Nach dem Spiel ist vor dem Spiel

Wer ist noch nicht über die Titel „Bittere Pillen“ oder die „Globalisierungsfalle“ gestolpert? Es waren Bestseller, die sich ihren Erfolg nicht durch billige Strategien erkauft hatten, sondern die glänzten durch das seltene Extrakt von Substanz und Lesbarkeit.

Der Österreicher Hans-Peter Martin [1] ist ein international erfahrener Mann. Er kennt Länder und ihre Institutionen, er kennt supranationale Konzepte wie die EU und ihm ist das Leben derer, für die in der Regel entschieden wird, nicht fremd.

Nun, in der Zeit des großen Wandels, legt er ein neues Buch vor, das an Brisanz kaum zu überbieten ist: Game over.

Wohlstand für wenige, Demokratie für niemand, Nationalismus für alle: Unter diesem zuspitzenden Titel hat er im wahren Sinne des Wortes zugeschlagen. Es geht um das Fazit einer bereits vor Jahrzehnten begonnen Entwicklung und den Ausblick, den die heutige Situation liefert.

Wie im Titel angedeutet, widmet sich Martin in Game over drei wesentlichen Themenkomplexen: Der sozialen Entwicklung in den Ländern, in denen der Neoliberalismus alles dominierte, dem Zustand des in diesen Ländern herrschenden demokratischen Systems und der großen Enttäuschung, die das längst überwunden geglaubte Zeitalter des Nationalismus wieder aufleben lässt. Auch das ist eine bittere Pille, vor allem für jene, die die politische Verantwortung tragen, diesseits und jenseits des Atlantiks.

Was jedes neue Bulletin über die soziale Entwicklung der kapitalistisch-demokratischen Gesellschaften bestätigt, nämlich die zunehmende gesellschaftliche Spaltung in superreich und bettelarm, wird in dem Buch nicht nur präzise zusammengefasst, sondern auch auf seine Ursache hin untersucht.

Wir kennen das alles, das ideologische Feuerwerk des Wirtschaftsliberalismus: Niedrige Steuern, Deregulierung, Privatisierung et cetera, es wurde bis zum Erbrechen und in tausendfältiger Variation wiederholt.

Entscheidend ist, ungeschminkt darauf hinzuweisen, dass die soziale wie die politische Krise aus den Resultaten dieser Ideologie erwachsen ist.

Die Entwesung der staatlichen Institutionen wiederum ist es, die zu einer zunächst großen Ernüchterung und dann zu einem fulminanten Anwachsen der Zorndepots bei jenen geführt hat, die gerne als die vom Tempo der Globalisierung Abgehängten bezeichnet, die jedoch schlichtweg nur betrogen wurden. Im Sinne ihres tatsächlichen Mitspracherechts und hinsichtlich ihres Anteils an den Gemeinkosten der Gesellschaft.

Martin legt den Finger auf die Wunde: wer mit moralischen Werten argumentiert, wenn es um bloße Abkoche geht, zerstört die demokratische Legitimation nachhaltig.

Dass der Trend nun, nach den großen, gescheiterten Experimenten des XX. Jahrhunderts Richtung sozialer Emanzipation in die ebenfalls gescheiterte Epoche des Nationalismus geht, ist bedauerlich. Und dass diejenigen, die nun noch aus dem Kalkül eines Denkzettels dem Neonationalismus folgen genauso betrogen aufwachen, wie bisher, macht die Lage nicht erfreulicher. Der Autor ist beim Ausblick auf die Zukunft skeptisch, was die Resilienz der demokratischen Systeme anbetrifft.

In einem kurzen Exposé am Schluss des faltenreichen Buches wagt Hans-Peter Martin dennoch einen Ausblick auf die Zeit nach dem Debakel, oder vielleicht auch noch auf das Jetzt. Mit Aktionen und Konzepten, über die wir alle schleunigst nachdenken sollten.

Sein Appell ist die Politisierung aller, seine Maßnahmenvorschläge sind vielfältig. Einer hat mir persönlich sehr gut gefallen: Die Visumspflicht für Superreiche. Nur, wer nachweisen kann, dass er alle seine Vermögenswerte ordentlich versteuert hat, darf in Zukunft noch legal reisen. Das wäre ein schöner Anfang! Meine Empfehlung: unbedingt lesen!


Quellen und Anmerkungen

[1] Hans-Peter Martin ist Globalisierungs- und EU-Kritiker, Journalist, Autor, ehemaliger Korrespondent des Nachrichtenmagazins Spiegel und früherer EU-Parlamentarier. Martin war von 1999 bis 2014 Mitglied des Europäischen Parlaments. Bekannt wurde Hans-Peter Martin der Öffentlichkeit im März 2004, als er EU-Parlamentariern Korruption und Bereicherung durch unredliche Spesen- und Reisekostenabrechnungen vorwarf. 2014 zog er sich aus der Politik zurück. Martin zählt zu den erfolgreichsten Sachbuchautoren: Sein Buch „Die Globalisierungsfalle“ wurde in 28 Sprachen übersetzt. Sein neustes Buch „Game Over – Wohlstand für wenige, Demokratie für niemand, Nationalismus für alle – und dann?“ (Mitarbeiter: Manuel Martin; 384 Seiten, ISBN: 978-3-328-60023-7) erschien Ende September im Penguin Verlag (Verlagsgruppe Random House). Hans-Peter Martin lebt in Lech am Arlberg.


Foto: Free-Photos (Pixabay.com, Creative Commons CC0).

Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.

1 Comment

  • Ist nicht jede Art von Globalisierung einschließlich aller Freihandelsverträge in ihrer Wirkung nur eine Ausbeutung der arbeitenden Bevölkerung jeden Landes, das davon betroffen ist. Es zwingt Alle günstiger und preiswerter zu werden, ob als Erzeuger oder Verbraucher.Erst dann, wenn die gesamte Welt sich gemeinsam Sorgen um den Zustand der Erde und der Natur machen würden, wäre eine Globalisierung eine optimale Lösung.

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