Hauptsache hip! Mit Georg Simmel zur Sprachakrobatik der Gegenwart

6. Dezember 2018 By Deborah Ryszka

Hauptsache hip! Mit Georg Simmel zur Sprachakrobatik der Gegenwart

Es wird geräkelt und gedehnt bis sich die sprachlichen Balken biegen. Statt Kontakte zu pflegen, wird „genetzwerkt“, statt abzuhängen „gechillt“, statt einer Auftaktveranstaltung ein „get together“ besucht. Das ist alter Wein in neuen Schläuchen.

Alte Begriffe werden neu formuliert, alte Gedanken bleiben alt gedacht. Das ist wie ein Tyrann, der im roten oder schwarzen Gewand gekleidet ist. Das Gewand ist irrelevant, der Tyrann bleibt weiterhin Tyrann.

Das zeigt: Die Gesetze der Mode haben auch das Gebiet der Sprache erreicht. Diese modischen Gesetzmäßigkeiten für die Kleidung beschrieb der Soziologe Georg Simmel[1] bereits 1905 in seinem Werk „Philosophie der Mode“.

So sieht er den Dualismus zwischen Nachahmung und Absonderung als Ursache für das Aufkommen von Modeerscheinungen. Höhere Schichten versuchen sich von den Nachahmenden abzugrenzen und entwickeln immer neue Moden. Sobald diese bei der Masse angekommen sind, wechselt just der Modekurs.

In den Worten Simmels:

„Das Wesen der Mode besteht darin, dass immer nur ein Teil der Gruppe sie übt, die Gesamtheit aber sich erst auf dem Wege zu ihr befindet.“

Statt ins „Geschäft“ zu gehen, spricht der hipe Kosmopolit vom „Store“. Schließlich haften den Begriffen der „Boutique“, „Designermode“ oder gar „Luxusartikel“ zu sehr die Merkmale des Elitären an. Nach Simmel ist die Frage der Mode

„(…) nicht Sein oder Nichtsein, sondern sie ist zugleich Sein und Nichtsein, sie steht immer auf der Wasserscheide von Vergangenheit und Zukunft und gibt uns so, solange sie auf ihrer Höhe ist, ein so starkes Gegenwartsgefühl, wie wenige andere Erscheinungen.“

Man möchte zwar elitär sein, aber gleichzeitig nicht zu abgehoben wirken.

„Store“ ist da wesentlich subtiler. Sei es der „Flagship-Store“ oder deutsch „Vorzeigeladen“, der sich durch exklusive Merkmale hervorhebt – von seinem besonderen Sortiment bis hin zur eigenwilligen Lage; sei es der „Concept-Store“ mit der Möglichkeit eines erlebnisreichen Einkaufs. Beim Bummeln durch diese ganzen „Stores“ fühlt sich der Kunde wie Hinz und Kunz. Oder in Termini Friedrich Merz‘ ausgedrückt: er fühlt sich der Mittelklasse zugehörig.

Gleiches Prinzip gilt auch für die sprachakrobatischen Nachahmenden, die nicht genug von „slow food“ über „super food“ bis hin zu „food porn“ kriegen. Auch sie erhalten hierdurch das Gefühl, dazuzugehören und nicht am Ende der unteren Nahrungskette zu vegetieren. Die ganzen Rezepte zum „aufpimpen“ von Gerichten tun hierbei ihr Übriges.

Egal, ob Mode oder Sprache, egal, ob Vorreiter oder Nachahmer, Simmels psychologische Feststellung gilt nicht nur für die Mode:

so „(…) ergibt sich, dass die Mode der eigentliche Tummelplatz für Individuen ist, welche innerlich unselbständig und anlehnungsbedürftig sind, deren Selbstgefühl aber doch zeitgleich einer gewissen Auszeichnung, Aufmerksamkeit, Besonderung bedarf.“

Deswegen werden diese hipen „Wellness für die Seele“-Begriffe keine langen Verweildauern haben. Wo also „chillen“ schon altbacken ist, wird „fermentieren“ umso angesagter. Und so geht es immer weiter.


Quellen und Anmerkungen

[1] Georg Simmel (1858-1918) war ein deutscher Soziologe und Philosoph. Schwerpunkte seiner Arbeit bildeten Fragestellungen zu sozialer Wechselwirkung und dem Verhältnis zwischen Soziologie und Philosophie. Zu seinen bekanntesten Werken zählen etwa „Über soziale Differenzierung“ (1890) und „Philosophie des Geldes“ (1900).


Literatur

Simmel, G. (1905). Philosophie der Mode. In: G. Simmel (1995), Band 10: Philosophie der Mode. Die Religion. Kant und Goethe. Schopenhauer und Nietzsche. Suhrkamp: Frankfurt a. M.


Foto: Victor Garcia (Unsplash.com).

Deborah Ryszka (Jahrgang 1989), M. Sc. Psychologie. Nach universitär-berufspsychologischen Irrwegen in den Neurowissenschaften und Erziehungswissenschaften nun mit aktuellem Lager in der universitären Philosophie. Sie versucht sich so weit wie möglich der gesellschaftlichen Direktive einer hemmungslosen öffentlichen Selbstdarstellung bis hin zur Selbstaufgabe zu entziehen. Mit Epikur ausgedrückt: „Lebe im Verborgenen. Entziehe dich den Vergewaltigungen durch die Gesellschaft – ihrer Bewunderung, wie ihrer Verurteilung. Lass ihre Irrtümer und Dummheiten und gemeinen Lügen nicht einmal in der Form von Büchern zu dir dringen.“

COMMENTS

Hervorragende Beschreibung der Sprachdiktatur zwecks Verdrehung der Sachverhalte. Es könnte eine Fortsetzung folgen, die sich der Arbeitswelt widmet. Beim “Discounter” um die Ecke wird der Verkäufer ersetzt durch den Sales Assistant. Schon fühlt sich die Unterbezahlung besser an.

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