Yuriko Yushimata – Biologischer Humanismus

In einer fernen Zukunft hat der biologische Humanismus die Religionen als Aberglauben abgelöst. Es gibt Designfleisch in verschiedenen Geschmackssorten, Tankleber aus dem Automaten und die Alten, Kranken und Nutzlosen können ganz legal freiwillig gehen.

Es war das Jahr der Tankleber mit Himbeergeschmack. Zumindest nannte ihre große Schwester dieses Jahr so.
Sivi hatte noch die Stimme ihres Vaters im Ohr. „Deine Schwester ist in einer schwierigen Phase. Hör nicht auf sie.“

In der Schule hatte die Lehrerin ihnen erklärt, warum Tankleber und Designfleisch viel gesünder und vernünftiger waren als die Nahrung in alten Zeiten. „Früher haben die Menschen Fleisch von Tieren gegessen. Die Tiere wurden auf grausame Art zusammengepfercht und geschlachtet.“
„Die Menschen haben tatsächlich Fleisch von lebenden Tieren gegessen?“
„Ja, blutiges, matschiges, mit Keimen verseuchtes Fleisch. Häufig übertrug das Fleisch Krankheiten und die Qualität des Fleisches war großen Schwankungen unterworfen.“
Die Lehrerin zeigte Bilder von geköpften Schafen, Maden verseuchtem Fleisch und schwerkranken Menschen. Aus dem Lautsprecher waren die Todesschreie der Tiere zu hören.
Dann fuhr sie fort. „Erst seit der Entwicklung sich selbst vermehrender Leberzellen und der Möglichkeit, Designfleisch mit Hilfe von Tissue Engineering in großen Industrieanlagen herzustellen, konnte die Eiweißversorgung der Menschen auf hohem Niveau mit gleichbleibender Qualität sichergestellt werden.“

Sivi begriff damals nicht, was die Worte Tissue Engineering bedeuteten, aber das war wohl auch nicht wichtig. Wichtig war, dass es heute in jedem Supermarkt Tankleber der drei großen Lebensmittelkonzerne in unterschiedlich Geschmacksrichtungen und Formen und außerdem am Fleischautomaten Designfleisch nach Wahl in gewünschtem Zuschnitt und in zwölf verschiedenen Sorten gab.

Ihre Schwester machte sich jedes Jahr über die neuen Lebergeschmacksrichtungen lustig und hatte damals begonnen, die Jahre nach der meistbeworbenen Tanklebersorte des Jahres zu benennen.
So war das Jahr der Tankleber mit Himbeergeschmack auf das Jahr der süßsauren Tankleber mit einem Hauch von Lachsaroma gefolgt.

Ihr Vater fand das nicht witzig, wütend brüllte er Sivis ältere Schwester zusammen. „Möchtest Du lieber wieder, Tiere schlachten und biologisch verseuchtes Fleisch in Dich hinein stopfen?
Aber Du findest es wahrscheinlich cool, Tiere zu quälen, oder wie nennt Ihr das?“

Ihre ältere Schwester schwieg, bis ihr Vater das Zimmer verlassen hatte. Dann schaute sie Sivi an. „Wusstest Du, dass kleine Kinder davon träumen, ihre Mutter zu verschlingen?
Die psychoanalytische Theorie besagt, dass sie sich die übermächtige Mutter einverleiben wollen, es ist Begehren, nicht Hass. Aber vernünftige Menschen begehren nicht.“
Sie schnaubte durch die Nase, dann umarmte sie Sivi. „Aber dafür bist Du zu klein.“

Sivi hatte nichts erwidert, aber die Worte hatten sich ihr eingeprägt und sie wusste, dass die psychoanalytische Theorie etwas Altes und Ungehöriges war, aus der Zeit vor dem biologisch humanistischen Umbruch.

Im Ethikunterricht lernte sie dann die Regeln des biologischen Humanismus. „Früher hingen Menschen allem möglichen obskuren Aberglauben an. Das wurde Religion genannt.
Heute richten wir uns nach den Regeln der biologisch humanistischen Vernunft. Der Mensch ist nichts anderes als ein hochentwickeltes Tier, aus diesem Wissen resultiert die biologisch humanistische Ethik.
Als Tiere mit Verstand und Empathie sollten wir keine Tiere essen. Als Tiere sollten wir den Kreislauf des Lebens akzeptieren und die Regeln der Biologie nicht missachten.
Früher haben die Menschen sogenannte Haus- und Nutztierrassen gezüchtet, nicht überlebensfähige Tierrassen, die nicht mehr in der Lage waren, für sich selbst zu sorgen. Das war falsch und grausam.
Jedes Tier muss in der Lage sein, sich selbst zu erhalten, sonst führt dies langfristig zum Niedergang der ganzen Art.“

Dann hatten sie am Tag der Erinnerung einen der großen Tierfriedhöfe besucht. Nach dem Umbruch zum biologischen Humanismus hatten die Menschen an diesen Stellen alle Haus- und Nutztieren zusammen getrieben, hier waren sie gestorben. Die Gebeine wurden zu riesigen Knochenbergen zusammen geschoben, von Abertausenden von Skeletten, zur Mahnung und zur Erinnerung an die Grausamkeiten früherer Zeiten.
Von den Haus- und Nutztierrassen hatte keine überlebt.
Die Tiere waren allein nicht überlebensfähig gewesen.

Sivi erinnerte sich so genau an diesen Tag, weil es auch der Tag des Abschieds von ihrer Oma gewesen war. Ihre Oma hatte diesen Tag für ihre Entscheidung der Vernunft gewählt.
Sivis Eltern beglückwünschten sie dazu, wie es sich gehörte, und es gab eine große Feier.
Obwohl alle, außer Sivis großer Schwester, lachten und tanzten, fühlte Sivi sich elend.

Ihr Vater nahm sie beiseite und umarmte sie. „Du musst nicht traurig sein, Kleine. Oma hat sich frei entschieden und das ist gut. Früher haben die Menschen gewartet bis sie langsam und qualvoll verendet sind. Das war für sie grausam und für ihre Verwandten und die, die sie geliebt haben, eine große Belastung. Heute gehen wir den Weg der Vernunft. Wenn Menschen merken, dass sie nichts mehr beitragen können, entscheiden sie sich, zu gehen, freiwillig.
Niemand wird dazu gezwungen, allerdings fördert die Gesellschaft auch nicht mehr sinnloses Elend, wie sie es früher getan hat.
Das ist ein großer zivilisatorischer Fortschritt.
Sicher gibt es Unbelehrbare, die ihre Kranken und Alten weiter versorgen und davon abhalten, zu gehen.
Aber würdest Du wollen, dass wir Oma so etwas antun?
Schau doch, wie Oma lacht.“
Sivi hatte damals unter Tränen zu ihrer Oma geblickt und den Kopf geschüttelt, war dann aber aus dem Saal gerannt.

Es war das letzte Mal, dass sie ihre Oma sah.

Das war der Weg der Vernunft. Für alte Menschen, die Probleme damit hatten loszulassen, gab es spezielle therapeutische Beratungen.

Ihre Eltern gaben sich alle Mühe, sie hatten doch schon bei der älteren Schwester versagt, doch auch aus Sivi wurde eine unvernünftige Jugendliche.

Und dann, was ihre Eltern nie akzeptieren konnten, wurde aus ihr auch noch eine unvernünftige Erwachsene.

FIN


Yuriko Yushimata wurde als Distanzsetzung zur Realität entworfen. Es handelt sich um eine fiktionale und bewusst entfremdete Autorinnenposition, die über die Realität schreibt. Die SoFies (Social Fiction) dieses Bandes zeigen in der Zuspitzung zukünftiger fiktiver sozialer Welten die Fragwürdigkeiten der Religionen und Ersatzreligionen unserer Zeit. Teilweise sind die Texte aber auch einfach NUR witzig. Sie erschien im Oktober 2014 unter dem Titel „Religion Version 2.100“ und befindet sich im Archiv der HerausgeberInnengemeinschaft Paula & Karla Irrliche. Spiegelung & Verbreitung der Texte sind ausdrücklich gewünscht!


Foto: Pascal Bernardon (Unsplash.com)


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