Baader, der Staat und wir

Rezension zum Film «Baader»

Wer von Christopher Roths Baader-Movie erwartet, über die Geschichte der RAF und die politischen Umstände Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre in einer Art semi-dokumentarischen Weise aufgeklärt zu werden, sollte den Streifen lieber meiden – oder doch nicht?

Jedenfalls unterscheidet sich die neuerliche filmische Bearbeitung der RAF deutlich von anderen Streifen wie „Blackbox BRD“ oder auch „Innere Sicherheit“. Allein die Figur des Andreas Baader – Frank Giering – hat nun – jedenfalls äußerlich – so gut wie keine Ähnlichkeit mit dem RAF-Führer. Roth verweigert sich soziologischen, politischen oder auch nur kulturphilosophischen Versuchen über das „Phänomen RAF“ in der Inszenierung.

Der Film ähnelt in seiner ganzen Inszenierung eher einer Miniaturausgabe der Jagd zwischen Robert de Niro und Al Pacino in „Heat“. Darin liegt allerdings auch seine Stärke. Das Duell zwischen de Niro und Pacino – der eine skrupelloser Verbrecher, der andere skrupelloser Cop – nähert sich im Laufe des Films immer deutlicher einem Endkampf, in dem die Differenzen zwischen beiden Charakteren und dem, was sie repräsentieren, verwischen. Kriminalität wird zur Kehrseite von Polizeitätigkeit und umgekehrt. Es gibt auf beiden Seiten keinen Halt, weder in den Zielen – der Vernichtung des Gegners –, noch in den Mitteln. Wer von beiden letztendlich stirbt, ist gleichgültig, auch wenn die Macht des Staates größer ist und sich die (allerdings durchaus brüchige) Legitimität aufseiten des Staates findet. Das allein entscheidet – und auch nur um Haaresbreite.

Baader, dessen Weg zwischen 1967 und 1972 nachgezeichnet wird, wird als Kontrapunkt Kurt Krone (Vadim Glowna), der damalige Chef des Bundeskriminalamts (in Wahrheit Horst Herold), gegenübergestellt. In etlichen Szenen setzt Roth auf Fiktion, etwa, wenn er beide auf einer Landstraße nachts aufeinander treffen lässt, um sich gegenseitig zu bestätigen, dass der eine den anderen braucht, dass der Staat die RAF und die RAF den Staat braucht.

Krone will den Staat aufrüsten, Baader braucht Krone als Identifikationsfigur, um seine Frustration über „die Gesellschaft“ und „den Staat“ abzureagieren. Auch der Showdown ist frei erfunden und im Stile eines Italo-Western-Duells vor einem Mietshaus – nur ein Garagentor trennt den Kontrahenten – inszeniert: der Held (?) stirbt, der andere bleibt am Leben und trauert (fast?) um den Toten. Das wirkt nicht unbedingt nur wie ein minimalistischer Rückzug im Vergleich zu den Heldenepen in Western oder Thriller. Das hat deutlich sarkastische Züge nach beiden Seiten.

Baader wird allerdings auch in einigen Punkten realistisch geschildert: Seine Vorlieben für luxuriöse Autos, für Micky-Maus-Comics, und vor allem sein Macho-Gehabe gegenüber Frauen, die er ständig „Fotzen“ nennt und denen gegenüber er immer wieder Stärke, Unbarmherzigkeit im Kampf hervorhebt, die die Gruppe antreiben soll. Demgegenüber stehen Frauen, die sich das alles nicht nur gefallen lassen, sondern Baader bewundern, geradezu anhimmeln. So bestehen sie zwar darauf, im El Fatah-Lager im Nahen Osten mit den Männern zusammen in einem Zelt zu schlafen – als Ausdruck von Emanzipation –, wehren sich aber nicht gegen den schon bald und noch zu Lebzeiten in der linken Öffentlichkeit zum Mythos verklärten Baader und machen keine Anstalten, dessen Führerideologie anzuzweifeln.

Roth gelingt damit zumindest eines: Durch die Verfremdung der Geschichte Baaders und der anderen Gruppenmitglieder zeigt er die Auseinandersetzung zwischen RAF und Staat als eine zwischen Machtgefügen und deutet die internen Strukturen in der Gruppe als wesensverwandt mit denen an, die Baader, Meinhof, Mahler (im Film Kurt Wagner genannt), Raspe usw. in der Gesellschaft zerbomben wollten. „Schlagt die kapitalistischen Bastarde dort, wo es ihnen weh tut!“

Die autoritäre Struktur der Organisation enthüllt sich als fast schon kleinbürgerliches Spiegelbild autoritärer Strukturen in den „besonderen Gewaltverhältnissen“ (Polizei, Militär, Geheimdienste) und als Pendant zu den teilweise am Aufbrechen befindlichen sozialen Strukturen in Hochschule, Familie usw. Die Ideologie der RAF – ein Sammelsurium von Marxismus-Leninismus, Stalinismus und Maoismus, mythischer Verklärung der Befreiungskämpfe in der sog. „Dritten Welt“ und blindem, undiskutierten Aktionismus, eine Art „Ideologie der Tat“ – wird besonders augenscheinlich, als die Gruppe über Brandanschläge gegen Kaufhäuser redet. Die Aufforderung eines Gruppenmitglieds: „Wir könnten das ohne Polemik ausdiskutieren“ beantwortet Baader mit dem „biblischen“ Abschlusssatz: „Nix ausdiskutieren – es muss auf die Fresse geben.“ An einer anderen Stelle äußert er seine Bereitschaft, auch den alten Marx über Bord zu werfen, wenn es darum gehe, endlich zu handeln.

In der RAF haben zwei Begriffe eine große Rolle gespielt: Identität und Aktion. Nicht nur während der Zeit der Anschläge, Attentate, Entführungen, sondern auch nach der Verurteilung der RAF-Mitglieder ging es ihnen immer wieder um die Erhaltung ihrer „politischen Identität“ und um „Aktion“ (das französische Pendant zur RAF hieß „Action directe“; andere deutsche Gruppen hießen z.B. „Bewegung 2. Juni“; auch in der autonomen Szene der 80er Jahre spielten diese Begriffe eine große Rolle). Letztlich drückt beides nur ein gerütteltes Maß an Verzweiflung – Verlust bzw. Unvermögen zur Herstellung von Subjektivität wäre hier wohl zu nennen – und an der ebenso verzweifelten Suche nach einer (neuen?) Subjektivität aus.

Roth zeigt Baader als politischen Indianer, Herold (Krone) als staatlich subventionierten und angesichts der finanziellen Ausstattung des BKA auch besser informierten Sheriff, der für die Enttäuschung der RAF-Mitglieder über die verkrusteten Strukturen der Bundesrepublik Deutschland, die Verleugnung und Verdrängung der NS-Zeit usw. Verständnis hat, für ihre Mittel allerdings überhaupt nicht. Doch auch dies – wie vieles in Roths Film – bleibt ambivalent, uneindeutig.

In der Geschichte der RAF und der Auseinandersetzung zwischen Staatsmacht und RAF spielt das Pathetische, das „Feierliche“, das Mythische, die Verklärung bis heute auf beiden Seiten eine enorme Rolle. Staatliche Stellen stellten die RAF, eine relativ kleine Gruppe, selbst wenn man ihre Sympathisantenszene berücksichtigt, als größte politische Herausforderung des Jahrzehnts dar – und nutzten die Auseinandersetzung zur Aufrüstung der Sicherheitsorgane, führten „Berufsverbote“ ein, die selbst der damalige Bundeskanzler Brandt später als Fehler einschätzte, und verfolgten Intellektuelle wie Heinrich Böll oder Peter Brückner, weil sie Verständnis für die Kritik aus den Reihen der RAF zeigten, nicht für deren Weg.

Das sog. „Kontaktsperregesetz“, mit dem der Verkehr zwischen Häftlingen und ihren Anwälten unterbunden werden konnte und das im Schnellverfahren durch Bundestag und -rat geschleust wurde, erntete sogar bei renommierten Verfassungsrechtlern wie Böckenförde harsche Kritik. In der Bundesrepublik Deutschland herrschte zeitweise zumindest eine Atmosphäre des Ausnahmezustandes. Die RAF auf der anderen Seite stellte die Bundesrepublik Deutschland in völliger Verblendung der wirklichen Verhältnisse als ein Land auf dem Weg in den Faschismus dar.

Roth beschäftigt sich in „Baader“ nicht mit diesen Dingen – und er tut es doch, indem er die Auseinandersetzung auf die Figuren reduziert und die Handlung minimalisiert. Geschichte spielt in „Baader“ keine Rolle, weder die Biographien der Beteiligten, noch die der Bundesrepublik Deutschland. Nur wenige Bilder anfangs des Films erinnern an den Schah-Besuch, den Tod Benno Ohnesorgs und wenige andere Momente dieser Jahre. Baader im Film bleibt der Schmalspur-Cowboy, der sich dem Schmalspur-Sheriff widersetzt – nicht in einer erniedrigenden Weise der Inszenierung, sondern um die Dimensionen zurechtzurücken. „Das Böse ist der Preis der Freiheit“, sagt Baader. Man zitiert die zehn Gebote und Baader setzt deren Bruch dagegen. „Du sollst töten.“

Der Zweck heiligt die Mittel. Die RAF – das ist auch die Geschichte einer arroganten Anmaßung. Wenn der Satz gelten soll „Wer Befreiung will, darf alles“, dann gilt: „Du darfst töten.“

Roth inszenierte „Baader“ hart an der Grenze zur Geschichtslosigkeit. Er zieht sich im Laufe des Films und erst recht im Showdown aus der Geschichte der RAF immer weiter zurück. Der Schluss ist „de Niro versus Pacino pur“. Pacino hält dem sterbenden de Niro die Hand. Krone beugt sich über den bereits toten Baader und fängt fast an zu weinen. Dieser Rückzug ist für „deutsche Verhältnisse“ befremdlich, weil wir in einem ungeheuren Masse daran gewöhnt sind, alles erklärt zu bekommen. Für alles muss es doch eine Erklärung geben, sonst verzweifeln wir oder ergehen uns in Selbstmitleid. Aber für die RAF und Baader und Meinhof und die anderen versagen die letztendlichen Erklärungen genauso wie für die Reaktion und Aktion der staatlichen Organe.

Die anderen, wir, unsere Eltern, Großeltern kommen in „Baader“ nur am Rande vor: Wir schauen von den Balkonen, in Lockenwicklern die Hausfrau und mit weit offenen Augen ihr Nachbar, und sehen scheinbar teilnahmslos zu, was sich da vor dem Garagentor abspielt: ein Machtkampf, mit dem wir angeblich nichts zu tun haben.

„Baader“ wird von den einen geliebt, von anderen verurteilt werden. Roth fand die Wirklichkeit nicht so interessant. „.. an einem bestimmten Punkt habe ich das alles in den Wind geschlagen, meine eigene Interpretation gemacht und meine eigene Geschichte erzählt …“ So, wie wir das übrigens alle tun. Wir erzählen unsere eigene Geschichte, nicht nur über die RAF, auch über unsere unmittelbare Umgebung, Vergangenheit und nicht zuletzt über uns selbst. Und zwar immer aus dem „Jetzt“. Es wird keine Geschichte der RAF geben, die in die Vergangenheit zurückkehrt. Sie wird immer die Geschichte derjenigen sein, die sich „gerade“ ein Bild davon machen.


Informationen zum Film

Baader

Deutschland 2002 – 110 Min.

Regie: Christopher Roth
Drehbuch: Christopher Roth, Moritz von Uslar
Darsteller: Frank Giering, Laura Tonke, Vadim Glowna
Produktion: Stephan Fruth, Mark Gläser, Christopher Roth
Musik: Bob Last
Kamera: Jutta Pohlmann, Bella Halben
Schnitt: Barbara Gies, Christopher Roth


Redaktioneller Hinweis: Die Rezension von Ulrich Behrens wurde erstmals bei unserem Kooperationspartner untergrundblättle, einem Online-Magazin für kritischen Journalismus aus dem Großraum Zürich, veröffentlicht. Das untergrundblättle publiziert analytische und kontroverse Texte zu den Themenschwerpunkten Politik, Gesellschaft, Ökonomie und Ökologie. Ein besonderes Augenmerk gilt dem kulturellen Teil. Der inhaltliche und redaktionelle Anspruch liegt unter anderem darin, Synergien innerhalb von linken Strömungen herzustellen. Wir danken dem untergrundblättle für die Zustimmung zur Veröffentlichung der Rezension auf Neue Debatte.


Illustration: Med Amine Mekhaneg (Pixabay.com, Creative Commons CC0).


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