Yuriko Yushimata – Der Auserwählte

In einer fernen Zukunft wird befürchtet, dass die neurobiologische Ausrichtung der Selbstkonditionierung zu wirksam sein könnte und bei den Menschen zur völligen Auslöschung jeglicher Form kritischen Bewusstseins führt.

Zuerst hatten sie alle die abgeholt, die sich an der Seite der Zelle zum Beten versammelt hatten. Die Außerirdischen trieben mit ihren Elektroschockgeräten die Gruppe durch eine Seitentür.
Eine der Frauen aus der Gruppe schluchzte und wandte sich an einen der Außerirdischen, sie fiel auf die Knie. „Bitte, bitte lassen Sie uns am Leben, bitte zumindest mein Kind!“
Der Außerirdische, oder vielleicht war es auch eine die, gab nur gurgelnde Geräusche von sich. Doch dann verstand Yuriko einige Worte.
„Unbrauchbares Material … Geh! Fehlentwicklung.“
Dann hob das außerirdische Wesen das Elektroschockgerät zum Schlag, und die Frau kroch wimmernd der Gruppe hinterher.

Yuriko war kalt, sie zitterte, sie spürte Angst, Müdigkeit und Erschöpfung.
Am Anfang waren sie Dreißig Leute in dieser Zelle, einer Art metallenem Käfig, gewesen, der irgendwie in einer Halle zu schweben schien.
Die Außerirdischen hatten all diese Menschen entführt. Sie hatten sie mitten aus ihrem Alltag herausgerissen.
Yuriko war gerade mit dem Fahrrad auf dem Weg zum Kino gewesen, als sie unter einer dunklen Unterführung von einer unbekannten Kraft vom Fahrrad gerissen wurde und hier aufwachte. Im Nirgends, bewacht von Außerirdischen, die aussahen wie die Kreuzung überdimensionierter Nacktschnecken mit Kaninchen.
Vermutlich war sie auf einem Raumschiff.

Nur sieben Menschen waren im Käfig verbliebenen, nachdem die Außerirdischen die Gruppe der Betenden rausgetrieben hatten.
Yuriko bildete sich ein, entfernt Schreie zu hören.
Überall im Käfig war nun der grünliche Schleim der Wesen verteilt. Es war unmöglich nicht hineinzutreten.
Sie hatte Angst sich vorzustellen, was diese Wesen mit unbrauchbarem Material taten.

Dann begannen die Tests. Yuriko stellte schnell fest, dass es sich zum Teil um einen Test ihrer kognitiven Fähigkeiten handelte.
Der andere Teil der Tests war schwieriger zu entschlüsseln. Aber sie gewann immer mehr den Eindruck, dass die Außerirdischen wissen wollten, ob die Probanden und Probandinnen davon überzeugt waren, eine Seele zu besitzen oder nicht.
Irgendwann waren die Tests vorbei.

Yuriko hatte sich gerade hingesetzt, als fünf der in der Zelle Verbliebenen zuckend zusammenbrachen. Irgendeine Distanzwaffe hatte sie getroffen. Dann kamen einige Nacktschnecken mit Kaninchengebiss und zogen die leblosen Körper nach draußen. Wieder hinterließen sie eine grüne Schleimspur.
Yuriko betrachte nun das erste Mal den mit ihr in der Zelle verbliebenen Mann. Irgendwoher kam ihr das Gesicht bekannt vor. Dann fiel es ihr ein, dort stand Dr. Ing. Wolf Satun, einer der führenden Neuropsychiater der Welt und ein häufiger Gast im Fernsehen.
Gerne erläuterte Dr. Satun die neurochemischen Gründe, aus denen ein Täter zum Amokläufer, Vergewaltiger oder Kinderschänder geworden war, öffentlich.
Yuriko hielt das für reaktionäre biologistische Ideologie, aber die meisten Zuschauer und Zuschauerinnen liebten einfache mechanistische Erklärungsmodelle, dann musste niemand etwas oder gar sich und das eigene Verhalten ändern. Die Gesellschaft traf schließlich keine Schuld an der Biologie der Täter.
Ausgerechnet mit diesem Mann saß sie gefangen auf einem Raumschiff außerirdischer Nacktschneckenkaninchen.
Sie sah das Wolf Satun seine Angst mit Überheblichkeit überspielte.

Scheinbar selbstsicher grinsend näherte er sich ihr. „Die Tests waren eindeutig dazu da, die intelligentesten und rationalsten Exemplare auszuwählen.“
Yuriko grinste nicht, sie versuchte bewusst kalt und ruhig zu antworten und doch verspürte sie Panik. „Das glaube ich nicht, wesentliche Teile der Testreihen waren darauf ausgerichtet, Menschen auszufiltern, die nicht daran glauben, eine Seele zu besitzen.“
Dr. Ing. Wolf Satun grinste immer noch. „Na, das ist doch dasselbe.“ Irgendwie wirkte sein Grinsen wie angefroren. „Wir sollten uns bekannt machen, vielleicht handelt es sich hier um ein Züchtungsexperiment.
Ich bin Wolf Satun, Dr. Ing. Wolf Satun.“
Yuriko ging darauf nicht ein. „Ich weiß, ich habe sie im Fernsehen gesehen. Und ich halte Ihre Ansichten zur Seele nicht für einen Ausweis an Intelligenz, eher schon für die naive Ansicht eines Ingenieurs, der glaubt, auch Menschen wären nur komplizierte Maschinen.“ Yuriko bemerkte, dass ihre Stimme etwas gezittert hatte und dass sie sehr laut sprach. Außerdem wusste sie selbst nicht, wieso sie in dieser Situation eine Diskussion begann.
Sie hatte Mühe ihre Angst zu unterdrücken und dieser Mann war dabei keine Hilfe.
Die ganze Situation war absurd.
Satun lachte spöttisch. „Aber genau das sind Menschen. Komplizierte biologische Maschinen. Der freie Wille ist eine Einbildung. Und falls wir unsere überflüssigen ethischen Bedenklichkeiten endlich fallen lassen würden, könnten wir die Menschen erheblich verbessern.
Aber ich höre, Sie gehören eher zur irrationalen Fraktion.
Unsere außerirdischen Gastgeber scheinen bei Frauen die Auswahlkriterien niedriger angesetzt zu haben, als bei Männern.“ Er stand jetzt direkt vor Yuriko. „Aber sagen Sie mir, Sie glauben doch auch nicht an eine Seele, woran glauben Sie?“

Yuriko spürte, dass sie vor Wut, Angst und Unsicherheit zitterte. Dieser Mann, die Nacktschneckenkaninchen, schlimmer konnte es nicht mehr kommen.
Sie wandte sich ab. „Sie können so viele Gehirne aufschneiden wie sie wollen und sie werden nie einen Gedanken finden.“
Dr. Ing. Wolf Satun lachte. „Ach, wissen Sie, ich kann Ihnen sogar die Stelle in ihrem Gehirn zeigen, an der all diese Gedanken entstehen.“
Yuriko reichte es jetzt, sie drehte sich zu ihm um und brüllte ihn an. „Und, andere Probleme haben Sie zur Zeit nicht?“ Dabei hatte sie ja diese Diskussion begonnen, aber das Brüllen half gegen die Angst.
Wolf Satun sah sie abschätzig an. „Schade, ich hätte Sie rationaler eingestuft.“

Yuriko schwieg einen Augenblick, nur in ihren Gedanken formte sie Sätze; Ich will nicht! Wieso muss ich ausgerechnet mit diesem Typen hier eingesperrt sein?
Das ganze war so obskur, dass es nur ein Alptraum sein konnte.
Aber dies war kein Traum, oder?
Sie sah, dass die Hände von Wolf Satun schweißnass waren. Sicher nicht auf Grund der Diskussion.

Sie wollte sich gerade zusammenreißen und etwas Vermittelndes sagen, als auch Dr. Ing. Wolf Satun zuckend zusammenbrach und im nächsten Moment von einem gurgelnden Nacktschneckenkaninchen weggezogen wurde.

Auch Yuriko sackte zusammen.

Sie wusste nicht genau, wie lange sie auf dem Boden zusammengesackt gesessen hatte, als sie wieder zu Bewusstsein kam. Sie bemerkte, dass die Nacktschnecke die Tür der Zelle, des Käfigs, offen gelassen hatte.
Ihr war klar, dass dies mit Sicherheit nicht unabsichtlich passiert war.
Und doch war sie zu neugierig, um nicht den Käfig zu verlassen.

Ihr blieb nur ein Weg aus der Halle, ein Gang, eine Art Tunnel aus einer Art metallenem kalten Plastik. Und die grüne Schleimspur ließ auch nicht die Spur eines Zweifels übrig, wohin die Außerirdischen Dr. Satun verschleppt hatten.
Sie folgte der Spur. Bald gab sie es auf dem Schleim auszuweichen, der Schleim schien überall zu sein. Fast hatte sie den Eindruck der Schleim würde an ihr hochklettern, aber das war nur Einbildung.
Sie ging langsam und achtete auf alles Ungewöhnliche, doch nirgends war ein Fenster, eine Tür oder auch nur irgendetwas Anderes als die glatte Wand und der Boden und die Decke aus dem gleichen Material zu sehen. Selbst die Beleuchtung erfolgte durch die Wände indirekt, ohne dass irgendwo eine Lampe war.

Der Tunnel führte zu einem Fenster und Yuriko schrie, als sie durch die Scheibe sah.
Eine große Maschine hatte gerade Dr. Ing. Wolf Satun den Kopf abgetrennt und war nun dabei, das Gehirn zu extrahieren.
Yuriko prügelte auf die Scheibe ein, doch ihre Schläge blieben völlig wirkungslos. Plötzlich stand eines der außerirdischen Wesen hinter ihr.
Eine tiefe aber sanfte männliche Stimme ertönte aus einem kleinen Gerät am Hals der Nacktschnecke. „Keine Angst, wir werden ihm kein Leid zu fügen. Er ist viel zu wertvoll – wir haben ihn mit viel Mühe ausgewählt.“

Yuriko drehte sich um. „Was haben Sie vor?“
„Wir schenken ihm einen neuen besseren Körper.
Das hat er sich doch gewünscht.
Wir waren auf der Erde, um passende Gehirne für unsere bioandroidischen Systeme mit integriertem biologischem Bewusstsein auszuwählen.
Sein Gehirn wird Teil eines Klimasteuerungssystems auf dem Planeten XP73.
Eine sehr anspruchsvolle und vielschichtige Aufgabe.
Und er wird viele hundert Jahre Ihrer Zeitrechnung leben.“
Yuriko starrte die Nacktschnecke an. „Wieso er?“
„Wir können einen störungsfrei funktionierendes teilbewusstseinsgesteuertes bioandroidisches System nur aus der Verschmelzung eines Bewusstseins mit unseren androidischen Systemen erzeugen, wenn das Bewusstsein sich vorab schon als maschinelles begreift.
Religiöse Überzeugungen führen zu gefährlichen Fehlfunktionen im System.“

Yuriko sprach fast tonlos. „Ich glaube auch nicht an eine Religion oder an eine Seele.“
Die Nacktschnecke schwieg einen kurzen Moment, dann richtete sie ihre Fühler auf Yuriko aus. „Nein, Sie sind noch viel gefährlicher.
Ein kritisch rationales Selbstbewusstsein könnte dazu führen, dass sich ein System, in dem ein solches Gehirn integriert wird, verselbstständigt.“
Yuriko hob den Kopf .“Wieso haben Sie mich dann nicht auch getötet?“
„Wir haben niemanden getötet, die anderen Menschen sind alle wieder auf der Erde. Sie werden sich an nichts erinnern.“
Yuriko sah auf den Boden zu ihren Füßen. „Aber was soll ich hier?“
„Oh, Sie werden uns helfen.“

Yuriko schüttelte den Kopf. „Das glaube ich nicht, dann töten Sie mich lieber sofort.“
Yuriko kam es vor, als würde die Nacktschnecke mit Kaninchengebiss langsam die Geduld verlieren. Die Nacktschnecke bewegte ihre Fühler. „Nochmal, wir töten keine Menschen, das widerspräche den Regeln.
Und, Sie werden uns helfen.“

Die Nacktschnecke schwieg kurz, dann fuhr sie fort. „Dank der neurobiologischen Neuausrichtung des Bildes, dass sich die Menschen von sich selbst machen, die im letzten Jahrzehnt auf ihrem Planeten stattgefunden hat, finden wir heute zwar reichlich Hirnmaterial für unsere teilbewusstseinsgesteuerten bioandroidischen Systeme auf der Erde, aber unsere Soziologen befürchten eine Überanpassung.
Damit die Gehirne für uns noch wertvoll sind, muss ein Rest an kritischem Bewusstsein vorhanden sein, nicht zu viel, aber etwas.
Sonst könnten wir ja gleich Kunsthirne verwenden.“ Die Nacktschnecke schien Luft zu holen, dann fuhr sie fort.
„Unsere Soziologen befürchten, dass die neurobiologische Ausrichtung der Selbstkonditionierung der Menschen zu wirksam sein und zur völligen Auslöschung jeglicher Form kritischen Bewusstseins führen könnte.
Das würde die Erde für uns wertlos machen. Wir könnten die Gehirne nicht mehr verwenden.
Deshalb werden wir Sie mit dem Wissen, um all das hier, auf die Erde zurückschicken.“ Die Nacktschnecke zeigte ihr Kaninchengebiss. „Ich bin mir sicher, dass Sie all ihre Kräfte nutzen werden, um in unserem Sinne zu arbeiten. Sie werden ihren Teil dazu beitragen, dass diese Entwicklung nicht zu weit geht und Schaden anrichtet.
Sie werden genau das tun, was wir wollen.“

Yuriko Gesichtsmuskeln zuckten. „Und, wenn ich einfach allen hiervon erzähle?“
Die Nacktschnecke klang jetzt fast gelangweilt. „Niemand wird Ihnen glauben. Sie würde nur ihre Glaubwürdigkeit zerstören.“

Als Yuriko wieder das Bewusstsein erlangte lag sie in einem Zimmer ihrer Wohnung. Sie hatte nicht geträumt.
Sie spürte noch den Schleim auf der Haut, selbst nach dem Duschen schien ihre Haut noch grün zu schimmern.
Und ihr Fahrrad fand sie später beschädigt kurz hinter der Unterführung.

Sie überlegte, was sie tun sollte. Irgendetwas musste ihr doch einfallen.

Dann kam ihr eine Idee. Vielleicht würden die Menschen ihr zuhören, wenn sie das alles in Form einer Sciencefiction Geschichte aufschrieb.

Yuriko Yushimata begann zu schreiben.

‚Der Auserwählte

Zuerst hatten sie alle die abgeholt, die …‘

FIN


Yuriko Yushimata wurde als Distanzsetzung zur Realität entworfen. Es handelt sich um eine fiktionale und bewusst entfremdete Autorinnenposition, die über die Realität schreibt. Die SoFies (Social Fiction) dieses Bandes zeigen in der Zuspitzung zukünftiger fiktiver sozialer Welten die Fragwürdigkeiten der Religionen und Ersatzreligionen unserer Zeit. Teilweise sind die Texte aber auch einfach NUR witzig. Sie erschien im Oktober 2014 unter dem Titel „Religion Version 2.100“ und befindet sich im Archiv der HerausgeberInnengemeinschaft Paula & Karla Irrliche. Spiegelung & Verbreitung der Texte sind ausdrücklich gewünscht!


Foto: Martin Sanchez (Unsplash.com)


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