Yuriko Yushimata – Ein tragischer Unfall

Menschenähnliche Roboter sind in der Welt von übermorgen beliebt. Auch bei den Gläubigen. Betroboter sorgen für volle Gotteshäuser. Ein gutes Geschäft.

Ausgelöst hatte alles die kleine Janina. Das siebenjährige Mädchen hatte mit seiner Mutter das erste Mal eine der großen alten Kirchen besucht.
Sie hatte furchtbar viele Fragen, als sie mit ihrer Mutter im Halbdunkel des Kirchenschiffes stand. „Wozu sind da die Bänke und wozu sitzen überall auf den Bänken Roboter?“
Die Mutter hatte ihre Kleine angelächelt. „Ganz früher einmal sind die Menschen in die Kirchen gegangen, das wurde Gottesdienst genannt. Aber dann hatten immer weniger Menschen Zeit und Lust, weil sie lieber mit ihren Kindern in den Freizeitpark fahren wollten.“
Das verstand Janina und nickte eifrig.
Die Mutter fuhr fort. „Dann ist eine große Firma auf die Idee gekommen, menschenähnliche Roboter zu bauen, die die Menschen an ihrer Stelle zum Beten und Singen in den Gottesdienst schicken konnten.
Die meiste Zeit wurden nur wenige Exemplare verkauft, doch es gab auch immer wieder Zeiträume, in denen es modisch war, einen Kirchenroboter zu besitzen. Und einmal angeschafft, erwiesen sich die Betroboter als sehr haltbar. Sie wurden über Generationen vererbt.
Und so füllten sich die Kirchenschiffe wieder, bald waren die Gottesdienste wieder gut besucht.
Menschen gingen natürlich nicht mehr dort hin.
Dann kümmerten sich aber immer mehr Menschen nicht mehr um ihre Roboter. Und die Roboter wurden einfach in den Kirchen abgestellt.“
Die kleine Janina betrachtete mitleidig die Roboter in den Bankreihen. „Das ist aber gemein.“
Doch die Mutter beruhigte ihre Kleine. „Nein, so schlimm war das nicht. Die Kirchenleitungen übernahmen die Roboter und ihre Wartung. Heute kannst Du gegen einen kleinen Betrag jeden Roboter in Betrieb setzen zur Lobpreisung Gottes. Du nimmst einfach die Geldkarte und ziehst sie hinten durch den Schlitz am Nacken der Roboter, dann fangen sie an zu beten.
Sehr gläubige Menschen können auch eine bestimmte Anzahl von Robotern abonnieren, die für sie beten.
Schau, da vorne zum Beispiel beten und singen zwei Roboter und auf dem Schild kannst Du lesen, dass das Schuhgeschäft von Gegenüber dafür bezahlt.“

Die Kleine ging mit großen Augen durch die Reihen und betrachtete die Roboter. Einmal setzte sie auch mit der Geldkarte, die die Mutter für sie mit einem kleinen Betrag aufgeladen hatte, einen der Roboter in Bewegung. Der Roboter fing eifrig an zu beten.

Dann erregte eine Art großer Schrank mit Vorhang, in den man wohl hineingehen konnte, ihre Aufmerksamkeit. Sie betrachtete ihn aufgeregt von außen und wieder hallte eine ihrer Fragen durch das Kirchenschiff.
„Was ist das?“
Aber diesmal antwortete nicht ihre Mutter ihr, sondern ein älterer Mann in einem blauen Arbeitskittel. „Das ist der automatische Beichtstuhl. Da kannst Du gegen einen kleinen Obolus all Deine Sünden beichten.
Und dann hat Gott Dich wieder lieb.“
Die Kleine war etwas erschreckt, dass ein fremder Mann sie ansprach und lief zu ihrer Mutter. „Da ist ein Mann.“
Ihre Mutter lachte. „Ach, dass ist der Kirchenmechaniker.
Nachdem nur noch Roboter zum Gottesdienst kamen, hat die Kirchenleitung auch die Priester durch Roboter ersetzt.
Siehst Du, da vorne, den Roboter mit dem Gewand?
Wenn Du eine Messe gelesen haben willst, musst Du nur einen entsprechenden Chip erwerben und in den kleinen Schlitz dort rechts einwerfen.
Und der Kirchenmechaniker macht all das wieder heile, wenn etwas kaputt ist.“
Die Kleine betrachtete nun ausführlich den bewegungslosen Priesterroboter. Der Kirchenmechaniker betrachtete die Szene lächelnd.

Dann lief die Kleine noch einmal durch die Reihen mit vielen still sitzenden und einigen wenigen betenden Robotern.
Doch dann blieb sie mit einem Mal stehen und schrie auf. Vor ihr saß ein betender Roboter ohne Schlitz.
Der Roboter sah aus wie eine alte Frau.
Die Mutter und der Kirchenmechaniker kamen, durch den Schrei der Kleinen alarmiert, sofort zu ihr.
Und der Kirchenmechaniker konnte nicht glauben, was er sah. Da saß doch tatsächlich ein echte alte Frau zwischen den Robotern und betete. „Hey, Sie da, was machen Sie da? Das geht hier nicht. Wenn Sie Gott die Ehre erweisen wollen, müssen Sie einen der Roboter aktivieren. Sie können sich hier nicht einfach hinsetzen und selber beten.
Das ist nicht gestattet.
Sehen Sie das Schild da, das ist die Hausordnung. Wenn Sie zu geizig sind, ist das Ihre Sache, aber hier sich einfach hinzusetzen und zu beten, das geht nicht.“

Die alte Frau hob nur müde den Kopf und schaute aus ängstlichen Augen auf den ärgerlichen Kirchenmechaniker und die Frau mit dem kleinen Mädchen.
Die Frau hatte die Kleine an sich gedrückt, als müsste sie sie beschützen.
Tatsächlich war sich die Mutter nicht sicher, ob diese Alte eventuell gefährlich war. Bei geistig verwirrten Leuten konnte man das ja nie wissen. Und wer sich einfach zwischen die Roboter setzte und selbst betete, musste ja krank sein.
Nun kamen weitere Leute hinzu und betrachteten das ungewöhnliche Schauspiel. Ein paar ältere Kinder grinsten und zupften an der Alten.
„Guck mal, die ist echt.“

Der Kirchenmechaniker griff die Alte unsanft beim Arm und zwang sie aufzustehen. „Ich muss Sie bitten, die Kirche zu verlassen. Dies ist ein Andachtsraum. Sie sollten mehr Respekt walten lassen.
In Ihrem Alter.“
Er schüttelte den Kopf und führte die Alte, der jetzt einige Tränen herabliefen, zur Kirchentür.

Die alte Frau taumelte auf die Straße.
Und dann passierte der Unfall.

Die alte Frau war direkt auf die Straße weitergelaufen. Die Autofahrerin hatte nicht einmal mehr bremsen können.
Die Besucher und Besucherinnen der Kirche strömten aus dem Kirchenschiff und schüttelten betroffen die Köpfe. Die alte Frau war offensichtlich schwerer geistig gestört gewesen, als die meisten gedacht hatten.

Ein Mann versuchte, die Autofahrerin zu beruhigen. „Sie können nichts dafür. Die Alte war geistig verwirrt, sie hatte sich in der Kirche einfach zwischen die Roboter gesetzt, um zu beten.
Der Kirchenmechaniker hat sie natürlich aufgefordert, die Kirche zu verlassen.
Wir haben alle nicht bemerkt, wie krank sie war.“

„Ein tragischer Unfall. Aber Sie sollten sich deshalb keine Vorwürfe machen“, sagte die Mutter der kleinen Janina zum Kirchenmechaniker, „Sie haben nur ihre Pflicht getan.“

FIN


Yuriko Yushimata wurde als Distanzsetzung zur Realität entworfen. Es handelt sich um eine fiktionale und bewusst entfremdete Autorinnenposition, die über die Realität schreibt. Die SoFies (Social Fiction) dieses Bandes zeigen in der Zuspitzung zukünftiger fiktiver sozialer Welten die Fragwürdigkeiten der Religionen und Ersatzreligionen unserer Zeit. Teilweise sind die Texte aber auch einfach NUR witzig. Sie erschien im Oktober 2014 unter dem Titel „Religion Version 2.100“ und befindet sich im Archiv der HerausgeberInnengemeinschaft Paula & Karla Irrliche. Spiegelung & Verbreitung der Texte sind ausdrücklich gewünscht!


Foto: Wang Xi (Unsplash.com)


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