Auf Station: Patientenbericht aus einem deutschen Krankenhaus

Es besteht ein Unterschied zwischen dem Hören von Nachrichten und dem eigenen Erleben eines Sachverhaltes. Die Rede ist von den Zuständen in den Krankenhäusern Deutschlands.

Auf Grund eines Ulcus cruris (offenes Bein), wurde ich vor circa 2 Wochen ins Krankenhaus eingewiesen. Das erlaubte mir einen kleinen Einblick in den Alltag in einer modernen Klinik.

Es heißt, dass das Pflegepersonal in den Krankenhäusern überlastet sei. Das ist eine richtige Einschätzung der Lage, aber sie gibt nicht genau wieder, was nun diese Überlastung verursacht. Was ich im Folgenden beschreiben will, sind lediglich persönliche Beobachtungen und Eindrücke. Sie dürften sich aber wahrscheinlich mit der Lage in vielen Krankenhäusern in unserem Land decken.

Nach drei langen und vor allem schmerzvollen Monaten gibt meine Hausärztin auf. Die offenen Wunden an meinen Beinen wollen einfach nicht zuheilen. Sie überweist mich an einen Gefäßchirurgen, der mich nach einer Untersuchung sofort ins Krankenhaus einweist, weil er der Meinung ist, dass ich dort aufgrund des besseren und umfangreicheren Equipments besser aufgehoben bin.

Im Krankenhaus angekommen werde ich erneut untersucht und man kommt zum Schluss, die offenen Wunden operativ zu behandeln, da sich mittlerweile an einigen Stellen eine Nekrose gebildet hat. Zu allem Überfluss sind alle Zehennägel von Nagelpilz befallen. Diabetiker sind besonders stark davon betroffen. Also wird beschlossen, alle Zehennägel zu entfernen, um eine schnellere Heilung der offenen Wunden zu unterstützen. Zwar wird mir alles genau erklärt, alles ist plausibel, aber schön sind diese Aussichten dennoch nicht.

Da bin ich nun, einer von 36 Patienten der Station 2A eines Krankenhauses irgendwo im einst glänzenden Ruhrgebiet. Knapp eine Woche ist es hin bis zur Operation, und ich habe Zeit, zu beobachten, zuzuhören, Eindrücke zu sammeln.

Zu einer Erkenntnis komme ich recht schnell. Ein Krankenhaus ist ja laut Definition in Wikipedia eine medizinische Einrichtung. „Dort werden durch ärztliche und pflegerische Hilfeleistung Krankheiten, Leiden oder körperlichen Schäden festgestellt und durch eine Behandlung geheilt oder gelindert. Auch die Geburtshilfe und die Sterbebegleitung gehören zu den Aufgaben eines Krankenhauses.“ Eine nüchterne, neutrale und auch richtige Beschreibung, leider aber unvollständig.

Ein Krankenhaus ist ebenfalls ein Ort, an dem sich rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr, menschliches Leid, physischer und psychischer Natur, Frust und Elend und nicht zuletzt auch jede Menge Stress konzentrieren. In einer solchen Atmosphäre arbeiten Ärzte und Pflegekräfte.

Ich schaue in die Gesichter der Krankenschwestern und Pfleger und denke mir: Die meisten Menschen wären mit solch einer Arbeit schlichtweg überfordert. Trotz der vielen technischen Hilfsmittel, die es heutzutage gibt, sind die Tätigkeiten körperlich immer noch sehr anstrengend.

Patienten werden gewaschen, gebadet, von A nach B getragen, geschoben oder angehoben. Vielleicht würden sie gerne behilflich sein, die meisten sind es wegen ihrer Erkrankung nicht. Es erinnert an das Schleppen von Mehlsäcken in einer Mühle. Es ist die Knochenmühle des ökonomisierten Gesundheitswesens, die ich erkenne.

Hinzu kommt die Belastung durch Gerüche. Antiseptischer Reiniger und Wundcreme verströmen ihren Duft, der schwer wie Theatervorhänge in der Luft hängt. Dazwischen mischen sich die Gerüche menschlicher Ausscheidungen. Sie haben es besonders in sich. Wer je dabei gewesen ist, wenn beispielsweise alte und hilflose Menschen gewaschen werden, der wird wissen, wovon ich rede.

Pflegekräfte und Ärzte tragen obendrein eine große Verantwortung für die Gesundheit der ihnen anvertrauten Menschen, was eine weitere psychische Belastung bedeutet.

Um das Maß vollzumachen, sind die meisten Krankenhäuser beim medizinischen Personal unterbesetzt. Das steht Woche für Woche in den Zeitungen, und hier, wo ich jetzt liege, ist es ebenso. Das erhöht fraglos den Stress für die Patienten und für die Pflegekräfte sowieso. Da hilf es wenig, im Laufschritt von Zimmer zu Zimmer und von Bett zu Bett zu rennen. Der Unmut so mancher ungeduldiger Patienten erhöht diese zusätzlich.

Das unappetitliche Sahnehäubchen auf der Torte der klinischen Gesundheitsversorgung bilden die schlechte Bezahlung und die fehlende persönliche Planungssicherheit, die durch befristete Arbeitsverträge entsteht.

Meines Erachtens kann man nur den Hut vor den Menschen ziehen, die einen Pflegeberuf ergreifen, im Wissen, dass ihre Arbeit nicht durch ein ihrer Leistungen entsprechendes Gehalt halbwegs honoriert wird. Wer diesen Beruf ausübt, der leistet der Gesellschaft einen überaus wertvollen Dienst, der erledigt nicht einfach einen Job um „Kohle“ zu machen.

Geld scheffeln andere: Shareholder, Kaufleute, Pharmakonzerne, Krankenkassen und überhaupt die ganze aufgeblasene Bürokratie, die sich im Gesundheitswesen ausgebreitet hat. All jene, die keine Kranken heilen, keine Wunde versorgen, keinem das Leben retten.

Was für eine Logik treibt das System an, frage ich mich und lasse die Antwort folgen: Habgier. Patient und medizinisches Personal, verbunden durch das unsichtbare Band des Altruismus, werden gleichsam psychisch und physisch ausgeplündert.

Es mag Menschen geben, die nicht mit dem einverstanden sind, was ich hier berichte, weil sie selbst schlechte Erfahrungen gemacht haben. Das gehört leider auch zum Leben dazu – nichts und niemand ist perfekt. Ich kann nur meine persönliche Sicht der Dinge wiedergeben, und die ist durchweg positiv. Ich möchte hier die Gelegenheit nutzen, dem gesamten Team der Station 2A meinen Dank, meine Bewunderung und vor allem meinen Respekt für ihre Arbeit auszusprechen. Trotz der Belastung durch eine chronische Unterbesetzung habe ich stets einen freundlichen, ja liebevollen Umgang erfahren dürfen.

Durch sämtliche Schichten der Gesellschaft, vom Hartz-IV-Abhängigen bis zum Milliardär, sollte sich jeder dessen bewusst sein, dass niemand vor Unfällen und Krankheiten geschützt ist. Zu jedem Zeitpunkt kann es passieren, dass unsere Gesundheit und unser Leben in die Hände all jener Krankenschwestern, Pflegern und Ärzten gelegt wird, über die ich berichte. Eine Tatsache, die weder die Regierungen Bonn und später in Berlin berücksichtigten, bevor sich dem Privatisierungswahn hingegeben wurde. Dinge, die dem Allgemeinwohl dienen, wie zum Beispiel das Gesundheitswesen, haben für Monetarisierungs- und Gewinnoptimierungsfanatiker Tabu zu sein.

Politiker, die immer wieder vollmundig beteuern, der Mensch stünde bei ihnen an oberster Stelle, können es am besten beweisen, indem sie alles daran setzen, das Gesundheitswesen als Geldquelle für Pharmakonzerne und Privatunternehmen stillzulegen.

Ebenso wichtig ist es, dass sie dafür sorgen, dass den Menschen, die in diesem Bereich arbeiten, die ihnen zustehende Sicherheit und Wertschätzung entgegengebracht wird in Form von besseren Arbeitsverhältnissen und angemessener Bezahlung. Geschieht dies nicht, entlarven sich genannte Politiker schlichtweg als Lügner.


Foto: Andrew Jay (Unsplash.com)


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  1. Die Zustände sind bei weitem noch nicht schlimm genug! Warum?
    Wenn sie schlimm genug wären, würden die Menschen ZUSAMMENKOMMEN und GEMEINSAM etwas daran ÄNDERN.

    Tun sie aber nicht. Sie reden halt darüber …

    Und selbst, wenn es schon bestehende Ansätze eines gänzlichen (anders) Gesundheitswesens gibt, schiebt man dem lieber den schwarzen Peter zu … so ähnlich, wie man dazumal den einen kreuzigt während der Verbrecher frei kam ..

    Leute, kommt ins Tun !!!

    Gefällt mir

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