Es ist Zeit!

Es geht um Cyber Valley und um die Frage, wie wir dort, wo wir leben, leben möchten.

Das “Cyber Valley“ soll das führende Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (KI) in Baden-Württemberg werden. Wissenschaft und Wirtschaft verschmelzen. Studierende protestieren dagegen. Sie haben den Kupferbau der Universität Tübingen besetzt. Wir veröffentlichen ihre Beweggründe für die Aktion, ihre Kritik an der Einbindung der Wirtschaft und ihre Forderungen nach Mitbestimmung, Transparenz und einem Ende des Leistungsdenkens an der Universität:

Konkreter Anlass ist die Beteiligung der Uni am Cyber Valley, einem Forschungsverbund, an dem neben der Universität, die Stadt, das Max-Planck-Institut und vor allem private Firmen, darunter ein Rüstungsunternehmen, die SCHUFA Holding AG, der Großkonzern Amazon sowie die wichtigsten Vertreter*innen der Automobilindustrie, beteiligt sind.

Wir wollen keine Zusammenarbeit mit – und Beeinflussung durch – Amazon, SCHUFA oder Rüstungsunternehmen, wie ZF Friedrichshafen, in Tübingen. Auch die Zusammenarbeit mit der Automobilindustrie sehen wir kritisch: Der motorisierte Individualverkehr ist maßgeblich für die Klimazerstörung verantwortlich, die in den kommenden Jahrzehnten das Leben von Millionen bedrohen wird – ob autonom fahrend oder nicht.

Wir wünschen uns eine emanzipatorische Wissenschaft, die an Lösungen für wirkliche Probleme der Menschheit arbeitet: Klimazerstörung, globale Ungerechtigkeit oder Energieversorgung sollten im Zentrum der Forschung stehen, nicht aber Konsumbedürfnisse, Rüstung oder Machtinteressen.

Selbstverständlich kann KI einen Beitrag zu deren Lösung leisten – allerdings nur transparent und in kontinuierlicher demokratischer Auseinandersetzung, die durch eine ständige Reflexion aus verschiedenen, auch ethischen und sozialen, Perspektiven gepflegt wird. Das Cyber Valley dagegen steht für einen weiteren Einfluss von profit- und wachstumsorientierten Unternehmen und damit in eindeutigem Widerspruch zu unserer Vision von Wissenschaft.

Eine Forschung und Lehre, die unseren Vorstellungen entspricht, muss sich an gesamtgesellschaftlichen Bedürfnissen, Werten und Zielen orientieren. Voraussetzung dafür ist eine solide Grundfinanzierung, damit Universitäten nicht auf Drittmittel, die oft zu Abhängigkeit von Privatinteressen führen, angewiesen sind.

Wir sehen die Begeisterung für das Cyber Valley auch als Ergebnis des gesellschaftlich vorherrschenden Konkurrenzdenkens – warum sonst sollte das Argument, der Forschungsverbund sei notwendig, um wettbewerbsfähig zu bleiben, so viel Beachtung erfahren?

Von Konkurrenzstreben jedoch haben wir die Nase voll: Jeden Tag spüren wir einen unerträglichen Leistungszwang. Zwischen ECTS, Spezialisierung und Regelstudienzeit treten aufrichtiger Austausch, relevante Diskussionen und politisches Engagement weit in den Hintergrund. Leistungsdruck dominiert uns in der Uni, findet sich aber genau so in Schulen und anderen Bereichen der Gesellschaft wieder.

Hinzu kommt, dass auf einigen Studierenden auch ein erheblicher finanzieller Druck lastet: Die Mieten in Tübingen bewegen sich in absurden Höhen und steigen weiter. Insbesondere weniger wohlhabende Studierende müssen neben dem Studium arbeiten, weit anreisen oder sich verschulden. Damit wird soziale Ungleichheit zementiert. Darüber hinaus tragen Studierende, häufig alleinstehend und in kurzer Mietdauer, unfreiwillig zur enormen Mietpreissteigerung bei.

Wir befürchten, dass mit dem Cyber Valley die Mieten weiter ansteigen: Etwa dreitausend Arbeitsplätze werden geschaffen, die meisten davon sehr gut bezahlt. Die Folgen werden nicht nur die Studierenden spüren, sondern alle Bewohner*innen der Stadt. Verschärft wird die prekäre Situation der Studierenden regelmäßig durch Studiengebühren und hohe Hürden bei der Beantragung von BAföG.

Wir fordern also:

→ Kein Cyber Valley in Tübingen!

Die Universität und das Max-Planck-Institut sollen ihre Kooperation mit den beteiligten Akteur*innen beenden. Wir akzeptieren vor allem keine Zusammenarbeit mit Amazon, ZF Friedrichshafen und der SCHUFA.

→ Stärkere Mitbestimmung der Studierenden!

Die Universität muss demokratisiert werden, Studierende müssen bei wichtigen Beschlüssen und Prozessen eine entscheidende Rolle spielen. Wir fordern die Wiederherstellung sämtlicher Mitbestimmungs-, und politischer Rechte aller verfassten Studierendenschaften und studentischer Organisationen.

→ Transparenz der Forschung an der Universität Tübingen!

Wir fordern die Offenlegung aller laufenden und sich in Planung befindenden Kooperations- und Forschungsprojekte an der Universität Tübingen. Erst dann ist eine demokratische Beteiligung der Studierenden möglich.

→ Schluss mit Leistungsdenken!

Ein Studium soll sich an der Gesellschaft, der Umwelt und am Menschen orientieren. Selbstbestimmung und Verantwortungsbewusstsein sind dafür zentrale Voraussetzungen. Insbesondere Zeit und Unterstützung für kritische Reflexion, Beteiligung und politisches Engagement müssen daher gegeben sein.

Weg mit den Bologna-Reformen!

→ Finanzielle Entlastung der Studierenden!

Wir brauchen bezahlbaren studentischen Wohnraum. Alle Studiengebühren müssen abgeschafft werden. Darüber hinaus müssen Studierenden die Lebenshaltungskosten bedingungslos bereitgestellt werden. Wir schließen uns diesbezüglich der Forderung des FZS an.

→ Solide Grundfinanzierung der Uni!

Damit die Forschung sich an gesellschaftlichen Interessen, Werten und Problemen orientieren kann, darf sie nicht auf private Finanzierung aus der Wirtschaft angewiesen sein.

→ Eine starke Zivilklausel!

Keine Forschung für militärische Zwecke, auch nicht verschleiert. Wir fordern eine starke und umfassende Zivilklausel, nicht nur für die Universität Tübingen, sondern für das gesamte Stadtgebiet.

Egal ob Studierende, Beschäftigte der Universität, Schüler*innen oder Bewohnende dieser Stadt: Es geht uns alle an! Kommt vorbei, informiert euch, macht mit und gestaltet den Protest nach euren Vorstellungen und Wünschen – oder zeigt einfach eure Zustimmung. Schließt euch uns an! Besetzt mit uns die Hörsäle in Tübingen und anderen Städten! Offensichtlich müssen wir Regeln übertreten, um gehört zu werden.

Wir freuen uns auf euch und eure Unterstützung – Denken heißt überschreiten!


Redaktioneller Hinweis: Mehr Informationen zur Kupferbaubesetzung, den Hintergründen und Unterstützungsmöglichkeiten sind auf der Webseite www.blochuni.org verfügbar.


Symbolfoto: Markus Spiske (Unsplash.com)


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