Zeugnis der Schwäche: Über die Entscheidung, Krieg zu führen!

„Nichts ist gewonnen, alles ist dahin, stehn wir am Ziel mit unzufriednem Sinn.“ (aus: Lady Macbeth; 3. Akt, 2. Szene)

Die Tagesschau berichtete am Montag, dass der ukrainische Präsident Petro Poroschenko angesichts des Konflikts mit Russland im Asowschen Meer das Kriegsrecht verhängt hat. Das Präsidialamt teilte mit, der Zustand solle ab Mittwochmorgen um 9 Uhr gelten.

Die mächtigste Waffe

Zwischen Krieg und Frieden pendelnd sah Lew Tolstoi das gesellschaftliche Leben der Menschen. Über Krieg im Allgemeinen schrieb er in seinem Werk Kalender der Weisheit: „Die bewaffnete Welt und die Kriege, die sie führt, werden eines Tages zunichte gemacht, aber nicht durch die Könige oder Herrscher der Welt, denn diese profitieren vom Krieg. Der Krieg wird in dem Augenblick aufhören, in dem die Völker, die darunter leiden, wirklich verstehen, dass er schlecht ist.“ Und er zitiert in diesem Zusammenhang den altchinesischen Weisen Laotse: „Die mächtigste Waffe, die wir kennen, ist die Waffe des Segens. Deswegen verlässt sich der Kluge darauf. Er gewinnt durch Frieden, nicht durch Krieg.“ [1]

Krieg wird von den Menschen seit eh und je als grausam, destruktiv und zerstörerisch erlebt. Glück, Liebe und Freude dagegen stehen immer mit Frieden in Verbindung. Es bleibt die Frage, warum findet Krieg überhaupt statt? Liegt es in der Natur des Menschen, sich kriegerisch durchsetzen zu müssen oder kann ihn seine Kultur vor der Selbstzerstörung bewahren?

Etwas über die Entscheidung, Krieg zu führen

Michel de Montaigne stellt folgende Frage in einem Brief: „Ich möchte gerne wissen, ob wir den Krieg, die größte und prächtigste unter allen menschlichen Handlungen, zum Beweis eines gewissen uns eigenen Vorzugs oder vielmehr Gegenteils zum Zeugnis unserer Schwachheit und Unvollkommenheit gebrauchen wollten. In der Tat, die Wissenschaft, uns selbst untereinander zu ermorden und umzubringen, und unsere eigene Art zu verderben und auszurotten, scheint gar nicht so beschaffen zu sein, dass die Tiere, welche sie nicht besitzen, ein großes Verlangen danach tragen sollten.“ [2]

Der Volksmund sagt, dass Tiere den Krieg nicht kennen, damit kann gemeint sein, dass es durchaus nicht in der Natur des Menschen liegt, Kriege zu führen. Sollte es also eine kulturelle Leistung sein?

Treiben die Menschen als Naturwesen aus naturwüchsig unvollkommenem Entwicklungsstadium heraus Kriege? Müssen die Menschen etwa den Krieg zunächst kultivieren, um dadurch auf friedliche Vollkommenheit hinzuwirken? Ist Krieg also eine historisch bedingte und vorübergehende Notwendigkeit auf dem Entwicklungsweg der Menschheit?

Thomas Morus‘ Utopier scheinen dem zu entsprechen, dass Krieg auch notwendig sein kann. Er schreibt in seinem 1516 veröffentlichten Buch Utopia: „Den Krieg verabscheuen die Utopier als etwas geradezu Bestialisches, womit sich gleichwohl keine Gattung wilder Thiere so häufig zu schaffen macht, wie der Mensch; und entgegen den Sitten fast aller andern Völker halten sie nichts für so unrühmlich, als den im Kriege erstrebten Ruhm; nichtsdestoweniger jedoch üben sie sich sehr eifrig in soldatischer Zucht, und zwar nicht nur die Männer, sondern an bestimmten Tagen auch die Frauen, damit im Falle der Not auch sie zum Kriege nicht untüchtig sind.“

Sie würden einen Krieg aber nicht blindlings beginnen, „sondern entweder um ihre Grenzen zu schützen, oder um die das Gebiet ihrer Freunde überschwemmenden Feinde zurückzuschlagen, oder um irgend ein von Tyrannei bedrücktes Volk, dessen sie sich erbarmen, vom Joche eines Tyrannen und der Sklaverei zu befreien, was sie aus purer Menschenliebe unternehmen“.

Wiewohl die Utopier den Freunden im Punkte der Hilfe zu Willen seien, geschehe dies nicht immer nur zu deren Verteidigung, „sondern sie gewähren die Hilfe zuweilen auch, damit diese zugefügtes Unrecht vergelten oder vergelten können; dieses aber tun sie nur dann, wenn sie gleich von Anfang an um Rat gefragt werden, die Sache als eine gerechte gebilligt haben und die zurückverlangten Dinge nicht wieder zurückerstattet worden sind; dann eröffnen die Utopier selbst den Krieg, wozu sie sich nicht bloß dann entscheiden, wenn bei einem feindlichen Einfalle Beute weggeführt worden ist, sondern noch viel energischer, wenn ihre Kaufleute bei irgend einem Volke entweder unter dem Vorwande unbilliger Gesetze oder durch üble Auslegung guter Gesetze, unter dem Deckmantel der Gerechtigkeit verleumderisch angeklagt werden.“ [3]

Soweit der Rückblick wie in vergangenen Zeiten Kriege als sinnvoll oder sinnlos bewertet wurden. Aber wie sollte man heutzutage diese Frage beantworten?

„Krieg ist aller Dinge Vater, aller Dinge König. Die einen macht er zu Göttern, die anderen zu Menschen, die einen zu Sklaven, die anderen zu Freien“, schreibt Heraklit aus Ephesos in seinen Fragmenten. [4]

Mit „Vater aller Dinge“ ist wohl eher der produktive Kampf um die Lösung der alles in der Welt verursachenden Widersprüche gemeint und nicht nur die kriegerische, gewalttätige, bewaffnete Auseinandersetzung zwischen rivalisierenden Menschen.

Ob gerecht oder ungerecht, grausam in den Mitteln oder nach Konventionen zelebriert: Kriege werden stets bewusst vorbereitet und geführt. Nur der Mensch hat den Willen, sich für oder gegen den Krieg zu entscheiden, ihn zu führen oder es zu unterlassen.

Sitting Bull versus Colonel Custer

Sitting Bull war der Sohn eines Unterhäuptlings und Medizinmanns der Hunkpapa, eines Stammes der Teton-Sioux (Lakota). Nach dem Tod seines Vaters wurde er dessen Nachfolger als Medizinmann. Die deprimierenden Eindrücke, die er 1863 bei einem Besuch der neugegründeten Santee-Sioux-Reservation in Minnesota gewann, bestärkten ihn in seiner feindseligen Haltung gegenüber den Amerikanern.

Durch sein strategisches Geschick im Abwehrkampf gegen Siedler und Soldaten und durch seine exzellente Rednergabe und sein unbestreitbares Charisma, erwarb er sich einen weit über die Plains reichenden Ruf. Zusammen mit dem berühmten Kriegshäuptling Crazy Horse weigerte er sich den 1868 in Fort Laramie zwischen Red Cloud und der US-Regierung geschlossenen Friedensvertrag anzuerkennen, worauf es zu einer Spaltung der Sioux kam.

Sitting Bull wurde der geistige Führer des in Freiheit lebenden Teils. Als 1874 eine Expedition der US-Army in den Black Hills, den heiligen Bergen der Sioux, Gold fand und die Regierung anbot, das Gebiet zu kaufen, lehnte Sitting Bull dies ab. Daraufhin stellten die Amerikaner erst ein Ultimatum und zogen dann gegen die Sioux in den Krieg. Im Verlauf des Konflikts fügten die vereinigten Stämme der Sioux, Cheyenne und Arapaho unter der Führung von Sitting Bull und Crazy Horse den US-Einheiten die schwerste Niederlage in der Geschichte der Indianerkriege zu.

Am 25. Juni 1876 wurde das 7. Kavallerieregiment (rund 600 Mann), das Colonel George Armstrong Custer befehligte und in drei Einheiten aufgeteilt hatte, am Little Big Horn vernichtend geschlagen. Custers Einheit wurde komplett aufgerieben, er selbst wurde auch getötet.

Sitting Bull brachte sich mit etwa 400 Leuten vor der Rache der Amerikaner nach Kanada in Sicherheit. Die schwierige Versorgungslage zwang ihn 1881 zurückzukehren und sich zu ergeben. Er lebte dann in der Standing Rock Reservation, bereiste einige Städte der USA und wirkte eine Saison lang an Buffalo Bills Wildwestshow mit.

1888 sprach er sich gegen weitere Landabtretungen an die USA aus. 1890 verdächtigte man ihn im Zuge der Ghost-Dance-Bewegung aufrührerischer Umtriebe und befahl, ihn festzunehmen. Dabei wurde er von Reservationspolizisten ermordet. Sitting Bull, den die Amerikaner respektvoll den „roten Napoleon“ nannten, liegt auf dem Friedhof von Fort Yates begraben.

Den Amerikanern ging es in den Indianerkriegen um Land, Gold, Rohstoffe und andere Ressourcen. Sie brauchten sie zur weiteren Entfaltung ihrer kapitalwirtschaftlich orientierten Kultur. Auch den Indianern ging es um ihr kulturelles Selbstverständnis. Sie wollten weiterhin, wie schon ihre Ahnen, ihr Land eigentümlich und in ihrem Sinne erfolgreich nutzen.

Dass Krieg eine Möglichkeit ist, derartige Konflikte erfolgreich zu lösen, gilt hier nur für die weißen Amerikaner. Für die indigenen Völker war er es eine erzwungene Option in Ermangelung einer wahrhaft friedlichen Lösung, weil befriedigende Angebote der Stärkeren als Unmöglichkeit ausblieben. Die Ureinwohner wurden fast ausgerottet, ihre Kultur beinahe gänzlich zerstört und beendet.

Den Menschen auf beiden Seiten, den für sie angeblich oder auch wirklich möglichen Weg der Konfliktlösung zu weisen, war zu damaligen Zeiten erheblich schwieriger als im heutigen Informationszeitalter. Dennoch werden auch jetzt – und trotz Rückbesinnung auf das so schlimm verlaufene 20. Jahrhundert – Kriege geführt, wird versucht, deren Notwendigkeit zu belegen, und es wird nicht ausreichend für andere Lösungswege gerungen.

Titos Völkergefängnis

Jürgen Roth und Kay Sokolowsky analysieren in ihrem Bändchen Lügner, Fälscher, Lumpenhunde – Eine Geschichte des Betrugs anhand historisch belegter Dokumente den Krieg der NATO gegen Jugoslawien:

„Titos Vielvölkergefängnis“, so hieß die Mutter aller Lügen, die vor, in und nach dem Kosovokrieg tausendfach kursierten, um ein veritables Verbrechen wider internationales Recht, den Raketen- und Bombenterror der NATO gegen die Einwohner Jugoslawiens nämlich, als heroische und gar „friedenssichernde“ Tat hochzuschwindeln.

„Titos Vielvölkergefängnis“, mit dem bösen Titel belegten erstmals 1991 deutsche Journalisten und bald auch Politiker die Bundesrepublik Jugoslawien.

Dabei wurden weder besondere Einschränkungen der Reisefreiheit noch gar rassistische Verfolgungspolitik aus dem vormals semikommunistischen, inzwischen stinknormal, nämlich parteioligarchisch dirigierten Land gemeldet.

In einem „Gefängnis“, angeblich, lebten die „Völker“ respektabel „Ethnien“, weil die Zentralregierung in Belgrad ihnen die volle staatliche Souveränität nicht zugestehen mochte. Allerdings ging es den Bürgern Jugoslawiens nicht eben blendend. Die wirtschaftliche Situation des Landes hatte sich seit dem Ende des „Realsozialismus“ und damit der Sonderrolle Jugoslawiens als Pufferstaat und Umschlagplatz zwischen Plan- und Marktwirtschaft dramatisch verschlechtert.

So erschallte denn auch zuerst aus jenen Regionen, die sich zugunsten ärmerer Teilrepubliken „ausgeplündert“ fühlten, der Schrei nach Autarkie sowie Unterstützung ihres nationalsozialistischen Unfugs durch das Ausland. Er wurde leider erhört. Gegen die Mehrheitsmeinung seiner EU-Kollegen und trotz vehementer Bedenken in Washington verfügte der damalige deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher die diplomatische Anerkennung Kroatiens und Sloweniens.

Das war der Anlass für den Ausbruch der Sezessionskriege, die Jugoslawien in viele kleine Stücke schlugen, Zehntausenden Menschen das Leben, Hunderttausenden Gesundheit, Bleibe und Habe kosteten, von der ökonomischen Misere, die sich seither nur verschlimmerte, nicht zu reden.

Das Leid, welches ein Chauvinismus ebenso wie ein seltsamer Freiheitsbegriff – „jeder Clan soll frei sein, bei der UN eine eigene Botschaft zu eröffnen“ – über die Insassen des vormaligen „Vielvölkergefängnisses“ gebracht haben, konnte ihnen vier Jahrzehnte „Titoismus“ beziehungsweise „eiserne Hand“ nicht antun.

Vielleicht ist fraglich, ob die Gemetzel in der Krajina, in Bosnien-Herzegowina und schließlich im Kosovo hätten verhindert werden können, wenn die sogenannte „westliche Staatengemeinschaft“ solche Figuren wie den bekennenden Faschisten Franjo Tudjman oder dem eifernden Islamisten Alija Izetbegovic die helfende Hand verwehrt hätten. Doch würden ohne deren Solidaritätsadressen die Warlords erheblich weniger Resonanz bei dem jeweiligen Völkchen, das sie zum Bürgerkrieg mobilisierten, gefunden haben. [5]

Ausbeutung, Gewalt und Kriege müssen notwendiger Weise im Laufe der Menschheitsgeschichte zunächst ertragen werden bis sie schließlich selbstbewusst vermieden und überwunden werden können. Der dramatische Verlauf des 20. Jahrhundert zeigt, wie weit der Mensch noch davon entfernt ist, sich selbst zu begreifen, seine wirklichen Bedürfnisse zu befriedigen und seine Wirklichkeit zu bewahren.

Kommunismus

„Die Geschichte ist die Wissenschaft vom Unglück des Menschen.“ Dieser Satz des französischen Surrealisten Raymond Queneau scheint das von Gewalttätigkeit bestimmte 20. Jahrhundert eindrucksvoll zu bestätigen. Es steht im Vorwort des Schwarzbuches des Kommunismus. Dort heißt es weiter: „Gewiss, auch in früheren Jahrhunderten gab es kaum ein Volk, kaum einen Staat, in dem es nicht zu Gewaltausbrüchen gegen bestimmte Gruppen gekommen wäre. Alle großen europäischen Mächte seien in den Sklavenhandel verwickelt gewesen. Frankreich habe einen Kolonialismus praktiziert, der zwar auch positives leistete, aber bis zu seinem Ende von vielen widerwärtigen Episoden gekennzeichnet war.“

Die Vereinigten Staaten durchdringe nach wie vor eine Kultur der Gewaltausübung, die in zwei großen Verbrechen wurzele: „Die Versklavung der Schwarzen und die Ausrottung der Indianer.“ Aber man könne es nicht anders sagen: „Was Gewalttätigkeit angeht, scheint dieses Jahrhundert seine Vorgänger übertroffen zu haben.“

Blicke man darauf zurück, dränge sich ein niederschmetterndes Resümee auf:

„Dies war das Jahrhundert der großen Menschheitskatastrophen – zwei Weltkriege und der Nationalsozialismus, einmal abgesehen von begrenzten Tragödien in Armenien, Biafra, Ruanda und anderswo. Das Osmanische Reich hat sich zum Genozid an den Armeniern hinreißen lassen und Deutschland zu dem an Juden, Roma und Sinti. Das Italien Mussolinis massakrierte die Äthiopier. Den Tschechen fällt es schwer zuzugeben, dass ihr Verhalten gegenüber den Sudetendeutschen in den Jahren 1945/46 nicht über jeden Verdacht erhaben war. Und selbst die kleine Schweiz wird heute von ihrer Vergangenheit als Raubgoldverwalter eingeholt, auch wenn sich die Abscheulichkeit dieses Verhaltens nicht mit der des Völkermords vergleichen lässt.“

In diese Epoche der Tragödien gehöre der Kommunismus, ja, er sei eines der stärksten und bedeutendsten Momente. „Als wesentliches Phänomen dieses kurzen 20. Jahrhunderts, das 1914 beginnt und 1991 in Moskau endet“, stehe er im Zentrum des Geschehens. „Der Kommunismus bestand vor dem Faschismus und vor dem Nationalsozialismus“, wird im Vorwort des Buches nun festgestellt: „(…) er hat sie überlebt und sich auf den vier großen Kontinenten manifestiert.“

Was genau verstehe man eigentlich unter „Kommunismus“, fragt der Autor? Schon an dieser Stelle müsse man zwischen Theorie und Praxis unterscheiden:

„Als politische Philosophie existiert der Kommunismus seit Jahrhunderten, um nicht zu sagen Jahrtausenden. War es nicht Platon, der in seinem Staat die Idee eines idealen Gemeinwesens begründete, in dem die Menschen nicht von Geld und Macht korrumpiert werden, in dem Weisheit, Vernunft und Gerechtigkeit herrschen? Und ein so bedeutender Denker und Staatsmann wie Thomas Morus, um 1530 Lordkanzler in England, der die berühmte Schrift Utopia verfasste und auf Befehl Heinrichs VIII. enthauptet wurde – war er nicht ein Wegbereiter dieser Vorstellungen vom idealen Gemeinwesen?“

Das Utopia scheine absolut legitim als Maßstab der Gesellschaftskritik. Sie gehöre zur Diskussion der Ideen unserer Demokratien. Doch der Kommunismus, von dem hier zu reden sei, befinde sich nicht in der überirdischen Sphäre der Ideen.

Es sei ein sehr reales Gesellschaftssystem, das in einer bestimmten Zeit in bestimmten Ländern bestand. Wie groß auch immer der Einfluss der kommunistischen Lehre vor 1917 auf die Praxis dieses „real-sozialistischen“ Staatensystems gewesen sein mag, in ihm wurde die systematische Unterdrückung eingeführt bis hin zum Terror als Regierungsform.

„Über einzelne Verbrechen hinaus haben die kommunistischen Diktaturen zur Festigung ihrer Herrschaft das Massenverbrechen regelrecht zum Regierungssystem gemacht.“ [6]

Jegliches Sein, auch das der menschlichen Gesellschaft entwickelt sich dialektisch, das heißt, sich stets neu formulierende Widersprüche lösen Quantum um Quantum Bewegung aus, um Spannungen zu überbrücken und so Altes zu beenden, umzugestalten und neue, sich in sich lösbar widersprechende Qualitäten hervorzubringen.

Frieden – ein Gebot der Vernunft

Geschichte wird von bewusst handelnden Menschen gemacht. Als nur sozial überlebensfähig, muss sich jeder Mensch in die Gesellschaft integrieren, und als nur konkret-spezifisch mittels seiner Psyche zu Kreativität und Schöpfertum befähigt, muss sich jeder Mensch von den Zwängen der Gesellschaft emanzipieren. Das macht die Dialektik unserer Handlungsfreiheit aus.

Der Mensch muss die Welt verändern, seine Wirklichkeit bearbeiten. Sein Bewusstsein macht ihn fähig, seinem Handeln die Richtung des Bewahrens oder des Beendens zu geben. Wirklich verantwortlich zu handeln, ist nur kritisch wertend möglich. Darum braucht der Mensch Lebenserfahrung, Vorstellungsvermögen, Ideen, Orientierungen, Maßstäbe. Sich für Krieg oder Frieden zu entscheiden, kann nur verantwortungsbewusst wertend gerecht sein.

Zu einem der einflussreichsten Geister in der Zeit der Entfaltung kapitalistischer Produktion und bürgerlichen Denkens entwickelte sich der englische Philosoph Thomas Hobbes (1588-1679). Vor der Revolution entzog er sich der Verfolgung durch die Flucht nach Frankreich (1640/51). Hobbes systematisierte die Lehre Bacons, dessen Sekretär er zeitweilig war, und strebte – auf der Basis der Erfahrung – ein streng deterministisches Weltbild an.

In seiner Gesellschafts- und Staatstheorie findet sich die berühmte Formulierung:

„Man kann nicht leugnen, dass der natürliche Zustand der Menschen, bevor sie zur Gesellschaft zusammentraten der Krieg gewesen ist und zwar nicht der Krieg schlechthin, sondern der Krieg aller gegen alle.“

Hobbes kommt zu dem Schluss, dass „es ein Gebot der Vernunft ist, den Frieden zu suchen“ und durch einen Vertrag zwischen den Menschen einen staatlichen Zustand herbeizuführen, der den vorstaatlichen Zustand aufhebe.

Der Spruch vom „Krieg aller gegen alle“ ist bereits vor Hobbes dem Sinn nach von Platon – „Die meisten sehen nicht ein, dass naturgemäß stets alle Städte mit allen Städten im Krieg sind“ – und auch wörtlich geprägt worden von Dion Chrysostomos, einem kynisch-stoischen Populärphilosophen – „Denn der Krieg der Schlechtigkeiten, ist ein beständiger Krieg aller gegen alle.“ [7]

Hobbes, Platon und Chrystostomos erfassen mit der Umschreibung „Krieg aller gegen alle“ nicht nur den im engeren Sinn durch Gewalthandlungen in Erscheinung tretenden Krieg, sondern die mit wirtschaftlich, politisch und kulturell zu umschreibenden Handlungsweisen und den sich daraus notwendigerweise ergebenden Problemsituationen und Konflikten, die bei mangelndem Selbstbewusstsein der agierenden machtgewaltig ausgetragen werden.

Dass Gesellschaftsverträge, wie sie im Sinne der Aufklärungsphilosophie in den sich entwickelnden bürgerlichen Staaten entstanden, Kriege nicht verhindern können, wurde in verheerender Weise durch die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts bewiesen. Auch Begriffe wie Kalter Krieg, Interessenvertretung, Einflussgebiete, Standortbestimmung, Arbeitsmarkt, Leitkultur, Überproduktion, Verdrängungswettbewerb, Herrschaftsanspruch und viele andere belegen, dass es den „Krieg aller gegen alle“ nach wie vor gibt.

Tragischer Weise handeln die Menschen bisher stets nur im Glauben, endlich den richtigen Weg gefunden zu haben, der aus dem Krieg aller gegen alle führen soll.

“ … Seufzer der bedrängten Kreatur“

Die verschiedensten religiösen Vorstellungen vom gottgefälligen Wirken, werden seit Menschengedenken untereinander und gegen die verschiedensten Gesellschaftstheorien über gerechtes Zusammenleben konträr diskutiert und ausgespielt. Sowohl Religion als auch Wissenschaft sind zur Bildung des menschlichen Selbstbewusstseins notwendig.

Wissenschaft kann stets nur immanent wirkliche Gegebenheiten erforschen und kritisch untersuchen. Um sich an das unendliche Potential transzendenter Wahrheit herandenken zu können, braucht der Mensch religiöses Einfühlungsvermögen, muss er glaubhafte Vorstellungen entwickeln.

Karl Marx gab 1843 und 1844 der Notwendigkeit, ständigen gemeinsamen Suchens nach Wegen in eine zwar notwendigerweise, niemals aber konfliktfreie und dennoch im friedlichen Konsens gestaltbare Zukunft der Menschheit in seiner Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie Ausdruck:

„Der Mensch, der in der phantastischen Wirklichkeit des Himmels, wo er einen Übermenschen suchte, nur den Widerschein seiner selbst gefunden hat, wird nicht mehr geneigt sein, nur den Schein seiner selbst, nur den Unmenschen zu finden, wo er seine wahre Wirklichkeit sucht und suchen muss.“

Das Fundament der irreligiösen Kritik sei: „Der Mensch macht die Religion, die Religion macht nicht den Menschen.“ Und zwar sei die Religion das Selbstbewusstsein und das Selbstgefühl des Menschen, „der sich selbst entweder noch nicht erworben oder schon wieder verloren“ habe.

Aber der Mensch, sei „kein abstraktes, außer der Welt hockendes Wesen“. Der Mensch, das sei die Welt des Menschen, Staat, Sozietät.

„Dieser Staat, diese Sozietät produzieren die Religion, ein verkehrtes Weltbewusstsein, weil sie eine verkehrte Welt sind. Die Religion ist die allgemeine Theorie dieser Welt, ihr enzyklopädisches Kompendium, ihre Logik in populärer Form, ihr spiritualistischer Point-d’Honneur, ihr Enthusiasmus, ihre moralische Sanktion, ihre feierliche Ergänzung, ihr allgemeiner Trost- und Rechtfertigungsgrund.“

Sie sei die fantastische Verwirklichung des menschlichen Wesens, weil das menschliche Wesen keine wahre Wirklichkeit besitze. Der Kampf gegen die Religion „ist also mittelbar der Kampf gegen jene Welt, deren geistiges Aroma die Religion ist. Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elends und in einem die Protestation gegen dieses Elend.“ Die Religion sei „der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer wertlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände“ sei. Sie sei das Opium des Volkes.

Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glückes des Volkes sei die Forderung seines wirklichen Glücks. Die Forderung, die Illusionen über seinen Zustand aufzugeben, sei die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusion bedarf. Die Kritik der Religion sei also „im Keim die Kritik des Jammertals dessen Heiligenschein die Religion ist“.

Die Kritik habe „die imaginären Blumen an der Kette zerpflückt, nicht damit der Mensch die Phantasielose, trostlose Kette trage, sondern damit er die Kette abwerfe und die lebendige Blume breche“. Die Kritik der Religion enttäusche den Menschen, damit er denke, handle, seine Wirklichkeit gestalte wie ein enttäuschter, zu Verstand gekommener Mensch, damit er sich um sich selbst und damit um seine wirkliche Sonne bewege.

„Die Religion ist nur die illusorische Sonne, die sich um den Menschen bewegt, solange er sich nicht um sich selbst bewegt.“ Es sei also die Aufgabe der Geschichte, nachdem das Jenseits der Wahrheit verschwunden sei, die Wahrheit des Diesseits zu etablieren. Es sei zunächst die Aufgabe der Philosophie, die im Dienste der Geschichte stehe „nachdem die Heiligengestalt der menschlichen Selbstentfremdung entlarvt ist, die Selbstentfremdung in ihren unheiligen Gestalten zu entlarven. Die Kritik des Himmels wandelt sich damit in die Kritik der Erde, die Kritik der Religion in die Kritik des Rechts, die Kritik der Theologie in die Kritik der Politik.“ [8]

Der Glaube der Menschen an das tatsächlich mögliche Gute und daran, dass alles wahrhaftig Schöpferische, also das Gute, aus Liebe zum Dasein geschieht, ist notwendig, um Verbindung zwischen Immanenz und Transzendenz im Bewusstsein herstellen zu können, damit der Mensch aus dem Glauben schlussfolgernd, wissenschaftlich das Sein ergründend und aus unendlich potenter Wahrheit schöpfend, die Wirklichkeit kreativ gestalten und in ständig mannigfaltigerer Vervollkommnung und Schönheit bewahren kann.

Frieden mit allen

„Der Frieden aller mit allen“, der für einen als Vision gedachten menschenwürdigen Idealzustand notwendig ist, ist das Gegenteil des „Krieges aller gegen alle“, ist das friedliche Kooperieren und Konkurrieren der Menschen mit- und füreinander.

Gegenwärtig, zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist die Abwesenheit waffengewaltiger Kriegshandlungen für große Teile der Weltbevölkerung immer noch nicht gegeben, und der „Krieg aller gegen alle“ nach wie vor für alle Menschen bestimmend. Aufgaben, die die Menschheit gegenwärtig mit friedlichen Mitteln bewältigen sollte und immer dringlicher muss, diskutierten Stanislav Grof, Ervin Laszlo und Peter Russell in einem Wochenendgespräch, das sie in dem Buch Die Bewusstseins-Revolution veröffentlichten.

„Aus vielem von dem, was wir hier sagen“, beginnt Laszlo, „entsteht ein ziemlich düsteres Bild vom Leben und den Aussichten auf ein besseres Leben in der heutigen Gesellschaft. Einerseits sind die Bessergestellten in westlichen und verwestlichten Gesellschaften schon ziemlich saturiert. Sie brauchen nicht noch mehr materielle Güter, als sie bereits besitzen, sie brauchen sich keine Sorgen darum zu machen, wo sie ihr tägliches Essen herbekommen; sie haben alle wichtigen Konsumgüter. Allerdings suchen jetzt viele dieser Menschen nach etwas anderem.“

Das bedeute oft, dass sie Zuflucht zum Alkoholismus oder zur Drogensucht nehmen und neuerdings auch gern in die virtuelle Realität abdriften. Die Suche könne die Betreffenden ebenso in den Esoterikbereich bringen, „wo sie sich spirituelle Führung von Gurus, Medien oder körperlosen Geistern erhoffen“.

Andererseits suchen Menschen, deren materielles Wohl nicht gesichert sei, mehr nach materiellen Dingen – „es fällt ihnen schwer, transformative Erfahrungen zu machen und eine höhere Bewusstseinsform zu entwickeln.“ Was jene betreffe, die bereits über materiellen Wohlstand verfügen, könne „der nächste Schritt darin bestehen, andere Erfahrungen auszuprobieren, schlimmstenfalls Alkohol und Drogen und bestenfalls“, wenn sie klug seien, „eine Transformation des eigenen Bewusstseins.“

Was die anderen angehe, bestehe der nächste Schritt gewöhnlich darin, einfach eine höhere Stufe materiellen Wohlergehens zu erreichen. Aber in diesem Fall würde sich die große Mehrheit der Menschen in einer fast hoffnungslosen Lage wiederfinden.

Es gibt in der heutigen ökonomisch und technologisch ausgebeuteten Umwelt nicht genügend Ressourcen, dass alle Bedürftigen noch einen derartigen materiellen Wohlstand erreichen könnten, wie er in der industrialisierten Welt bereits vorhanden sei. Aber dennoch genüge es nicht, dass nur die gut gestellten Bevölkerungen ihr Bewusstsein weiterentwickelten, „die übrigen müssen das ebenso tun. Wenn sie bloß dem materiellen Lebensstandard der Menschen in der industrialisierten Welt nacheifern, sind wir alle in Schwierigkeiten.“

Vielleicht müsse man ihnen in dieser Phase helfen, nimmt Russell den Gesprächsfaden auf, „Materialismus und die Anbetung des Geldes sind möglicherweise eine Entwicklungsphase, die von jeder Gesellschaft durchlaufen werden muss. Die industrielle Revolution war der Auslöser, der die westlichen Länder vor etwa zweihundert Jahren auf diesen Weg brachte. Jetzt gelangen wir zu dem Abschnitt, wo wir uns der Tatsache bewusst werden, dass wir bereits die meisten von uns benötigten Dinge haben; wir brauchen auf diesem Pfad nicht mehr weiter zu gehen. Täten wir es doch, so wäre das reiner Selbstmord.“

Vielleicht liege unsere Aufgabe jetzt darin, den Entwicklungsländern zu helfen, diese Phase so rasch wie möglich hinter sich zu lassen. Laszlo setzt fort: „Die Crux ist, dass in Anbetracht der Umwelt- und Ressourcenprobleme auf diesem Planeten nicht genügend Zeit für jeden einzelnen und jede Gesellschaft mehr vorhanden ist, um sämtliche Entwicklungsstufen so zu durchlaufen, wie wir es getan haben.“ Und Russell weiter: „Das ist auch meine Meinung, und genau aus diesem Grund sollten wir ihnen helfen, sich schneller zu entfalten. Vielleicht können sie ja die materialistische Phase in wenigen Jahrzehnten hinter sich bringen statt in zwei oder drei Jahrhunderten. Wir können die Beschleunigung bereits an dem Tempo erkennen, mit dem die Entwicklungsländer vom Agrarzeitalter ins Industriezeitalter und dann ins Informationszeitalter übergehen.“

Indien habe seine eigene Industrielle Revolution in rund zwanzig Jahren durchlaufen, wohingegen China fast abrupt und unmittelbar von einer Agrargesellschaft in eine Informationsgesellschaft überwechselte.

Und Laszlo erwidert: „Es ist nicht ungefährlich, eine Phase zu durchlaufen, zu der die energieintensiven und verschwenderischen Lebensstile und Produktionsmethoden gehören, die wir im Westen eingeführt haben. Wenn sich die betreffenden Länder beim Durchlaufen dieser Phase Zeit lassen, kann es sein, dass sie schon beim Aufbau der elementaren Strukturen und Infrastrukturen der nächsten Phase die Ressourcen des Planeten zu ausgiebig nutzen und seine Umwelt übermäßig verschmutzen.“

Grof meint dazu: „Wir haben bei der Einschätzung zukünftiger Trends unsere gegenwärtigen Technologien im Kopf. Die Aussichten könnten sich drastisch ändern, wenn wir es fertig brächten, umzudenken und uns auf andere Energiequellen, insbesondere Solarenergie, auszurichten. Soviel ich weiß, ist es bereits möglich, Autos und Flugzeuge mit Wasserstoff statt Benzin anzutreiben.“ [9]

Wenn der „Krieg aller gegen alle“ jedoch nicht die zerstörerisch eskalierende Gewalttätigkeit, der neu gestaltende „Vater aller Dinge“ sein soll, so kann wohl der „Frieden aller mit allen“, aber auch nicht die paradiesische Konfliktfreiheit, als die stets neu befruchtete und gebärende Mutter allen Seins bezeichnet werden.


Quellen und Anmerkungen:

[1] Lew Tolstoi: Kalender der Weisheit (Riemann Verlag, 1997).

[2] Michel de Montaigne: Von der Kunst, das Leben zu lieben. (Deutscher Taschenbuch Verlag, 2007).

[3] Thomas Morus: Utopia. (Philipp Reclam jun. Leipzig, 1985).

[4] Heraklit: Fragmente in DB Philosophie von Platon bis Nietzsche.

[5] Jürgen Roth, Kay Sokolowsky: Lügner, Fälscher, Lumpenhunde (Reclam Leipzig, 2000).

[6] Französisches Autorenkollektiv: Schwarzbuch des Kommunismus. (Piper, München/Zürich 1998).

[7] Böttcher/Berger/Krolop/Zimmerman: Geflügelte Worte (Bibliografisches Institut Leipzig, 1984).

[8] Karl Marx, Friedrich Engels: Ausgewählte Schriften (Dietz Verlag, Berlin 1970).

[9] Stanislav Grof, Ervin Laszlo, Peter Russell: Die Bewusstseins-Revolution (Riemann Verlag, 1999).


Frank Nöthlich (Foto: Privat)Über den Autor: Frank Nöthlich wurde 1951 in Neustadt/Orla (Thüringen) geboren. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und sechs Enkelkinder. Er studierte Biologie, Chemie, Pädagogik, Psychologie und Philosophie von 1970 bis 1974 in Mühlhausen. Nach dem Studium war er an verschiedenen Bildungseinrichtungen als Lehrer tätig. Von 1985 bis 1990 war er Sekretär der URANIA-Gesellschaft zur Verbreitung wissenschaftlicher Kenntnisse. Später arbeitete er als Pharmaberater und ist heute Rentner und Buchautor (www.briefe-zum-mensch-sein.de). Er sagt von sich selbst, dass er als Suchender 1991 in der Weltbruderkette der Freimaurer einen Hort gemeinsamen Suchens nach Menschenliebe und brüderlicher Harmonie gefunden hat.


Foto: Jon Tyson (Unsplash.com)


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  1. Wer so über Krieg reden und philosophieren kann, hat ihn weder erlebt noch den Friedensansatz „Nie wieder Krieg“ in der DDR verstanden. Ich würde den Autor gern nach Syrien schicken oder in eines der vielen Kriegsgebiete dieser Erde damit er seine Ansichten dort überprüfen kann. Wahrscheinlich aber sind ein paar zerfetze menschliche Leiber und vor Schmerzen schreiende Menschen noch nicht genug.

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    1. hmm – wahrscheinlich hat der autor keinen krieg erlebt – aber davon „abzuleiten“, dass ihm, um sich dazu äußern, die allein die persönliche erfahrung qualifiziert, hat doch einem gewissen zynismus und eine (un)logik, die der gesamten menschheitsgeschichte und deren erkenntnissen widerspricht.

      ich finde den artikel hervorragend und wünsche mir mehr davon – gern auch eine philosophische diskussion zu einzelnen punkten, die auch mich sehr beschäftigen … doch dazu etwas später

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  2. „Krieg ist aller Dinge Vater, aller Dinge König. Die einen macht er zu Göttern, die anderen zu Menschen, die einen zu Sklaven, die anderen zu Freien“, schreibt Heraklit aus Ephesos in seinen Fragmenten. [4]

    Mit „Vater aller Dinge“ ist wohl eher der produktive Kampf um die Lösung der alles in der Welt verursachenden Widersprüche gemeint und nicht nur die kriegerische, gewalttätige, bewaffnete Auseinandersetzung zwischen rivalisierenden Menschen.

    es ist genau dieser interpretierende zusatz, nach dem ich jahrzehntelang gesucht habe (dabei ging es bei dem zitat von heiner müller lediglich um STREIT) – und als friedliebender mensch kein lob auf den streit verstehen konnte. und doch ist es so wahr, denn es ist gesundung, erkenntnis und eine große nähe zu wahrheit und erkenntnis möglich – die weder leicht ist und vor allem auch weh tun kann … jedoch von der einsicht getragen ist, dass ein leichtes und schmerzloses leben kein leben ist – nur eine phase im leben, die ihren wert besitzt – aber letztendlich für ALLE anzustreben ist – niemals auf KOSTEN anderer ein dauerzustand sein kann und darf … also streiten wir uns – bis es nur noch freie und keine sklaven mehr gibt … und das wird noch lange (oder ewig?) dauern …

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  3. Krieg und Frieden sind wohl so alt wie die Menschheit selbst, aber längst nicht so alt wie der Kreislauf ALLEN Lebens.

    Zitat:
    „Ist Krieg also eine historisch bedingte und vorübergehende Notwendigkeit auf dem Entwicklungsweg der Menschheit?“

    Wenn das so wäre, dürfte es heutzutage keine Kriege mehr geben, denn wir wiederholen ja nur ständig unsere Fehler.

    Zitat:
    „Ausbeutung, Gewalt und Kriege müssen notwendiger Weise im Laufe der Menschheitsgeschichte zunächst ertragen werden bis sie schließlich selbstbewusst vermieden und überwunden werden können.“

    Wie schon erwähnt, die Geschichte offenbart eine andere Realität. Kriege und Gewalt führen/führten nicht zu einem selbstbewussten Menschen, sondern offenbaren, wie unbeholfen, ängstlich und dumm der Mensch doch ist.

    Zitat:
    „Der Mensch muss die Welt verändern, seine Wirklichkeit bearbeiten. Sein Bewusstsein macht ihn fähig, seinem Handeln die Richtung des Bewahrens oder des Beendens zu geben. Wirklich verantwortlich zu handeln, ist nur kritisch wertend möglich. Darum braucht der Mensch Lebenserfahrung, Vorstellungsvermögen, Ideen, Orientierungen, Maßstäbe. Sich für Krieg oder Frieden zu entscheiden, kann nur verantwortungsbewusst wertend gerecht sein.“

    Genau das ist sein Dilemma, der Mensch kann die Wirklichkeit nicht akzeptieren und das ist der Grund für Krieg und Frieden.

    Zitat:
    „Der Spruch vom „Krieg aller gegen alle“ ist bereits vor Hobbes dem Sinn nach von Platon – „Die meisten sehen nicht ein, dass naturgemäß stets alle Städte mit allen Städten im Krieg sind“ – und auch wörtlich geprägt worden von Dion Chrysostomos, einem kynisch-stoischen Populärphilosophen – „Denn der Krieg der Schlechtigkeiten, ist ein beständiger Krieg aller gegen alle.“

    Wenn das die Maxime des menschlichen Daseins ist, dann wird sich auch in Zukunft nichts ändern, ausser, dass wir uns selbst vernichten werden. Krieg gegen die Schlechtigkeit, was soll das sein? Feuer mit Feuer bekämpfen?

    Zitat:
    „Vielleicht liege unsere Aufgabe jetzt darin, den Entwicklungsländern zu helfen, diese Phase so rasch wie möglich hinter sich zu lassen. Laszlo setzt fort: „Die Crux ist, dass in Anbetracht der Umwelt- und Ressourcenprobleme auf diesem Planeten nicht genügend Zeit für jeden einzelnen und jede Gesellschaft mehr vorhanden ist, um sämtliche Entwicklungsstufen so zu durchlaufen, wie wir es getan haben.“ Und Russell weiter: „Das ist auch meine Meinung, und genau aus diesem Grund sollten wir ihnen helfen, sich schneller zu entfalten. Vielleicht können sie ja die materialistische Phase in wenigen Jahrzehnten hinter sich bringen statt in zwei oder drei Jahrhunderten. Wir können die Beschleunigung bereits an dem Tempo erkennen, mit dem die Entwicklungsländer vom Agrarzeitalter ins Industriezeitalter und dann ins Informationszeitalter übergehen.“

    Vielleicht ist unsere Hilfe, die ja auch nicht uneigennützig ist, gar keine Hilfe, da der vermeintliche Fortschritt eigentlich keiner ist. Denn geistig/spirituell entwickeln wir uns zurück und zudem sind wir gerade dabei, nicht nur unseren eigenen Lebensraum zu zerstören, sondern auch die Jahrhunderte alten Kulturen und indigenen Völker.

    Zitat:
    „Wenn der „Krieg aller gegen alle“ jedoch nicht die zerstörerisch eskalierende Gewalttätigkeit, der neu gestaltende „Vater aller Dinge“ sein soll, so kann wohl der „Frieden aller mit allen“, aber auch nicht die paradiesische Konfliktfreiheit, als die stets neu befruchtete und gebärende Mutter allen Seins bezeichnet werden.“

    Zugegeben es entbehrt nicht einer gewissen Ironie einem die Analogie von Krieg und Frieden mit Leben(gebärende Mutter) und Tod(neu gestaltende Vater aller Dinge) schmackhaft zu machen, wobei Zynismus der treffendere Ausdruck wäre.
    Der Autor übersieht jedoch, dass Krieg und Frieden rein menschliche Wertungen sind, basierend auf absichtlicher Zerstörung/Tötung, Besitzdenken, Profitgier und Unterdrückung im Wechselspiel mit Frieden.
    Der Kreislauf des Lebens ist jedoch etwas ganz anderes, der nicht auf Wertungen wie gut und böse basiert, sondern nur alle Möglichkeiten für einen gewissen Zeitraum offeriert. Und wir Menschen haben die Freiheit in dieser Lebensspanne alles hinein zu interpretieren, was wir nur wollen. – Auch Krieg und Frieden.

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