Der Weg abwärts: Fremdenfeindlichkeit in Deutschland nimmt zu

Xenophobie hat in Deutschland weiter zugenommen. Fast jeder Dritte vertritt ausländerfeindliche Positionen. Zu diesem Ergebnis kommt die Autoritarismus-Studie 2018 der Universität Leipzig.

Ein Forschungsteam um Dr. Oliver Decker und Prof. Elmar Brähler hat für die aktuelle Untersuchung, die unter dem Titel Flucht ins Autoritäre – Rechtsextreme Dynamiken in der Mitte der Gesellschaft als Buch [1] veröffentlicht wurde, mehr als 2400 Menschen in Deutschland nach ihren Einstellungen zu autoritären und rechtsextremen Positionen befragt:

Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus, Sozialdarwinismus, Chauvinismus, Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur, Verharmlosung des Nationalsozialismus.

Zudem wurden autoritäre Persönlichkeitsmerkmale erfasst.

Die Studie, in Zusammenarbeit mit der Heinrich-Böll-Stiftung [2] und der Otto Brenner Stiftung [3] entstanden, analysiert die politische Situation in Deutschland und deren Ursachen.

Einzelnen ausländerfeindlichen Aussagen, wonach beispielsweise Ausländer den deutschen Sozialstaat ausnutzen oder die Bundesrepublik überfremden würden, stimmt im Osten fast jeder Zweite zu. Im Westen teilt etwa jeder Dritte diese Position.

Insgesamt stimmen 36 Prozent der Befragten der Aussage zu, dass Ausländer nur ins Land kommen würden, um den Sozialstaat auszunutzen (Ost: 47,1 Prozent; West: 32,7 Prozent). Über ein Viertel würde Ausländer wieder in ihre Heimat zurückschicken, wenn in Deutschland die Arbeitsplätze knapp werden (Ost: 32,4 Prozent; West: 25 Prozent). Rund 36 Prozent halten die Bundesrepublik durch Ausländer in einem gefährlichen Maß für überfremdet (Ost: 44,6 Prozent; West: 33,3 Prozent).

Ausgrenzung als Einstieg in den Rechtsextremismus

„Die Ausländerfeindlichkeit ist im gesamten Land immer stärker verbreitet, das zeigt unsere aktuelle Befragung ganz deutlich“, sagt Studienleiter Dr. Oliver Decker vom Kompetenzzentrum für Rechtsextremismus- und Demokratieforschung an der Universität Leipzig. „Die Hemmschwelle, diesen rechtsextremen Aussagen zuzustimmen, ist besonders niedrig.“

Mitherausgeber Prof. Dr. Elmar Brähler meint: „Wer rechtsextrem ist, wendet sich heute aber von der CDU und SPD ab und findet seine neue Heimat bei der AfD.“

Im Vergleich zur Autoritarismus-Studie 2016 ist die geschlossene manifeste Ausländerfeindlichkeit, also die konsequente Zustimmung zu allen Aussagen, angestiegen. Besonders deutlich ist der Zuwachs in Ostdeutschland: Er stieg von 22,7 Prozent auf 30,9 Prozent.

Die aktuelle Studie zeigt außerdem, dass der Antisemitismus weit verbreitet ist. Jeder Zehnte findet ausdrücklich, dass „Juden etwas Besonderes an sich haben und nicht so recht zu uns passen“, zusätzlich stimmen dieser Aussage 20 Prozent latent zu. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass sich antisemitische Denkmuster nach wie vor in gefährlichen Größenordnungen bewegen“, so Decker.

Zugleich ist die Abwertung von Gruppen angestiegen, die als „fremd“ oder „abweichend“ wahrgenommen werden: Die Aggression gegenüber Sinti und Roma, Asylwerbern und Muslimen nimmt kontinuierlich zu.

„Erschreckend hoch ist die Abwertung von Muslimas und Muslimen angestiegen“, sagt Brähler. Fühlten sich zum Beispiel noch 2010 rund 33 Prozent der Befragten durch die vielen Muslime als Fremde im eigenen Land, sind es 2018 in Ost wie West 55 Prozent. Und: 60 Prozent der Deutschen stimmen der Aussage zu, dass Sinti und Roma zur Kriminalität neigen. Im Osten findet diese Position bei fast 70 Prozent der Befragten Zustimmung.

Sehnsucht nach dem starken Mann

Für die Wissenschaftler zählt Autoritarismus als Persönlichkeitseigenschaft zu einer der Hauptursachen für rechtsextreme Einstellungen. Menschen mit autoritärem Charakter neigen zu rigiden Ideologien, die es gestatten, sich gleichzeitig einer Autorität zu unterwerfen, an ihrer Macht teilzuhaben und die Abwertung anderer im Namen dieser Ordnung zu fordern.

Rund 40 Prozent der Deutschen zeigen Merkmale eines autoritären Typus, nur 30 Prozent sind dagegen ausdrücklich demokratisch orientiert.

Autoritäre Aggressionen sind bei 65 Prozent der Deutschen tiefgreifend ausgeprägt. „Den Wunsch, Andersdenkende auszugrenzen, teilen zwei Drittel der Deutschen“, sagt Dr. Oliver Decker. In Ostdeutschland ist dieses Verlangen häufiger anzutreffen. Auch die Bereitschaft, sich Autoritäten unterzuordnen, ist hier größer. Knapp 40 Prozent der Ostdeutschen wollen wichtige Entscheidungen lieber Führungspersonen überlassen, im Westen sind es 21 Prozent.

Demokratie auf dem Prüfstand: Gefühlte Wahrheiten und politische Deprivation

Die positive Nachricht der Studie: Vor allem im Osten ist die Zufriedenheit mit dem Funktionieren der Demokratie von 27,3 Prozent im Jahr 2006 bis heute auf 46,9 Prozent angestiegen.

„Es ist natürlich erfreulich, dass wir hier höhere Zustimmungswerte finden. Andererseits muss es aber zu denken geben, dass mit der tatsächlichen Praxis der Demokratie nur etwa die Hälfte der Befragten zufrieden ist“, so Decker.

Zudem wird die offene Gesellschaft, in der alle Gruppen die gleichen Rechte haben, von 47 Prozent infrage gestellt.

Die Diskrepanz zwischen den Werten sei ein Problem für die repräsentative Demokratie. „Wir sehen in unseren Analysen, dass das Gefühl, selbst Einfluss auf die Politik nehmen zu können, gering ausgeprägt ist. Wir bezeichnen das als politische Deprivation.“

„Es bleibt eine große gesellschaftliche Aufgabe, gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit aufzuzeigen und zu ächten – besonders in Zeiten eines erstarkenden Rechtspopulismus“, sagen Jupp Legrand, Geschäftsführer der Otto-Brenner-Stiftung, und Peter Siller, Leiter der Inlandsabteilung der Heinrich-Böll-Stiftung.


Quellen und Anmerkungen

[1] Alle Ergebnisse der Studie sind in dem Buch „Flucht ins Autoritäre“ – Rechtsextreme Dynamiken in der Mitte der Gesellschaft (Die Leipziger Autoritarismus-Studie 2018) zusammengefasst. Das Buch von Oliver Decker und Elmar Brähler ist im Psychosozial-Verlag (ISBN: 978-3-8379-7461-4) erschienen.

Link zum Buch (PDF): https://www.boell.de/sites/default/files/leipziger_autoritarismus-studie_2018_-flucht_ins_autoritaere.pdf?dimension1=ds_leipziger_studie (abgerufen am 07.11.2018).

Inhaltsübersicht zur der Studie: https://www.boell.de/de/2018/11/07/flucht-ins-autoritaere-rechtsextreme-dynamiken-der-mitte-der-gesellschaft?dimension1=ds_leipziger_studie (abgerufen am 07.11.2018).

Kurzfassung der Studie: https://www.boell.de/leipziger-autoritarismus-studie (abgerufen am 07.11.2018).

[2] Die Heinrich-Böll-Stiftung e. V. ist die parteinahe Stiftung von Bündnis 90/Die Grünen. Rechtlich und wirtschaftlich ist sie ein eingetragener Verein ohne Stiftungsvermögen. Der überwiegende Teil des Haushalts stammt aus Bundesmitteln.

[3] Die Otto-Brenner-Stiftung ist eine Stiftung der Gewerkschaft IG Metall.


Robert Manoutschehri ist Fotograf, Journalist, Texter und Grafikdesigner aus Wien.Über den Autor: Robert Manoutschehri ist Fotograf, Journalist, Texter und Grafikdesigner aus Österreich. Er engagiert sich ehrenamtlich für zahlreiche Bürgerinitiativen und NGO’s. Robert Manoutschehri lebt in Wien.


Foto: B J (Unsplash.com)


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  1. Schaffen wir weltweit alle Grenzen ab, somit schaffen wir auch die Grenzen in unseren Köpfen ab.

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    1. Ein sehr trauriger, wahrer, bedenklicher Artikel. Die üble Saat des ultrarechten Populismus verdreht selbst ganz normalen Bürgern den Kopf, d. h. sie sind nicht mehr in der Lage, klar zu denken, sie schlucken den Unsinn den sie hören und sehen, und machen ihn sich zu eigen. Sie beginnen damit, sich an anders auftretenden,anders denkenden, anders gekleideten Einwanderern Anstoss zu nehmen. Und sie empören sich über angebliche Unsauberkeit, Nachlässigkeit oder Mangel an Deutschkenntnissen. Wenn dann ein Ausländer wirklich straffällig wird, haben die braunen Horden einen Grund, empört auf die Strasse zu gehen. Und es gibt Politiker, die das alles auch noch verteidigen, angeblich „Volkes Wille“.

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    2. Langfristig vielleicht, kurzfristig niemals. Die Prägung durch Kolonialismus, Nazi-Herrschaft und Raubtierkapitalismus sitzt in der DNA des Westens ganz tief. Die wächst sich erst über Jahrhunderte raus.

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  2. Ich wundere mich immer wieder, dass so getan wird als würden diese Studien, wie die
    hier vorgestellte, etwas ganz Neues offenbaren. Aufschlussreich sind natürlich die
    darin angeführten fremdenfeindlichen Denk- u. Verhaltensmuster.
    Bereits Fromm u. die Frankfurter Schule haben sich mit dem Phänomen des sog. autoritären Charakters beschäftigt.
    Die Frage, die mich weiter umtreibt ist, was sagt diese Studie über die vorherrschenden gesellschaftlichen Bedingtheiten aus, die den „autoritären Charakter“ mit fördern und welche
    Konsequenzen werden daraus abgeleitet?
    Im Empörunsmodus hängen zu bleiben, reicht bekanntlich nicht.

    Weiterführende, sehr empfehlenswerte Lektüre: „Autoritäre Versuchungen“ v. Heitmeyer

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