„Die Idee, dass uns nichts erspart bleibt, hat etwas sehr Tröstliches.“

Sie besagt, dass wir uns in all unserem Tun nur an uns selbst vergreifen können.

Wenn die Idee von der Wiedergeburt einen Sinn ergibt, dann nur wegen der Vorstellung, dass sie uns nacheinander in jede denkbare materielle Form zwingt, um so zu einem übergreifenden Verständnis zu gelangen, welches uns aus dem Leid erlöst, welches unabdingbar mit jeder körperlichen Existenz verbunden ist.

Wir werden also sowohl der Baum gewesen sein, den wir gefällt haben, als auch die Ameise, die wir unter unserer Händen zerdrücken. Wir werden die Erfahrungen eines Silvesterkarpfens ebenso gemacht haben, wie die eines Tigers im Zoo.

Wir werden den Autoreifen so wenig entkommen sein, wie die Kröten auf ihrer Wanderung zu eben jenem Ziel, das uns allen gemeinsam ist. Wir werden uns sowohl schuldig als auch unschuldig gefühlt haben. Wir werden Herrscher und Besiegte in uns vereinigen, jeder Schmerz, jede Freude, jeder Wahnsinn wird uns schließlich vertraut sein.

Die Idee, dass uns nichts erspart bleibt, hat etwas sehr Tröstliches. Sie besagt, dass wir uns in all unserem Tun nur an uns selbst vergreifen können.

Um für diese Erkenntnis offen zu werden, gilt es, den Angstknoten in uns zu lösen, jenes Geschwür der Seele, das sich in vordergründigen Sicherheiten versteckt und dessen Eiter die Ignoranz gegenüber der Tatsache ist, dass sich nichts, aber auch gar nichts an egoistischer Attitüde dem Leben gegenüber verteidigen lässt.

Früher oder später müssen wir erkennen, dass wir Teil eines einzigen und einzigartigen Körpers sind. Wie hatte Friedrich Schiller so richtig gesagt:

Die Natur ist ein unendlich geteilter Gott.


Über den Autor: Dirk C. Fleck (Jahrgang 1943) ist freier Journalist und Autor aus Hamburg. Er machte eine Lehre als Buchhändler, besuchte danach in München die Deutsche Journalistenschule und absolvierte Anfang der 1970er ein Volontariat beim „Spandauer Volksblatt Berlin“. 1976 wieder nach Norddeutschland über und arbeitete beim Satiremagazin „ULK“ und dann bei der „Hamburger Morgenpost“, wo er Lokalchef  wurde. Später war er Chefredakteur des „Hanse-Journal“, Reporter bei „Tempo“ und Redakteur bei „Merian“. Er arbeitete im Auslandsressort der Wochenzeitung „Die Woche“ und schrieb ab Mitte der 90er Jahre als freier Autor und Kolumnist für Tageszeitungen (u.a. Die Welt) und Magazine wie zum Beispiel Stern und GEO. Seit den 1980ern setzt er sich journalistisch mit den ökologischen Folgen der zügellosen kapitalistischen Wirtschaftsweise auseinander und verarbeitet seine Erfahrungen, Überlegungen und Recherchen in Romanen. Das Buch „Palmers Krieg“ erschien 1992 und beschäftigt sich mit der Geschichte eines Ökoterroristen. „GO! Die Ökodiktatur“ (1993) ist eine Auseinandersetzung mit den Folgen des Ökozid. Außerdem erschienen von Dirk C. Fleck die Bücher „Das Tahiti-Projekt“ (2008), „MAEVA!“ (2011), „Die vierte Macht – Spitzenjournalisten zu ihrer Verantwortung in Krisenzeiten“ (2012) und „Feuer am Fuss“ (2015).


Redaktioneller Hinweis: Der Beitrag von Dirk C. Fleck ist einer von 258 Gedanken aus seinem Buch „La Triviata – Der Duft der Achtziger“. Er schrieb sie vor 33 Jahren auf und veröffentlichte sie erst 2018 im Verlag p.machinery. Das Buch ist auf der Webseite von Dirk C. Fleck erhältlich.


Foto: Sergio Souza (Unsplash.com)


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