Über den Doppelcharakter der Information

Die Faktenlage, dieser Ozean der Möglichkeiten, ist zu einem Moment der Verunsicherung geworden, die eher zur Verdunkelung als zur Aufklärung beiträgt.

Bei Karl Marx hieß es eingangs seines „Kapitals“ noch, bei der Betrachtung der Welt erschiene alles als eine ungeheure Ansammlung von Waren. Im ökonomischen Sinne stimmt das immer noch, im Sinne der eigenen, individuellen Wahrnehmung, hat sich das geändert.

Heute wird die Welt als eine ungeheure Ansammlung von Informationen und Fakten erlebt. Und, was im ökonomischen wie im phänomenologischen Sinne von großer Bedeutung ist, kann eine bestimmte Grundstruktur in das Ungeheuerliche gebracht werden?

Marx ist das dahin gehend gelungen, als dass er das millionenfach Einzelne, die Ware, auf ihren wesentlichen Charakter, den Wert, untersucht hat. Gelingt das auch bei Fakten und Informationen? Die große semantische Krise, in der wir uns momentan befinden, stellt das in Zweifel, was allerdings nichts heißen muss. Erstens stirbt die Hoffnung zuletzt und zweitens ist die Lösung immer dann am nächsten, wenn die Krise am größten.

Mit der informatorischen Verfügbarkeit all dessen, was niemand braucht, hat eine Komplexität eingesetzt, die ja immer wieder bemüht wird, wenn Menschen zu einfachen Erklärungen neigen.

Manchmal ist der Verweis tatsächlich berechtigt, oft ist er aber auch nur eine Schutzbehauptung, um von den eigenen Interessen abzulenken. Deutung kann immer dann gelingen, wenn Zusammenhänge hergestellt werden können. Die Faktenlage, dieser Ozean der Möglichkeiten, ist zu einem Moment der Verunsicherung geworden, die eher zur Verdunkelung als zur Aufklärung beiträgt.

Als Einstieg gehen immer mehr Menschen dazu über, sich von den Quellen der unbegrenzten Information abzutrennen, zumindest für bestimmte Zeitintervalle. Immer mal wieder ohne Rechner und Smartphone, das beruhigt und verschafft Klarheit.

Klarheit vor allem darüber, was für das Leben wichtig ist und was eigentlich nur dazu geeignet ist, um kostbare Lebenszeit zu fressen und damit zu vernichten. Um dem ein Faktum hinzuzufügen: 70 Prozent der Internetzugänge suchen nach dem, was man unverblümt als Trash bezeichnen muss – Skurriles, Fake News, Pornos. Was sagt das aus, über das so gepriesene Zeitalter der Demokratisierung von Information?

Es existiert ein Zusammenhang zwischen Erkenntnis und Interesse (kein Zufall, dass Jürgen Habermas dem Konnex ein ganzes Buch widmete). Die Frage der Information bekommt dann Relevanz, wenn sie in einem Zusammenhang steht mit der eigenen Interessenlage. Wenn ich nach einer Erklärung für ein bestimmtes Phänomen suche, dann suche ich nach Informationen, die mir dabei helfen. Analog ist es bei dem Versuch, eine Argumentation zu untermauern. Es geht um Zweck und Zielrichtung, Information an sich führt weg von Interesse wie Erkenntnis.

Diese Art der Information, die im Mantel der Aufklärung daherkommt, bewirkt das genaue Gegenteil. Sie lenkt ab, sie schwächt die Konzentration auf das Wesentliche. Ergo existieren Informationen, die eo ipso nicht falsch sind, die in ihrem Gesamtzusammenhang jedoch genau das Gegenteil bewirken: sie halten die Menschen davon ab, das zu tun, was für sie richtig und wichtig ist!

Folglich ist es keine zu weit gehende Spekulation, den Charakter der verfügbaren Information ebenso wie bei einer jeden anderen Ware nach Gebrauchs- und Tauschwert zu unterscheiden. Für das einzelne Individuum bedeutet die Kategorie des Gebrauchswertes alles.

Handlungsleitend auf der großen Reise der Informationsbeschaffung sollte die Frage lauten, kann ich die Information, die mir präsentiert wird, kann ich sie gebrauchen und hilft sie mir beim Verfolgen meiner Ziele? Voraussetzung ist, ein Ziel zu haben.


Gerhard Mersmann bloggt auf Form7Über den Autor: Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure. Sein Beitrag erschien erstmals auf seinem Blog.


Illustration: Pintera Studio (Pixabay.com, Creative Commons CC0)


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  1. Gerhard Kugler 25. November 2018 um 8:58

    Eine sehr schöne Hinführung auf den letzten Abschnitt, der es auf den Punkt bringt. Wir ACT-ler würden zu dem, was hier mit „Ziele“ bezeichnet wird, lieber „Werte“ sagen. Aber wie findet man sie? Dazu regt vielleicht der Artikel „Über die Kunst mit Trauer und Tod zu leben“ an. Wenn man das Leben vom sicheren Tod aus betrachtet, weiß man, was wichtig ist.
    G.K.

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