die Letztgenannten aus und konzentrieren uns auf Zusammenhang und Wichtigkeit.

Die Wichtigkeit eines Ausdrucks oder eines Erlebnisses ergibt sich großenteils aus dem Zusammenhang. Wenn man dem nachgeht, kommt man letztlich auf die Lebensgrundlagen.

Ja, wessen Lebensgrundlagen denn? Von uns allen? Die können wir höchstens ahnen, aber nicht erfassen. Unsere Bedeutungswelt ist sehr eigen, besonders und geprägt durch unsere Geschichte. Wenn wir Bedeutung vermitteln wollen, brauchen wir gemeinsame Schnittmengen unserer Bedeutungswelten. Und ohne gemeinsame Bedeutungen könnten wir aufhören zu kommunizieren.

Schränken wir mal auf das ein, was wir einander mitteilen (können). Wir kommunizieren miteinander, mit Worten oder mit anderem Ausdruck, und versuchen dabei als Empfangende das Mitgeteilte in die eigene Erlebniswelt einzubetten, oder als Mitteilende den Angesprochenen in unsere Welt hereinzuholen. Oder noch eher: ihm etwas von unserer Welt zu geben, es mit ihm zu teilen (ihm „mitzuteilen“).

Das kann eigentlich nur gelingen, wenn er das Mitgeteilte wenigstens teilweise auch erlebt hat. Wenn er ähnlich einbetten kann. Wenn wir ihm zum Beispiel mitteilen wollen, dass wir einen geliebten Menschen durch Tod verloren haben, er aber noch nie einen nahen Menschen verloren hat, wird er die Bedeutung nicht erfassen.

Wir werden nicht mehr berührt

Bloße Gespräche bringen vielleicht in Kontakt mit gemeinsamen Bedeutungen, greifen aber selten verändernd in die Bedeutungswelten ein. Eine wichtige Möglichkeit der Gemeinsamkeit von Bedeutung(en) sind oder wären gemeinsame Erfahrungen. Also zusammen Erlebtes. Gemeinsame Geschichte. Wenn wir zusammen eine Hütte gebaut oder zusammen aus einem brennenden Haus entflohen sind, uns dabei vielleicht noch gegenseitig geholfen haben, bedeuten uns diese Hütte oder der erlebte Brand Ähnliches, wenn nicht Gleiches.

Die Vereinzelung und der dominierende Konkurrenzkampf unserer Zeit verringern gemeinsame Bedeutungen. Auch ähnlich Betroffene, etwa vom Leben am Existenzminimum, sehen sich meistens nur zufällig. Wir werden von Informationen, Bildern, Filmen und so weiter erschlagen, die kaum gemeinsame Bedeutung haben. Entsprechend berühren sie nur kurz.

Wir erfahren von Verhungernden im Jemen. Doch das haben wir nie als Betroffene erlebt, nicht einmal in der Nähe. Die Bilder huschen vorbei und können kaum „beeindrucken“. Allenfalls so entsetzen, dass man sie nicht mehr sehen möchte. Das ist eine andere Bedeutung als das Erleben von Verhungern.

Wir werden nicht mehr berührt. Man sagt auch: Wir machen zu. Die Vereinzelung vermindert damit auch unseren Erlebnisreichtum. Unser Bedeutungsraum ist verarmt. Wir reizen ihn künstlich durch Erlebnisse. Wenn der favorisierte Fußballklub ein Siegestor geschossen hat, teilen wir den Triumph mit denen, die ihm auch anhängen. Viel Bedeutung ist da nicht drin, schon in ein paar Wochen vergessen. Aber wenigstens gemeinsam erlebt.

Empfehlung einer Konsequenz

Wessen Leben bedeutungsarm abläuft, der lebt auch wertearm, lässt sich von den Kontingenzen (Auslösern und direkten Konsequenzen) des Alltags leiten, ist ihnen ausgeliefert.

Ja, und was haben denn nun diese Zeilen für den Leser, die Leserin für eine Bedeutung? Sie sind weit abgehoben vom Alltag, vom Konkreten, so sehr sie sich um Beispiele bemühen mögen.

Ich empfehle eine Konsequenz: Gemeinsame Erlebnisse kann man suchen und durchhalten; einen Umzug, eine Wohnungsrenovierung, eine gemeinsame Reparatur, bei der es die Chance eines Erfolges gibt, eine nicht ganz einfache Wanderung, einen gemeinsamen Nutzgarten, den Aufbau einer politischen Gruppe vor Ort. Verschieden anspruchsvoll, aber man kann immer zuerst klein anfangen.

Schon klein anfangen sollten auch die jungen Menschen. In einer Schule, die gemeinsame Projekte in den Mittelpunkt des Lernens stellt, wie ich es in der Beitragserie „Schluss mit Pauken und Noten“ beschrieben habe.

So teilen wir wieder gemeinsame Bedeutungen. Wenn wir da erst einmal reinkommen, werden wir süchtig. Im guten Sinn. In guter Bedeutung. Sie verändert uns. Nein: Wir verändern uns. Und das ist die Steigerung: die eigene Veränderung. Ohne dass wir uns verraten.

Wir wachsen, obwohl wir schon erwachsen sind. Wir werden so reich, dass wir gerne teilen. Denn das macht uns noch reicher. Wir teilen nicht Sachen, sondern Bedeutungen.

Erst die Umsetzung erschließt die Bedeutung dieser Zeilen. Das Lesen tut es noch nicht.


Gerhard Kugler ist Psychologischer Psychotherapeut. Er gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie.Über den Autor: Gerhard Kugler (Jahrgang 1946) ist Psychologischer Psychotherapeut im Ruhestand. Er gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie (DGVT) und der Gesellschaft für kontextuelle Verhaltenswissenschaften (DGKV), deren Therapieansatz die Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT) ist. Auf seiner Homepage www.erlebnisoffen.de finden sich weitere Informationen und Blog-Einträge.


Foto: Adrian (Pixabay.com, Creative Commons CC0) und Gerhard Kugler.


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  2. Zitat:
    „Wessen Leben arm an Bedeutung verläuft, dessen Leben ist auch arm an Werten.“

    Wer mag das sein, der einem anderen Leben Bedeutung zumisst?
    Was muss man tun, um an Bedeutung zu gewinnen? Und ist das nicht ziemlich armselig?

    Wenn wir jetzt in diesem Moment, in diesem Augenblick innehalten, so kann es passieren, dass wir dennoch diesen Augenblick verpassen, weil wir ihn sofort ausfüllen mit Gedanken an unserer Vergangenheit und Wünschen an die Zukunft und meinen, dass das unser Leben ist, die Person die wir heute sind.
    Doch wirklich (er)leben, tun wir erst, wenn wir all das vergessen und uns nur der Moment gefangen nimmt. Und genau in diesem Moment „des Vergessens“ sind wir glücklich.

    Die Bedeutung eines Lebens, scheint mir eine ziemlich individuelle Sache zu sein, die auf keinen Fall glücklich macht, weil sie doch ständig suggeriert nicht vollständig und minderwertig zu sein. Und genau das ist die Krankheit an der diese Gesellschaft leidet.
    Üben wir uns doch endlich mal in Bedeutungslosigkeit und geniessen einfach das Leben!

    Donald Trump führt mit Sicherheit ein bedeutendes Leben, aber ich möchte auf keinen Fall seine Werte teilen. ;-)

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  3. Gerhard Kugler 4. November 2018 um 20:58

    Die Bedeutung von Menschen habe ich ausdrücklich nicht behandelt, also von meinen Ausfühhrungen ausgenommen. Es geht um die Bedeutung von Ausdruck und Erlebnissen. Deren Bedeutung besteht aus den Zusammenhängen, die von ihnen innerlich, im Menschen angestoßen werden. Gedanklich, emotional, oft nicht bewusst, weil im Hintergrund und trotzdem wirksam.
    G.K.

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    1. Zitat:
      „Es geht um die Bedeutung von Ausdruck und Erlebnissen. Deren Bedeutung besteht aus den Zusammenhängen, die von ihnen innerlich, im Menschen angestoßen werden.“

      Ich glaube die Bedeutung eines Menschen und/oder was einem Menschen etwas bedeutet lässt sich nicht separieren.

      Zitat:
      „Wessen Leben bedeutungsarm abläuft, der lebt auch wertearm, lässt sich von den Kontingenzen (Auslösern und direkten Konsequenzen) des Alltags leiten, ist ihnen ausgeliefert.“

      Wir alle lassen uns blenden von Alltagsgeschehnissen. Selbst diese Diskussion ist davon betroffen. Insofern kann alles falsch, als auch richtig sein und berührt eventuell nur die Diskutanten. Für alle anderen ist es bedeutungslos. Dennoch können sie (die anderen) andere Werte haben, weil für sie andere Werte mehr Bedeutung haben.

      Und somit komme ich zurück auf meine ursprüngliche Frage:
      Wer mag das sein, der einem anderen Leben Bedeutung zumisst?
      Oder anders ausgedrückt:
      Wer mag es sein, der seine Intentionen (sein Streben auf etwas richten) für wertvoller erachtet?

      Aber schon die Frage ist ein Paradoxon und somit bedeutungslos. ;-)

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      1. Gerhard Kugler 5. November 2018 um 14:09

        Zitat: „Ich glaube die Bedeutung eines Menschen und/oder was einem Menschen etwas bedeutet lässt sich nicht separieren.“
        Mit der Bedeutung eines Menschen habe ich sein Ansehen und seinen Einfluss gemeint. Was ihm etwas bedeutet, kann schon auch sein Ansehen und sein Einfluss sein. Aber in meiner Sicht verbindet das nicht mit anderen.
        Zitat: „Wer mag das sein, der einem anderen Leben Bedeutung zumisst?“
        Es geht mir nicht um die Zumessung von Bedeutung eines Menschen, eines anderen Lebens. Aus Ihren Zeilen scheint mir deutlich ein Individualismus zu sprechen: Niemand soll sich anmaßen, die Bedeutung von Menschen zu vergleichen. Doch darum geht es mir nicht. Es geht um das Teilen von Bedeutung, von Erlebnistiefe. Sie stellt sich geradezu erst so richtig im Miteinander her. Das vereinzelte Erleben wird arm, wenn es nicht durch gemeinsames befruchtet wird.
        Und dann noch Ihr Vergleich: „….der seine Intentionen (sein Streben auf etwas richten) für wertvoller erachtet?“ Wo lesen Sie aus meinen Ausführungen einen Vergleich? Gerade nicht vergleichen! Das ist unnötig, zerstört die Tiefe und ist ein Teil der Vereinzelung.
        G.K.

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  4. Wir könnten ja einmal darüber nachdenken, ob der Sinn des Lebens darin besteht, wie verrückt zu arbeiten, damit wir bloß keine Zeit finden, festzustellen, dass wir dadurch die Erde ruinieren und uns abzuschaffen.

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  5. Vielleicht kann „Bedeutung“ auch mit „Bezogenheit“ erweitert werden?
    Siehe ABC des guten Lebens: https://abcdesgutenlebens.wordpress.com/

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    1. Gerhard Kugler 5. November 2018 um 13:55

      Bezogenheit ist ein Teil davon. Hinzu kommt aber Gewicht(ung). Das schließt dann mehr auch Emotionen ein.
      Ich bin hier ein wenig frech, dass ich mir anmaße zu definieren. Es ging mir ja tatsächlich auch um Bezüge. In dem Sinne, dass ich von meinem Fach und von meiner Erfahrung her behaupte, dass Worte erst wieder Sinn bekommen, wenn sie mir Taten einhergehen, die nicht bloße Worte sind. Sondern gemeinsame Erfahrungen. Die Welt gemeinsamer Erfahrungen wird in einer zersplitterten Geselltschaft immer kleiner. Und dem können wir entgegenwirken.
      G.K.

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      1. Ja, unbedingt gilt es Lebensräume zu schaffen und zu gestalten, die gemeinsame Erfahrungen ermöglichen. :-)

        Auch Einsichten wie z.B. „Abhängigkeit als Grundbedingung des Menschseins“ anzuerkennen dürften mit helfen, den vorherrschenden Zersplitterungen entgegen zu wirken.

        https://abcdesgutenlebens.wordpress.com/category/abhangigkeit/

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